zurück Startseite

Sendung vom 27.03.2016 [Archiv] Im Zauber der Wildnis - Yellowstone

Der Yellowstone National Park

Wir begleiten Ranger, Forscher und Abenteurer bei ihrem unglaublichen Alltag, der Besuchern sonst verborgen bleibt - am Puls dessen, was "ihren Park" antreibt, im Takt mit den großen, weltweiten Bewegungen für Nachhaltigkeit. Ein Jahr lang reiste ein ZDF-Team immer wieder hinter die Kulissen des wohl legendärsten Nationalparks der Welt. Es ist eine Reise in eine der schönsten und wildesten Gegenden der Erde zwischen Tiefschnee, Indianersommer und Winterlicht. 

Bisons auf der Straße und schneebedeckte Berge im Hintergrund

Im Zauber der Wildnis

Der Yellowstone Nationalpark ist der berühmteste und, 1872 gegründet, auch der älteste Nationalpark der Welt. Die UNESCO erklärte ihn zum Weltnaturerbe, weil er eine einzigartige Tierwelt schützt.

(23.12.2014)
Yellowstone Nationalpark

Der Yellowstone Nationalpark

(23.12.2014)

Dem Ruf der Natur bedingungslos folgen! Legendär, der Claim des kalifornischen Naturschützers John Muir, der als Vater der amerikanischen Nationalparks gilt. Dass die Wildnis unwiderstehlich lockt, hat für viele heute wie damals unbedingte Gültigkeit. Und dabei geht es nicht nur um das Glück, draußen zu sein. Es geht um die immer verletzlichere Balance der Natur.

Nationalparks heute wichtiger als zur Gründungszeit

Als Muir und andere begeisterte Pioniere gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten großen Parks im Westen Nordamerikas gründeten, lebten gerade mal eine Milliarde Menschen auf der Welt: sie sollten in die Parks kommen und die Schönheit der Erde sehen. Heute bevölkern 7,3 Milliarden Menschen unseren Planeten und die Bedeutung der Nationalparks hat sich radikal verändert. Welche Rolle spielen sie in Zeiten von Öl und Fracking, schnellem Wachstum, knappen Kassen, Klimawandel? Und wie erleben sie diejenigen, die tagtäglich dort leben und arbeiten – Ranger, Wissenschaftler, Abenteurer – von denen viele aus Deutschland kommen, wo sie alles für ihren Park zurückließen?

Diese Fragen haben das ZDF-Doku-Projekt "Im Zauber der Wildnis" angestoßen. Es führt zu den letzten Urlandschaften der Erde und entdeckt dabei legendäre Gegenden neu: Im vergangenen Jahr begleitete das Kamerateam den ebenso unvergleichlichen wie unbekannten Alltag in den beiden kanadischen Nationalparks von Banff in den Rocky Mountains und Kluane weit im Norden im Yukon.

Grenzenlose Wildnis

Jetzt also Yellowstone, der älteste Park der Erde, berühmt für seine vielfältige Tierwelt und die Magmakammer in der Tiefe, die seine unverwechselbaren Landschaften prägt. Der Ort, von dem nach wie vor Visionen für unser Leben mit der Natur ihren Ausgang nehmen. Yellowstone erinnert daran, wie wichtig Schutzgebiete sind – und zeigt gleichzeitig eindrucksvoll, dass Wildnis keine Grenzen kennt. Bisons und Wölfe, fast ausgerottet und verloren, sind in diese Gegend zurückgekehrt. Aber Wildtiere wollen wandern, weiter nach Norden denn je, wenn das Klima der Erde sich ändert. Yellowstone hat dafür Ideen und, so erlebte es das ZDF-Team, begeisterte junge Leute, die für sie kämpfen wollen.


Die großen Parks der Erde

Park-Pioniere

Als begeisterte Pioniere und mutige Naturschützer Ende des 19. Jahrhunderts die ersten großen Parks in der Wildnis Nordamerikas gründeten, lebten gerade mal eine Milliarde Menschen. Eisenbahnmagnaten hatten die Idee, die Leute zu den dramatisch-schönen Landschaften im weiten Westen zu bringen: „Wir können diese herrliche Landschaft nicht exportieren, aber wir können die Menschen hierher bringen, um sie zu erleben“ – so der berühmt gewordene Ausspruch von Eisenbahnchef William van Horne, Mitbegründer des Banff National Parks.

