zurück Startseite

Leschs Kosmos  | 20.10.2015  Geldgier

Wahnsinn mit Methode

Heutzutage beherrscht der sogenannte Hochfrequenzhandel die internationalen Finanzmärkte – in einer für uns unvorstellbaren Geschwindigkeit: Tausende Aktien werden mit automatisierter Software in Millisekunden gehandelt. Gefährlich wird es, wenn eine anhaltend hohe Nachfrage die Preise über Wert steigert. Spekulationsblasen sind die Folge. Was lässt Anleger und Makler immer wieder in die Falle tappen? Legt die Gier des Menschen seine Vernunft lahm? 

Digitale Börsentafel

Professor Harald Lesch gibt Einblicke in ein System aus Gier, Macht und hochriskanten Spekulationen.

(20.10.2015)
Probant sitzt vor einem Bildschirm

Wie untersucht man Gier?

Ein Experiment an der Uni Würzburg zeigt, dass gierige Menschen anders ticken als Bescheidene.

(20.10.2015)

Harald Lesch mit einem Kommentar zum Thema der Sendung.

(20.10.2015)

Forscher gehen der Frage nach, welche Verhaltensweisen zu riskanten finanziellen Transaktionen führen. Ist die Gier im Menschen angelegt oder ein Ergebnis der Sozialisation? Und welches Risiko bergen die Mechanismen der Finanzmärkte? Professor Harald Lesch gibt Einblicke in ein System aus Gier, Macht und hochriskanten Spekulationen.

Zeit ist Geld

Der Wimpernschlag eines Menschen dauert 100 Millisekunden. In dieser für Computer langen Zeitspanne kaufen oder verkaufen Programme Tausende von Aktien. Um im Wettbewerb die Nase vorn zu haben, wird jede Nanosekunde herausgekitzelt. Je näher am Übergabepunkt einer Datenleitung, je näher an der Börse, desto größer die Zeitersparnis. Hunderttausende von Dollar Miete sind die Händler bereit dafür zu zahlen. Eine lohnende Investition. Computer brauchen keine Aktienanalysten. Sie sezieren keine Unternehmensbilanzen. Stattdessen werden Orderströme in den Märkten durchkämmt. Blitzartig erteilte Aufträge werden generiert. Berechnet durch Algorithmen. Der Mensch hat diese Programme entwickelt. Eingreifen kann er offenbar nicht mehr. Im Mai 2010 brechen wie aus dem Nichts die Kurse an der Wall Street ein. Es gibt einen sogenannten Flash Crash. Eine Billion Dollar Marktkapital werden vernichtet. Lange glaubt man, ein Fehler in der Software sei für den Blitzeinbruch an der US-Börse verantwortlich gewesen. 

300 Mio Dollar für sechs Millisekunden

Zwischen den Finanzmetropolen New York und London, über eine Strecke von rund 6.000 Kilometern, wurde das derzeit modernste Glasfaserkabel im Meer verlegt und erst vor wenigen Wochen in Betrieb genommen. Die Nutzung des Kabels soll die Übertragungszeit von 65 auf 59 Millisekunden reduzieren. Das bringt den Kunden einen Geschwindigkeitszuwachs von sechs Millisekunden. Bei Baukosten von 300 Millionen US-Dollar scheint die Zeitersparnis absurd. Doch Zeit ist Geld. Nirgendwo ist diese Aussage bedeutender als an der Börse.

Profit spring bei diesem Projekt wohl für alle Beteiligten heraus: Die Betreiberfirma vermietet die superschnelle Breitbandanbindung an Banken und Handelsfirmen. Experten schätzen den finanziellen Vorteil einer schnelleren Übertragung für die großen Hedgefonds auf 100 Millionen US-Dollar – pro Millisekunde. Die Kosten der Verlegung in Höhe von 300 Millionen US-Dollar werden durch die Nutzungsgebühr vermutlich rasch erwirtschaftet. Damit sollten sie sich auch sputen, denn schon steht eine neue Technologie in den Startlöchern: Datenüertragung auf Mikrowellenbasis verspricht eine noch schnellere Übertragung.

