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Durch die Datenbrille geschaut

Mario Sixtus über die Themenwahl und Produktion von „Operation Naked“

„Operation Naked“ ist ein fiktionaler Film über die Einführung von Datenbrillen und deren Auswirkung auf die Gesellschaft. Regisseur und Autor Mario Sixtus erzählt seinen Film nicht mit konventionellen Bildern, sondern setzt die Geschichte aus kurzen Ausschnitten aus ZDF-Sendungen zusammen. Bei der Collage aus unterschiedlichen Szenen haben rund 15 ZDF-Sendungen und ihre Moderatoren mitgemacht. 

"Operation Naked": Autor und Regisseur Mario Sixtus bei der Moderation seiner Sendung "Elektrischer Reporter".

Mario Sixtus in "Operation Naked"

(Quelle: ZDF/Patrick Jasim)

Mario Sixtus: '“Operation Naked” hat zwei Hauptpersonen: die Berliner Start-Up-Gründerin Michelle Spark, die eine Datenbrille mit Gesichtserkennung auf den Markt bringen will - und die Technologie selbst, die diese Brille antreibt. Wir erleben in “Operation Naked” zum einen, wie Michelle Spark als Unternehmerin von der Politik und von den Medien gefeiert und umworben wird - zumindest so lange bis kritische Stimmen laut werden und die Stimmung in der Bevölkerung zu kippen droht. Andererseits sehen wir, wie diese Technologie eine Eigendynamik entwickelt, wie sie damit beginnt, die Gesellschaft zu
verändern und sich dabei naturgemäß nicht die Bohne um Politik, Medien oder die Volksmeinung schert - fast so wie ein freigelassener Virus.

Ich bin der festen Überzeugung, dass die Digitalisierung für unsere Gesellschaft und für unser aller Leben noch einige Überraschungen mitbringen wird, an die wir jetzt noch gar nicht denken - weil wir sie uns nicht vorstellen können. Und genau so fest bin ich davon überzeugt, dass dieser Prozess keine Pause- oder gar Stopp-Taste besitzt. Es fängt alles gerade erst an. Der Film “Operation Naked” ist ein Produkt dieser Überzeugung.

Die Geschichte von “Operation Naked” erlebt der Fernsehzuschauer aus der Perspektive eines Fernsehzuschauers. Der Film ist ein TV-Timeline-Forward-Zapping: Er springt auf der Zeitlinie immer weiter nach vorne, durch unterschiedliche Sendungen mit unterschiedlichen redaktionellen Schwerpunkten. Hier hat es mich gereizt, durchzuspielen, wie sich das Fernsehen mit all seinen verschiedensten journalistischen Blickwinkeln und vielfältigen Ansätzen solch einem Phänomen nähert: Die einen Redaktionen interessieren sich hauptsächlich für den Menschen hinter dem Unternehmen, andere beleuchten den wirtschaftlichen Aspekt, wieder andere bieten Skeptikern und Kritikern ein Podium. Das große Bild ergibt sich für jene Zuschauer, die diese verschiedenen Perspektiven für sich
kombinieren und zusammenführen. Wenn man will, kann man “Operation Naked” also auch als Appell an den selbstbestimmten Mediennutzer begreifen.

Wie weit ist die Technologie in der Realität?

"Operation Naked": Michelle Spark (Sarah Rebecca Gerstner) zu Gast bei Markus Lanz.
Michelle Spark (Sarah Rebecca Gerstner) in der Szene bei "Markus Lanz". (Quelle: ZDF/Patrick Jasim)
Die ersten paar Tausend Entwickler, die mit einer Google-Glass-Brille durch die Gegend liefen, bevor Google das Projekt zurück ans Reißbrett beorderte, durften erfahren, dass Technologieskepsis bisweilen sogar unter Technologiefreunden verbreitet ist. “Glassholes” nannte man die Glass-Träger auf Tech-Konferenzen, während Fitness-Clubs und Bars Glass-Verbotsschilder aufhängten. Dabei konnte die erste Generation von Glass nicht viel. Letztlich waren es Auf-der-Nase-Varianten von eher schlappen Android-Smartphones. Aber als Angst- und Unsicherheits-Auslöser waren sie prima geeignet.

