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auslandsjournal  

Verleugnete Verbrechen

Die Ukraine und ihr Umgang mit der Hungersnot

Wenn sie an die Vergangenheit denkt, kommen ihr sofort die Tränen. Zu viel hat Olexandra Owdijuk als junges Mädchen gelitten, gehungert und erlebt. Heute ist sie 91 Jahre alt und wohnt in Targan, einem Dorf hundert Kilometer südlich von Kiew. Schön ist es dort. Weite, grüne Felder bestimmen die Landschaft. Doch auch ein Bilderbuchdorf wie Targan birgt oftmals die schrecklichsten Geheimnisse. 

Die vergessene Hungersnot der Ukraine

Die Hungersnot in der Ukraine der Jahre 1932 und 1933 war keine Naturkatastrophe, sondern eine Folge der Enteignungen durch Stalin. Vier Millionen Ukrainer starben damals, die Erinnerung lebt weiter.

(06.06.2012)
Holodomor-Auswirkungen in der Zeitung. / Quelle: ZDF

Verleugnete Verbrechen

(05.06.2012 Quelle: ZDF)
Zeugnisse aus Zeiten der Hungersnot / Quelle: ZDF

Die Not in der Ukraine

(06.06.2012 Quelle: ZDF)

von Hanna Hofmann

Holodomor, so nennen die Menschen das Massenhungersterben, unter dem die Menschen 1932 und 1933 leiden mussten. Millionen sind verhungert, aber nicht aufgrund einer Naturkatastrophe, sondern weil Stalin es so wollte. Die Ernte hat er ihnen genommen, um das Getreide massenhaft ins Ausland zu exportieren. Ausgepresst hat er die Bewohner, vor allem die Bauern. Die Hungernden wurden zu Zwangsarbeit auf Feldern  verurteilt. Wie Tiere wurden sie eingezäunt,  Fliehen war unmöglich. Dieser blanke Terror war Stalins Antwort auf die Proteste der Bauern, die sich gegen die brutal durchgesetzte Kollektivierung der Landwirtschaft wehrten.

Hausgemachte Hungersnot

Drei bis vier Millionen Menschen verhungerten alleine in der Ukraine. Berücksichtigt man alle betroffenen Gebiete der Sowjetunion, sollen es sogar bis zu sieben Millionen Tote gewesen sein. Tatsächlich exportierte die Sowjetunion in jedem der beiden Jahre eineinhalb Millionen Tonnen Getreide ins westliche Ausland, zum Leid der eigenen Bauern. Verzweifelt waren die Menschen, standen sie doch zwischen dem steigenden Ablieferungsdruck und der schrumpfenden Ernte.

„Wir hatten nichts zu essen. Wir träumten jede Nacht von einem Stück Brot. Wir konnten an nichts anderes denken. Ein Brot, nur ein kleines Stückchen Brot“, schildert  Olexandra Owdijuk das Grauen. Die Menschen ernährten sich von Baumblättern und Wurzeln, verdorbenen Kartoffeln, Aas, Hunden und Katzen. „In der Nachbarschaft da sind die Eltern von Babenko vor Hunger verrückt geworden. Sie haben den Jungen zerteilt und gekocht und aufgegessen. Ihren eigenen Sohn, “ erinnert sich Olexandra.
Die 91-jährige Olexandra Owdijuk hat die Hungersnot überlebt. / Quelle: ZDF
Olexandra Owdijuk ist noch immer erschüttert. (Quelle: ZDF)

Schatten der Vergangenheit

Zu Sowjetzeiten durfte über das alles nicht geredet werden. Erst nach der Unabhängigkeit 1991 erinnerte sich die Ukraine ihrer Opfer. Nach der Orangenen Revolution wurde den Betroffenen sogar ein Denkmal gesetzt. Damals hatte sich die Regierung vor allem dafür stark gemacht, dass der Holodomor als Genozid anerkannt wird, da es eine bewusste und systematisch durchgeführte Ermordung von Millionen von Menschen gewesen sei. Die  amtierende, moskaufreundliche Regierung der Ukraine stellt sich jedoch gegen diese Behauptung und versucht, den Holodomor erneut totzuschweigen.

Für Olexandra Owdijuk ist diese Frage wohl zweitrangig. Sie weiß genau, was damals passiert ist. Vergessen wird sie das Geschehene nie.

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