Eine Spur führt in einen Londoner Vorort. Nach jahrelangen Ermittlungen kommt es durch Scotland-Yard-Agenten im April 2015 zur Festnahme. Der Hauptverantwortliche ist selbst Börsenhändler. Nach Schätzungen des amerikanischen Justizministeriums verdiente er mit seiner mutmaßlichen Börsenmanipulation etwa 40 Millionen Dollar. Bei einer Auslieferung in die USA drohen ihm bis zu 380 Jahre Haft. Der Brite soll die unglaubliche Summe von einer Billion Dollar an Börsenwert innerhalb von Minuten vernichtet haben. Mittels einer speziellen Software betrieb er „Spoofing“. Dabei wird ein großes Aktienpaket auf dem Markt angeboten. Durch die Order wird der Anschein erweckt, dass viele Händler diese Aktien loswerden wollen. Das drückt den Preis. Gleichzeitig zieht der Spoofer seinen Verkaufsauftrag zurück und kauft die Aktie zu dem nun geringeren Preis. Wenn sich der Kurs auf Normalwert zurückentwickelt, macht er einen Gewinn.

Psychologie der Gier

Welche Rolle spielen Emotionen?

Börsenmakler in New York

Börsenhändler verhalten sich manchmal wie beim Glücksspiel: Sie verwetten Vermögen, überreizen Glückssträhnen, verdoppeln, obwohl es längst Zeit wäre, auszusteigen. Der Traum vom großen Geld scheint die Vernunft auszuhebeln. An der Universität Stanford sind Psychologen den Grundlagen dieses wenig rationalen Verhaltens auf der Spur. Sie vermuten, dass beim Umgang mit Geld Emotionen eine größere Rolle spielen, als von der klassischen Ökonomie eingeräumt wird. Die Forscher nehmen das Belohnungssystem des Gehirns ins Visier. Diese Gehirnregion ist dafür zuständig, uns für lebensnotwendige Dinge wie Hunger oder Sexualität zu motivieren. Doch die Mechanismen sind gleichzeitig auch der Grund für unsere Suchtanfälligkeit, denn die gleiche Region wird auch durch Drogen aktiviert.

Wie reagiert unser Gehirn?

Finger tippt auf Ghirnregion auf Bildschirm

Ein Experiment soll Klarheit schaffen: Per Gehirnscanner werden Testpersonen beim Handeln mit virtuellem Geld beobachtet. Die Probanden können ihr Spielgeld in eine sichere Anlage stecken oder in Aktien mit großer Gewinnchance, aber hohem Risiko. Im Gehirn geht dabei Erstaunliches vor sich: Beim riskanten Investment reagiert das Belohnungszentrum ebenso wie das eines Abhängigen bei Drogenkonsum. Die starken Impulse können die rationalen Entscheidungen des Gehirns überlagern. Dieser Forschungszweig der „Neurofinanzwissenschaft“ stellt das Verhalten von Anlegern in ein neues Licht. Es scheint wesentlich lustgesteuerter und impulsiver zuzugehen, als Logik und Verstand erlauben.

Wie kann man Gier messen?

Proband  bei Experiment mit Luftmallon

Psychologen an der Universität Würzburg gehen noch einen Schritt weiter. Ihnen gelang vor Kurzem der Nachweis, dass gierige Menschen ganz anders ticken als bescheidene, und zwar auf neuronaler Ebene. Bei ihrem Experiment lassen sich Probanden per Elektroenzephalogramm (EEG) während eines Computerspiels, das die Neigung zu riskantem Verhalten misst, in die Köpfe blicken. Die Testpersonen bekommen Geld für das Aufblasen eines virtuellen Luftballons – je praller, desto mehr. Platzt er jedoch, verlieren sie alles. Jeder Spieler hat 300 Versuche, der Gewinner bekommt am Ende echtes Geld ausbezahlt. Mit jedem Klick steigt die Gefahr, dass der Ballon platzt. Aber einige Spieler pusten ihn immer wieder auf, als ob sie immun gegen das Risiko wären. Die EEGs zeigen, wie das Gehirn auf Gewinn und Verlust reagiert.

Wie reagieren genügsame Menschen?

Fragebogen

Später beantworten die Testpersonen Fragen nach ihrem Verhältnis zu Geld. Sind sie eher genügsam oder gierig? Dabei definieren die Forscher „Gier“ als exzessives Streben nach materiellen Gütern um jeden Preis, auch auf Kosten anderer. Die Zuordnung der EEGs nach dem Status der Gier der Probanden ergab eine kleine Sensation. Bei genügsamen Menschen gibt es kaum eine Änderung der Hirnströme, wenn der Ballon ganz bleibt. Wenn er platzt, gibt es einen heftigen Ausschlag. Die Forscher nennen das „negatives Feedback“. Eine wichtige Funktion des Gehirns, die es uns ermöglicht, aus Fehlern zu lernen.