Filmautor Wortmann: Der Yellowstone ist grenzenlos

Ich bin schon oft beruflich durch die USA gereist und glaubte eigentlich alles gesehen zu haben von diesem großartigen Land. Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Und vor allem immer wieder überrascht. Gleich bei einem unserer ersten Drehs.

Büffel auf dem Spielplatz

Wir hatten für unser Team Hotelzimmer in Gardiner gebucht, ein 800-Seelen-Ort im US-Bundesstaat Montana, das direkt am nördlichen Ende des Parks gelegen ist. Als wir mit dem Wagen in die Stadt fuhren, trauten wir unseren Augen nicht: überall standen Rehe, Hirsche, Elche und sogar Bisons in den Vorgärten und taten sich an dem ersten Gras genüsslich, das der tauende Schnee frei gab. Sogar auf einem Spielplatz hatte sich ein 900-Kilo-Büffel niedergelassen und döste neben einer Schaukel in den ersten warmen Sonnenstrahlen.

Wir lernten schnell: der Park ist grenzenlos. Die Tiere aus dem Park wandern dorthin, wo sie etwas zu fressen finden. Die Natur kennt keine Verhaltensregeln und darauf muss man Rücksicht nehmen. Sehr schnell lernten wir wachsam zu sein - allein schon deshalb, weil jederzeit ein Bison hinter der nächsten Kurve auf der Straße stehen konnte. Und diese Tiere sind imposant, nicht nur wegen ihres Lebensgewichtes von fast einem Zentner. Doch wenn man sich in angemessener Entfernung zu ihnen aufhält, dann sind sie friedliche Geschöpfe.

Stadtflüchter suchen die Natur

Das haben wir eindrucksvoll erlebt, als wir zwei Aktivisten der Buffalo-Field-Campaign begleiteten, die in dem kleinen Ort Yellowstone-Village nach Bison-Babies suchten. Eine reine Wohnsiedlung, in der es nur so von Bisons wimmelte. Interessanterweise leben dort vor allem Menschen, die aus den Städten in die Natur gezogen sind und die viel entspannter und toleranter mit den Wildtieren umgehen als viele Einheimische. Als wir an einer Stelle hielten, um Ausschau nach den Jungtieren zu halten, waren wir plötzlich von einer Herde von gefühlt hundert Bisons eingekreist. Teilweise liefen sie eine Armlänge entfernt an uns vorbei. Man konnte sie atmen und grunzen hören. Keines der Tiere schenkte uns große Beachtung, sondern sie grasten auf Wiesen oder zogen friedlich an uns vorbei.

Das ist für mich wohl die herausragendste Lehre, die ich von unseren Drehreisen während der vier Jahreszeiten mitgenommen habe: die Natur bahnt sich ihren Weg, wenn man sie lässt und wir sollten sie - soweit es möglich ist - gewähren lassen. Karsten Heuer, einer der beiden Y2Y-Initiatoren, formulierte es gut: die Natur lehrt uns Demut, denn wir sind nicht in der Lage alles zu kontrollieren.

Wasserfontänen schießen aus dem Wald

Natürlich haben die Reisen in den Yellowstone Park auch andere Eindrücke bei uns hinterlassen: eine atemberaubend schöne Landschaft, wie es sie in ihrer Vielfalt wohl kein zweites Mal auf der Welt gibt. Wo kann man schon am Wegesrand stehen und das Schauspiel erleben, wie ein Grizzlybär mit einigen Wölfen um den Kadaver eines toten Bisons streitet? Sehr irritierend waren für uns zu Beginn der Reise die vielen Rauchfahnen, die über den Wäldern aufstiegen. Waldbrände bei der Schneeschmelze? Mitnichten. Es sind die Dämpfe der zahlreichen heißen Quellen, von denen es etwa 10.000 im Park gibt. Irgendwo brodelt und zischt es immer. Manchmal schießen gewaltige Wasserfontänen gen Himmel, manchmal trifft man auf blubbernde Schlammtöpfe, die aussehen, als ob hier jemand einen großen Karamell-Pudding aufgesetzt hat.

