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ML mona lisa  | Sendung vom 03.12.2011 [Archiv] Mit Liebe in die Falle gelockt

Loverboys und ihre Masche

"Würdest Du mein Leben retten, indem Du für mich anschaffen gehst?". Sarah war gerade 16, als sie diese SMS bekam von ihrem angeblichen Freund, in den sie sich gerade verliebt hatte. Zu diesem Zeitpunkt begriff die Schülerin noch nicht, dass sie in die Fänge eines sogenannten Loverboys geraten war. Ohne Bärbel Kannemann hätte sie den Ausstieg nie geschafft, meint die heute 18-Jährige. Die ehemalige Kriminalhauptkommissarin war die einzige, der sie sich anvertrauen konnte.  

Rotlicht-Milieu
Rotlicht-Milieu (Quelle: ZDF)

Oft ist die pensionierte Kriminalhauptkommissarin Bärbel Kannemann im Milieu unterwegs. Sie sucht nach den Opfern der Loverboys, minderjährigen Mädchen, die aus Liebe dort gestrandet sind. Vor sieben Jahren wird sie auf das Phänomen aufmerksam, als die Tochter ihrer niederländischen Freunde plötzlich verschwunden ist. Die Deutsche, selbst Mutter einer Tochter, beginnt sich zu engagieren. "Jeder denkt, es ist nicht mein Problem, es passiert nur in anderen Familien", erklärt Kannemann: "Es ist wichtig, dass wir den Leuten sagen, man kann darüber reden."

Die Falle schnappt zu

Mädchen in Kapuzenjacke
PC Loverboys - Mädchen (Quelle: ZDF)
Man kann darüber reden, wie im Fall von Sarah. Sie hat Bärbel Kannemann ihre Rettung zu verdanken. Für beide ein unfassbares Glück. Bärbel Kannemann weiß noch ganz genau, wie verzweifelt die Minderjährige damals war: "Ich kann nicht mehr, ich weiß nicht mehr weiter, ich bin ganz alleine, hilf mir! Ich hatte den Eindruck, ich muss sofort etwas tun." Und sie tat etwas, sie schaffte es, Sarah aus den Fängen eines brutalen Zuhälters zu befreien.

Sarah war gerade 16, als sie auf dem Schulweg von einem sogenannten Loverboy angesprochen wird. Sie verliebt sich in ihn. Doch dann spricht der 19-Jährige von Schulden und ob sie bereit wäre, ihm zu helfen. Auf einmal ist alles anders. "Er fing dann an, mich zum Sex mit seinen Freunden zu zwingen. Er sagte mir immer, dass das normal ist unter Freunden, dass man die Frau teilt" erinnert sich das Mädchen. Plötzlich zeigt der vermeintliche Freund sein wahres Gesicht, er schlägt sie, pumpt sie voll mit Drogen, zwingt sie, mit anderen Männern zu schlafen.

Das Martyrium

Bärbel Kannemann
PC Loverboys - Kannemann (Quelle: ZDF)
Zehn Monate war Sarah seine Sklavin. Ging für ihn auf den Strich. Aus Liebe. "Ich hab' sozusagen meinen Körper und meine Seele ausgeschalten", erinnert sich Sarah: "Ich hab' gedacht, ich mache das für ihn, für die Liebe, für die Zukunft." Bärbel Kannemann erklärt die Methode: "Die Täter nutzen die schlimmste Waffe, die ein Mensch hat: Gefühle, Liebe, um die Mädchen in die Abhängigkeit zu bringen, sie an sich zu binden in jeder Form, emotional, sozial, drogenabhängig zu machen, aber gleichzeitig von allen Freunden und der Familie zu isolieren." Diese Form des Menschenhandels ist in den Niederlanden schon seit Jahren bekannt. Die Loverboys gaukeln einsamen, meist minderjährigen Mädchen Liebe vor, um sie sexuell auszubeuten. Sie sind gut vernetzt und Meister der Manipulation. Tausende Opfer pro Jahr sind es allein in den Niederlanden.

Auch die Tochter von Dirk wurde mit 19 Jahren von einem Loverboy verführt. Er drohte damit, ihrer Familie würde etwas zustoßen, wenn sie nicht für ihn auf den Strich ginge. Bis heute hat seine Tochter den Ausstieg aus dem Milieu nicht geschafft. Für den Vater war der Freund der Tochter zunächst ein ganz normaler junger Mann. "Sie hat ihn wirklich geliebt. Er hat ihr die Zukunft versprochen, das Geld wäre für beide, sie würden sich alles leisten können", erzählt der Vater: "So ist sie reingerutscht und kam nicht mehr raus."

Den Teufelskreis durchbrechen

Mann blickt auf einen Teich.
PC Loverboys - Teich (Quelle: ZDF)
Bärbel Kannemann und Dirk engagieren sich nun gemeinsam in dem Verein EILOD, Elterninitiative für Loverboy-Opfer Deutschland. Hierzulande, sagt Bärbel Kannemann, werde das Verbrechen unterschätzt. 200 Mädchen und ihre Angehörigen hätten sich seit Anfang letzten Jahres schon bei ihr gemeldet. Oft ist sie dann 24 Stunden für die Mädchen da. "Wenn Mädchen, erzählen, dass sie schwanger waren, dass sie mit niemandem reden konnten, dass sie allein mit Abtreibungen fertig werden mussten, dass sie verletzt waren und niemand ihnen geholfen hat", so Kannemann, dann sei das oft nicht zu ertragen. Und selbst wenn die Mädchen gerettet werden wie Sarah, geht immer noch eine große Gefahr von den Loverboys aus. Deshalb haben Sarah und ihre Mutter den Wohnort gewechselt.

Dass Sarah damals auf den Strich ging, bekam ihre Mutter nicht mit. "Man merkt nichts, keine Chance. Die haben eine Taktik, die gehen so auf die Mädchen ein. Obwohl die Mädchen etwas ganz Schlimmes erleben, geschlagen werden, zur Prostitution gezwungen werden, trotzdem ganz normal leben müssen, Mutter anlügen müssen, zur Schule gehen, weiterlernen müssen, ganz unauffällig." In den zehn Monaten ihres Martyriums wird Sarah sogar mit dem Tod bedroht. Als sie von einem Freier brutal misshandelt wird, wacht sie endlich auf. "Irgendwann hat es Klick gemacht" sagt das Mädchen: "Ich habe mich dann gefragt, warum ich das mache, warum ich so doof bin und für einen Mann mit anderen Männern Sex habe."

Für die Mädchen da sein

Nahaufnahme Hände
PC Loverboys - Haende (Quelle: ZDF)
Ihrer Mutter will sich Sarah damals nicht anvertrauen. Im Internet findet sie den Kontakt zu Bärbel Kannemann. An ihrem 17. Geburtstag meldet sie sich bei ihr. Bärbel Kannemann reagiert sofort, wendet sich an Sarahs Mutter. Gemeinsam finden sie eine Lösung. Sarah kommt in eine Klinik, beginnt mit einer Therapie. Mutter und Tochter brechen alle Brücken zum alten Leben ab. Mit Bärbel Kannemann an ihrer Seite. "Sie hat mir aus diesem Loch herausgeholfen, so dass ich eine richtige, reale Zukunft starten kann", erklärt Sarah: "Hätte ich Bärbel nicht im Internet gefunden, wäre ich immer noch da drinnen, hätte das vielleicht aus eigener Kraft nicht geschafft." Sarah ist nur eine von 200, denen Bärbel Kannemann mittlerweile helfen konnte. Aber das ist nur die Spitze des Eisbergs.

03.12.2011

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