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Die Arier  Interview mit Regisseurin Mo Asumang über ihren Film

Mo Asumang und Ku-Klux-Klan-Mitglied

Die Arier

(Quelle: ZDF/Susanna Salonen)

ZDF: Ein Auslöser, Ihren Debütfilm „Roots Germania“ zu realisieren, war vor Jahren die Morddrohung der
Neonazi-Band White Aryan Rebels gegen Sie – und Ihre Wut darüber. In Ihrem neuen Film „Die Arier“ begeben Sie sich zu einem Neonazi-Aufmarsch in Wismar fast schon gelassen und unaufgeregt. Was hat sich geändert?
Mo Asumang: Bei „Roots Germania“ war es weniger Wut, als vielmehr Verzweiflung und das Empfinden: Jetzt reicht es, ich muss etwas unternehmen! Ich würde es auch nicht Gelassenheit nennen, mit der ich dem Neonazi-Aufmarsch in Wismar begegne – ich habe mich der Szenerie einfach als normaler Mensch genähert, der etwas beobachtet und Fragen stellt. In „Roots Germania“ musste ich noch mit der Angst ringen, mittlerweile konnte ich sie ablegen.
ZDF: Gehen Sie demnach mit einer professionellen Haltung darüber hinweg, wenn die Neonazis auf Ihre Fragen beleidigend reagieren?
Asumang: Diese Beleidigungen sind etwas anderes als eine Morddrohung. Und da ich am Ende einen Film realisieren möchte, aus dem Menschen etwas lernen können, empfiehlt es sich, professionell zu arbeiten. Ich habe die Verpflichtung, durch die ganze Misere durchzugehen. Und die Konfrontation mit meiner Person, ihrem Feindbild, verunsichert die Rassisten. Das war der Ausgangspunkt für den Film „Die Arier“: Ich gebe den Neonazis die Chance, sich zu äußern, dann offenbaren sie selbst ihren Wahnsinn.
ZDF: Während Sie in „Roots Germania“ Ihre Familienwurzeln väterlicherseits auf einer Reise nach Ghana zurückverfolgen, zeigen Sie in „Die Arier“, dass Ihre Großeltern mütterlicherseits in die Nazi-Zeit verstrickt waren. Hat das erst die Filmrecherche ans Tageslicht gefördert?
Asumang: Ich wusste vorher, dass meine Großmutter 1a-Schreiberin war, konnte mir aber nichts darunter vorstellen. Meine Mutter hat sich nach „Roots Germania“ in dieser Frage auf Spurensuche begeben und festgestellt, dass meine Großmutter als 1a-Schreiberin bei der SS angestellt war und dort geheime Dokumente für die Waffen-SS geschrieben hat. Dass mein Großvater mit drei Hakenkreuzen verziert als Soldat im Krieg war, haben wir in den Details erst während der Entstehung des „Arier“-Films erfahren.
ZDF: Wie kam es denn zu der Idee, der Arier-Frage nachzugehen?
Asumang: Als Botschafterin für die Initiative Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage habe ich „Roots Germania“ in vielen Schulen vorgeführt und dabei häufig erlebt, wie sowohl Schüler als auch Lehrer unter Ariern immer wieder den blonden Deutschen verstanden. Niemand wusste, dass arisch gar nicht deutsch bedeutet. Der Begriff wird immer noch so verstanden, wie er in der Nazizeit missbraucht worden ist. Im Film erzähle ich, was dahintersteckt.
ZDF: Sie zeigen es auch ganz konkret, indem Sie Arier im Iran aufsuchen. Wie schwierig war es, die Drehgenehmigung dafür zu erhalten?
Asumang: Ich habe an die iranische Botschaft ganz offen geschrieben, was für einen Film ich drehe und dass es darin um Rassismus und Nazis geht – da sind wohl alle Alarmglocken angegangen. So hat es neun Monate gebraucht. Und erst nachdem ich klar machen konnte, dass ich nicht für den Mossad, die CIA oder die Bundesregierung arbeite, sondern nur eine persönlich motivierte Filmreise machen will, bekam ich die Erlaubnis.
