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Thema  | 16.06.2015  Quecksilbergefahr aus der Kohle

Aus europäischen Kohlekraftwerken wird tonnenweise das Nervengift Quecksilber freigesetzt – Emittent Nummer eins ist Deutschland. Nun hat die EU erstmals Quecksilber-Grenzwerte für Kohlekraftwerke festgelegt. Doch die halten Umweltverbände für zu lasch. 

von Hans Koberstein

Quecksilber ist ein Nervengift. Schon kleinste Mengen können das ungeborene Baby im Mutterleib schädigen. Das Quecksilber im Blut der Mutter gelangt über die Nabelschnur in das Gehirn des ungeborenen Kindes und hemmt die Entwicklung der Nervenzellen, erklärt die Umwelttoxikologin Ellen Fritsche vom Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf. "Das Kind verliert an Intelligenz", so Fritsche. Etwa ein Drittel aller neugeborenen Babys haben eine bedenkliche Menge Quecksilber im Körper, fand jüngst eine von der EU-Kommission finanzierte Studie heraus. "Das bedeutet weniger Hochbegabte und dafür eine höhere Anzahl an mental Retardierten", erläutert Fritsche.

Nervengift gelangt in Nahrungskette

Die größte Quelle für das Nervengift in Europa sind Kohlekraftwerke, allen voran Deutschlands Braunkohlekraftwerke. Braunkohle enthält besonders viel Quecksilber, das nach der Verbrennung im Kraftwerk in die Luft gelangt. 2013 haben allein die großen Kohlekraftwerke der Stromriesen Eon, RWE und Vattenfall 3.325 Kilogramm von dem Nervengift in die Luft geblasen, so die amtlichen Zahlen aus dem europäischen Schadstoffregister E-PRTR. Doch die Energiekonzerne erklären dazu auf Anfrage von Frontal21, die Emissionen seien gesetzeskonform.

Infografik

Quecksilberausstoß deutscher Braunkohlekraftwerke

Infografik: Quecksilberemissionen deutscher Braunkohlekraftwerke 2013

Über die Luft gelangt das Gift mit dem Regen in Gewässer, reichert sich in Fischen an und wird über die über die Nahrungskette vom Menschen aufgenommen. Es ist ein internationales Problem. Deshalb hat sich die internationale Staatengemeinschaft in der sogenannten "Minamata-Konvention" der UNO dazu verpflichtet, die Emissionen so weit wie möglich zu senken.

Deutsche Technik reduziert Quecksilberausstoß

Jetzt hat die EU Anfang Juni nach mehrjährigen Verhandlungen Grenzwerte für Quecksilber aus Kohlekraftwerken vorgelegt. Für Kommissionssprecher Silvio Brivio ein Erfolg: "Erstmals hat die EU Höchstwerte für Quecksilber definiert", so Brivio. Doch diese Grenzwerte sind für Umweltgruppen viel zu lasch.

Hinweis: Online-Petition zum Thema

Unser Bericht über die Missstände beim Ausstoß von Quecksilber aus Kohlekraftwerken hat eine Frontal21-Zuschauerin dazu veranlasst, eine Online-Petition mit demTitel "Quecksilber aus Kohlekraftwerken drastisch reduzieren" zu starten.

So sollen Steinkohlekraftwerke ab 2020 höchstens vier Mikrogramm Quecksilber pro Kubikmeter Luft ausstoßen - in den USA gelten heute schon 1,4 Mikrogramm. Für Braunkohlekraftwerke sollen großzügige sieben Mikrogramm als EU-Höchstwert gelten. "Technisch machbar sind weniger als ein Mikrogramm", sagt Christian Schaible vom Europäischen Umweltbüro. Das zeigten große US-Kraftwerke, die eine eigene Quecksilber-Abscheidetechnik installiert hätten – die Technik stammt aus Deutschland.

So bietet etwa der deutsche Kraftwerksbetreiber Steag günstige Technik zur Quecksilberabscheidung an. Gleich mehrere Dutzend US-Kraftwerke bedienen sich eines Verfahrens, das von dem deutschen Ingenieur Professor Bernhard Vosteen erfunden und patentiert wurde: Auf die Kohle werden vor der Verbrennung kleinste Mengen Bromid gesprüht – dadurch lässt sich das Quecksilber aus dem Rauchgas abtrennen. "Die Kosten sind gering – ein sehr großes US-Kraftwerk in Alabama hat dafür weniger als eine Million Dollar bezahlt", erklärt Professor  Vosteen gegenüber dem ZDF.

Kraftwerksbetreiber entscheiden über EU-Grenzwerte

Warum setzen deutsche Kraftwerksbetreiber die Quecksilber-Abscheidetechnik nicht ein? Vattenfall, RWE und Eon bezweifeln, dass sich die Technik auf die eigenen Kraftwerke übertragen lässt. Man habe die Quecksilberemissionen bereits reduziert und arbeite an einer weiteren Minderung, heißt es bei Vattenfall.  Eon erklärt knapp, man halte die gesetzlichen Bestimmungen ein.

"Die Industrie hat dafür gesorgt, dass die neuen Höchstwerte äußerst großzügig ausfallen", kritisiert Schaible. Er war Mitglied der EU-Arbeitsgruppe, welche die neuen EU-Höchstwerte festgelegt hat. Den insgesamt acht Umweltschützern hätten in der Arbeitsgruppe 155 Industrievertretern gegenübergesessen, allen voran Kraftwerksbetreiber. Sie stellten die Mehrheit. "Diejenigen, die reguliert werden sollen, dürfen selbst über die neuen Grenzwerte entscheiden“, kritisiert Andree Böhling von Greenpeace.  Da sei es kein Wunder, dass die Kraftwerksbetreiber mit den neuen EU-Höchstwerten für Quecksilber "weitermachen dürfen wie bisher", so Böhling. Wenn die EU-Mitgliedsstaaten keine strengeren Werte festlegen, müssen die meisten Kohlekraftwerke Europas gar nichts ändern, sie werden weiterhin Jahr für Jahr tonnenweise das Nervengift Quecksilber in die Luft blasen.

16.06.2015

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