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Leschs Kosmos vom 11.03.2014  Strahlende Zukunft

Das Spiel mit dem Risiko

Am 11. März 2011 geschah das Unvorstellbare: Fukushima – das Wort genügt, schon sind uns die erschreckenden Bilder der Erdbebenkatastrophe und ihren Folgen wieder präsent. Was bedeutet die Katastrophe nicht nur für die Menschen in der Region, sondern in der ganzen Welt – heute und in Zukunft? 

Harald Lesch im Studio von Leschs Kosmos

Harald Lesch beleuchtet die Risiken von Atomkraftwerken. Und wie reagieren die Profiteute und die Gesellschaft?

(11.03.2014)
Unglücksreaktor in Harrsburgh in den USA

Ohne Netz und doppelten Boden

Nach der Katastrophe von Fukushima empfahl die Europäische Union, die Kernkraftwerke der Mitgliedsstaaten einem „Stresstest“ zu unterziehen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Sicherheitsmängel und Defekte waren bei fast allen Kernkraftwerken zu beanstanden. Welches „Restrisiko“ ist eigentlich tragbar?

(07.03.2014)
atomkraftwerk fukushima ein jahr nach tsunami und

Fukushima wird eine große Herausforderung für den Rückbau. Aufklärungstrupps sind auch nach drei Jahren noch immer dabei, sich ein genaues Bild von den Zerstörungen zu machen. TEPCO hat für den kompletten Rückbau einen Zeitraum von 40 Jahren angegeben.

(Quelle: Reuters/Kyodo)

Immer neue Horrormeldungen von den Unglücksreaktoren dringen an die Öffentlichkeit. Welche Auswirkungen hat eigentlich radioaktives Wasser, das ins Meer geleitet wird, auf die Meeresbewohner? Wie gehen die Betreiber von Kernkraftwerken mit den Risiken um, und wie wird eigentlich radioaktiver Müll gelagert? Harald Lesch zeigt in dieser Folge von Leschs Kosmos, was man in der Forschung von einer strahlenden Zukunft weiß.

 

Strahlende Meere - strahlende Fische |

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Wie verteilt sich die radioaktive Flut in den Weltmeeren? Über die langfristigen Folgen der jahrelangen Verklappung [mehr]

Tickende Zeitbomben in den  Weltmeeren

Weltweit versenkten seit den 1940er Jahren die Atomnationen über 140.000 Fässer mit radioaktivem Müll im Meer - darunter sogar hochradioaktiver Müll. Was im Meer abgeladen wurde, sollte für immer verborgen und vergessen sein. Der Umwelt schade das nicht, im Wasser werde alles extrem verdünnt, so die Vorstellung. Erst 1993 wurde diese Art von Müllentsorgung radioaktiver Abfälle verboten. Doch das Meer vergisst nichts. Nach und nach verrotten die Fässer unkontrolliert und werden so zu tickenden Zeitbomben. Doch wie verteilt sich die radioaktive Flut in den Weltmeeren? Welche Auswirkungen hat sie auf die Meeresbewohner, und was weiß man von den Langzeitfolgen?

Wo liegen die Grenzwerte?

Radioaktive Strahlung bleibt nicht ohne Wirkung. Kritisch wird es, wenn radioaktive Substanzen in den Körper gelangen, etwa mit der Nahrung. Bei dem Unfall in Fukushima wurde überwiegend Cäsium freigesetzt. Gelangt in einem Krisenfall Radioaktivität in unsere Nahrung, bestimmen Behörden der EU Grenzwerte. Zweimal ist das bisher geschehen. Seit 2011 gilt für Lebensmittel, die durch Fukushima belastet sind, ein Grenzwert von 100 Bq/kg. Für Nahrung, die durch Folgen von Tschernobyl kontaminiert ist, gilt dagegen noch heute ein Grenzwert von 600Bq/kg. Doch warum gibt es unterschiedliche Grenzwerte?

Vom Hirschtrüffel zur Cäsiumbombe

In den Wäldern Süddeutschlands, ist in den tiefer liegenden Erdschichten noch immer Cäsium aus dem Reaktor von Tschernobyl vorhanden. Der Hirschtrüffel zieht seine Nährstoffe aus diesen tiefen Schichten – die Pilze werden zu wahren Cäsiumbomben. Wildschweine fressen die Trüffel. Das Fleisch erlegter Tiere überprüfen die Behörden daher noch immer auf seine radioaktive Belastung. Jedes Tier, das 600Bq/kg überschreitet, wird als Sondermüll vernichtet. Der Jäger bekommt den Gegenwert des Tieres vom Staat erstattet. Das kostet den Staat jährlich mehrere Millionen Euro. Bei einem niedrigeren Grenzwert würden die Entschädigungszahlungen entsprechend steigen.