ZDF: Und welchen Eindruck konnten Sie von den Nachfahren des zentralasiatischen Hirtenvolkes gewinnen, denen Sie in den Hochebenen des Irans begegneten?
Mo Asumang mit arischen Frauen in Abiyaneh, Iran
Mo Asumang (r.) mit arischen Frauen in Abiyaneh, Iran (Quelle: ZDF/S. Naumann)
Asumang:
In dem kleinen Ort Abyaneh haben meine Gesprächspartner deutlich gesagt, dass sie sich als Arier verstehen und dass Hitler verrückt gewesen sein müsse. Ich konnte für diese Interviews keine Vorgespräche führen, musste mich mit den abgestempelten und unterschriebenen Erlaubniszetteln durch die Straßen bewegen und war entsprechend angetan, dass ich so klare Aussagen bekam. Nur mit dem Archäologen Alireza Askari war ich an der in Stein gemeißelten Arier-Inschrift in Naqsh-e Rostam verabredet.
ZDF: Gleich danach wollten Sie überprüfen, ob nur die Deutschen dem historischen Irrtum mit den Ariern als weißer Herrenrasse unterliegen und flogen in die USA, trafen Tom Metzger, den Gründer der White Aryan Resistance, und im Mittleren Westen auch ein Ku-Klux-Klan-Mitglied, War Ihnen bei diesem nächtlichen Treffen in der Einöde nicht ein bisschen mulmig zumute?
Asumang: Es war schon eine bedrohliche Szenerie um Mitternacht am Waldesrand, dazu das etwas holprige Gespräch mit dem maskierten Ku-Klux-Klan- Mitglied, gelegentlich waren die Motorräder zu hören, mit denen die anderen Rassisten betrunken von ihrem Klan-Treffen nach Hause fuhren. Ich habe sehr langsam gesprochen und die Fragen spontan auf die jeweils sehr kurzen Antworten gestellt – so entstehen auch witzige Momente.
ZDF: Kann über gelegentliche Leichtigkeit das schwere Thema Rassismus besser vermittelt werden?
Asumang: Bildung allein schafft es jedenfalls nicht, den Rassismus zu überwinden. Wir müssen Herzblut und Engagement mitbringen, ansonsten ändert sich nichts. Ich bin in diesem Jahr auch Botschafterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes für das Thema Rassismus – da gilt es in der Aufklärungsarbeit statt Wut sich seine emotionale Offenheit zu erhalten. Denn was sagte die Arierin im Iran: „Alle Menschen sind gleich.“ Gilt das nicht auch für Neonazis?
Das Interview führte Thomas Hagedorn.

Über die Regisseurin

Regisseurin Mo Asumang

Mo Asumang wurde 1963 als Kind einer Deutschen und eines Ghanaers in Kassel geboren. 1996 wurde sie Deutschlands erste afrodeutsche TV-Moderatorin. ("Liebe Sünde"). Seit dem arbeitet Asumang als Moderatorin, Filmemacherin, Dozentin und Schauspielerin. 2010 erhielt sie durch Roman Polanskis Politthriller "The Ghostwriter" in der Rolle der US-Außenministerin Condoleezza Rice auch internationale Präsenz. Die Morddrohung einer Neonazi-Band veranlasste Mo Asumang sich zunehmend mit dem Thema Rassismus zu widmen und inspirierte sie zu ihrem Regiedebüt „Roots Germania“ (2007, Grimme Preis-nominiert). Ihr Dokumentarfilm „Road to Rainbow“ (2010) hinterfragt die Gleichberechtigung in Südafrika nach dem Ende der Apartheid. Neben ihrer künstlerischen Tätigkeit besucht Mo Asumang weltweit Schulen und Universitäten, um sich für Integration stark zu machen und das Thema Rassismus aus einer neuen Perspektive anzugehen.

23.04.2014

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