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Sendung vom 26.02.2016 [Archiv] Bücher der Sendung vom 26.02.2016

Und darüber wird gestritten

Volker Weidermann, Gastgeber des "Literarischen Quartetts", lädt wieder gemeinsam mit seinen Mitstreitern Maxim Biller und Christine Westermann zur Literatur-Runde im ZDF. In der ersten Sendung 2016 begrüßen die Literaten die österreichische Autorin und Publizistin Eva Menasse. 

Die Streiter im Literarischen Quartett in der Diskussion: Maxim Biller, Volker Weidermann und Eva Menasse.

Das ganze Quartett

Bücherstreit im ZDF; auch in diesem Jahr mit Volker Weidermann, Christine Westermann und Maxim Biller. Als Gast in der aktuellen Sendung: die österreichische Autorin und Schriftstellerin Eva Menasse.

(26.02.2016)
Sendungsplakat vom 26.02.2016

Das wird für Sie gelesen

Die vier streitbaren Buchliebhaber diskutieren über die Werke von Benjamin Stuckrad-Barre, Anthony Powell, Antonia Baum und Etgar Keret.


Die Bücher der Sendung

Benjamin Stuckrad-Barre

Buchcover: "Panikherz", Benjamin von Stuckrad-Barre

Panikherz
Kiepenheuer & Witsch, 2016

Benjamin Stuckrad-Barre ist wieder da. Mit einer Geschichte, wie man sie sich nicht ausdenken kann: mit seiner eigenen. "Panikherz" ist eine Hommage an den Helden seiner Jugend, Udo Lindenberg, eine Reise in die Popgeschichte der letzten 20 Jahre, in den Ruhm, in die Nacht, in den Rausch. Und er erzählt von seiner Rückkehr ins Schreiben und ins Leben.

Etgar Keret

Buchcover: Die sieben guten Jahre, Etgar Keret

Die sieben guten Jahre: Mein Leben als Vater und Sohn
S. Fischer, 2016

"Die Stimme der nächsten Generation", sagt Salman Rushdie über Etgar Keret. In seinem bisher persönlichsten Buch „Die sieben guten Jahre - Mein Leben als Vater und Sohn“ (in der Übersetzung von Daniel Kehlmann) beschreibt der israelische Bestsellerautor die Zeit von der Geburt seines Sohnes, die mit einem Selbstmordattentat zusammenfällt, bis zum Tod seines Vaters.

Das Buch ist in vielen Ländern erschienen, aber nicht in Israel, weil – so Keret im Nachwort - es zu intim sei.

Anthony Powell

Buchcover: Eine Frage der Erziehung, Anthony Powell

Eine Frage der Erziehung
Band 1 aus dem 12bändigen Zyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“
Elfenbein, 2016

Für viele ist er der englische Proust. In dem zwölfbändigen Zyklus "Ein Tanz zur Musik der Zeit“ entwirft der britische Romancier Anthony Powell ein Gesellschaftspanorama der englischen Upperclass vom Ende des 1. Weltkriegs bis in die späten 60er Jahre. Im angelsächsischen Raum steht Powell auf einer Stufe mit Charles Dickens und Jane Austen, hierzulande ist er ein Unbekannter. Bisher! Zu seinem 100. Geburtstag sind nun die ersten vier Bände auf Deutsch erschienen. Über den ersten Band, "Eine Frage der Erziehung“, diskutiert das Literarische Quartett.

Antonia Baum

Buchcover: Tony Soprano stirbt nicht,  Antonia Baum

Tony Soprano stirbt nicht
Hoffmann und Campe, 2016

In Antonia Baums vorherigem Roman, "Ich wuchs auf einem Schrottplatz auf, wo ich lernte, mich von Radkappen und Stoßstangen zu ernähren“, drehte sich alles um drei Kinder, die ständig um das Leben ihres risikoverliebten Vaters fürchten. Nur wenige Wochen vor Erscheinen des Buchs verunglückte ihr Vater schwer. Kann man Schicksalsschläge herbeischreiben? Was passiert, wenn aus Fiktion plötzlich Realität wird und was, wenn plötzlich alles still steht, die Welt sich aber weiter dreht? Davon erzählt Antonia Baum jetzt in "Tony Soprano stirbt nicht".