Lebensmittel aus der Pazifikregion spielen bei uns eine untergeordnete Rolle. Niemand muss bei uns hungern, wenn weniger Nahrungsmittel von dort importiert werden. Ein strenger Grenzwert bleibt ohne einschneidende Konsequenzen. Nach der Katastrophe von Tschernobyl war das anders. Europaweit gab es kaum Lebensmittel, die nicht kontaminiert waren. Um eine ausreichende Versorgung sicherzustellen und die ökonomischen Folgen für die Erzeuger im Rahmen zu halten, wurde der Grenzwert bei 600Bq/kg angesetzt. Heute sind unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse durch die 1986 frei gewordenen radioaktiven Stoffe nicht mehr kontaminiert, die Versorgung der Bevölkerung nicht mehr in Gefahr. Der höhere Grenzwert gilt trotzdem auch heute noch - nicht ohne Grund.

Schaltraum in KKW
Alle deutschen Kraftwerke wurden einem Stresstest unterzogen.

Ohne Netz und doppelten Boden

Wie sicher sind Kernkraftwerke, wie sicher kann man sie überhaupt bauen? Welches „Restrisiko“ ist tragbar? Das Kernkraftwerk von Fukushima galt als erdbebensicher. Auch sollten hohe Mauern es vor Tsunamis schützen. Doch mit einem so starken Erdbeben und einem Tsunami von über zehn Metern hatte keiner gerechnet.

Nach der Katastrophe von Fukushima empfahl die Europäische Union, die Kernkraftwerke der Mitgliedsstaaten einem „Stresstest“ zu unterziehen. Das Ergebnis war niederschmetternd: Sicherheitsmängel und Defekte waren bei fast allen Kernkraftwerken zu beanstanden. Dabei war der zunehmende Terrorismus als Risikofaktor noch gar nicht einbezogen worden. Szenarien, in denen ein voll betanktes Passagierflugzeug absichtlich zum Absturz gebracht wird – welches Atomkraftwerk kann einem solchen Angriff standhalten? 

Strahlung ohne Ende

Der Rückbau von Lubmin

Grafik: Rückbau eines KKW

1990 wurde das Kernkraftwerk in Lubmin abgeschaltet, fünf Jahre später endgültig stillgelegt, und befindet sich seither im Rückbau: Die hochradioaktiven abgebrannten Brennstäbe kommen in Abklingbecken. Nach etwa fünf Jahren werden sie in Castor-Behälter verpackt und in ein Zwischenlager transportiert. Währenddessen beginnt der Abriss von nicht kontaminierten Gebäuden. Nach dem Rückbau möchte man so wenig wie möglich an strahlendem Abfall übrig behalten – ein ambitioniertes Ziel.

20 Jahre für die komplette Entsorgung

Reinigung von kontaminierten Anlageteilen

Beim Rückbauverfahren werden die kontaminierten Anlageteile mit Hochdruckwasserstrahl gereinigt. Andere Stücke kommen in ein Säurebad. Jedes Teil wird nun kontrolliert. Über 250.000 Tonnen Material wurden bereits dekontaminiert und sind reif für einen ganz normalen Schrottplatz oder fürs Recycling. Verläuft alles nach Plan, erfolgt bald der Abriss der übrigen Gebäude. Das gesamte alte Kernkraftwerk wäre dann innerhalb von etwa 20 Jahren entsorgt.

Wohin mit den Altlasten?

Grafik: radioaktiver Abfall

Übrig bleiben etwa 500 Tonnen hochradioaktiver Abfall in Castor-Behältern sowie circa 10.000 Tonnen schwach- und mittelradioaktiver Müll. Die Altlast von nur einem KKW. Und nun, wohin damit? Die strahlenden Müllberge werden in den Zwischenlagern weiter anwachsen. Wenn alle Kernkraftwerke Deutschlands abgeschaltet sind, entstehen durch den nachfolgenden Rückbau alleine etwa 200.000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiver Abfall. Wohin mit all diesem strahlenden Müll?

