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planet e  Sendung vom 19.07.2015 [Archiv] Zeitbombe im Trinkwasser

Nitrat belastet das Grundwasser

Deutschland gehört zu den größten Trinkwasserverschmutzern in der EU: Kot und Urin aus der Massentierhaltung gefährden unser Wasser. Denn diese Gülle wird auf die Felder gekippt und sickert ins Grundwasser. Die Zahlen sind dramatisch: Der Nitrat-Grenzwert  wird in der Hälfte aller Messstellen in Deutschland nicht mehr eingehalten. Dabei kann der Stoff beim Menschen Krebs auslösen. Brüssel schlägt Alarm. 

Informationen über die Nitratwerte im Grundwasser in Ihrer Region erhalten Sie von den zuständigen Landesämtern für Gewässerschutz. Alle Kontaktdaten der Landesämter und Hintergrundinformationen finden Sie in dieser Grafik.

Gülle auf Acker

Hohe Nitratbelastung im Grundwasser

Die Düngepraxis auf deutschen Äckern ist Auslöser für die steigenden Nitratwerte. Aufwändige Verfahren sind notwendig, damit unbelastetes Trinkwasser aus dem Wasserhahn fließt.

(26.05.2014)
Düngung mit Gülle

planet e.-Doku "Zeitbombe im Trinkwasser"

(19.07.2015)

Thomas König in Friesoythe bei Oldenburg ist Schweinezüchter. Er besitzt einen Mastbetrieb mit 1500 Tieren und zwei Biogasanlagen. Gülle und Gärreste dienen als Dünger für die Pflanzen. Doch in dem Betrieb fallen mehr davon an, als Thomas König auf seinen Flächen ausbringen darf. Die Düngemittelverordnung schreibt vor, welche Höchstmengen die Bauern auf ihren Feldern ausbringen dürfen, unter anderem, damit die Nitratbelastung im Boden nicht zu hoch wird. Die Verordnung wird gerade überarbeitet und die Festlegung der Grenzwerte kontrovers diskutiert.

Sendezeit

Sonntag, 19.07.2015 um 14.50 Uhr

Pro Jahr produziert ein Schwein zwischen 1000 und 1500 Liter Urin und Kot. Im Betrieb von Thomas König fallen damit jährlich rund 2,3 Millionen Liter flüssige Gülle an. Um die enormen Mengen aus der Massentierhaltung in den Griff zu bekommen, hat sich ein Gülletourismus etabliert: Lastwagen fahren Fäkalien quer durch Deutschland - von den überquellenden Mastbetrieben zu Höfen mit wenig oder ohne Tierhaltung. Auf Nährstoffbörsen im Internet werden die tierischen Abfälle angeboten.

Was Bauer König nicht selbst verwerten kann verschenkt er: Fast jeden Tag holen LKW auf dem Hof Gülle ab und transportieren sie oft hunderte Kilometer weit. "Die Gülle ist für andere Bauern ein kostenloser und guter Dünger", meint er.

Flächenstilllegung für die Trinkwassersicherung

Sehr konsequent haben Pierre Ramnick und viele seiner Kollegen im fränkischen Greußenheim reagiert: Im örtlichen Brunnen des 1600-Einwohner-Dorfes war der Nitratwert zu hoch, der Ort sollte an die überregionale Wasserversorgung angeschlossen werden. Daraufhin haben sich die Bauern vor über 20 Jahren  gemeinsam entschlossen, 70 Hektar ihrer Flächen für ein Wasserschutzgebiet zur Verfügung zu stellen. Auf dieser Fläche wird heute nichts mehr angebaut.

Mit Erfolg: Der Nitratwert im Trinkwasser liegt heute bei 36 Milligramm pro Liter. „Nur so konnten wir unser Wasser schützen“, erzählt Ramnick, der seitdem seinen ganzen Betrieb radikal auf Bioanbau ohne Gülle umgestellt hat.

Umstritten: Chemische Hilfsstoffe für die Böden

An der agrarwissenschaftlichen Fakultät der Hochschule in Osnabrück beschäftigt sich Professor Hans-Werner Olfs seit Jahren mit dem Nitratproblem. Seine Empfehlung: Zusätzliche Chemikalien, sogenannte Nitrifikationshemmer, in die Gülle geben, die ein zu rasches Versickern der Schadstoffe verhindern sollen. Doch das Verfahren ist umstritten: Wasserversorger fürchten, dass die chemischen Hilfsstoffe noch nicht genug erforscht sind und zu weiteren Umweltproblemen führen können.

