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ML mona lisa  | 10.10.2015  Alzheimer: "Ein Abschied auf Raten"

Interview mit Eva-Maria Popp

Jutta ist erst 55 Jahre alt, als die Diagnose “Alzheimer“ ihr Leben auf den Kopf stellt. Ihr Mann Guido ist seit 30 Jahren an ihrer Seite. Seine größte Angst: “Dass sie mich irgendwann nicht mehr kennt.“ 

Jutta und Guido blättern in einem Fotoalbum.

Der ML-Beitrag

Schon 1956 ist Siegfried Kaiser mit seinen Eltern auf der Wiesn gewesen. Sie hatten 30 Jahre lang eine Reitbahn. Inzwischen ist er längst selbst im Geschäft – und seine Nachkommen auch.

(26.09.2015)

Eva-Maria Popp ist Diplompädagogin und Autorin, Alzheimer und frühe Alzheimerdemenz sind ihr Spezialgebiet. Als Coach begleitet sie Betroffene und ihre Familien im Alltag. Bei ML
beantwortet Eva-Maria Popp Fragen zum Thema frühe Demenzerkrankung.

ZDF: Warum ist die frühe Demenzerkrankung eine extreme Herausforderung für eine Familie?

Eva-Maria Popp: Die frühe Demenzerkrankung betrifft Menschen, die teilweise noch Kinder haben, die eingebunden sind in die Berufstätigkeit, die einfach viel mehr Pflichten und Aufgaben übernehmen müssen. Insgesamt ist die frühe Demenz ein Problem für den Betroffenen, weil er natürlich damit gar nicht rechnet. In der frühen Demenz verliert man sehr bald die Selbstbestimmung, deshalb ist die ganze Familie betroffen. Es ist noch ungewöhnlicher, als ein klassischer Demenz-Fall.

Eva-Maria Popp
Eva-Maria Popp (Quelle: ZDF)
ZDF: Warum muss man sehr rasch reagieren?

Eva-Maria Popp: Wir können durch gewisse Verhaltensmuster, durch Training, durch Aktivierung, durch Beschäftigungsmethoden noch sehr viel erreichen. Das heißt, man kann die Demenz zwar nicht medizinisch hinauszögern, aber man kann lernen, damit umzugehen. Das ist eine große Erleichterung und schafft Lebensqualität.

ZDF: Wie findet man eine Kommunikationsebene?

Eva-Maria Popp: Es ist ganz wichtig, dass der Betroffene selbst seine Krankheit annimmt. Wenn es um Demenz geht, dann entstehen Gedankenmuster wie: “Der ist dumm. Der vergisst alles.“ Ein Stigma liegt auf dem Dementen und auf der Demenz, da heißt es, diese Herausforderung anzunehmen: “Ja ich bin dement.“ Das Annehmen ist die wichtigste Grundvoraussetzung dafür, dass der Verlauf für alle Familienmitglieder erträglich und tragbar ist.

ZDF: Was ist das Schwierigste für den Betroffenen?

Eva-Maria Popp: Annehmen, dass er im Laufe der Zeit seine Selbstbestimmung verlieren wird. Ich weiß nicht, ob Sie zum Beispiel schon mal die unangenehme Gelegenheit hatten, aufgrund eines Beinbruches im Rollstuhl zu sitzen, oder auf Armstützen zu gehen. Sobald Sie auf Hilfe von anderen angewiesen sind, geben Sie ein Stück Selbstbestimmung aus der Hand. Und das ist, für die meisten von uns, unerträglich.

ZDF: Was ist für den Angehörigen die größte Herausforderung?

Eva-Maria Popp: Er steht auf beiden Seiten: teilweise ist er überfordert, er muss an allen Fronten alles regeln. Er muss viele Dinge annehmen, die er vorher nicht gemacht hat. Er muss mitdenken. Er hat natürlich keine Zeit und er verliert auch einen Partner. Also dieses Rollenspiel verändert sich. Er ist dann für die Kinder zuständig, für den Haushalt zuständig, für alles – er ist alleine. Und auch die Angst natürlich, die große Angst: wie wird es sein?

ZDF: Wie kann man dennoch eine Paarbeziehung aufrechterhalten?

