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Die Deutschen (4/10): Luther und die Nation  | 04.11.2008  Das Unwesen des Ablasshandels

Gesellschaftliche Umbrüche boten Nährboden für Luthers Denken und Handeln

Ängste und Zweifel bewegten nicht nur Luther. Das Bedürfnis nach jenseitiger Geborgenheit war unter den Zeitgenossen groß, die Furcht vor dem Jüngsten Gericht und den Höllenqualen allgegenwärtig. Verheerende Naturkatastrophen und Pestepidemien konnten sich die Menschen nur mit dem Zorn Gottes erklären. Durch gute Taten versuchten viele Zeitgenossen, ihr Sündenregister abzuschwächen, durch Stiftungen, Spenden und Wallfahrten ¿ und durch "Ablassbriefe". 

Martin Luther auf der Bettkante mit Dokumenten
Legte sich mit dem Papst an: Martin Luther (Quelle: ZDF)

Ablässe gab es für Wallfahrten, Pilgerreisen und auch für Geld. Gemeint war damit nicht die Vergebung der Sünden, sondern der Erlass "zeitlicher Sündenstrafen", etwa die Verweildauer im "Fegefeuer". Die Kirche sah sich im Besitz eines "Gnadenschatzes", der solchen Nachlass erlaubte. Luther reiste selbst nach Rom, um dort "wie ein toller Heiliger " durch Kirchen und Katakomben zu laufen, um jeden Ablass zu erhalten, den man beim Besuch vor Ort erlangen konnte.

Finanzieller Missbrauch

Nun aber uferte der Handel mit Ablassbriefen immer mehr aus. Um den Bau des neuen Petersdoms zu finanzieren, kam Medici-Papst Leo X. auf die Idee, das lukrative Geschäft noch auszuweiten. Generell sah der Klerus darin ein probates Mittel, Löcher in den Kassen zu stopfen.

Luther empörte nicht nur der finanzielle Missbrauch, er prangerte auch den Irrweg im Bußverständnis an. Christi Heil lasse sich nicht mit menschlichen Werken verrechnen, schon gar nicht mit Geld, das marktschreierisch von Predigern eingefordert werde. So führte seine persönliche Suche nach Gnade mitten ins Wespennest des Ablassgeschäfts. Wie sehr der einträgliche Handel mit Macht und Politik zu tun hatte, würde er bald zu spüren bekommen.

Ablasshandel zur Schuldentilgung

Im Februar 1514 war der Erzbischof von Mainz, Uriel von Gemmingen, gestorben, und das Domkapitel wählte den erst vierundzwanzigjährigen Albrecht von Brandenburg zum Nachfolger. Er war wissenschaftlich gebildet, zeigte aber wenig theologisches Verständnis. Er kam aus dem Hause Hohenzollern, war Bruder des Kurfürsten von Brandenburg und schien für einiges Regierungsgeschick zu bürgen.

Doch Albrecht war bereits Erzbischof von Magdeburg und Administrator (Bistumsverweser) in Halberstadt. Grundsätzlich verbot das Kirchenrecht die Anhäufung erzbischöflicher Stühle, doch gegen eine Geldzahlung war die römische Kurie bereit, eine Ausnahmegenehmigung zu erteilen. Dafür sollte Albrecht insgesamt 29.000 Dukaten für das Amt und den Dispens zahlen.

Damit er die riesige Summe aufbringen konnte, fand Papst Leo X. folgende Lösung: Albrecht sollte den Vertrieb des Ablassbriefs für den Petersdom übernehmen, die eine Hälfte sollte direkt in die päpstliche Baustelle fließen, die andere der bischöflichen Schuldentilgung dienen. Den enormen Betrag wollte Rom allerdings sofort kassieren. Hier trat nun ein weiterer Akteur ins Spiel der Mächtigen: das Bankhaus Fugger. Es streckte die 29.000 Dukaten vor und ließ seine Eintreiber ausschwärmen - im Tross der Ablassprediger.

