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auslandsjournal  |  Sendung vom 25.04.2012 [Archiv]

Zu Gast in der Diktatur

Die Ukraine und das Geschäft mit der Fußball-EM

Wenn die Fußballfans kommen, müssen die Studenten raus. Raus aus ihren Wohnheimen, denn Touristen aus ganz Europa sollen schließlich während der Europa - Meisterschaft einen Platz zum Schlafen finden. Während in Deutschland knapp einen Monat vor Beginn der EM schon Euphorie und Vorfreude zu spüren sind, machen sich in der Ukraine Verzweiflung und Empörung breit. Um den Fans das gemeinsame Jubeln, Zittern und Bangen zu ermöglichen, werden ukrainische Studenten auf die Straße gesetzt.  

von Hanna Hofmann

Olympiastadion von Kiew. / Quelle: dpa
Olympiastadion von Kiew. (Quelle: dpa)

Die Mafia übernimmt Hotels

Denn nicht nur verlassen sollen sie ihre Zimmer, sondern auch renovieren und während der EM weiter bezahlen. Obwohl die meisten monatlich mit knapp 100 Euro auskommen müssen, sollen sie nun für ein Ersatzzimmer ganze 50 bis 150 Euro pro Nacht bezahlen. Einen anderen Schlafplatz während der EM können die Studenten weder finden noch finanzieren. Finanzielle Unterstützung erhalten die ukrainischen Studenten nicht.Doch wie kann es sein, dass so kurz vor Beginn die Hotelsituation in den vier ukrainischen Austragungsstädten auf den Kopf gestellt wird, haben doch Reiseunternehmen wie der UEFA-Partner TUI mit den Hotels Verträge abgeschlossen und unzählige Betten reserviert? Allein in der Hauptstadt Kiew will TUI mit 64 Pensionen und Hotels Abmachungen getroffen haben.

Pikierter Verband

Zimmer für EM-Besucher in Donezk. / Quelle: dpa
Zimmer für EM-Besucher in Donezk. (Quelle: dpa)
Gegen die einheimische Mafia hat jedoch kein Vertrag dieser EM eine Chance. Mit Knüppeln und Schilden stürmt das Verbrechersyndikat, die "Luschniki-Bande", zahlreiche Herbergen und nimmt sie somit gewaltsam in Beschlag. Zuletzt wurde das Hotel "Slawutitsch" in Kiew Opfer eines solchen Überfalls. Maskierte verprügelten Angestellte, ein Gast wurde angeschossen. Als das Hotel von der Bande übernommen war, ließen die Besitzer des Kiewer Hotels den Vertrag mit TUI platzen und verdoppelten die Übernachtungspreise für die Zeit während der EM. Andere verdreifachen sogar den eigentlichen Zimmerpreis. Leidtragende sind die zahlreichen Fans, die dem Event mit hohen Erwartungen entgegenblicken.Empört über die Situation, platzte dem UEFA-Präsident Michel Platini vor Kurzem der Kragen. Voller Wut über die immer ansteigenden Preise bezeichnete der Franzose die ukrainischen Hoteliers als "Betrüger und Ganoven". Er sei verärgert und genervt. Die UEFA habe große Investitionen getätigt und nun müsse sie den Leuten erklären, dass die Übernachtungen unbezahlbar seien. Und das nur, weil die einheimischen Herbergen eine Menge Geld während der EM machen wollen.

Rosige Aussichten?

UEFA-Präsident Michel Platini. / Quelle: dpa
UEFA-Präsident Michel Platini. (Quelle: dpa)
Auch UEFA Generalsekretär David Taylor meldete sich zu Wort und forderte die Regierung zu verstärktem Handeln auf. Doch auch sie ist machtlos: In Kiew ist kein einziges Hotel mehr kommunales Eigentum, die Preise sind somit nicht kontrollierbar. Vizepremier Boris Kolesnikow warnt als Stellvertreter der Regierung, dass die Gier zu Armut führe, da viele Fußballfans nicht bereit sein werden, die Summen zu bezahlen. Eine Alternative hat er sich für die Betroffenen schon überlegt: Direkt nach dem Spiel sollen die Touristen nach Hause fliegen, da der Ausbau der Flughäfen fast abgeschlossen sei. Ob da das richtige EM-Feeling aufkommt? Um das "Wohl" der Studenten hat man sich auf besondere Art und Weise Gedanken gemacht. Um ihnen entgegenzukommen und eine Alternative zur Straße zu ermöglichen, bietet die Uni nun vermeintlich großzügig Aushilfsjobs an: Wer umsonst als Hausmeister arbeitet oder Touristen betreut - oft bis zu acht Stunden am Tag - darf bleiben. Ihr Obdach, das ihnen eigentlich zusteht, müssen sie sich also erst einmal durch Gratis-Arbeit verdienen.

Straße in Kiew vor der Europameisterschaft. / Quelle: ap
Straße in Kiew vor der Europameisterschaft. (Quelle: ap)
Auch die Professoren sind gefragt. Hochschullehrer sollen als Concierges in den Wohnheimen arbeiten, immerhin bezahlt. Ähnlich wie den Studenten ergeht es auch den Bewohnern von Kiew, Donezk, Charkiw und Lemberg. Mit Sonderurlaub werden sie aus den Städten gelockt, um weiteren Platz für Touristen zu schaffen. Ein Sprichwort der polnischen Nachbarn und Co-Gastgeber lautet: "Gast im Haus, Gott im Haus." Es könnte der Ukraine ein Vorbild sein - gerade während der Fußball-Europameisterschaft.

25.04.2012, Quelle: ZDF

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