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Leschs Kosmos vom 03.06.2014  Die Impf-Lüge

Wie die Natur uns austrickst

Impfungen sind eine der größten Errungenschaften unserer Medizin. Sie haben im 19. und 20. Jahrhundert in Europa Krankheiten wie die Pocken oder die Kinderlähmung ausgerottet beziehungsweise weitestgehend zurückgedrängt. Dennoch: Die Zahl der Ungeimpften in Deutschland wächst. Viele schätzen das Impfrisiko höher ein als das Infektionsrisiko. Die Impfbefürworter sind fassungslos über die viel zu niedrigen Impfquoten, ihre Gegner warnen vor den Nebenwirkungen. Was ist denn nun die Wahrheit? 

Professor Harald Lesch

Warum sind Impfungen wichtig? Harald Lesch mit einem kurzen Kommentar über die Impfmüdigkeit der Deutschen.

(03.06.2014)
Professor Harald Lesch

Was ist so gefährlich an Kinderkrankheiten? Harald Lesch mit einer kurzen Erklärung.

(03.06.2014)

Harald Lesch begibt sich mit dieser Sendung von „Leschs Kosmos“ mitten in eine heiße Diskussion. Er geht auf die Suche nach den größten Gefahrenpotenzialen von Impfungen, folgt der Spur der Fledermaus, taucht ab in den Urwald Tasmaniens und stößt dabei auf ein teuflisches Tier und auf eine der größten Fragen der medizinischen Forschung: Lässt sich Krebs heilen? Und: Welche Rolle könnte dabei eine Impfung spielen?

Baby wird geimpft
An Masern zu erkranken kann für Kinder unter zwei Jahren sehr riskant sein. (Quelle: dpa)

Masern: das Comeback einer alten Plage

Skandinavien, Nord- und Südamerika, Australien, China, Russland und 13 afrikanische Länder gelten durch flächendeckende Impfungen gegen Masern als sicher, nicht so in Deutschland. Obwohl die Impfstoffe frei verfügbar sind, lassen Eltern ihre Kinder oft nicht impfen. Im letzten Jahr erkrankten Deutschland knapp 1800 Menschen.

Viele Menschen zählen Masern zu den harmlosen Kinderkrankheiten. Welch ein Irrtum. Masern können ungeahnte Spätfolgen haben. Bis zu zehn Jahre nach der Infektion kann bei Kindern eine ungewöhnliche Gehirnerkrankung auftreten – eine Gehirnentzündung. Erste Anzeichen sind Gleichgewichtsstörungen. Innerhalb von Monaten können die Erkrankten nicht mehr laufen, nicht mehr sprechen. Die heimtückische Krankheit heißt subakute sklerosierende Panenzephalitis, kurz SSPE. Bis heute ist keine Heilung in Sicht. SSPE führt unaufhaltsam zur Auflösung des Gehirns und zum Tod.  

Warum die Skepsis gegen Impfungen?

England 1993: Kurz nach der Impfung, unter anderem gegen Masern, wird bei dem kleinen William Autismus diagnostiziert. Die Mutter glaubt, dass die Krankheit durch die Impfung ausgelöst wurde, und stößt auf einen Arzt, der ihren Verdacht teilt – Andrew Wakefield. Der Arzt findet zwölf Vergleichsfälle mit weiteren autistischen Kindern, die ebenfalls zuvor geimpft worden waren. In einer Studie formuliert er die Behauptung, dass die Impfung gegen Masern ein erhöhtes Autismus-Risiko birgt. 1998 wird die Arbeit sogar im renommierten Medizinmagazin „The Lancet“ veröffentlicht. Daraufhin geht die Impfbereitschaft europaweit schlagartig zurück. Erst 2010 stellt sich heraus, dass die Studie eine Fälschung war. Der Artikel wird zurückgezogen, und Wakefield verliert seine Zulassung. Klar ist: Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Autismus und Impfung. Doch der negative Ruf ist geblieben – bis heute. Und das, obwohl schwerwiegende Impffolgen viel seltener sind als schwer verlaufende Masernerkrankungen.

Gefahr in der Kita

Babys und Kleinkinder können noch keine  ausreichende Abwehr aufbauen, die sie gegen Masern immun machen würde.  Die ständige Impfkommission empfielt beiMasern zwei Impfungen in den ersten 24 Lebensmonaten. Wenn unter Zweijährige schon Kindertagesstätten besuchen, sind sie besonders gefährdet und darauf angewiesen, dass die älteren Kinder durch Impfung vor der Krankheit geschützt sind. Die Impfstatistik bei Masern gibt jedoch zu denken. Kein deutsches Bundesland erreicht die Vorgabe der Weltgesundheitsorganisation WHO, wonach 95 Prozent der Zweijährigen zweimal geimpft sein sollten. In den westlichen Regionen liegt die Impfrate bei durchschnittlich 74 Prozent, bei den östlichen Regionen sogar unter 70 Prozent.

