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Thema und Gäste  | 03.08.2014  Judenhass auf deutschen Straßen

Neue Gefahr, alte Vorurteile?

Der Konflikt zwischen Israel und der im Gazastreifen herrschenden Hamas eskaliert. Täglich steigt die Zahl der Toten und Verletzten auf beiden Seiten – und im gleichen Maß steigt die Zahl der Proteste gerade in Deutschland gegen die Politik Israels. Nur wird auf diesen Demonstrationen nicht nur die Politik des jüdischen Staates kritisiert. Immer wieder und nicht zu überhören skandieren die Protestierenden auch antisemitische Parolen. Ist demnach in Deutschland ein Wiederaufleben des Antisemitismus zu befürchten? Darüber diskutieren bei „Peter Hahne“ der Historiker Michael Wolffsohn und der Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD Raed Saleh. 

von Harald Grimm

Peter Hahne: Anti-israelische Demonstranten tragen ein Plakat mit dem israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu, der ein Kind auffrisst.
Antisemitismus pur: Juden wie Ministerpräsident Netanjahu fressen Kinder. (Quelle: ap)
Der Schock saß tief. Als auf einer Demonstration gegen die Angriffe Israels auf Gaza einige der Teilnehmer laut „Jude, Jude, feiges Schwein“ und „Tod den Juden“ brüllten, beeilten sich führende Politiker, bis hoch zu Bundespräsident Gauck, zu betonen, dass solche judenfeindliche Aussagen nicht in Deutschland toleriert würden. Sie forderten die Polizei auf, bei ähnlichen Vorkommnissen sofort einzuschreiten. Nicht weiter verwunderlich war, dass der Anlass „Gaza-Konflikt“ insbesondere palästinensische Demonstranten auf die Straße trieb. Doch lässt sich daraus schließen, dass alle Muslime antisemitisch eingestellt sind und sie die hierzulande für ausgestorben geglaubte „Geistes“-Haltung wieder nach Deutschland eingeschleppt haben?

Sündenböcke gesucht!

Ganz so einfach kann man es sich jedoch nicht machen. Natürlich werden sich auch unter Muslimen viele Antisemiten finden lassen, und natürlich ist die auch von der EU als terroristische eingestufte Hamas radikal antisemitisch eingestellt – steht doch immer noch in ihrer Charta, dass eines ihrer wichtigsten politischen Ziele darin besteht, den Staat Israel zu zerstören und alle Juden zu töten. Dies ist der eigentliche Hintergrund der seit Wochen intensivierten terroristischen Raketenangriffe der Hamas auf Israel. Die Rache für die Ermordung eines palästinensischen Jugendlichen dient lediglich als Vorwand für den Beschuss der israelischen Bevölkerung.

Die antisemitischen Parolen auf den Demonstrationen gegen die Angriffe Israels auf Gaza haben also keine eigentlichen religiösen Gründe. Ähnlich wie bei der Stellung der Frau und anderen kontroversen Fragen gibt es auch hinsichtlich der Juden unterschiedliche Interpretationen des heiligen Buchs der Muslime, des Korans. Fachleute verweisen darüber hinaus darauf, dass Juden und Moslems sich im Nahen Osten über Jahrhunderte relativ gut verstanden; der im 19. Jahrhundert aufkommende Antisemitismus wurde erst von den europäischen Kolonialmächten eingeschleppt. Wenn also die Hintergründe für die judenfeindlichen Äußerungen nichts mit der Religion oder der Herkunft zu tun haben, bleibt als Deutungsmuster wieder einmal nur das Gefühl beziehungsweise die Tatsache der Deklassierung. Insbesondere muslimische Immigranten fühlen sich häufig fremd in unserer Gesellschaft und sozial benachteiligt. In solchen Situationen sind Verschwörungstheorien gefragt und

ZITAT

Mitbürger! Der Löw' ist los! Wer ist daran Schuld? Die Juden! Wählt die Deutsche Volkspartei!”

Kurt Tucholsky: „Der Löw‘ ist los!“

Sündenböcke meist hilfreich – eine Rolle, die seit Jahrhunderten den Juden zugewiesen wird.

