zurück Startseite

Leschs Kosmos  | 21.07.2015  Albtraum Atombombe

70 Jahre und kein Ende?

Vor 70 Jahren veränderte der Abwurf der Atombomben auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki die Welt. Die Gefahr eines Atomkriegs ist trotz zahlreicher Bemühungen und Abkommen bis heute nicht ganz überwunden.Wie sehr bedroht die schrecklichste aller Massenvernichtungswaffen noch immer die Welt? Und welches Risiko geht von etwa 50 verlorenen Nuklearsprengsätzen heute noch aus? 

Atombombentest

Welche Nation hat wie viele Atombombentests durchgeführt?

(21.07.2015)

Während des Kalten Krieges detonierten durch Unfälle Atombomben, manchmal verschwanden auch welche - einige sind bis heute unauffindbar. Als tickende Zeitbomben sind sie eine unfassbare Bedrohung.

(20.07.2015)
Harald Lesch im Studio

Harald Lesch mit einem kritischen Kommentar zum Thema der Sendung vom 21.07.2015.

(21.07.2015)

Der Feuerball einer Atombombe ist heißer als die Oberfläche der Sonne, über zehn Millionen Grad Celsius. Die Druckwelle erreicht eine Geschwindigkeit von 1.000 Stundenkilometern. Radioaktive Strahlung wird freigesetzt. Harald Lesch zeigt, wie die Menschheit schon mehrmals nur haarscharf an einer Katastrophe durch Atombomben vorbeigeschrammt ist, und beleuchtet, wie präsent das Schreckgespenst der nuklearen Bedrohung noch heute ist.

Nukleare Bedrohung

Moskau in Alarmbereitschaft

Grafik: Atompilz hinter Stadt

Im Januar 1995 schießen norwegische und amerikanische Wissenschaftler eine Wetterrakete hoch, um über Norwegen Nordlichter zu untersuchen. Das russische Frühwarnsystem identifiziert den Flugkörper jedoch als US-Langstreckenrakete mit nuklearem Sprengkopf. Die Forscher bringen damit die Welt an den Rand eines Atomkriegs. Moskau ist in höchster Alarmbereitschaft. Ein U-Boot wird für einen nuklearen Gegenschlag vorbereitet. Das russische Militär geht davon aus, dass die erfasste Rakete in großer Höhe explodieren und dabei massive Gammastrahlen freisetzen wird, die dann in Richtung Erde stürzen. Die Folge wäre, eine elektrische Schockwelle in der Atmosphäre - die Stromnetze würden zusammenbrechen. Direkt im Anschluss erwarten die Militärs den eigentlichen atomaren Angriff. Doch die Russen behalten die Nerven, es kommt zu keiner Vergeltung.

Nervenkitzel im Kalten Krieg

Rotes Telefon

Während des Kalten Krieges gibt es immer wieder Fehlalarme. Der aufgehende Mond wird von amerikanischer Beobachtungstechnik als sowjetischer Raketenangriff interpretiert. Einen Gänseschwarm halten die Russen für eine Armada von Atombombern. Die damaligen Computer stoßen bei der Analyse von Objekten mehrfach an ihre Grenzen. Zwischen 1956 und 1995 gibt es mindestens 20 dokumentierte Situationen, in denen es fast zu einem dritten Weltkrieg zwischen den USA und der ehemaligen Sowjetunion gekommen wäre.

Die neunte Atommacht

Militärparade in Nordkorea

Auch heute sind die Bomben in den Silos jederzeit einsatzbereit. Experten sind sich sicher, dass die Zahl der Atommächte weiter ansteigen wird. Derzeit gibt es neun Atommächte: seit 1945 die USA, seit 1949 Russland. Es folgen: England, Frankreich, China, Israel, Indien, Pakistan und 2006 Nordkorea. Nordkoreas Drohgebärden reißen nicht ab. Mit Hochdruck arbeitet man an der Weiterentwicklung von Bomben und Trägerrakten.

Atombomben in Deutschland

Atomwaffenlager Büschel

Die Sehnsucht nach der Superwaffe von einst ist mindestens genauso groß wie die Furcht vor ihr. Daran hat sich nichts geändert. Noch immer gibt es nach offiziellen Angaben weltweit etwa 16.000 Atombomben. Deutschland ist zwar nicht im Besitz einer solchen Waffe, aber 20 Atombomben sind im Rheinland-Pfälzischen Büchel stationiert.

