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Thema  | 02.02.2016  Medikamententests in Heimen

Kinder als Versuchskaninchen

Deutsche Pharmafirmen haben in den 50er und 60er Jahren Medikamententests an Heimkindern durchgeführt. Nach Recherchen von Frontal21 wurden in verschiedenen westdeutschen Einrichtungen Neuroleptika erprobt - ohne Einwilligung der Kinder und Jugendlichen. Doch die leiden bis heute unter den Folgen des jahrelangen Medikamentenmissbrauchs. 

Kind nimmt Tablette

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(02.02.2016)
Kind nimmt Medikament

In westdeutschen Kinderheimen haben verschiedene Firmen offenbar Medikamente wie Psychopharmaka ausprobiert.

(Quelle: ZDF)

von Otto Langels und Daniela Schmidt-Langels

Pharmafirmen wie Merck oder die Tropon-Werke Köln haben in den 50er und 60er Jahren an Heimkindern Medikamente testen lassen. Nach Recherchen von Frontal21 wurden beispielsweise in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Wunstorf bei Hannover, den Rotenburger Anstalten bei Bremen sowie im Landeskrankenhaus Düsseldorf an den weitgehend recht- und wehrlosen Insassen unter anderem Neuroleptika erprobt.

Zusammenarbeit mit ehemaligen NS-Ärzten

Bis heute leiden ehemalige Heimkinder unter gravierenden gesundheitlichen Folgen des jahrelangen Medikamentenmissbrauchs. Sie klagen über Herzkreislauferkrankungen und Diabetes, sehen sich als "Versuchskaninchen". In Frontal21 sprechen sie erstmals über ihr Schicksal. Experten gehen davon aus, dass die erzwungene missbräuchliche Einnahme von Neuroleptika zu einer Verkürzung der Lebenszeit von bis zu 20 Jahren führt.

Die genannten Pharmahersteller scheuten damals nicht die Zusammenarbeit mit ehemaligen NS-Ärzten, wie zum Beispiel mit Hans Heinze und Friedrich Panse. Beide leiteten Medikamententests mit Heimkindern und waren während der NS-Zeit als Gutachter in das Euthanasie-Mordprogramm T4 der Nazis verstrickt. Die Firma Merck räumt ein, das Unternehmen habe Medikamentenstudien in Auftrag gegeben, bei denen auch Kinder in Heimen mit jugendpsychiatrischer Ausrichtung behandelt wurden. Merck verweist auf eine damals völlig andere Gesetzeslage zur Dokumentation von Medikamententests. Die Troponwerke Köln, inzwischen im Besitz der Firma MEDA, lehnten ein Interview und jede schriftliche Stellungnahme dazu ab.

Mit Psychopharmaka vollgepumpt

In den 50er und 60er Jahren wurden in der Bundesrepublik Deutschland Tausende Heimkinder zu Unrecht in psychiatrischen Anstalten eingewiesen, weil Gutachter sie fälschlicherweise als "schwachsinnig" eingestuft hatten. Dort, aber auch in "normalen" Heimen, wurden viele Kinder und Jugendliche nicht nur misshandelt und sexuell missbraucht, sondern auch mit Psychopharmaka vollgepumpt, um sie ruhig zu stellen. Im Abschlussbericht des Runden Tisches aus dem Jahr 2010 heißt es: „Der Medikamenteneinsatz in der Heimerziehung, das Zusammenwirken von Heimerziehung und Psychiatrie und die Beteiligung von Ärzten an solchen Versuchen sind für die 50er und 60er Jahre noch kaum erforscht und bedürfen der weiteren Aufarbeitung.“

02.02.2016, Quelle: ZDF/Frontal21

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