Nun sind aber nicht nur Muslime in Europa latent oder offen antisemitisch eingestellt. Laut einer Studie, die 2011 im Auftrag des Deutschen Bundestags erstellt worden ist, sind judenfeindliche Gesinnungen in „erheblichem Umfang“ in unserer Gesellschaft vorzufinden. Auch jenseits der rechtsextremen oder muslimischen Kreise sei bei 20 Prozent der Bevölkerung eine latent antisemitische Haltung vorzufinden. Das reicht sogar bis in vermeintlich gesellschaftskritische Gruppierungen. So hat die Jugendorganisation der „LINKEN“ in NRW eine Demonstration mitveranstaltet, auf der antisemitische Parolen und der Ruf nach Adolf Hitler laut geworden sind. Auch die seit Jahren grassierende Finanzkrise bietet die Möglichkeit, in alte „Denk“-Muster zu fallen. So ist häufig vom schlimmen Finanzkapitalismus zu hören, der dem vorbildlichen Produktions-Kapitalismus gegenüber stehe. Diese Aussage ist letztlich nichts anderes als die Behauptung der Nationalsozialisten, es gebe das böse - jüdische – raffende Kapital und das gute – deutsche, germanische, arische – schaffende Kapital. Der Antisemitismus kehrt also nicht wieder nach Deutschland zurück. Er war nie weg, nur gut versteckt. Und zu bestimmten Gelegenheiten macht er sich wieder lautstark und gewalttätig bemerkbar.

Die Gäste der Sendung

Peter Hahne: Raed Saleh zu Thema Antisemitismus
Raed Saleh (Quelle: imago)
Raed Saleh wurde 1977 in Sebastia im Westjordanland, dem heutigen Palästinensischen Autonomiegebiet, geboren. Als Kind übersiedelte er nach Berlin, wo er 1997 das Abitur ablegte. Nach abgebrochenem Medizinstudium arbeitete er für eine Fast Food Firma und ist seit 2002 Mitinhaber eines Berliner Medienunternehmens. Bereits 1995 wurde er Mitglied der SPD, für die er in verschiedenen Arbeitskreisen mitarbeitete. 2006 wurde Saleh in das Berliner Abgeordnetenhaus gewählt, 2008 wurde er Kreisvorsitzender des Bezirks Spandau und Mitglied des SPD-Landesverbandes. 2011 errang er erneut den Sitz im Landesparlament und wurde zum Fraktionsvorsitzenden seiner Partei im Berliner Abgeordnetenhaus gewählt.

Michael Wolffsohn
Michael Wolffsohn (Quelle: imago)
Michael Wolffsohn wurde 1947 in Tel Aviv geboren. Seine Eltern waren 1939 vor den Nationalsozialisten nach Palästina geflohen. 1954 kehrte die Familie nach Berlin zurück, wo er 1966 anfing, an der FU zu studieren. Nach israelischem Wehrdienst und Abitur promovierte er 1975 am Geschichtsinstitut der FU und ging von 1975 bis 1980 als wissenschaftlicher Mitarbeiter an die Universität des Saarlandes. Nach seiner Habilitation in Politikwissenschaft und Zeitgeschichte übernahm er von 1981 bis zu seiner Emeritierung 2012 eine Professur an der Universität der Bundeswehr in München.

Wolffsohn bezeichnet sich selbst als „deutsch-jüdischen Patrioten“. Er schreibt für mehrere Zeitschriften und hat zahlreiche Bücher veröffentlicht. Außerdem ist er gern gesehener Gast in Talkshows der Rundfunk- und Fernsehsender. Zwischen 2001 und 2005 ließ er auf eigene Kosten die von seinem Großvater geerbte Gartenstadt Atlantic sanieren. Diese liegt im sozialen Brennpunkt Berlin-Gartenstadt und beherbergt nun ein deutsch-türkisch/muslimisch-jüdisches Kultur-, Bildungs- und Integrationsprojekt mit allgemein zugänglichen gemeinnützigen Einrichtungen, vorwiegend für Kinder und Jugendliche.

03.08.2014

Initiative von Juden, Muslimen und Christen

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