zurück Startseite

auslandsjournal  |  28.08.2012 

Nackte Wut

Die Protestaktionen der ukrainischen Frauengruppe „Femen“

Eine Frau mit langen blonden Haaren steht mit entblößten Brüsten, provokantem Schriftzug auf dem Körper und bewaffnet mit einer Motorsäge vor einem großen Holzkreuz. Das Ziel von Inna Schewtschenko ist es, dieses zu fällen. Bilder der Aktion gingen am 17. August um die Welt. Es handelt sich um einen Protest der ukrainischen Frauenrechtsgruppe „Femen“. Das Kreuz symbolisiert für die Feministinnen die Versklavung der Menschen durch die Kirche. In den Vordergrund rückten sie mit dieser Aktion ebenfalls ihre Solidarität mit der erst kürzlich in Russland verurteilten Punkband „Pussy Riot“, die in einer Kirche ein sogenanntes Punkgebet vortrugen. 

Femen-Aktivistinnen in Moskau / Quelle: reuters

Die nackte Wut der Femen-Aktivistinnen

(28.08.2012)

von Lydia Klehn

Gegründet wurde die Gruppe „Femen“ im Jahr 2008 von Anna Hutsol. Zu den Hauptorganisatorinnen gehören mittlerweile auch die Kunstmalerin Oksana Schatschko sowie die Journalistikstudentin Inna Schewtschenko. Ziel der Gruppe ist es, sich gegen die so genannte Männermacht zur Wehr zu setzen. Dies versucht die mittlerweile mehr als 300 Frau starke Gruppe durch eine, wie sie selbst sagt, „visuelle Botschaft“.

Die ersten Aktionen der Feministinnen waren dabei keine barbusigen Proteste. In der Anfangszeit handelte es sich lediglich um einen Austausch junger Studentinnen über die sie störenden Umstände in der Ukraine. Der erste halbnackte Protest ereignete sich, als Oksana Schatschko bei einer Kundgebung gegen Korruption  auf eine Glaskuppel kletterte, um sich dort die Bekleidung vom Leib zu reißen. Dies wurde dann zu ihrem Markenzeichen, ebenso wie das Tragen von Blumenkränzen im Haar, als Symbol für „Reinheit und Schönheit“. Mit ihren Aktionen wollen sie zeigen, dass auch Frauen etwas zu sagen haben, so Inna Schewtschenko.

Proteste in ganz Europa

Der bekannteste Auftritt ist bisher ein Protest in Kiew. Als Reinigungskolonne verkleidet verschafften sie sich Zutritt zum Balkon des Amtssitzes des Ministerrates. Als Grund nannten sie die Zusammensetzung des Kabinetts, das aus 29 männlichen Ministern und keiner einzigen Frau besteht. Bejubelt von unzähligen Fußgängern konnten die Frauen hier ihren bisher größten Erfolg verbuchen, da die Sicherheitskräfte Mühe hatten, die Feministinnen von dem Gebäude wieder herunter zu holen.

Die Proteste gehen inzwischen sogar über ihre Heimat hinaus. In Davos demonstrierten sie gegen häusliche Gewalt, in Paris zogen sie sich vor der ukrainischen Botschaft und vor dem Haus von Dominique Strauss-Kahn aus. Auch in Deutschland waren sie schon auf der Reeperbahn aktiv. In Moskau demonstrierten sie vor der Erlöserkathedrale gegen Wladimir Putin und die Unterdrückung der Demokratie. Aber auch in der eigenen Heimat bleiben die Feministinnen nicht tatenlos. Erst kürzlich protestierte Jana Zhdanova am Flughafen in Kiew gegen den russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill I. Auf ihrem Rücken waren die Worte „Kill Kyrill“ zu lesen.

Gegen Sexismus in der Ukraine

In diesem Jahr erregte die Gruppe jedoch besondere Aufmerksamkeit während der Fußball-Europameisterschaft. Hier kritisierten sie insbesondere, dass die Sexindustrie sowie die Käuflichkeit von Frauen von den Organisatoren der Veranstaltung gefördert würden. Die Ukraine würde so im Laufe der sportlichen Großveranstaltung mit vielen Touristen zu einem Bordell verkommen, so die Gruppe.

Im August gingen neue Bilder um die Welt: Unter der Parole „Kreuze absägen, Russland retten!“ wollen sie überall in Russland orthodoxe Holzkreuze fällen. Der Protest richtet sich hierbei gegen religiöse Vorurteile, welche die Diktatur stützten und sich gegen Demokratie und Frauenbefreiung richteten. Inna Schewtschenko tat den ersten Schritt. Sie hat in Kiew mit entblößten Brüsten ein Kreuz mit der Motorsäge zum Einstürzen gebracht. Dass ausgerechnet dieses Kreuz zum Gedenken an die Stalinopfer errichtet wurde, schien nicht wichtig zu sein. Diese Aktion wurde außerdem aus Solidarität der gerade in Moskau verurteilten Punkband „Pussy Riot“ gewidmet. Auf dem Oberkörper von Schewtschenko waren die Worte „Free Riot“ zu lesen.

Mit nackter Haut für Frauenrechte

Ihre umstrittenen Aktionen haben jedoch auch Folgen. Derzeit laufen acht Strafverfahren gegen Mitglieder der Femen-Gruppe. Auch gibt es viele Menschen, die an der Wirkung der Proteste zweifeln. Sexismus „oben ohne“ zu bekämpfen wird von vielen als der falsche Weg empfunden, da es von den Inhalten ablenke, die eigentlich im Zentrum stehen sollten. Aber Inna Schewtschenko erwidert Skeptikern, dass die Gruppe nur auf diese Weise die gewünschte Aufmerksamkeit bekommen kann. Daher wird auch in Zukunft diese Art des Protests von den Frauen weiter angewandt um die gewünschte öffentliche Präsenz zu erreichen.

28.08.2012, Quelle: ZDF

Merkliste

Papierkorb Bild
Merkliste versenden Merkliste schließen

Merkliste

Merkliste versenden

Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.



 
* Pflichtfelder  
Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
Zurück zur Merkliste Absenden Button

Merkliste

Hinweis

Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

Zurück zur Merkliste Merkliste schließen