"Tetzelkasten"

Einer der fähigsten Prediger im päpstlichkurfürstlichen Ablassgeschäft war der Dominikaner Johann Tetzel, der seit 1517 in der Kirchenprovinz Magdeburg wirkte. "So bald der Gülden im Becken klingt, im huy die Seel in Himmel springt", lautete seine simple wie erfolgreiche Parole. Mit geradezu beschwörenden Ritualen und schaurigsten Verheißungen vermochte er das einfache Volk zu beeindrucken. So erklärte er den Ablass zum "wirksamsten Sühnmittel der Sünde". Um die "Tetzelkästen", die Kasse, kümmerten sich Angestellte der Fugger. Sie hatten alle Hände voll zu tun, denn der Zulauf war groß. Doch dem Geschäft waren Grenzen gesetzt. Der Kurfürst von Sachsen etwa, Luthers Landesherr Friedrich der Weise (1463-1525), gewährte Eintreibern keinen Zutritt zu seinem Fürstentum und ließ den Ablasshandel dort verbieten, um zu verhindern, dass Geld vom eigenen Territorium in fremde Kassen floss.

Luther wetterte gegen Tetzel

Nun aber pilgerten viele Sachsen, auch aus Wittenberg, ins benachbarte brandenburgische Jüterbog, wo Tetzel seinen Ablass feilbot. Er machte das Volk glauben, Reue und Buße seien nach Erwerb des Briefes nicht mehr vonnöten. Das ärgerte den Fürsten, vor allem jedoch empörte es Luther, der nicht nur Professor, sondern auch Prediger und Seelsorger war.

Von der Kanzel der Wittenberger Stadtkirche aus wetterte der aufgebrachte Theologe immer wieder gegen Tetzel, dem es mehr um Gewinn als um Buße gehe; dabei zog er deftige Vergleiche: "Wenn einer gleich die heilige Jungfrau Maria, Gottes Mutter, geschwängert hätte, so könnte es der Tetzel vergeben, wenn man in den Kasten lege, was sich gebühre."

Gnade ein Geschenk Gottes

Wie sehr hatten Luther immer wieder Zweifel geplagt, wie sehr hatte er immer wieder um Antworten gerungen auf die für ihn entscheidende Frage: Waren es Opfer, Reue oder Buße, mit denen der Mensch Gottes Vergebung erlangen konnte? Führten Redlichkeit und gute Werke wirklich ins Paradies? Warum hatte der Apostel Paulus geschrieben, das Heil komme allein durch Gottes Gnade?

Irgendwann zwischen 1511 und 1518 hatte Luther sein "Turmerlebnis". Nach wiederholter Bibellektüre, vor allem des Römerbriefes - insbesondere Vers I,17 -, wurde für ihn eine Ahnung zur Gewissheit: Gott übte nicht Gerechtigkeit wie ein irdischer Richter, vielmehr war die Gnade ein Geschenk. So offenbarte sich ihm das Bild vom barmherzigen Gott. "So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben." Nur der Glaube versetze den Menschen in den Zustand der Gnade.

Buße lässt sich nicht erkaufen

ZITAT

Ein jeder Christ, der wahre Reue empfindet über seine Sünden, hat völlige Vergebung von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablassbriefe gehört.”

Martin Luther, These 36

Äußere Werke wie Askese, Kasteiung oder Geldspenden - all das lenke von der Wahrheit ab. "Da fühlte ich mich völlig neu geboren - als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies selbst eingetreten ", erinnerte sich Luther später. Für ihn offenbarte sich der barmherzige Gott nicht als zorniger Richter, sondern als gütiger Herr. Die innere Rechtfertigung spielte sich allein zwischen Gott und dem einzelnen Christen ab, sie bedurfte nicht mehr der Vermittlung durch die Kirche und ihre Heiligen.

Luthers Thesen Die Auswüchse des Ablasshandels, der Widerspruch zum wahren Sinn des Bußsakraments, hatten Luther derart provoziert, dass er sich Luft verschaffte, seine Kritik in 95 Thesen bündelte. Unter anderem schrieb er, Buße lasse sich nicht erkaufen, und die Ablässe des Papstes befreiten weder die Lebenden noch die Toten von Sünde und Schuld. So schrieb er in These 36: "Ein jeder Christ, der wahre Reue empfindet über seine Sünden, hat völlige Vergebung von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablassbriefe gehört."

In anderen Zeiten hätte sein Protest vielleicht allenfalls zu einer Debatte in Gelehrtenkreisen geführt. Doch bedingt durch die geistigen, politischen und gesellschaftlichen Umstände, kam eine Lawine ins Rollen, die den künftigen Reformator selbst erstaunte.

04.11.2008

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