Gesichtserkennung wiederum ist eine Technologie, die bereits erstaunlich gut funktioniert, die sich aber noch nicht wirklich herauswagt aus der Nische der Sicherheits- und der Zugangskontroll-Anwendungen. EU-Bürger etwa können auf mehreren Flughäfen bereits durch Roboter-kontrollierte Schleusen einreisen, wo nur noch eine Maschine das Passbild mit dem Gesicht vergleicht. Das funktioniert bemerkenswert unspektakulär, und vor allem Vielflieger schätzen die automatischen Grenzkontrolleure sehr.

Facebook besitzt mit “Deep Face” einen Gesichtserkennungsalgorithmus, der Menschen besser erkennt als Menschen. Facebook gönnt Gesichtserkennungssystemen allerdings bislang nur eine Nischenexistenz, irgendwo versteckt in der Foto-Anwendung. Auch Google und Microsoft halten sich zurück. Aber Entwicklungen lassen sich nicht aufhalten. Datenbrillen mit Gesichtserkennungsoftware werden kommen, und zwar schon bald. Datenschützer und auch der Gesetzgeber werden das nicht verhindern können. Wir leben in einer vernetzten Welt. Selbst wenn in Brüssel morgen ein EU-weites Verbot für Gesichtserkennungssoftware beschlossen würde, übermorgen würde eine koreanische Softwarefirma eine solche App zum Download bereitstellen. Letztlich verhält es sich mit Software wie mit Gedanken: Sie sind frei, man kann sie nicht verbieten.

Es ist also keine Frage mehr, ob unsere Gesellschaft bald durch eine ernst zu nehmende Disruption geht. Es ist auch völlig egal, was jeder Einzelne davon hält. Es ist unwichtig, ob wir davor Angst haben, ob wir allein den Gedanken an solch eine Zukunft ablehnen oder ob wir uns vielleicht sogar darauf freuen: Es ist nur noch eine Frage, wann es geschieht.

Und nach dem ersten Schrecken, nach den ersten kulturapokalyptischen Artikeln, nach schnappatmenden Kommentaren und angsterfülltem Furor, werden wir es alle irgendwann völlig normal finden, zu wissen, wer uns da gegenüber in der U-Bahn sitzt, welche Musik er gerne hört und welchen Film er zuletzt gesehen hat. Menschen sind so: Auf die große Aufgeregtheit folgt die große Gleichgültigkeit.'

Über den Regisseur

Autor und Regisseur Mario Sixtus

Als Blogger und Video-Journalist beschäftigte sich Mario Sixtus bereits sehr früh mit Technik, Netzpolitik, Gesellschaft sowie neuen Playern und Geschäftsmodellen im Internet. 2006 startete er die Webvideo-­Reihe "Elektrischer Reporter", ein Magazin für Netzkultur­ und -politik. Für dieses Format wurde Sixtus 2007 mit dem Grimme Online Award in der Kategorie "Wissen und Bildung" ausgezeichnet. Seit 2008 wird das Format von ZDFinfo produziert und gesendet. "Operation Naked" ist Mario Sixtus' Debüt als Fiction-Regisseur.

08.02.2016

ZDFmediathek: Operation Naked

  • Operation Naked | 22.02.2016, 23:55

    Operation Naked

    Michelle Spark kann sich keine Gesichter merken. Mit Hilfe einer neuartigen Datenbrille will sie ihr ... VIDEO

  • Operation Naked | 22.02.2016, 23:55

    Teaser: Operation Naked

    Mockumentary von Mario Sixtus über die revolutionären Auswirkungen, die eine Datenbrille mit ... VIDEO

  • ZDFinfo Doku | 16.05.2016, 17:00

    Ich weiß, wer du bist

    Google, Amazon und Facebook wissen schon jetzt Bescheid über unser Konsumverhalten, unsere Vorlieben ... VIDEO

  • Volle Kanne | 22.02.2016, 09:05

    Mario Sixtus: "Operation Naked"

    Mario Sixtus geht in seinem fiktionalen Dokumentarfilm "Operation Naked" auf parodistische Weise der ... VIDEO

Weitere Links zum Thema

Das kleine Fernsehspie - Operation Naked

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