zurück Startseite

Feiertage  | 01.04.2013  Die verschwundenen Frauen

Jesus und die vergessenen Säulen des Christentums

Maria Magdalena, einst wichtigste Jüngerin Jesu, wurde als Propagandafigur der katholischen Kirche missbraucht. Junia, eine berühmte Apostelin der Frühkirche, verwandelte sich unter der Feder eines Bibelkommentators in einen Mann. Phöbe, Vorsteherin einer frühen Christengemeinde, wurde als Hilfskraft des Apostel Paulus kleininterpretiert. Lydia, die erste Christin Europas, geriet fast 2000 Jahre lang in Vergessenheit. Es gab verschiedene Methoden, Frauen des frühen Christentums verschwinden zu lassen. Die Dokumentation versucht, die vergessenen Säulen des Christentums wieder sichtbar zu machen. 

Maria Magdalena

Jesus und die verschwundenen Frauen

Maria Magdalena, Lydia, Junia, Phöbe: Vier weibliche Vorbilder des frühen Christentums, die in Vergessenheit geraten sind. Wir gehen auf Spurensuche.

(01.04.2013)
Jesus

Eine Vorschau in Bildern

(01.04.2013)

Vor 2000 Jahren kündigte Jesus von Nazareth das Reich Gottes an, in dem alle Menschen gleich wären. In einer streng patriarchal geprägten Zeit war das revolutionär. Und so folgten dem charismatischen Wander-Prediger nicht nur Männer, sondern vielfach auch Frauen nach.

Schlüsselfiguren in Vergessenheit

Aufgrund einer männerzentrierten Sprache blieben sie in den Evangelien nahezu unerwähnt. Aber Frauen waren Zeuginnen des Todes Jesu, der Grablegung und schließlich seiner Auferstehung, die zum Grundstein des Christentums wird. Es ist Maria aus Magdala, die von Jesus den Auftrag erhält, die Frohe Botschaft zu verkünden. Sie wird damit zur ersten Apostelin. Doch gleich nach Erfüllung des Auftrags verschwindet die Schlüsselfigur des Ostergeschehens aus den kanonischen Evangelien. Der leere Raum, den sie hinterlässt, wird zum Nährboden abenteuerlicher Legenden. Aus der Apostelin Apostolorum (der Apostelin der Apostel) wird in der von Männern besetzten institutionalisierten Kirche die reuige Sünderin. Aus der Sünderin die asketische Büßerin. Aus der Büßerin ein laszives Pin-up-Girl der Kunst. Heute wird Maria Magdalena vielfach als Ehefrau Jesu empfunden. Aber ist auch dies nicht bloß eine weitere Übermalung, aus unserem Zeitgeist heraus geboren?

Eine folgenschwere Fehlinterpretation erfuhr auch Junia, die als wichtiges Bindeglied zwischen der Jesus-Bewegung und dem frühen Christentum gilt. Von den ersten Kirchenvätern noch als berühmte Apostelin gepriesen, erfährt sie im Mittelalter eine folgenschwere Geschlechtsumwandlung. Unter der Feder des Bibelkommentators Ägidius von Rom wird aus Junia ein Apostel namens Junias. Das Versehen eines unausgeschlafenen Augustiners? Oder Ergebnis eines männerorientierten Weltbildes? Und warum fristet Apostelin Junia in allen gängigen Bibelausgaben bis heute ein Dasein als Mann?

Priesterin in der katholischen Kirche?

Fragen, die direkt zum Thema "Stellung der Frau in der heutigen Kirche" führen. Als eine ihrer Vertreterinnen lernen die Zuschauer die junge Theologiestudentin Jacqueline Straub kennen. Ihr Wunsch ist, erste Priesterin der katholischen Kirche zu werden. Ein hoffnungsloses Unterfangen? Oder gibt es in der Bibel weitere Vorbilder, auf die sich die junge Frau berufen kann? Jacquelines Recherchen führen nach Kenchreä bei Korinth und nach Philippi. In Kenchreä trifft sie auf die Spuren einer Mitarbeiterin des Apostel Paulus: Phöbe. In Philippi fand die erste Taufe auf Europäischem Boden statt. Es war eine Frau, die diesen mutigen Schritt tat. Ihr Name war Lydia. Heute leben 537 Millionen Christen in Europa. Doch das Erbe der frühchristlichen Pionierinnen ist eine Kirche, die durchweg von Männern regiert wird.