Weitere Literaturtipps aus der Redaktion

Benedict Wells gewinnt Prize for Literature

Der Schriftsteller Benedict Wells

Preiswürdige Gabe
Benedict Wells erhält am 31. Mai 2016 in Brüssel für "Vom Ende der Einsamkeit" den European Union Prize for Literature. Mit dem Preis soll zeitgenössische Literatur über europäische Grenzen hinweg gefördert werden.
Die Begründung der Jury: „Wells hat einen Roman erschaffen, dessen Stärke in den Charakteren liegt, die trotz all ihrer Traurigkeit eine … Wärme ausstrahlen. …Dieser Erfolg beruht auf Wells 'außergewöhnlicher Fantasie, eine heutzutage selten anzutreffende Gabe.“

Vom Ende der Einsamkeit
Diogenes, 2016

„Was sorgt dafür, dass ein Leben wird, wie es wird?“ Das fragt sich das Ausnahmentalent der jungen deutschen Literatur, Benedict Wells, in seinem neuen Roman "Vom Ende der Einsamkeit“. Sein drittes Buch "Fast genial“ war 2011 auf der Bestsellerliste, sein Debütroman "Becks letzter Sommer“ (erschienen 2008) wurde 2015 mit Christian Ulmen verfilmt. Statt Studium jobbte er und schrieb nachts. Fünf Jahre musste er auf einen Verlag warten. Ohne je Schreiben gelernt oder studiert zu haben: Mit seiner klaren Sprache zieht Wells den Leser in den Bann. Sie ist von unglaublicher Leichtigkeit. Jeder Satz wie Champagner.

"Er blickte in das morgenkühle Blau des Himmels“. "In der Nacht hatte es wieder geregnet, dicke Tautropfen hingen an den Blättern, die Morgenluft legte sich frisch auf meine Haut. Wie immer, wenn ich früh aufstand, hatte ich das herrliche Gefühl, der Tag gehöre mir.“

Es geht um drei Geschwister, die behütet und glücklich aufwachsen und deren spätere Persönlichkeiten man schon erkennen kann. Die Eltern der drei Kinder kommen dann bei einem Verkehrsunfall ums Leben und plötzlich verändern sich die drei total. Sie werden komplett neue Persönlichkeiten. Die Frage ist: Was verändert sich nicht in einem Leben? Was ist das Unveränderliche in einem Menschen? Egal, welche Wendungen das Leben nimmt.

Boualem Sansal

Screenshot

2084: Das Ende der Welt
Merlin, 2016

„2084 – Das Ende der Welt“ heißt der bei Gallimard in Frankreich erschienene neue Roman von Boualem Sansal. Das Werk hat sofort nach Erscheinen in den französischen Medien für Furore gesorgt. Thema: Der Islam beherrscht die Welt. Bereits nach kurzer Zeit ist es in Frankreich für die herausragenden Literaturpreise Goncourt, Femina, Renaudot, Medicisn nominiert worden.

"2084" ist ein düsterer Zukunftsroman: In dem Land Abistan unterwirft sich das Volk dem Gott Yölah und seinem Propheten Abi. Die neue Sprache ist Abistanisch. Sie wurde so konzipiert, dass sie jegliches Denken ausschließt. Neun Mal am Tag muss gebetet werden. Die Massen sind Pilgerfahrten und Exekutionen von Ungläubigen ausgesetzt. Boualem Sansals neuer Roman ist die Fortsetzung von Georges Orwells "1984": Damals bekämpften sich drei Mächte, während der Zeit des Kalten Krieges. Krieg finde heute - so Sansal - in Informatik und Finanzwesen statt. Hinzu komme der Islam, mit einem dynamisch-starken Potential von 1,5 Milliarden Muslimen in der Welt mit Öl und Raum. Der wolle nun alleine herrschen. Er sage, ich werde euch alle töten, ich werde diese Welt regieren. Noch immer lebt Sansal in Algerien – in der "inneren Emigration“, wie er zu sagen pflegt: In einer Gesellschaft, in der 80 Prozent Islamisten seien.

Boualem Sansal wurde 2011 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Slavoj Žižek

Slavoj Žižek in seiner Bibliothek mit erhobenem Zeigefinger

Der neue Klassenkampf. Die wahren Gründe für Flucht und Terror
Ullstein, 2015

„…hinter Griechenland tut sich eine scharf definierte politische Landschaft auf. Zunächst ist da die Türkei, die ihrerseits ein gut durchdachtes politisches Spiel spielt - indem sie offiziell den IS bekämpft, faktisch aber die Kurden bombardiert, die wirklich den IS bekämpfen; dann gibt es die hochklassigen, superreichen Elitestaaten der arabischen Welt - Saudi-Arabien, Kuwait, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate, die allesamt wo gut wie keine Flüchtlinge aufnehmen…, obwohl ihnen die Flüchtlinge, die ja zumeist Muslime sind, kulturell viel näher stehen als Europa. Dann gibt es den Irak, der über zig Milliarden Ölreserven verfügt…“