Die Pocken-Story

Noch im 18. Jahrhundert waren die Pocken die größte Plage der Welt. Millionen Tote sind der Krankheit zum Opfer gefallen. Ende der 1960er Jahre sagte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) den Pocken den Kampf an. In einer beispiellosen Anstrengung ist es Medizinern gelungen, die Pocken durch Impfungen weltweit zu bekämpfen. 1979 erklärte die WHO die Pocken für ausgerottet.

Zeitreise ins 18. Jahrhundert

Bild Pockenimpfung historisch

Im 18. Jahrhundert starb in Europa etwa jeder vierte Pockeninfizierte, bei den Kindern waren es sogar mehr als 80 Prozent. In Europa kannte niemand ein Mittel gegen die Plage. Anders im fernen Orient – im Harem am Sultanspalast in Konstantinopel. Besonders begehrt waren beim Sultan Frauen aus dem Kaukasus. Neben ihrer Schönheit brachten sie auch noch Wissen über uralte Heilmethoden mit: die Pockenimpfung. Der Sultan setzte das Verfahren im gesamten Reich ein. Dabei wurde Pocken-Eiter von Erkrankten in die Haut von Gesunden übertragen. Die so Infizierten waren nun vor einer Ansteckung mit Pocken geschützt. Der Traum von einer Welt ohne Pocken rückte dann aber erst 200 Jahre später in greifbare Nähe.

Doch der Kampf gegen Krankheitskeime endet nicht. Die Natur ist eine nie versiegende Quelle neuer Seuchen. Selbst die Pocken sind in einer neuen Variante wieder auf dem Vormarsch. Ganz zu schweigen von einer Seuche, die mit ihrer Todesrate von bis zu 90 Prozent weltweit immer wieder Angst und Schrecken verbreitet: Ebola. Gibt es wirklich keine Chance im Kampf gegen die Krankheit?

Die Brutstätten von Viren

Woher kommen all die Viren?

Fledermäuse am Nachthimmel

Dem Ziel, alle Krankheiten dieser Welt auszurotten, steht eine ganze Armada aus Tieren gegenüber: Fledermäuse und ihre Verwandten, die Flughunde. Fledertiere sind wahre Virenfabriken. Speziell in tropischen Regionen finden Forscher in den Tieren unzählige Viren. Darunter alte Bekannte, die beim Menschen schlimme Krankheiten auslösen, und auch etliche noch völlig unbekannte Viren. Der Kampf gegen den ständigen Virennachschub aus der Natur ist eine riesige Herausforderung.

Wie vermehren sich Viren?

Fledermaus im Virenscan

Ein Virenscan zeigt, dass aus Fledertieren einige der schlimmsten Killerviren der Welt stammen. Afrika ist ein besonderer Hotspot für Viren. Millionen von Flughunden leben hier auf engstem Raum. Viren können sich schnell von Tier zu Tier verbreiten. Für seine Vermehrung braucht ein Virus einen Wirt. Er schleust sein Erbgut in den Kern der Wirtszelle und nutzt diese, um seine Gene zu vermehren. Die Wirtszelle wird zur Produktionsstätte für Kopien des Eindringlings. Der Flughund ist dabei putzmunter. Sein Immunsystem hat sich im Laufe von Millionen von Jahren an die Schmarotzer angepasst. Ideale Bedingungen für die Viren, denn in einem Wirt, der lange lebt, sorgt die Vermehrungsfabrik auch lange für Virennachschub. 

Wie kann sich der Mensch infizieren?

Flughunde am Markt

Nur ein anderes Säugetier lebt noch in derart großen Populationen wie die Fledertiere: der Mensch. Aber: Vermehrt sich ein Virus in einem Säugetier, ist die Gefahr groß, dass es auch andere Säuger infizieren kann. So sind Viren aus Fledertieren oft auch für den Menschen gefährlich. Das Infektionsrisiko ist in Afrika besonders groß, denn Flughunde gelten hier als Delikatesse.

Weshalb ist der Ebola-Virus meist tödlich?