Naturschauspiel der Extreme

Über drei Millionen Besucher strömen jedes Jahr in den Park - die meisten während der Sommermonate. Sollte also jemand auf die Idee kommen und sich dieses UNESCO Weltnaturerbe selbst ansehen wollen, dann sollte man dies im Frühling oder Herbst machen. Die Tiere sind dann eindeutig in der Überzahl und die Straßen und Wege nur von einigen Touristen bevölkert. Die Besucherhorden fallen von Juni bis August in den Park ein und fragen auch schon mal die Ranger, wann die Bisons, Elche, Hirsche und Gabelböcke abends wieder in ihre Käfige gesperrt werden.

Beim Dreh haben wir übrigens erlebt, welche Extreme der Park außerdem bietet. Einen Tag fuhren wir morgens bei strahlendem Sonnenschein in den Park, vorbei an grünen Wiesen. Wir befanden uns auf etwa 1600 Metern über dem Meeresspiegel. Keine Stunde später - und etwa 1000 Meter höher - fuhren wir durch eine weiße Wüste. Zwei Meter hoch lag der Schnee hier. Wir trauten unseren Augen nicht.

Kein Wunder. Fast sechs Monate hat der Winter den Park fest im Griff und bedeckt den größten Teil des Parks unter einer dichten Schneedecke. Und bis die einmal abgetaut ist, dauert es. Dafür kann man ein einzigartiges Schauspiel von Feuer und Eis erleben. Geysire und heiße Quellen inmitten einer eisigen Winterlandschaft.

Der Yellowstone Park - in jeder Hinsicht ein Naturschauspiel der Extreme und ein Park mit einer visionären Botschaft an die Welt. Und das bereits seit 1872, dem Jahr, als er gegründet wurde.

Interview mit den Initiatoren von "Y2Y"

"In jedem von uns steckt ein Stück Wildnis"

Seit seiner Gründung ist der Yellowstone National Park Vorreiter für die Idee der Nationalparks und Antrieb für Menschen, die ihr Leben dem Schutz der Natur widmen. Hier begann die ehrgeizige Vision, die sich hinter dem Kürzel "Y2Y" verbirgt: die "Yellowstone to Yukon Conservation Initiative" will Ökosysteme in Nordamerika großflächig miteinander verbinden, so dass Wildtiere weit in den Norden wandern und ihre Wege so dem veränderten Klima der Erde anpassen können. Das geplante Gebiet zwischen Yellowstone und der kanadischen Provinz Yukon umspannt gut 3200 Kilometer und seine Fläche ist mehr als viermal so groß wie Deutschland.

Wir treffen die Initiatoren der Y2Y-Initiative: der Rechtsanwalt Harvey Locke ist im Banff National Park in den kanadischen Rocky Mountains aufgewachsen und gehört zu den globalen Naturschützern, die weltweit für die Balance der Natur kämpfen. Der Deutsch-Kanadier Karsten Heuer weiß, wovon er spricht - er hat auf einer spektakulären Wanderung die Wege der Karibous begleitet.

Karsten Heuer:

In jedem von uns steckt ein Stück Wildnis. Diese Seite in uns ist nur unterdrückt durch unser zivilisiertes, modernes Leben. Aber wenn man hier draußen in der Natur ist, dann kommt die Wildnis in uns zum Vorschein und man ist wieder man selbst. Man riecht hier mehr, man sieht mehr. Ich fühle, was es heißt zu leben. Einige Menschen nehmen Drogen um das zu erfahren. Für mich ist die Natur meine Droge.

In der Welt geht es nicht um mich, sondern um die Schönheit um mich herum. Und um diese Schönheit zu erhalten, diese Wildnis in uns, dafür setze ich mich ein. Für meine Kinder und all die anderen Kinder auf diesem Planeten. Wenn ich meinen Teil dazu beigetragen habe, diesen Planeten ein wenig reicher und schöner gemacht zu haben, dann kann ich ruhigen Gewissens sterben.