Flüchtlingsstrom und islamistischer Terror haben für den Philosophen und Kulturkritiker Slavoj Žižek ihre Ursache in der Dynamik des globalen Kapitalismus. Empathie hält er in diesem Zusammenhang für realitätsfremd. In seinem neuen Buch geht es Žižek um die Bekämpfung der ökonomischen Ursachen von Flucht und Terror. Damit nimmt er vorweg, was jüngst die vor dem Weltwirtschaftsforum Davos veröffentliche Oxfam-Studie belegt: Die Kluft zwischen Arm und Reich wird in nahezu jedem Land der Welt größer; 62 Superreiche besitzen genauso viel wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung - und der Trend hält an.

Julian Barnes

Buchcover: "Am Fenster", Julian Barnes

Am Fenster
Kiepenheuer & Witsch, 2016

Mit britischem Humor, nicht selten ironisch, macht Julian Barnes mit seinem neuen Buch "Am Fenster“ Lust aufs Lesen. In 17 Essays und einer Short Story schreibt der selbst hochdotierte englische Autor - 2011 erhielt er für seinen Roman "Vom Ende einer Geschichte" den Man Booker Prize - über das Schreiben. Und über Rudyard Kiplings Leidenschaft für Autofahrten durch Frankreich, feiert Houellebecqs radikale, kalte Intelligenz, schildert U-Bahnfahrten mit Penelope Fitzgerald. Truman Capote habe sein Leben lang ein ungewöhnlich vielversprechendes Talent gezeigt.

George Orwell dagegen rammt er ungespitzt in den Boden, während er John Updike in höchste Höhen hebt. Barnes - selbst bereits als moderner Klassiker gewürdigt - gibt prägnant und höchst emotional Lehrreiches zur Literatur zum Besten. In einer Short Story vermittelt er uns überraschende Einsichten über Hemingway, dem Superstar der amerikanischen Literaturgeschichte. Zum Beispiel Hemingways Theorie über Schriftsteller und Kochen:
"Romanschriftsteller brauchten einen langen Atem und hätten daher von Natur aus das Zeug zum Schmoren und Dünsten, zum langsamen Zusammenrühren vieler Zutaten; Dichter dagegen sollten bei Kurzgebratenem zur Höchstform auflaufen. Und Verfasser von Shirt Stories?, fragte jemand. Steak und Pommes. Dramatiker? Ach Dramatiker – die hätten’s gut, die müssten eigentlich nur anderer Leute Talent in Szene setzen, darum begnügten sie sich damit, in aller Ruhe einen Cocktail zu mixen, während das Küchenpersonal für das Futter sorge.“

Der Essayband macht Lust auf mehr, Lust das Pointierte noch mal beim einzelnen Autor nach zu lesen. „Am Fenster“ macht lesesüchtig

Karen Duve

Karen Duve

Macht
Galiani, 2016

Wir schreiben das Jahr 2031: Staatsfeminismus und Endzeitstimmung: "Das Erstarken des Feminismus hat den Zerfall der Nation eingeleitet. Die Fotzen ziehen doch jetzt alle Register. Hast Du schon mal in GQ oder Men’s Beauty reingeschaut? Was ist das für eine Welt, in der Zeitschriften von Männern verlangen, schön zu sein? Ich sag dir, das ist psychologische Kriegsführung gegen den Mann. Und wenn sie dich damit nicht fertig machen können, hängen sie dir eine Anzeige wegen sexueller Belästigung an. Kein Mann in diesem Land glaubt noch an Gerechtigkeit.“ (S. 205) Ingo Dresen „fühlt sich in diesem durch und durch feministischen Gesellschaftssystem unglücklich und gedemütigt.“

Auf einem 50-jähriges Klassentreffen in der Hamburger Vorortkneipe 'Ehrlich' treffen sich vornehmlich Zwanzig- bis Dreißigjährige - Dank der Verjüngungspille Ephebo, der auch Sebastian Bürger sein gutes Aussehen verdankt. Die Schulkameraden im besten Rentenalter sehen alle wieder wie Zwanzig- bis Dreißigjährige aus. Als Sebastian seine heimliche Jugendliebe Elli trifft, ist es um ihn geschehen. Wen interessiert da noch, dass die Krebsrate von Ephebo bei 60 Prozent innerhalb der nächsten zehn Jahre liegt? Alles könnte so schön sein, wäre da nicht Sebastians Frau, die ehemalige Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Kraftwerkstilllegung und Atommüllentsorgung, die er seit zwei Jahren in seinem Keller gefangen hält. Dort muss sie ihm seine Lieblingskekse backen und auch sonst in jeder Hinsicht zu Diensten sein. Seiner neuen Liebe steht sie jetzt im Weg.