Ebola infizierter Mann mit Herlfern

Der Mensch dringt immer tiefer in den Dschungel vor und hat so schon so manches Monstervirus entfesselt. Wie das Killervirus Ebola, das 1976 im Kongo und im Sudan ausbrach von Wissenschaftlern entdeckt wurde. Das Virus lässt die Blutgefäße platzen. Eine Infektion ist in 90 Prozent der Fälle tödlich. Anfang 2014 starben erneut 171 Menschen im Westen Afrikas bei einem Ebola-Ausbruch. Es gibt keinen Impfstoff. Die hohe Todesrate ist für die Forscher ein Indiz dafür, dass das Ebola-Virus erst vor Kurzem auf den Menschen übergesprungen ist. Wirt und Virus hatten noch keine Zeit, sich aufeinander einzustellen.

Warum Fledertiere den Killerviren wiederstehen?

Flughunde hängen am Baum

Fledertieren dagegen kann selbst ein Killervirus wie Ebola nichts anhaben. Und das macht sie für die Forscher so faszinierend. Sie wollen herausfinden, was diese „friedliche Koexistenz“ ermöglicht. Es gilt zu entziffern, was ihr Immunsystem so unschlagbar macht. Dann hätten die Forscher im Kampf gegen die Viren der Welt vielleicht eine bessere Waffe in der Hand.

Viren und Krebs

Eine der gefährlichsten Krebserkrankungen bei Frauen ist der Gebärmutterhalskrebs. Die Entdeckung des Auslösers dieser Krebsart überraschte die wissenschaftliche Welt. Vor rund 30 Jahren entdeckte der deutsche Wissenschaftler Harald zur Hausen den Zusammenhang von Gebärmutterhalskrebs und Viren – genauer dem Humanen Papillomavirus HPV. Das Virus kann gesunde Zellen in Krebszellen verwandeln. Eine bahnbrechende Entdeckung, für die der Forscher den Nobelpreis erhielt und der die Menschheit den ersten Impfstoff gegen Krebs verdankt. Heute kennt man schon über 100 HPV-Arten. Zwei davon sind als Ursache für Gebärmutterhalskrebs identifiziert.

Das Papillomavirus wird durch Geschlechtsverkehr übertragen. Werden junge Mädchen vor ihrem ersten Intimkontakt geimpft, so ist ihr Risiko, an dieser Krebsart zu erkranken, um über 70 Prozent reduziert. In Großbritannien erhalten seit 2006 fast alle Mädchen diese Impfung. Meistens in großen Impfprogrammen an Schulen. 175 Millionen Impfungen wurden schon weltweit durchgeführt; für ernste Nebenwirkungen gibt es bisher keine Anzeichen. In Australien und Groß Britanien haben die Impfprogramme der letzten acht Jahre schon über 50 Prozent der jungen Mädchen erreicht. Im „impfmüden“ Deutschland sind bisher gerade mal 37 Prozent der 15-jährigen Mädchen geimpft. Dass Mediziner als Ursache für eine Krebsart ein Virus dingfest machen konnten, eröffnete der Krebsforschung neue Wege. Heute gehen manche Forscher sogar davon aus, dass jede fünfte Krebserkrankung durch Viren ausgelöst wird. Die Suche nach den Auslösern geht weiter.

 

Forscher mt tasmanischen Teufel
Wird der Tasmanische Teufel die Krebsforschung revolutionieren? (Quelle: ABC)

Krebs in seiner teuflischsten Form

In Tasmanien, am anderen Ende der Welt, gibt es ein Tier, das die Krebsforschung revolutionieren könnte. Der Tasmanische Teufel. Ein Raubtier, aber doch ein Beuteltier wie das Känguruh. Er ist vom Aussterben bedroht. Der Grund für das Sterben ist ein Gesichtskrebs. Das Einzigartige dabei ist, dass der Krebs ansteckend ist. Und genau diese Tragik macht den Tasmanischen Teufel so spannend für die Forscher. Eigentlich kann Krebs nicht zwischen Individuen „springen“. Und Viren sind hier nicht im Spiel. Die Krebszellen selbst können durch Bisse von einem Tier auf das nächste übersiedeln.

Die Krebszellen schmuggeln sich unbemerkt in den Körper. Ihnen fehlt ein Etikett, das sie als fremd markiert. So erkennt sie die Immunabwehr nicht und sie können sich ungehindert im neuen Tier vermehren. Das ist Krebs in seiner teuflischsten Form. Rettung für die wenigen gesunden Tiere soll nun ausgerechnet von den kranken Teufeln kommen. Die Forscher wollen über eine Impfung mit Hormonen die Krebszellen so verändern, dass das Immunsystem sie wiedererkennen kann. Wenn es gelingt, könnte eine solche Impfung die gesunden Tiere vor Ansteckung schützen. Und sie könnte sogar den bereits erkrankten Tieren helfen, den Krebs zu besiegen. Ein Hoffnungsschimmer für den Tasmanischen Teufel.

03.06.2014

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