Experten in der Dokumentation

Andrea Taschl-Erber

Andrea Taschl-Erber

Die Bibelwissenschaftlerin Andrea Taschl-Erber hat ein Standardwerk über Maria von Magdala geschrieben. Hier erklärt sie, wie es dazu kam, dass aus der Heiligen eine Hure wurde:

"Die Überlieferung, dass Maria Magdalena als Erste den Auferstandenen gesehen und von ihm den Auftrag zur Verkündigung bekommen hat - das ist natürlich eine Geschichte,  die in der damaligen Gesellschaft und Weltordnung provokant war. Subversiv könnte man sagen. Und die Kirchenväter haben durchaus nach Strategien gesucht, wie sie diesen Verkündigungsauftrag der Maria von Magdala, der ja im Widerspruch steht zu dem allgemeinen Lehr-, und Verkündigungsverbot der Frauen, kontrollieren können. Eine dieser Strategien ist, Maria von Magdala in Verbindung mit Eva zu bringen, mit der ersten Frau, die die Sünde, den Tod in die Welt gebracht hat. Und zu sagen: Das, was am Ostermorgen passiert, das ist so etwas wie die Wiedergutmachung des ersten Sündenfall, damit die Heilsgeschichte wieder ins Lot kommt. Diese ganze Geschichte: Frauen sind Sünderinnen, und Maria von Magdala ist eine Vertreterin dieses sündigen Geschlechts - das wird später so dominant, dass es nur mehr ein Schritt ist, sie selber dann auch als Sünderin zu stilisieren.

Wir haben sie heute weniger als mächtige Heilige im Kopf, sondern eher als diese erotische Sünderin, diese Büßerin, die lasziv am Boden liegt oder kniet. Da kommt sehr viel Erotik ins Spiel. Und diese Erotik war dann vielleicht auch in der Neuzeit ein Grund, warum diese Figur so beliebt geworden ist. Man hatte eine Femme Fatele im Christentum. Die, die Hure-Heilige in einer Person ist, obwohl das ja nicht die eigentliche Geschichte der Maria Magdalena ist."

Elisabeth Schüssler-Fiorenza

Prof. Elisabeth Schüssler-Fiorenza

Professorin Elisabeth Schüssler-Fiorenza ist Pionierin der feministischen Theologie und Autorin zahlreicher Publikationen zu diesem Thema:

"Das Ziel der feministischen Theologie ist, Frauen wieder geschichtlich sichtbar zu machen", sagt Elisabeth Schüsler-Fiorenza, die Frauen in Schlüsselrollen im Neuen Testament sieht. "Nach jüdischer Tradition salbt der Prophet den Messias oder den König. Von da her hat das Markus Evangelium eine ganz wichtige Funktion - oder die Frau hat eine ganz wichtige Funktion im Markus Evangelium: Weil durch eine Frau Jesus zum Messias erklärt wird."

Auf den Hinweis, dass das Lehramt der römisch-katholischen Kirche behauptet, dass Jesus nur Männer in seine Nachfolge berufen hat, entgegnet sie: "Und das ist historisch und theologisch total falsch. Kein Wunder, dass die Leute dann aus der Kirche austreten, weil sie nicht mehr glauben können oder weil sie einfach nicht verstehen, warum diese Theologie gepredigt wird, die nicht stimmt."