Martin Walser

Martin Walser

Ein sterbender Mann
Rowohlt, 2016

Wir befinden uns im bildungsbürgerlichen Milieu Münchens. Es geht es um den 72jährigen Theo Schadt. Er ist der sterbende Mann und ehemals erfolgreicher Unternehmer. Er ging pleite, weil die Geschäftsgeheimnisse einer lukrativen, hoch riskanten Auslandsinvestition ausgerechnet von seinem besten Freund Carlos Kroll an den ärgsten Konkurrenten verraten wurden. Im Innersten gekränkt, vegetiert er als Aushilfe im Tango-Modeladen seiner Frau vor sich hin und besucht im Netz Suizidforen. Der Mann ist am Ende. Er sucht nur noch nach dem richtigen Zeitpunkt und einer todsicheren Methode für den beschlossenen Gang "hinaus".

Wie fast immer bei Walser geht es auch hier um die Liebe, diesmal die Liebe im Alter. Und es geht um Geplauder über Alters-Zipperlein. Die "göttliche Iris“ wird als ewige Ehefrau verlassen, und gegen Sina ausgetauscht. Mit ihr feiert er die Liebe als schöpferische Kraft, die als virtuelle Liebesgeschichte vor allem Erfüllung in Briefen findet. Trotz starker Gefühle hält der neue Roman Walsers den literarischen Ball erstaunlich flach: "Für mich bist du das Nackte schlechthin. Es gibt außer dir nichts nennenswert Nacktes. Alles sonstige Nackte ist Ware. ... Ich, ein Nicht-mehr-Mann, bleibe dein Anbeter."

Was den Briefroman angeht, sind Theo Schadt und Martin Walser ganz Goethe. Als Spätwerk lässt der Plot erstaunlich kalt. So als hätte sich der selbst alternde Walser kaum Zeit gelassen. Die walsertypische Wortgewalt, die hier ins Satirische vorstößt, macht beim Lesen trotzdem Laune.

Deutscher Krimi-Preis 2016

Christine Westermann im Gespräch mit Friedrich Ani

Friedrich Ani
Der namenlose Tag
Suhrkamp, 2015

Friedrich Ani erhält den „Deutschen Krimi-Preis 2016“ für seinen Kriminalroman "Der namenlose Tag“. Dazu die Jury des Krimi-Preises: "Eine Geschichte, in der das Schweigen zur großen Schuld wird, zur seelischen Last, die eines Tages ganz unerwartet nicht mehr zu tragen, nicht mehr zu ertragen ist. Ein Kriminalroman großen Formats."

"Der namenlose Tag“ wird von Oscar-Preisträger und Regie-Legende Volker Schlöndorff für das ZDF verfilmt. Volker Schlöndorff: "Ein großartiger Stoff, auf den ich mich sehr freue. Alle Konflikte unterm Teppich, das Kind hängt am Baum, eine schaurig erschütternde Familiengeschichte – ich freue mich auf die Arbeit."

Mainzer Stadtschreiber 2016

Clemens Meyer in einem Hörsaal bei einem Interview

Clemens Meyer

Der Untergang der Äkschn GmbH
S. Fischer Verlag, 2016

Er war vermutlich der erste Tätowierte auf dem Podium der altehrwürdigen Frankfurter Poetikvorlesungen: Clemens Meyer. Sein Denken und Sprechen über Literatur ist anarchisch. Die Vorlesungen des Enfant terrible der Literaturszene stehen unter dem Titel "Der Untergang der Äkschn GmbH". Hier spricht er über den Sound der Moderne. Als Enthusiast der Literatur, manischer Leser, begeisterter Fürsprecher, spricht er über deutsche und amerikanische Schriftsteller. Sie haben sein Schreiben beeinflusst. Clemens Meyer wird am 25. Februar 2016 neuer Mainzer Stadtschreiber.

Meyer, geboren 1977 in Halle/Saale, lebt in Leipzig. 2006 erschien sein Debütroman "Als wir träumten", es folgten "Die Nacht, die Lichter. Stories" (2008), "Gewalten. Ein Tagebuch" (2010) und der Roman "Im Stein" (2013). Für sein Werk erhielt Clemens Meyer zahlreiche Preise, darunter den Preis der Leipziger Buchmesse. "Im Stein" stand auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis und wurde mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet. "Als wir träumten" wurde 2015 von Andreas Dresen für das Kino verfilmt und lief im Wettbewerb der Biennale.