Wie reagieren gierige Menschen?

Grafik: Reaktion gierige Menschen

Das EEG einer gierigen Testperson bringt eine Überraschung: Egal, ob der Ballon ganz bleibt oder platzt, das Gehirn reagiert kaum unterschiedlich. Es fehlt die Warnung, beim nächsten Mal die Strategie zu ändern. Übertragen auf die Finanzwelt könnte das bedeuten, dass gierige Menschen Risiken eingehen, weil sie negative Anzeichen wie etwa Kurseinbrüche nicht in dem Maße wahrnehmen wie andere Menschen. Zocken ohne Verlustangst – ein gefährliches Spiel.

Menschen von der Insel Yap sitzen vor Steingeld
"Rai" ist die schwerste Währung der Welt. (Quelle: BBC)

Inflation von Steingeld

Auf Yap, einer Inselgruppe im Westpazifik, zahlt man mit „Rai“, mit tonnenschweren Steinscheiben. Wie unser heutiges Geld sind sie weder schön noch wertvoll. Dennoch verleihen sie großen Reichtum und Macht. Die Insulaner vertrauen schon über 2.000 Jahre dem Wert der Steine. Woher stammt diese Wertschätzung? Auf den flachen Inseln von Yap gibt es das Kalkgestein nicht, aus dem die Rai bestehen. Jede Steinscheibe kommt aus dem 400 Kilometer entfernten Palau. Hier gibt es reichlich Aragonit, den Stoff, aus dem die Steine sind. Es dauert Monate, manchmal sogar Jahre, die Scheiben mit primitiven Werkzeugen frei zu meißeln. Aber sie nach Hause zu bringen, mit Einbaumkanus mit Auslegern, ist die wahre Herausforderung. Viele Boote kehren nie zurück, viele Männer verlieren dabei ihr Leben. Genau diese Gefahren sind es, die den Geldwert definieren.

Ein Zufall sollte diese Geschichte für immer verändern. Im Jahre 1871 wird ein Schiffbrüchiger an Yaps Küste geschwemmt: der Ire David O’Keefe. Zu dieser Zeit gibt es hier einen deutschen Handelsposten. Man hilft O’Keefe, sich ein Schiff zu besorgen. Er beginnt, beim Abbau und Transport von Steingeld zu helfen. Nicht ganz uneigennützig. Dafür beschaffen ihm die Insulaner Kopra, den Rohstoff für das damals höchst begehrte Kokosöl. O’Keefe schafft immer mehr, immer größere Rai heran. So wird er zum mächtigsten Mann von Yap. Aber die Euphorie über das ganz große Geld auf Yap verfliegt bald. Sein Wert, gekoppelt an die Risiken bei seiner Beschaffung, verfällt. Eine echte Inflation. Es gab einfach zu viele Steine, und zu wenige Geschichten.

Wie entstehen Spekulationsblasen?

  • In einem Experiment treten Studenten gegeneinander an, um Geld zu erwirtschaften. Jeder hat zum Start Vermögenswerte erhalten und dazu die Information, dass das Guthaben im Laufe der Zeit verfällt. Am Ende des Spiels wird es nichts mehr wert sein.

  • Gehandelt wird ein Smartphone mit einem Wert von 250 Euro. Die Studenten können es kaufen, durch die höhere Nachfrage steigt der Preis. Das Ziel ist stets, das Smartphone mit Gewinn einem anderen Studenten zu verkaufen. Und das im richtigen Augenblick. Denn nach 15 Runden ist das Spiel zu Ende und das Smartphone wertlos. Wer schafft es, rechtzeitig zu kaufen und vor allem zu verkaufen?

  • Auf einem Monitor sehen die Studenten, was die Konkurrenz bietet. Während die Preise steigen, erreichen sie den tatsächlichen Wert des Smartphones. Dann passiert etwas Seltsames. Offenbar im Kaufrausch handeln die Studenten das Smartphone weit über dem tatsächlichen Wert. Eine klassische Blase entsteht. Noch bis zum Ende hin bleibt der Preis weit über dem realen Wert.

  • Als die Spieler versuchen, auszusteigen, will keiner mehr kaufen. Der Anstieg wirkte auf die Studenten wie ein Sog. Euphorie treibt die Preise nach oben, Realismus lässt sie wieder fallen. Irgendwann kommt die Panik. Spekulationsblasen sind offenbar nicht zu verhindern. Und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis die nächste große Blase uns an den Rand einer wirtschaftlichen Katastrophe bringt. Nach der Blase ist vor der Blase.

