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Thema  | 15.03.2016  Sprachlehrer für Flüchtlinge

Schlecht bezahlt und ausgenutzt

Jeder Zuwanderer muss in Deutschland einen Integrationskurs absolvieren. Qualifizierte Lehrer werden dafür dringend benötigt. Doch sind sie viel schlechter gestellt als ihre angestellten Kollegen, etwa in den Berufsschulen. 

Sprachlehrerin im Unterricht

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(15.03.2016)

von Beate Frenkel und Michael Haselrieder

"Helfen und Geld verdienen“ - so wirbt im November der Verband der Fahrschulen, neben Führerscheinprüfungen auch Deutsch für Flüchtlinge anzubieten. Finanziert werden diese Einstiegskurse von der Bundesagentur für Arbeit. Mindestens 4,50 Euro gibt es pro Unterrichtseinheit und Asylsuchendem. Besondere Qualifikationen sind nicht erforderlich. Von solchen Bedingungen können Sprachschulen bei ihren regulären Integrationskursen nur träumen, erklärt Hartmut Wessel, Leiter einer Sprachschule in Bonn.

Können von ihrer Arbeit kaum leben

Das zuständige Bundesamt für Migration und Flüchtlinge fordert deutlich mehr von den eigens zertifizierten Sprachlehrern, zahlt aber so wenig, dass die von ihrer Arbeit kaum leben können. Als Honorarkräfte müssen die Lehrer ihre Krankenkassen- und Rentenversicherungsbeiträge komplett selbst zahlen, wer krank wird bekommt nichts. Da bleibt vielen gerade einmal 1.000 Euro netto im Monat. Die Folge: Qualifizierte Lehrer suchen sich eine besser bezahlte Alternative. Dabei werden sie gerade jetzt dringend benötigt.
Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) erklärt, er halte eine höhere Eigenbeteiligung der Asylbewerber für richtig. "Dann können wir auch den Lehrkräften mehr bezahlen“, so der Bundesminister gegenüber Frontal21. Kritiker aus seiner eigenen Partei hingegen fordern deutlich mehr finanzielle Mittel seitens der Bundesregierung. “Wer bestellt, muss auch zahlen“, sagt Annegret Kramp-Karrenbauer, saarländische CDU-Ministerpräsidentin und Präsidentin des Deutschen Volkshochschul-Verbandes. “Wenn wir keine Sprachlehrer mehr finden, weil die Arbeitsbedingungen inakzeptabel sind, dann fällt das auf den Besteller der Sprachkurse, den Bund, zurück.“ Deswegen liege die Verantwortung dort. “Die Bundesregierung muss sich bewegen“, so die Politikerin.

Intensive Betreuung notwendig

Deutschland habe bisher keine ausreichende Strategie, um die Flüchtlinge zu integrieren, warnt Bildungsökonom Ludger Wößmann, Professor an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die Herausforderung sei groß: "Nur etwa zehn Prozent der syrischen Flüchtlinge haben einen Hochschulabschluss", so Wößmann. "Gleichzeitig haben rund zwei Drittel ein so niedriges Bildungsniveau, dass sie dem Unterricht nicht folgen können.“ Sie bräuchten deshalb eine besonders intensive Betreuung, um für den Arbeitsmarkt fit zu werden.

Finanzierung in der CDU umstritten

In der CDU ist die Finanzierung von Sprach- und Integrationskursen von Flüchtlingen umstritten. Saarlands Ministerpräsidentin und CDU-Präsidiumsmitglied Annegret Kramp-Karrenbauer fordert die Bundesregierung auf, mehr Geld für die Bezahlung von Sprachlehrern bereitzustellen. "Wenn wir keine Lehrer mehr finden, weil einfach die Arbeitsbedingungen inakzeptabel sind, dann fällt das auf den Bund zurück. Der Bund steht hier in der Verantwortung. Wer bestellt, muss auch bezahlen", sagte Kramp-Karrenbauer, die zugleich Präsidentin des Volkshochschulverbandes ist, am Dienstagabend (15.03.) in Frontal21.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) äußerte sich dagegen zurückhaltend zu solchen Forderungen: "Wir geben ungefähr eine halbe Milliarde Euro aus, um Integrationskurse für möglichst viele zu öffnen. Und deshalb muss man mit einer Erhöhung der Vergütung vorsichtig sein." Der haushaltpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Eckhardt Rehberg forderte in Frontal21, die Ministerien müssten das Geld für Sprachkurse effizient einsetzen: "Ich erwarte, dass die Bundesregierung noch vor der Sommerpause ein schlüssiges Gesamtkonzept auf den Tisch legt, damit man auch davon ausgehen kann, dass Sinn und Zweck der Programme erfüllt werden."

Im Verantwortungsbereich der Bundesregierung gibt es derzeit rund 100 Programme von den offiziellen Integrationskursen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) bis hin zu Sprachkursen der Arbeitsagentur für Arbeit. Das BAMF, das Bundesinnenminister de Maizière untersteht, hat die Vergütung für die Träger pro Unterrichtsstunde und Flüchtling von 2,94 Euro auf 3,10 Euro erhöht. Das sei zu wenig, um die Sprachlehrer ordentlich zu bezahlen, kritisierte VHS-Präsidentin Kramp-Karrenbauer und forderte eine Erhöhung auf 4,40 Euro.

Die meisten Sprachlehrer für Erwachsene arbeiten in Deutschland als Honorarkraft. Sie  müssen Renten- und Sozialversicherungsbeiträge selbst zahlen. Viele verdienen nur knapp 1.000 Euro netto im Monat, kritisiert die Gewerkschaft GEW.

15.03.2016, Quelle: ZDF/Frontal21

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    Sendung vom 15. März 2016

    Themen: Enteignete Sparer, Digitale Arbeitswelt, Putin fördert Europas Rechte, Richter vor Gericht ARTIKEL

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