Umberto Eco: Nachruf

Umberto Eco.

Eberhard Rathgeb

Buchcover: Am Anfang war Heimat von Eberhard Rathgeb

Am Anfang war Heimat
Blessing Verlag, 2016

Wer braucht heute Heimat? Welche Bedeutung hat sie noch, wenn man im Culture Clash zuhause ist? Wer braucht das Klein-Klein karierter Ansichten und akurat geschnittener Vorgärten? Wer braucht noch die Sicherheit überschaubarer Wege? Eberhard Rathgeb scheint sich nach dieser kleinen Welt des allzu Bekannten zu sehnen. Und wird dabei fast zum Heimatdichter.
Die Idee vom deutschen Geist als Heimat einer Nation. Das Deutsche mit seinen verschiedenen Erscheinungsformen zieht ihn so magisch an, dass dafür die Biografien des Vaters, bekannter Dichter und Denker herhalten müssen. Wie ein Mantra zelebriert der Autor das vielfach beschworene Heimatgefühl. Nur – wer will das noch? Die Welt ist uns Heimat. Das globale Dorf bedeutet auch Rückzug. Oder nicht? Müssen wir etwas bis in den kleinsten Winkel kennen? Müssen wir Wurzeln schlagen? Braucht der Mensch das stets Vertraute, das Kleine, um sich beheimatet zu fühlen?

"Ich habe die Welt lange genug durchstreift, um zu wissen: alles Fleisch ist gut, und eines ist so viel wert wie das andere. Und doch müht sich der Mensch und sucht Wurzeln zu schlagen, ein Stück Erde zu haben und ein Dorf, damit sein Fleisch Wert und Dauer gewinne und etwas mehr davon bleibe als der Ring der Jahreszeiten.“
Cesare Pavese in seinem Roman "Junger Mond“ (1950)

Auch wenn uns längst die Welt Heimat ist, scheint doch etwas ganz Wesentliches zu fehlen. Dieses Buch rührt an diesem Verlust. Es führt fast atemlos durch die Welt der Heimat, türmt Gedanken und Gefühle dazu geradezu euphorisch auf. Es begibt sich sprachlich wie bildlich auf Spurensuche.

Juli Zeh

Buchcover: Unterleuten von Juli Zeh

Unterleuten
Luchterhand, 2016

Und noch ein Heimatroman: "Unterleuten“ heißt der Sehnsuchtsort, der zum Gruseln in die Idylle einlädt. Wenn Berliner Hipster die Stadtflucht zum neuen Lebensmodell erheben, landen sie zumeist in der Uckermark. In Gerswalde, Mittenwalde oder Ringenwalde – so heißen die Dörfer da, kritisch beäugt von den Ureinwohnern. So oder ähnlich trägt es sich auch in "Unterleuten“ bei den dort ansässigen Brandenburgern zu: Das Dorf als Austragungsort einer Hölle von Wendeverlierern und Wendegewinnern. Großstädtische Arroganz trifft auf provinzielle Bodenständigkeit, ökologische Anspruchshaltung auf prinzipielle Ablehnung, vor allem dann, wenn der Windpark in unmittelbarer Nachbarschaft zum frisch erstandenen Idyll gebaut werden soll. Das Panorama der euphorisch gefeierten und gekauften Kultur der Stille soll jetzt durch Windräder gestört werden? Da würde ja der Traum vom heilen Landleben zerplatzen, vom Leben in unberührter Natur im Vogelparadies. In "Unterleuten“ prallen nicht nur Welten aufeinander.

"Während vor den Fenstern das Niemandsland vorbeizog und Linda über Dorfpolitik sprach, dachte Frederik an die Glas-und-Steine-Welt Berlins. An Straßen, auf denen sich Unmengen von Menschen bewegten, und an den Lärm, den diese Bewegung verursachte.“

Hier braut sich ein bitterböser Cocktail aus Meinungsvielfalt, Moral und diversen Haltungsansätzen zusammen, den die Autorin spannend hinterfragt. Auf den Punkt formuliert führt Juli Zeh uns das kritische Abbild dieser feinen Gesellschaft auf dem Lande vor Augen, die vermeintlich Gutes will, aber Böses schafft.




Die Literaturtipps der Redaktion werden zusammengestellt von Anna Ernst.

26.02.2016

Sendungsinformationen

Freitag 26.02.2016, 23:30 - 00:15 Uhr

VPS 26.02.2016, 23:25 Uhr


Länge: 45 min.

Altersfreigabe: 6

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