Verteilung der Sprengsätze weltweit

Land                Erster Atomtest           Anzahl Sprengsätze
USA                          1945                                    7.260
Russland                  1949                                    7.500
England                    1952                                       215
Frankreich                1960                                       300
China                        1964                                       260
Israel                         1967                                         80
Indien                        1974                                       110
Pakistan                    1998                                       120
Nordkorea                 2006                                           8

Wieso Hiroshima?

Während der Zweite Weltkrieg tobt, wächst bei den Alliierten die Befürchtung, Deutschland baue an der Atombombe. Der 1933 in die USA emigrierte Physik-Nobelpreisträger Albert Einstein schrieb am 2. August 1939 einen Brief am US-Präsident Roosevelt. Er warnte in seinem Schreiben eindringlich vor einer nie gekannten, ungeahnt zerstörerischen Waffe, die deutsche Wissenschaftler und Ingenieure aufgrund der gelungenen ersten Uran-Kernspaltung für Hitlers Wehrmacht entwickeln könnten. Die USA errichten daraufhin in Los Alamos, New Mexico, 1942 eine streng geheime Forschungsstadt – die Geburtsstunde des Manhattan Project. Unter der Leitung von Robert Oppenheimer entwickeln hier bis zu 100.000 Menschen Kernwaffen. Drei Jahre später ist der Prototyp fertig. Die neue Wunderwaffe wird gezündet. Sie hat die Sprengkraft von 21.000 Tonnen TNT. Der nukleare Urknall des Atomzeitalters. Nur zwei Wochen später erhält die Air Force, stationiert mitten im Pazifik auf der Insel Tinian, einen hochgeheimen Befehl der US-Regierung. Die neue Waffe soll gegen Japan eingesetzt werden. Mehrere Städte stehen zur Auswahl, auch Hiroshima. Bislang unberührt vom Kriegsgeschehen und strategisch von keinerlei Bedeutung, wähnt man sich hier in Sicherheit. Für die USA ein guter Grund für einen Überraschungsangriff mit maximaler Schockwirkung.

Bombenabwurf auf Hiroshima
"Little Boy" rast auf Hiroshima zu. Eine Katastrophe für die Menschen.
Auf Tinian laufen die Vorbereitungen: Aus einem geheimen Bunker wird „Little Boy“ herausausgerollt. Die teuerste Bombe aller Zeiten: umgerechnet zwei Milliarden Euro, viereinhalb Tonnen schwer, befüllt mit einem Höllencocktail aus Uran. Immer noch ist offen, welche Stadt es treffen wird. Den Ausschlag gibt das Wetter. Als der Bomber startet, sind drei Wetterflugzeuge bereits in der Luft. Mit 45 Minuten Vorsprung sollen sie die Wetterbedingungen erkunden. Es bleiben sechs Flugstunden bis Japan. Die letzte noch offene Frage: Wo beginnt der Tag in Japan mit klarem Himmel? Die Wetterflugzeuge melden: beste Bedingungen über dem Primärziel. Die Nachricht eilt in alle Kommandozentralen, bis zum Pentagon. Die Bombe wird abgeworfen – auf Hiroshima. Nach dem Ausklinken bleiben noch 43 Sekunden. Es wird keinen Krater geben. Die Ballistiker haben berechnet, dass „Little Boy“ die größte Zerstörung bewirkt, wenn sie in 500 Metern Höhe explodiert. An diesem Tag wird die Welt eine andere. Aus US-militärischer Sicht mag die Bombe ein „Erfolg“ gewesen sein, da sie half, den Weltkrieg zu beenden. In jeder anderen Hinsicht war und ist ihr Abwurf eine verachtenswerte Katastrophe, die neue Maßstäbe für die Abgründe menschlichen Handelns setzte.