Die Yellowstone to Yukon Initiative

Es ist nicht sinnvoll, einzelne Parks wie Inseln zu betrachten, sondern sie miteinander zu verbinden - als Netzwerk aus mehreren Schutzzonen. Wenn wir so einen Korridor nicht schaffen, dann werden Tiere aussterben. Die Geschöpfe, die glücklicherweise im Yellowstone Park leben, müssen sich mit ihren Artgenossen in den anderen Parks vermischen können. Begrenzte Areale sind gefährlich, denn es kann durch Krankheiten, Waldbrände, Inzucht oder Klimawandel dazu kommen, dass der Tierbestand sich verringert. Dies wollen wir vermeiden, indem wir die Parks durch die Schaffung kleiner Areale miteinander verbinden.

Man muss raus gehen, raus in die Natur

Ich persönlich glaube nicht daran, dass man erfährt, was sich in der Natur abspielt, wenn man im Büro vor seinem Computer sitzt. Man muss raus gehen, raus in die Natur. Im Frühling, wenn die Tiere nach dem harten, langen Winter wieder aktiver werden, merkt man, dass ein Park allein nicht groß genug ist: Wildtiere verlassen die Schutzgebiete. Dann kann man sehr gut beobachten, wo es zu Konflikten kommt und wir können uns überlegen, welche Lösungen es dafür gibt. Zum Beispiel, indem wir Menschen treffen, die davon betroffen sind, ihre Sorgen hören und gemeinsam nach Lösungen suchen. Zum Beispiel, indem wir den Menschen erklären, warum es nicht gefährlich ist, Vieh und Bisons zusammen zu bringen.

Die Gefahr der "Insel Yellowstone"

Der Yellowstone ist für mich deshalb so faszinierend, weil es der erste Nationalpark der Welt ist. Der Park gibt den Bisons die Möglichkeit, wieder den Westen zu bevölkern. Für mich ist der Park die Geburt einer neuen Idee, einen Platz für Natur zu schaffen. Die Idee von Yellowstone ist sehr visionär, ja regelrecht inspirierend. Gleichsam fürchte ich, dass der Park eine Insel wird. Das ist gefährlich, wenn man zum Beispiel daran denkt, dass es unter der Grizzlybär-Population zu Inzucht kommen kann. Das könnten wir vermeiden, wenn wir die Schutzgebiete miteinander verbinden. Mein größter Wunsch ist deshalb, dass die Tiere frei wandern können, wenn ihnen irgendetwas sagt, dass sie dies machen sollten.

Wir glauben immer noch, dass es unendliches Wachstum gibt. Darauf beruht unser Wirtschaftssystem. Aber alles, was wir haben, gibt es nur auf diesem Planeten – es gibt keinen zweiten, den wir dann ausbeuten, wenn wir mit der Erde fertig sind. Darüber müssen wir uns im Klaren sein und deshalb müssen wir unser Verhalten ändern. Dies ist nicht die Arche Noah.

Deshalb brauchen wir die Nationalparks. Viele Menschen denken nicht darüber nach, woher ihr Essen kommt oder das Wasser, das sie täglich trinken. Wir leben in sauberen kleinen Häusern und fahren mit unseren gepflegten Autos zur Arbeit und vergessen dabei die Bedürfnisse der Natur. Die Nationalparks lassen uns begreifen, was wir für unsere Zukunft erreichen müssen. Die Natur lehrt uns Demut - mehr als jeder andere. Sicherlich ist der Mensch auf seine Art ein Wunder der Natur. Aber auch die Natur ist viel komplexer als wir es langläufig annehmen. Es gibt Prozesse, die wir wahrscheinlich nie verstehen werden. Wir müssen wachsam sein für die Signale, die uns die Natur sendet.

Harvey Locke: Traum von der Vernetzung der Naturparks

Die Yellowstone to Yukon Initiative ist die Idee, dass wir Schutzgebiete miteinander verbinden und einen Korridor schaffen, der vom Nationalpark bis hoch in den kanadischen Yukon reicht. Wir müssen die Größe der Natur anerkennen, so wie sie ist, und so mit ihr arbeiten. Jeden Frühling verlassen die Tiere den Park, um sich in den grünen Niederungen satt zu essen. Als es gelungen war, Bisons wieder anzusiedeln und als sie sich vermehrten, wurden viele erschossen, sobald sie die Parkgrenzen überquert hatten. Heute werden sie wieder in den Park zurückgescheucht, wo sie sicher sind vor Jägern - die Haltung der Menschen hat sich geändert.