Die Krise im US-Immobilienmarkt

Ab Anfang 2000 gibt es in den USA einen Immobilienboom. Die Preise steigen ins Himmelhohe, während die Zinsen fallen. Auch ohne Eigenkapital kann sich jeder ein Haus leisten. Die steigenden Immobilienpreise sollen die Kredite absichern, denn mit dem Verkauf von Häusern werden gute Gewinne erzielt. Immer mehr und immer höhere Hypotheken werden aufgenommen. Die Banken verkaufen gebündelte Kredite an Investmentbanken, diese werden auf der ganzen Welt angeboten.

Was sind Derivate?

Derivate sind der Nährboden für Spekulationsblasen. Ein Beispiel: Ein Haus hat einen Wert von 100.000 Euro. Wie wird sich der Wert in Zukunft entwickeln? Steigen oder sinken? Diese möglichen Verluste deckt eine Versicherung ab, die auch das Risiko tragen wird. Steigt der Wert, verdient die Bank und macht Gewinn. Sinkt der Kurs auf 70.000, hat sie 30.000 Euro verloren. 2008 hatten Investmentbanken 500 Milliarden Dollar verzockt, weil sie dachten, die Hauspreise würden weiter steigen. 

Gleichzeitig geben die großen Finanzinstitute sogenannte Derivate im Wert von Hunderten Milliarden Dollar aus. Im Jahr 2007 steigen die Zinsen auf Hypotheken massiv an, gleichzeitig sinken die Immobilienpreise rasant nach unten. Die Derivate sind quasi über Nacht wertlos geworden. Banken und Finanzinstitute droht der Kollaps. Anleger verlieren ihr Geld. Einer der großen Geldgeber, die Bank Lehmann Brothers, ist zahlungsunfähig. Die ursprünglich auf den US-Immobilienmarkt beschränkte Krise breitet sich zur globalen Rezession aus. Die sichere Geldanlage entwickelt sich zum Flop.

20.10.2015

Terra X |

Terra X Lesch & Co

Ein neues Team am Start: Harald Lesch und Philip Häusser sieht man ab 3. Februar 2016 auf Youtube. [mehr]

Diskussion im Social Web

  • Terra X auf Facebook

    Bleiben Sie mit uns in Verbindung über Ihre Facebookseite! LINK

  • Das ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich

THEMA |

Klicken Sie sich durch eine kosmische Reise

Alle Sendungen mit Harald Lesch auf einen Blick [mehr]

ZDFMediathek: Leschs Kosmos

  • Leschs Kosmos | 28.06.2016, 22:45

    Vorschau zur Sendung vom 28.06.2016

    Drama im Verborgenen: Der Wandel der Meere - eine kleine Kostprobe von Harald Lesch auf die nächste ... VIDEO

  • Leschs Kosmos | 07.06.2016, 22:45

    Liebe - das Märchen von der freien Wahl

    Stellen Sie sich vor, ihr Traumpartner kommt Ihnen immer näher, der erste Kuss – und dann wird er ... VIDEO

  • Leschs Kosmos | 07.06.2016, 22:45

    Übrigens ... zur Liebe

    Harald Lesch mit einem ausführlichen Kommentar zum Thema der Sendung "Liebe - das Märchen von der ... VIDEO

  • Leschs Kosmos | 07.06.2016, 22:45

    Die vier Liebestypen

    Diplomat, Gründer, Entdecker oder Wegbereiter? Wer passt am besten und warum? VIDEO

  • Leschs Kosmos | 24.05.2016, 23:00

    Konfrontation mit dem Fremden

    Woher stammt unsere Skepsis gegenüber Fremden? Warum grenzen wir andere aus? Und was ist eigentlich ... VIDEO

Interaktiv |

Vulkane in 3 D und 360 Grad

Die Naturgewalt eines Vulkanausbruchs hautnah erleben und in den Schlund eines Vulkankraters schauen [mehr]
Leschs Kosmos

Versenden

Artikel versenden

Versenden Sie den Beitrag an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
schließen Beitrag versenden

Versenden

Hinweis

Der Beitrag wurde erfolgreich versendet.

schließen

Merkliste

Papierkorb Bild
Merkliste versenden Merkliste schließen

Merkliste

Merkliste versenden

Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
Zurück zur Merkliste Absenden Button

Merkliste

Hinweis

Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

Zurück zur Merkliste Merkliste schließen