Hans-Gebhard Bethge

Prof. Hans-Gebhard Bethge

Professor Hans-Gebhard Bethge ist Spezialist für Sprachen und apokryphe Evangelien. Im Film hilft er mit, die Rolle der Junia zu deuten, die im Mittelalter zum männlichen Junias wurde:

Bei Andronikus und Junia "kann man wahrscheinlich vermuten,  dass sie gemeinsam als Ehepaar Missionsarbeit betreiben. [...] Johannes Chrysostomos geht davon aus, dass  Andronikus und Junia Mann und Frau sind. Auf der anderen Seite es gibt die sehr starke Tradition, dass die Apostel Männer sind. Die berühmten zwölf Apostel, der Zwölferkreis um Jesus, das waren Männer. Dass eine Frau Apostelin genannt wird, das ist schon sehr auffällig."

Junia wird jedoch nicht nur als eine Apostelin bezeichnet, sie war "berühmt unter den Aposteln", nahm eine Sonderstellung ein. Wie ist das einzuordnen? "Ein Apostel zu sein ist etwas Großes. Aber berühmt unter den Aposteln, bedenke, welch großes Lob das ist. Wie groß muss die Weisheit dieser Frau gewesen sein, dass sie für den Titel Apostel würdig befunden wurde? Das hat kein Geringerer gesagt als Johannes Chrysostomos, ein bedeutender Lehrer in der alten Kirche."

Ute Eisen

Prof. Ute Eisen

Die Frankfurter Theologin und Professorin Ute Eisen ist Spezialistin für Lydia, Phöbe und Junia. Sie möchte, dass wir das Neue Testament mit neuen Augen betrachten:

"Frauen waren mobil. Frauen waren berufstätig. Frauen waren gemeindeaktiv. Das lässt sich nicht nur im Neuen Testament beobachten, es zeigt sich auch in anderen antiken Schriften. In Inschriften wird das deutlich. Dieser Versuch, Frauen im Grunde in diese Mutter- und Familienrolle zu pressen, funktioniert einfach nicht, wenn man die Quellen ernst nimmt.

Der Römerbrief des Paulus ist vor allem wegen der Grußliste im sechzehnten Kapitel interessant. Diese Grußliste umfasst sechzehn Verse und es werden achtundzwanzig Christen und Christinnen in der Gemeinde in Rom von Paulus gegrüßt. Diese Grußliste ist deshalb besonders interessant, insbesondere natürlich auch für die Gegenwart, weil hier ein Drittel Frauen gegrüßt werden. Das ist doch das, was wir heute fordern: Ein Drittel Frauen in entsprechende Positionen! Und das können wir hier schon in frühchristlichen Gemeinden beobachten. Die hatten das schon umgesetzt. Natürlich wollen wir ja mehr als nur ein Drittel. Mindestens fünfzig Prozent..."

Jacqueline Straub

Jacqueline Straub

Jacqueline Straub ist Theologiestudentin und möchte gerne Priesterin werden:

"Mein großer Traum ist, Priesterin in der katholischen Kirche zu werden. Ich glaube, in dem Beruf oder in der Berufung "Priesterin" kann ich vor allem in der Eucharistiefeier Jesus so nahe kommen, wie in keinem anderen Beruf. Es haben schon viele Leute zu mir gesagt: "Dann geh doch zu den Protestanten." Aber ich sage klar und deutlich: Nein. Ich bin katholisch und ich werde katholisch bleiben. Ich habe den Wunsch, dass man in der Kirche etwas bewegt, und nicht von außen."

Die Theologiestudentin beschäftigt sich intensiv mit dem Bild der Frauen im frühen Christentum. Hier ihre Einschätzung, wie man die Schriften lesen sollte: "Wenn Jesus von den Brüdern spricht, dann muss man sich automatisch auch die Schwestern mitdenken. Und wenn er von den Söhnen Gottes spricht, automatisch die Töchter Gottes. Die damalige Zeit, die war einfach so geprägt: Es gab das männerorientierte Weltbild. Es war eine männerorientierte Sprache."