Sellafield wird zur Jahrhundertaufgabe

Wiederaufbereitungsanlage Sellafield

In der Atomanlagen von Sellafield brannte 1957 der Reaktor der Anlage Windscale. Nach mehr als 50 Jahren stehen noch immer die Ruinen auf dem Gelände, denn der Rückbau gestaltet sich kompliziert. Die Anlage wurde im Kalten Krieg errichtet. Die Baupläne wurden aus Angst vor Spionage sofort vernichtet. Bisher fehlte es an technischen Mitteln, den Abbau gefahrlos abzuwickeln. Nur mithilfe ferngesteuerter Maschinen kann man in die radioaktiv kontaminierten Bereiche vordringen. Experten schätzen, dass der Rückbau noch bis 2050 andauern wird. Eine Jahrhundertaufgabe.

Fukushima ist noch in der Aufklärungsphase

Roboter in zerstörtem Kraftwerk in Fukushima

Erheblich größer ist die Herausforderung in Fukushima. Aufklärungstrupps sind auch nach drei Jahren noch immer dabei, sich ein genaues Bild von den Zerstörungen zu machen. Roboter erkunden die Lage dort, wo die Strahlung für Menschen zu hoch ist. Von Abbau kann noch lange keine Rede sein. TEPCO hat für den kompletten Rückbau einen Zeitraum von 40 Jahren angegeben. Die geschätzten Kosten dafür liegen bei  mehr als 8,5 Milliarden Euro. Ein ambitioniertes Ziel. Und wohin dann mit all dem radioaktiven Abfall?

Wohin mit dem Abfall?

Weder in Japan, Großbritannien noch sonst wo auf der Welt ist die Endlagerfrage auch nur ansatzweise geklärt. Wächst uns dieses Problem weltweit langsam über den Kopf? Bis heute hat man in den Weiten Amerikas kein geeignetes Areal für ein Endlager gefunden. Dabei setzen die Vereinigten Staaten weiter auf Atomenergie. Sie haben über 100 Kernkraftwerke am Netz. Jedes Jahr fällt viel hochradioaktiver Abfall durch die verbrauchten Brennstäbe an. Die kommen ins Abklingbecken und bleiben bis auf Weiteres darin stehen. Nur etwa 30 Prozent werden in Behälter umgeladen, die dann unter freiem Himmel auf einer Art bewachtem Parkplatz lagern.

In Frankreich transportiert man die abgebrannten Brennstäbe nach La Hague zur Wiederaufarbeitung. Danach werden radioaktive Abfälle – offiziell als „radioaktives Material“ bezeichnet – nach Sibirien verfrachtet. Bei der Stadt Sewersk dient eine alte Atomanlage als Halde für radioaktiven Müll. Satellitenbilder – aufgenommen im Abstand von wenigen Jahren – belegen, dass das Gelände noch immer als Lagerstätte genutzt wird und jährlich über 100 Fässer hinzukommen.

Wohin wandet der deutsche Müll?

Grafik: Atommüll in Deutschland

Bis 2005 schickte auch Deutschland seine abgebrannten Brennstäbe ins Ausland – nach La Hague oder Sellafield zur Wiederaufarbeitung. Von dort kam und kommt der hochradioaktive Abfall wieder zurück. In Gorleben wurden bisher 113 solcher Behälter zwischengelagert. Insgesamt werden noch 26 Behälter aus dem Ausland erwartet. Wo diese nun gelagert werden sollen, ist unklar. Seit 2005 sind Transporte abgebrannter Brennstäbe ins Ausland verboten. Die Brennelemente kommen seither in spezielle Behälter, die in Hallen direkt neben den Kernkraftwerken zwischengelagert werden. Hier sammelt sich der radioaktive Abfall stetig weiter an. Bis 2022 sollen alle Kernkraftwerke abgeschaltet sein. Bis dahin kommen also noch große Mengen an hochradioaktiven Brennelementen in Castor-Behältern hinzu – insgesamt etwa weitere 1.100. Über Tage will man das radioaktive Material auf lange Sicht nicht belassen.

Für eine sichere Verwahrung über Hunderttausende von Jahren sollen bestimmte Gebiete in Deutschland mit Salz, Ton oder kristallinem Gestein, wie zum Beispiel Graphit, infrage kommen. Doch kein Bundesland möchte ein Endlager innerhalb seiner Grenzen haben. Der Streit wird weitergehen. Nur eines ist klar: Die Entscheidung über ein Endlager – oder mehrere – muss in naher Zukunft fallen.

26.02.2014

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