Ein anderes Beispiel sind die Wölfe. Lange Zeit gab es hier keine, heute ist Yellowstone der beste Platz in Nordamerika um sie zu beobachten. Unser Traum ist, dass es eine natürliche Verbindung für sie gibt, dass sie bis nach Kanada wandern könnten. Und diese Idee soll sich in der ganzen Welt verbreiten! Wenn wir eine engere Beziehung zur Natur bekommen, dann werden wir auch bessere Menschen.

Der Mensch ist nur eine Spezies von vielen

Ich komme so gern im Frühling in die Yellowstone-Region, weil ich dann all die Tiere beobachten kann und immer wieder neu erlebe, wie viel sich hier ständig wandelt. Yellowstone ist die Geburt der Idee, dass wir die Natur im Interesse der Menschheit beschützen. Und diese Idee verbreitet sich mittlerweile um die ganze Welt – hier ist der Ausgangspunkt dieser universellen Idee. Mein erster Besuch im Yellowstone Park liegt 36 Jahre zurück und ich fühlte mich vom ersten Moment an zuhause, obwohl ich selbst direkt am berühmten Banff National Park in den kanadischen Rocky Mountains lebe. Ich dachte mir: Mensch, das ist hier wie bei uns. Banff ist der dritte Nationalpark der Welt, Yellowstone war der erste.

Als auf der Erde nur eine Milliarde Menschen lebten, gab es andere Notwendigkeiten für Nationalparks. Wir Menschen mussten uns keine Gedanken darüber machen, was die Natur benötigt, wir haben von ihr gelebt und sie genutzt. Wir haben Minen gegraben, wir nutzen das Öl und das Wasser, das in gutem Zustand war. Aber mittlerweile leben über sieben Milliarden Menschen auf unserem Planeten und wir beuten die Natur viel zu sehr aus. Hier können wir sehen, wie sich die Natur entwickelt, wenn man sie in Ruhe lässt. Hier im Yellowstone National Park lernen wir, dass dies die normalen Bedingungen sein sollten wie Mensch und Natur im Einklang leben könnten. Es könnte das neue Normale werden, dass die Menschen des 21. Jahrhunderts sich darüber Gedanken machen, was der Natur nützt und hilft.

Die Herausforderung, sagen Wissenschaftler, ist, dass wir inzwischen auf einem Kollisions-Kursus sind. Wir erleben den Klimawandel. Die weltweiten Fischbestände gehen dramatisch zurück. Immer mehr Tierarten sterben aus. Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir nur eine Spezies unter vielen sind. Wir müssen im Einklang mit der Natur leben, sonst werden wir eines Tages die Konsequenzen tragen müssen. Ohne die Natur können wir nicht existieren.

Wie eine Hamburgerin in den Yellowstone zog

Susanne Hülsmeyer-Sinay kommt aus Hamburg und lebte dort, bis sie 27 Jahre alt war. Die gelernte Aussenhandelskauffrau zog in die USA und nach Holland und wanderte schließlich in die USA aus. Zunächst hatte sie ein Bed & Breakfast in den Rocky Mountains, bis sie ihren jetzigen Mann kennenlernte, mit dem zusammen sie Reisende ins Hinterland des Parks führt. Susanne und Ken leben in der Nähe von Livingston, mit fünfzehn Lamas, einem Hund und vier Katzen. Sie sind dem Wolfsexperten Doug Smith freundschaftlich verbunden und beobachten besorgt schießwütige Amerikaner, die im Herbst "alles niederballern, was aus dem Park kommt". Im Film trifft Susanne auf Jagdausrüster Bill Hoppe in Gardiner.