Maria Magdalena ist für Jacqueline Straub ein großes Vorbild: "Für mich ist Maria Magdalena die Vorreiterin, denn sie konnte bei Jesus dabei sein. Sie ist für mich ein ganz, ganz großes Vorbild für die Frauen, die heute diesen Wunsch haben und ihn im Herzen verspüren. Jesus hat sie akzeptiert und aufgenommen. Sie war extrem wichtig für Jesus. Und darum denke ich auch, dass es an der Zeit wäre, etwas zu ändern in der Kirche."

01.04.2013

Weitere Sendungen zu Feiertagen

ZDFmediathek

  • Dokumentation | 26.12.2015, 18:15

    Die Äbtissin

    Noch im 19. Jahrhundert sollen Frauen in der katholischen Kirche höchste Ämter bekleidet haben. Ihre ... VIDEO

  • God´s Cloud | 25.12.2015, 05:55

    Wer war Jesus - eine Spurensuche

    Jesus Christus: ein Mann, ein Name und eine Geschichte. Keiner weiß, wie er aussah, wie er lebte ... VIDEO

  • God´s Cloud | 25.12.2015, 05:30

    Mord und Totschlag im Namen Gottes

    Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht von Gewalt, Konflikten und gar Kriegen berichtet wird, in die ... VIDEO

  • Dokumentation | 06.12.2015, 00:20Nachtprogramm

    Der Katakombenpakt

    "Wir verzichten auf Titel, Luxus und leben mit den Armen!" So schwören 40 katholische Bischöfe 1965 ... VIDEO

  • Dietrich Grönemeyer – Leben ist mehr! | 14.05.2015, 16:20

    Leben ist mehr! an Christi Himmelfahrt

    Zu Christi Himmelfahrt trifft Dietrich Grönemeyer Christian H., der sich gegen die ... VIDEO

  • Dokumentation | 30.04.2015, 23:00

    Päpstliche Friedenspolitik

    Der Vatikan will eine aktivere Rolle bei der Vermittlung in politischen Konflikten übernehmen. ... VIDEO

  • Dokumentation | 03.04.2015, 19:30

    Der Apokalypse-Code

    Die Johannes-Apokalypse prägt unsere Vorstellungen vom Weltende. "Apokalypse" ist der ... VIDEO

  • Dietrich Grönemeyer – Leben ist mehr! | 03.04.2015, 15:40

    Leben ist mehr! am Karfreitag

    Dietrich Grönemeyer trifft Frank Wirth, dessen Leben sich von einem auf den andern Moment für immer ... VIDEO

  • Dokumentation | 13.03.2015, 18:50

    Vatikanexperte Politi im Interview

    Vatikanjournalist Marco Politi beobachtet seit Jahrzehnten die Päpste. Er geht davon aus, dass ... VIDEO

  • Dokumentation | 13.03.2015, 18:50

    Jesuit Scannone im Interview

    Der Jesuit Juan Carlos Scannone war der Lehrer Jorge Mario Bergoglios in Griechisch und Literatur. ... VIDEO

Sendungsinformation

Sendedatum:          01.04.2013 um 19:30 Uhr
Buch & Regie:        Maria Blumencron
Redaktion:              Barbara Krenn (ORF)
                               Michaela Pilters (ZDF)
                               Christa Miranda (SRF)
Kamera:                 Erik Schimschar, Michael Baum
Schnitt:                   Markus Wogrolly
Online-Redaktion:  Uschi Hansen

Feiertage |

Maria Magdalenas wahre Geschichte

Filmautorin Maria Blumencron über "Jesus und die verschwundenen Frauen" [mehr]

Versenden

Artikel versenden

Versenden Sie den Beitrag an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
schließen Beitrag versenden

Versenden

Hinweis

Der Beitrag wurde erfolgreich versendet.

schließen

Merkliste

Papierkorb Bild
Merkliste versenden Merkliste schließen

Merkliste

Merkliste versenden

Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
Zurück zur Merkliste Absenden Button

Merkliste

Hinweis

Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

Zurück zur Merkliste Merkliste schließen