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auslandsjournal vom 10. Februar 2016  Zurück in die verstrahlte Heimat

Fukushima fünf Jahre nach dem GAU

Es war der 11. März 2011, als die Reaktorkatastrophe von Fukushima das Leben von Zehntausenden Menschen verändert hat, die damals wegen der Strahlenbelastung aus ihren Heimatorten evakuiert wurden. Nun hat Japans Regierung einige dieser Ortschaften wieder als „sicher“ eingestuft – doch sind sie das auch? 

Radioaktiv-verseuchte Erde in Säcken verpackt an einer Landstraße

Verlassene Straße bei Fukushima

Rückkehr in verstrahlte Gebiete

(10.02.2016)

von Matthias Schäfer

 

Toshia Niizuma steht in dem kleinen Wäldchen hinter dem Haus, das seiner Familie schon seit Jahrzehnten gehört. Alles wirkt friedlich, beinahe idyllisch – nur das kleine, weiße Strahlenmessgerät in seiner Hand warnt vor der unsichtbaren Gefahr. Denn Toshia Niizumas Haus steht in Naraha, gerade mal 15 Kilometer vom Unglücksreaktor Fukushima-Daichi entfernt. Auch fünf Jahre nach der Katastrophe misst er hier erhöhte Strahlung. Kurz vor der Katastrophe hatte er sein Haus noch ausgebaut, damit seine Söhne und deren Familien zu ihm und seiner Frau ziehen können. Heute wirkt diese Überlegung wie aus einer anderen Welt, denn aus Naraha ist eine Geisterstadt geworden.

 
Nur kleine Flächen wurden dekontaminiert
Und das, obwohl die japanische Regierung im vergangenen Herbst die Sperrzone rund um Naraha aufgelöst hat. Seitdem drängt sie die ehemaligen Einwohner zur Rückkehr. Die Stadt sei wieder sicher. Allerdings bedeutet „sicher“ in diesem Fall lediglich, dass man unmittelbar um das Haus vor gefährlicher Strahlung geschützt ist. Hier hat die Regierung wenige Meter dekontamieren lassen. Außerhalb dieser Zone bleibt es gefährlich: In dem kleinen Wald, in dem heute eigentlich seine Enkel spielen sollten, übersteigt die gemessene Strahlung den gesetzlichen Grenzwert um das Dreifache.

 
Ein öffentliches Leben ist in und um Naraha kaum noch vorhanden: Es gibt keine Schulen, wenige Geschäfte und auch die medizinische Versorgung ist dürftig. Die Straßen wirken wie ausgestorben. Den Menschen, die hier einst wohnten, bezahlt die Regierung eine Behelfswohnung außerhalb des Sperrgebietes. Außerdem bekommen die Evakuierten monatlich 100.000 Yen, circa 760€. Kritiker sehen eben darin den Grund dafür, dass Städte wie Naraha nun als „sicher“ deklariert werden: Die Regierung möchte sich diese Ausgaben sparen – denn wenn das Gebiet, aus dem man evakuiert wurde, wieder als sicher gilt, dann verliert man seinen Anspruch auf Entschädigung.

 

Toshia Niizuma in dem kleinen Wäldchen hinter dem Haus seiner Familie
Toshia Niizuma in dem kleinen Wäldchen hinter dem Haus seiner Familie
Atommülllager in der Nachbarschaft
Viele widersetzen sich dennoch der Aufforderung zurückzukehren. Zu groß ist die Angst, vor allem um die Kinder. Dass vor kurzem ein Gebiet nahe Naraha zum Atommülllager erklärt wurde, bestärkt viele in ihrem Entschluss, nicht zurückzugehen. Die wenigen, die zurückkehren, sind vornehmlich Alte, denen Kraft und Mittel für einen Neuanfang fehlen und die sich – ganz pragmatisch – weniger Sorgen um Langzeitschäden durch die Strahlung machen. Naraha, einst die Heimat von 7.000 Menschen, wurde am 11. März 2011 zur Geisterstadt und wird es auch noch lange bleiben.

09.02.2016

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