Vom "USA-Virus" gepackt

Susanne erzählt: Es geschieht nicht oft im Leben, dass man aufwacht und sagt, ich will jetzt in USA leben - und zwar in Montana. In Hamburg arbeitete ich als Fremdsprachenkorrespondentin. Mit der Carl Duisburg Gesellschaft kam ich für zwei Jahre in die USA und rutschte in New York in eine internationale Außenhandels-Karriere, die sich in Amsterdam, Niederlande, noch fünf Jahre fortsetzte. Doch der Westen der USA hatte es mir angetan, ich war dort drei Monate lang gereist. So bin ich "ausgestiegen", mit meinem damalgen englischen Freund: Job gekündigt, Möbel verkauft, alles aufgegeben - und ab ging's wieder in die USA.

Wir reisten mit einem Wohnmobil von der Sorte, die man mit einem großen Truck zieht. Aber nach zwei Jahren blieben wir auf meinen Wunsch hin in Montana. Wir erwarben ein fast fertiges Holzhaus hoch in den Bergen bei Livingston und konnten bald das "Wilderness Bed & Breakfast" eröffnen. Dann kamen schon die Lamas dazu, mit denen wir Wanderungen in die Wildnis anboten.

Die Kraft der Natur spüren

Der nahe Yellowstone National Park war von Anfang an großartig – vor allem "philosophisch" für mich selbst. Mein Ziel, am Herzen der Wildnis zu leben, war mir immer wichtiger geworden. Der tiefe Wunsch, die Kraft der Natur und der Naturgewalten zu spüren, sich auf Wanderungen zu verlieren, darüber zu schreiben und nachzudenken, mit den Gesetzen der Natur klarzukommen – auch im Alltag in unserem Berghaus, das am Anfang keine Elektrizität und Wasser hatte – wurde nun erfüllt.

Nach mehreren Jahren aber endete die Beziehung zu meinem Engländer, wir verkauften das Anwesen, ich nahm die Lamas und die Katzen und kam von meinem Berg herunter. Es begann eine harte Zeit, in der ich immer auf den Sinn meines "Abenteuers" vertraute. Ich kam zur "Yellowstone Safari Company", die nach meiner Einstellung neue Ausmaße annahm, nicht zuletzt weil der Besitzer der Firma, Ken, und ich uns näher kamen und nach drei Jahren heirateten. Kurz darauf wurde ich mir mit einer Freundin einig und kaufte deren Firma "Yellowstone Lamas".

Glücksfall für den Naionalpark: Lamas

In diesen 21 Jahren hat sich nicht nur mein Leben, sondern auch der Park unglaublich verändert. Tagtäglich beobachte ich, wie schwierig das Mandat des Park Service ist, den Schutz und die Erhaltung der Natur und ihrer tierischen und pflanzlichen Einwohner mit dem extremen Tourismus zu vereinbaren. Und dann kommen noch die Anwohner an den Grenzen des Parks dazu. Das ist hier alles sehr komplex und dynamisch.

Im Yellowstone gab es von jeher "Pack Trips", traditionell mit Pferden und Maultieren, aber unsere Lamas sind leichter und für das empfindliche Ökosystem des Parks besser geschaffen. Natürlich reitet man Lamas nicht, sondern man wandert mit ihnen; sie tragen Gepäck, Zelte, Verpflegung. Die Auswirkung einer Gruppe mit Lamas auf die Umwelt ist minimal im Vergleich zu Pferden, die mit ihren Hufen schnell die Wege zerstören. Eine Biologin begleitet uns und informiert über Natur, Tiere und aktuelle Projekte. Für mich sind diese Touren meine berufliche und aktive Verbindung zum wilden Herzen Yellowstones: Ich bringe Besuchern das echte Wesen des Yellowstone nahe und finde es selbst immer wieder.

Wölfe stehen für das Wilde im Yellowstone

Mein ganzes Leben hier ist mit dem Yellowstone National Park verwoben. Bei allen Wanderungen ins wilde Hinterland des Parks sehen wir Bären und Wölfe, Elche und Hirsche, Bisons und viele andere Tiere. Wir wollen sie erleben, aber in ihrem Lebensraum nicht stören. Bei 3,5 Millionen Besuchern im Jahr ist das sehr wichtig.