Die schlimmsten Bomben

Die Atombombe

Beschießt man Uran-Atome mit Neutronen, teilen sich die Atomkerne. Dabei wird Energie frei und weitere Neutronen, die wiederum andere Atome treffen und spalten. Eine Kettenreaktion setzt ein, die sehr viel Energie in Form von Hitze, Druckwelle und Strahlung freisetzt. Eine Atombombe verwendet die Energie, die bei der Kernspaltung frei wird. Sie besteht aus dem spaltbaren Material Uran 235 und einem Zünder, der die Kettenreaktion auslöst. Hierzu wird normaler Sprengstoff verwendet. Wenn dieser gezündet wird, kommt die Kettenreaktion in Gang und die Atombombe explodiert. Da nicht die Atome, sondern der Kern der Atome bei einer Explosion aufgespalten werden, ist eigentlich der richtige Begriff Kernwaffe.

Der erste und bisher einzige Einsatz von Atombomben in einem Krieg waren die Abwürfe 1945 durch die USA auf Hiroshima und Nagasaki. Dabei wurden etwa 92.000 Menschen sofort getötet. Bis zum Jahresende 1945 starben weitere 130.000 Menschen an Folgeschäden. Wie viele weitere Opfer folgten ist nicht bekannt.

Die Wasserstoffbombe

Eine Wasserstoffbombe funktioniert nicht über Kernspaltung sondern über Kernverschmelzung, auch Kernfusion genannt. Ein Bestandteil dieser Bomben ist unter anderem der hochgiftige radioaktive Stoff Plutonium. Atomkerne werden unter großer Hitze verschmolzen. Die benötigte Hitze wird durch einen Atomsprengsatz erzeugt, das heißt, eine Wasserstoffbombe wird mithilfe von einer Kernspaltung gezündet. Diese stellt die benötigte Energie sehr schnell bereit und setzt den Fusionsprozess in Gang. Dabei entsteht extreme Hitze und wesentlich mehr Energie und giftige Strahlung als bei der „normalen“ Atombombe. Die USA zündeten vor 60 Jahren die erste Wasserstoffbombe auf dem Eniwetok-Atoll im Westpazifik. Die freigesetzte Energie wird auf 10,4 Millionen Tonnen konventionellen Sprengstoffs geschätzt. Wo zuvor die Insel lag, klafft danach ein Krater von 60 Metern Tiefe und drei Kilometern Durchmesser – eine unvorstellbare Zerstörungskraft, die mehr als 500 Bomben vom Hiroshima-Typ entspricht.

Die Neutronenbombe

Technisch am aufwändigsten herzustellen ist die Neutronenbombe, denn die Sprengladungen müssen innerhalb einer Millionstel Sekunde gleichzeitig zünden. Die Neutronenbombe ist gewissermaßen eine gezähmte Wasserstoffbombe. Für den Verschmelzungsprozess, ist eine Zündtemperatur von vielen Millionen Grad erforderlich. Diese wird erzeugt durch die Kopplung einer Atombombe mit einer Wasserstoffbombe. Dann wird eine Explosion erzeugt. Eine Neutronenbombe sendet zwar starke radioaktive Strahlung aus, aber im Gegensatz zur Atom- oder Wasserstoffbombe entfaltet die Neutronenbombe keine starke Sprengwirkung, keine vernichtenden Feuerstürme und es bleibt auch keine anhaltende radioaktive Verseuchung im Abwurfgebiet. Die Neutronenstrahlen durchdringen mühelos dicke Betonmauern, ohne sie zu beschädigen. Allerdings für alle Lebewesen sind die Folgen äußerst grausam: Die Körperzellen lösen sich in eine breiige Masse auf. Bei geringerer Neutronenstrahlung tritt der Tod erst nach Tagen oder Wochen ein. Menschen, die starken Neutronenstrahlen ausgesetzt sind, würden einen qualvollen und langsamen Tod sterben. Opfer würden mehrere Wochen lang unter Haarausfall, Lähmung, Verlust der Sinneswahrnehmung und Artikulationsfähigkeit, Spasmen, unkontrolliertem Durchfall und Flüssigkeitsverlust leiden, bis sie schließlich sterben. In den USA wurden seit 1974 etwa 800 Neutronensprengsätze gebaut. Die letzten Neutronenbomben wurden 1992 offiziell verschrottet.