Eva-Maria Popp: Das ist die große Herausforderung, vor allem in einer Zeit, in der zum Beispiel der betroffene Mann, die betroffene Frau nicht mehr weiß, wer sein Partner ist. Man muss dann wirklich nachdenken als betroffener Partner, diese Beziehung auch freizugeben. Es stellt sich die Frage: Darf ich einen neuen Partner haben? Weil der demente Partner ist dann in dem Sinn keine Frau oder kein Mann mehr. Gerade bei der frühen Demenz liegt das Ende weit in der Zukunft. Das heißt, der Trauerprozess bezieht sich auf viele Phasen und eine längere Zeitspanne. Das ist das Schwierige.

ZDF: Kann man da nicht ansetzen und mit seinem Partner Vereinbarungen treffen?

Eva-Maria Popp: Dazu muss natürlich der betroffene Partner auch bereit sein, den anderen freizugeben. Das ist eine sehr heikle Angelegenheit. Da gibt es keinen Rat. Da muss man genau hinschauen, hinhören, auch auf das, was der betroffene Partner ertragen kann. Es ist wirklich die Frage, ob man so weit geht, oder ob man das dann mit sich selber klärt.

ZDF: Wird man in unserer Gesellschaft zu schnell auf das Abstellgleis geschoben?

Eva-Maria Popp: Ja, in unserer Gesellschaft ist man immer auf dem Abstellgleis, sobald man nicht mehr funktioniert, wie man funktionieren sollte. Das ist eine Grundsatzgeschichte. Das ist auch die Herausforderung, dann zu sagen, okay, ich kann das zwar nicht mehr, aber dafür kann ich vielleicht andere Sachen. Man muss das auch von der anderen Seite sehen. Ein Mensch mit Demenz kann vielleicht nicht mehr rezitieren, aber er kann vielleicht mehr fühlen, als er vorher gefühlt hat. Das heißt, sogar in diesem schlimmen Schicksal Demenz, könnte auch eine Chance liegen, dass man mehr kann.

ZDF: Wie gehen denn Kinder damit um, wenn ihre Mutter oder ihr Vater Demenz hat?

Eva-Maria Popp: Kinder begreifen das sehr schnell, zumindest bis zu einem gewissen Alter. Kinder haben nicht diese Hürde zu überwinden wie wir Erwachsene, die wir uns dagegen auflehnen. Man kann dem Kind die Wahrheit sagen, dass es schwierig wird, was die Mama nicht mehr kann, wie man damit umgehen sollte, worauf man achten muss. Die Kinder nehmen das sehr, sehr ernst und verstehen, weil sie auch auf einer anderen Ebene verstehen, als wir Erwachsenen.

ZDF: Ändert sich bei den Kindern dann auch das Rollenbild?

Eva-Maria Popp: Das ändert sich schon und das ist ein gewisses Problem, weil natürlich eine gewisse Unbeschwertheit der Kindheit damit auch verloren geht. Man hat sehr viel Verantwortung schon als kleines Kind, aber auch das ist so.

ZDF: Warum ist schnelle Hilfe gerade wichtig für Familien, wenn die frühe Demenz auftritt?

Eva-Maria Popp: Es ist sehr wichtig, dass man sich sobald wie möglich Hilfe holt, damit sich die Familie nicht auseinander lebt, damit die Kraft in der Familie bleibt und damit man auch die richtigen Weichen stellt. Gerade am Anfang werden Rollenmuster verteilt, werden Strukturen geschaffen der Bearbeitung, und treten auch viele Aggressionen auf. Dann muss man möglichst bald damit beginnen, die zu bearbeiten. Umso friedlicher, umso zufriedener, umso “glücklicher“ kann dann die Endbeziehung laufen.

Buchtipps

Bianca Mattern (Autor), Eva-Maria Popp (Autor), Iris Weißer (Autor), Til Schweiger (Vorwort)

“Demenz ist das ein Tier wie Krebs?“: Mit Kindern über Demenz reden

Verlag: modernes lernen
ISBN-13: 978-3808007556


Eva-Maria Popp (Autor)

Pflege und Beruf unter einen Hut bringen: Gute Gedanken – Wertvolle Impulse – Praktische Tipps

Verlag: Wehrfritz GmbH
ISBN-13: 978-3941805415

10.10.2015, Quelle: ZDF

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