Ich habe mich von Anfang an besonders für die Wölfe interessiert und sie seit 1995, als die Auswilderung begann, beobachtet. So sind mir auch die vielen Schwierigkeiten und Kontroversen dabei vertraut. Wölfe sind ein wichtiger Grund für meine intensive Verbindung zum Yellowstone: sie versinnbildlichen das Wilde und sind für die Gesundheit des Ökosystems unabdingbar.

Amerikas beste Idee

Die Natur um ihrer selbst willen schützen – ein radikaler Gedanke, den John Muir zu einer Zeit formulierte, als es in der Wildnis Nordamerikas nur um eines ging: sie zu zähmen und für die europäischen Siedler nutzbar zu machen. Bereits 1832 hatte der Maler George Catlin auf seiner Reise durch den noch wilden Westen über gewaltige Bison-Herden in der Prärie gestaunt, aber zutiefst entsetzt seine Vorahnung berichtet, dass diese Tiere und mit ihnen die Indianer, die von ihnen lebten, eines Tages verschwinden würden.

Vierzig Jahre später wurde der Yellowstone National Park gegründet: John Muir hatte so aufklärerisch über die Wildnis geschrieben und der Geologe Ferdinand von Hayden hatte sie so unwiderstehlich fotografiert, dass Präsident Ulysses S. Grant diese grandiose Welt bewahren wollte. Die Nationalparks sind "Amerikas beste Idee", befand der Historiker Wallace Stegner aus Sicht des 20. Jahrhunderts. Bei der Gründung des National Park Service vor fast 100 Jahren 1916, ging es erstmal, sehr amerikanisch, darum: „Protect, promote, entertain!“. Aber Muir verband eine viel größere Vision mit seinem Kampf für die Nationalparks: Tiere und Pflanzen als "Mitsterbliche" zu erkennen und mit ihnen die Erde zu teilen.

Leben im Zauber der Wildnis

Beschützen, bewerben, unterhalten. Ungefähr 13 Prozent der Erdoberfläche sind heute Schutzgebiete – bedroht weniger von den Millionen Besuchern wie im 20. Jahrhundert, als von der Gefahr, dass Öl gefunden werden könnte. Fast 40 Prozent werden landwirtschaftlich genutzt – bringen aber nur die nötige Leistung, wenn die Balance der Natur stimmt.

Die Menschen, die wir in den Parks treffen, versuchen ein Leben "im Zauber der Wildnis" ganz im Sinne der Visionen Muirs: mit Tieren als Mitgeschöpfen im modernen Alltag. "Unser Leben im Einklang mit der Natur, mit Tieren und Pflanzen, das sollte das neue Normale im 21. Jahrhundert werden", sagt der Naturschützer Harvey Locke im Film. Er steht mittendrin, in den Bergen des Yellowstone National Park, unter ihm das Tal, wo Bison-Herden ziehen. Die Natur ruft!


Die Macher der Doku

Buch und Regie:    Robert Wortmann

Redaktion TV:         Dr. Susanne Becker

Redaktion Online:  Dirk Brämer

27.03.2016

Sendungsinformationen

Sonntag 27.03.2016, 14:55 - 15:40 Uhr

VPS 27.03.2016, 14:55 Uhr


Länge: 45 min.

Deutschland , 2014

Altersfreigabe: 6

|

Im Zauber der Wildnis - Banff

Der Banff National Park [mehr]

|

Im Zauber der Wildnis - Island

Abenteuer zwischen Feuer und Eis im Vatnajökull Nationalpark. [mehr]

|

Im Zauber der Wildnis - Denali

Ein Jahr im spektakulären Denali National Park. [mehr]

|

Im Zauber der Wildnis - Yukon

Magie des Yukon: Der Kluane National Park [mehr]

ZDFmediathek: Dokumentation

Versenden

Artikel versenden

Versenden Sie den Beitrag an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
schließen Beitrag versenden

Versenden

Hinweis

Der Beitrag wurde erfolgreich versendet.

schließen

Merkliste

Papierkorb Bild
Merkliste versenden Merkliste schließen

Merkliste

Merkliste versenden

Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
Zurück zur Merkliste Absenden Button

Merkliste

Hinweis

Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

Zurück zur Merkliste Merkliste schließen