Atomic Hollywood

Die Forschungen an der Atombombe gingen auch nach Hiroshima gnadenlos weiter. Die Wissenschaftler wollten die Explosion in allen Einzelheiten dokumentieren, um die Bombe weiter optimieren und perfektionieren zu können. Doch wie erforscht man ein Phänomen, das jedes Messinstrument sofort verdampfen und jeden Beobachter erblinden lässt? Die Forscher schufen sich dafür ein Freilandlabor für Experimente im Megamaßstab: das Bikini-Atoll. Für die erste Testreihe, „Operation Crossroads“, werden 700 Kameras und die Hälfte des Weltvorrats an Film in den Südpazifik zum Bikini-Atoll geflogen. Allein in den ersten vier Sekunden der Explosion sollen sechs Stunden Film gedreht werden. Die Kernexplosion selbst bleibt noch unsichtbar für die Kameras. Aber diese zeichnen so viele unbekannte Phänomene auf, dass man eine Konferenz einberufen muss, um ihnen überhaupt erst Namen zu geben. Kurz darauf wird in Hollywood eigens für die Dokumentation der Atombombenexplosion ein hochgeheimes Filmstudio gegründet, das „Lookout Mountain Laboratory“. 250 Techniker und Filmemacher entwickeln hier wegweisende Technologien. Die Kameras sollen offenbaren, wie genau die Explosion sich auf verschiedene Strukturen auswirkt, militärische oder zivile.

Kameramann in Schutzkleidung
Aufzeichnungen der Explosionen sollen die Bomben perfektionieren.
Speziell gepanzerte, fernausgelöste Kameras machen es möglich, den atomaren Feuersturm und die Druckwelle gefahrlos aus unmittelbarer Nähe zu dokumentieren. Die Filme zeigen die gewaltige Energie der Bombe. Und genau diese Energie, die bei der Kernreaktion als Wärme und Licht frei wird, gilt es aufzuzeichnen. Die Herausforderung, diese enormen Helligkeitsunterschiede korrekt abzubilden und die Filme robust gegen Strahlung zu machen, sollte die Fotografie revolutionieren. Ein neuartiger Film wird erfunden, strahlenresistent und mit drei Schichten, die unterschiedliche Lichtstärken absorbieren. Erstmalig kann so der Feuerball in allen Einzelheiten sichtbar gemacht werden. Doch von den Filmern werden auch noch detailliertere Bilder erwartet. Die Struktur des Feuerballs im Augenblick der Explosion verrät ihren „Erfolg“. Um diese ersten Millisekunden sichtbar zu machen, wird die erste Ultra-Highspeed-Kamera der Welt entwickelt: die Rapatronic. Die Aufnahmen dieser Kamera zeigen die Kernexplosion, wie sie noch nie zuvor zu sehen war. Mithilfe solcher Studien kann die Bombe weiter optimiert werden. 1953 wird die „Atomic Annie“ getestet – die erste Atombombe, die klein genug ist, per Kanone verschossen zu werden. Mit nur 364 Kilo ein handliches Geschoss, verglichen mit der Hiroshima-Bombe „Little Boy“ – und das bei gleicher Sprengkraft.

Der Schulterschluss zwischen Filmtechnikern und Waffenexperten brachte beides entscheidend voran: die Traumfabrik Hollywood und die Albtraumfabrik der Bombenschmieden.

21.07.2015

Terra X |

Terra X Lesch & Co

Ein neues Team am Start: Harald Lesch und Philip Häusser sieht man ab 3. Februar 2016 auf Youtube. [mehr]

Diskussion im Social Web

  • Terra X auf Facebook

    Bleiben Sie mit uns in Verbindung über Ihre Facebookseite! LINK

  • Das ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich

THEMA |

Klicken Sie sich durch eine kosmische Reise

Alle Sendungen mit Harald Lesch auf einen Blick [mehr]

ZDFMediathek: Leschs Kosmos

Leschs Kosmos

Versenden

Artikel versenden

Versenden Sie den Beitrag an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
schließen Beitrag versenden

Versenden

Hinweis

Der Beitrag wurde erfolgreich versendet.

schließen

Merkliste

Papierkorb Bild
Merkliste versenden Merkliste schließen

Merkliste

Merkliste versenden

Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
Zurück zur Merkliste Absenden Button

Merkliste

Hinweis

Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

Zurück zur Merkliste Merkliste schließen