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planet e.  | 04.10.2015  Interview mit Dr. Yoshiko Aoyama

Dr. Yoshiko Aoyama beschäftigt sich seit 1979 mit Pestiziden. Sie leitet eine Klinik in Maebashi, nordöstlich von Tokyo. 

Biene vor Sonnenblume

Neonicotinoide sind Insektenvertilgungsmittel, die manche für Wunderwaffen auf dem Acker halten. Aber das Gift tötet nicht nur Schädlinge, sondern bedroht in Kleinstmengen auch Menschen.

(04.10.2015)
England, Norfolk, Fakenham. Mechanised spraying of commercial potato crop against blight. Mechanised spraying of commercial potato crop against blight. PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY GaryxSmith/LOOPxIMAGES GKS1501305

England Norfolk  mechanized spraying of Commercial Potato Crop against Blight mechanized spraying of Commercial Potato Crop against Blight PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxHUNxONLY GaryxSmith LOOPxIMAGES GKS1501305

Vorschau auf die planet e.-Doku "Insektengifte - Schleichende Gefahr vom Acker", Sendezeit der Doku: Sonntag, 04.10.2015 um 14.30 Uhr

(02.10.2015)

ZDF: Wann sind Ihnen erstmals Patienten mit Schäden durch Pestizide aufgefallen?
Dr. Yoshiko Aoyama: Das erste Mal hatte ich 1979 Patienten mit Pestizidvergiftungen. Zufällig hatten wir damals eine Anzuchtgärtnerei in der Nachbarschaft. Das Lager der Firma mit den Pestiziden darin wurde abgerissen. Diese Pestizide verbreiteten sich in der Umgebung. Je nach Windrichtung, also wenn der Wind beispielsweise aus Süd-Ost wehte, kamen an dem Tag aus der entsprechenden Richtung 40 bis 50 Patienten zu mir in die Praxis. Die Patienten hatten alle die gleichen Beschwerden.

Am nächsten Tag wehte der Wind aus einer anderen Richtung. Da kamen wieder 40 bis 50 Patienten, die in der anderen Richtung lebten, mit den gleichen Beschwerden. Das waren Symptome, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte. Ich bin dann darauf gekommen, dass das Beschwerden sein müssen, die durch den Abriss des Pestizid-Lagers hervorgerufen worden sein müssen.


ZDF: Welche Symptome traten damals auf?
Dr. Aoyama: Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, außerdem Abasie (d.h. Unfähigkeit zu Gehen) und bei einigen Patienten waren auch Hornhautgeschwüre in den Augen sichtbar. Sie konnten nicht sehen. Sie erkannten nicht, ob es hell war oder nicht. Übelkeit, Spucken, Durchfall, es gab alle möglichen Symptome.

ZDF: Wann kam das Problem mit den Neonicotinoiden auf?
Dr. Aoyama: Anfang der 90er Jahre hat man angefangen Kiefern mit Neonicotinoiden gegen Borkenkäfer zu spritzen. In der Zeit kamen Patienten mit völlig anderen Symptomen.


ZDF: Was für Symptome waren das?
Dr. Aoyama: Das war das Zittern der Hände, Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel. Diese Symptome sind zwar die gleichen wie zuvor, aber es gab außerdem Gedächtnisstörungen, Angst und Erregung.
Ich habe mich dann informiert und herausgefunden, dass das verwendete Neonicotinoid-Pestizid Acetamiprid war. Noch zwei Monate nach dem Spritzen konnte man in den Kiefernadeln 0,5ppm (parts per million) Acetamiprid nachweisen. Es ist ein Pestizid, das sehr gut von den Pflanzen absorbiert wird. In Gunma wurde es vom Boden aus verteilt. In Nagano wird es aber mit großen Hubschraubern versprüht.


ZDF: Gibt es auch langanhaltende Symptome durch Neonicotinoide?
Dr. Aoyama: Ja, das gibt es. Diese Symptome sind im Verlauf der Zeit aufgetreten, durch Essen und durch Getränke.
Das Spritzen von Kiefern mit Neonicotinoiden wurde in der Präfektur Gunma 1996 eingestellt. Ein halbes Jahr gab es keine Fälle. Und ich dachte schon, dass meine Aufgabe hier endlich zu Ende sei. Aber nach einem weiteren halben Jahr kamen Patienten mit leichten Symptomen, die dann im Lauf der Zeit immer stärker und stärker wurden, so als hätten sich Neonicotinoide im Körper abgelagert. Es waren sogar mehr Patienten als vorher.


ZDF: Wie viele Patienten?
Dr. Aoyama: Bis zu 200 pro Tag.
Die charakteristischen Symptome sind unregelmäßiger Herzschlag, Bluthochdruck, aber das auffälligste Charakteristikum ist der Abfall geistiger Fähigkeiten und der Nachlass des Erinnerungsvermögens.


ZDF: Warum sind Neonicotinoide so gefährlich für Kinder?
Dr. Aoyama: Weil sie meiner Meinung nach bei der Entwicklung des Gehirns garantiert eine Auswirkung haben. Ein Stoff, der selbst bei Erwachsenen einen so starken Effekt hat, dass eine Person nicht mehr den Weg nach Hause findet, muss auf ein Embryo eine noch stärkere Auswirkung haben, denke ich. Deswegen denke ich, dass man für die Zukunft der Kinder mit einem so gefährlichen Pestizid aufhören muss.
Erwachsene haben eine so genannte Blut-Hirn-Schranke, die das Gehirn einigermaßen schützt. Embryos haben das nicht. Das geht alles direkt ins Gehirn. Wenn wir nicht schnell etwas unternehmen, kommt es zu Anomalitäten im Gehirn.

ZDF: Wieso sind Neonicotinoide die gefährlichsten Pestizide? Man stirbt ja nicht davon.

Dr. Aoyama:Neonicotinoide haben Auswirkungen auf das Herz. Sie verursachen Herzrhythmusstörungen. Ein Arzt vermutet nicht, dass  Herzrhythmusstörungen von Neonics herrühren können. Es gibt viele Leute, die an Herzrhythmusstörungen sterben. Die trinken gerne grünen Tee oder essen gerne Produkte, die stark mit Neonics belastet sind. Kein Arzt würde da einen Zusammenhang vermuten. Wenn also jemand stirbt, denkt keiner daran, dass es an den Neonicotinoiden liegen könnte.

Wenn man es herausfinden wollte, müsste man den Urin den Patienten untersuchen. Dann würde man Reststoffe von Neonicotinoiden finden. Diese Stoffe, die nach dem Zerfall der Neonicotinoide bleiben sind viel gefährlicher als die ursprüngliche Substanz. Je nach Pestizid 1.000fach oder 2.000fach stärker. Es wird sogar gesagt, dass es je nach Produkt eine 10.000fache Verstärkung geben kann.

04.10.2015

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Insektengifte - Schleichende Gefahr vom Acker

Neonicotinoide sind Insektenvertilgungsmittel, die manche für Wunderwaffen auf dem Acker halten. Aber das Gift [mehr]

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