Eine neue Düngeverordnung soll noch in diesem Sommer verabschiedet werden, um die permanente Überdüngung unserer Böden zu verhindern. Doch viele Interessensverbände mäkeln an den Entwürfen herum. Ob die endgültige Fassung später zur Lösung des Wasserproblems beitragen kann, ist ungewiss.

Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft schlägt Alarm

Vergangene Woche wieder schlug der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft Alarm. Der Vizepräsident, Jörg Simon, kritisiert die andauernde Blockadehaltung der Politik. Zur Hinhaltetaktik gehöre auch das Einsetzen einer Bund/Länder-Arbeitsgruppe zur Klärung der Nitratbelastungen. Bis Ergebnisse vorliegen, gingen schnell fünf bis zehn Jahre in Land, so Simon.

Derweil sind viele Wasserversorger alarmiert. Sie müssen inzwischen immer tiefer bohren, um an sauberes Wasser heranzukommen. Planet e. zeigt, wie solche Brunnen um bis zu 40 Meter tiefergelegt werden. Für den Bereichsleiter Trinkwassergewinnung und Grundwasserschutz beim Oldenburgisch-Ostfriesischen Wasserverband (OOWV) , Egon Harms eine dramatische Entwicklung: „Danach ist Schluss, darunter ist kein brauchbares Wasser mehr“.

 

Informationen zu Nitrat

Gesundheitsgefahren

Nitrate können im Körper durch Einwirkung von Bakterien in Nitrit umgewandelt werden. Nitrit kann im Körper mit Aminen zu Nitrosaminen reagieren, welche als stark krebserregend gelten. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) sieht deswegen eine langfristige Aufnahme von größeren Mengen an Nitrat als problematisch an. Die Nitratzufuhr beim Menschen sollte soweit wie möglich reduziert werden, beispielsweise durch entsprechende Reduzierung der Düngung bei Gemüsekulturen.

Die Nitrat-Umwandlung zu Nitrit kann zudem für Säuglinge in den ersten Lebensmonaten ein akutes gesundheitliches Risiko darstellen. Nitrit stört den Sauerstofftransport durch die roten Blutkörperchen, dies kann zu Sauerstoffmangel in den Geweben bis hin zur inneren Erstickung führen.

Bei bakteriellen Infektionen des Magen-Darm-Traktes besteht ebenfalls das Risiko, dass nach der Aufnahme nitrathaltiger Lebensmittel Nitrat im Darm vermehrt zu Nitrit umgewandelt wird. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) rät deshalb, Kindern, die an bakteriellen Magen-Darm-Infektionen leiden, keinen Spinat zu geben.

(Quelle: BfR, DGE)

Bedeutung des Grundwassers

Rund 74 Prozent des Trinkwassers werden in Deutschland aus dem Grundwasser entnommen. Grundwasservorkommen unter landwirtschaftlich genutzten Flächen sind starken Belastungen ausgesetzt. Das Hauptproblem ist laut Umweltbundesamt der Nährstoffeintrag aus stickstoffhaltigen Düngemitteln. Sie führen zur Belastung des Grundwassers mit Nitrat.


Die Qualität des Grundwassers wird in den Bundesländern regelmäßig überprüft. Die Daten werden beim Umweltbundesamt gesammelt und jährlich an die Europäische Umweltagentur (EUA) übermittelt.

Qualität des Trinkwassers

Der Grenzwert für Nitrat im Trinkwasser liegt in der EU und in Deutschland bei einem Wert von 50 Milligramm pro Liter Wasser. Die Grenzwerte im Trinkwasser werden streng überwacht: Kein anders Lebensmittel ist so gut kontrolliert wie unser Trinkwasser.

Doch wegen der Belastung des Grundwassers sind teilweise aufwendige Verfahren notwendig, damit beim Verbraucher unbelastetes Trinkwasser aus dem Wasserhahn fließt. Mancherorts müssen die Wasserversorger neue Brunnen bohren, weil die Nitratwerte in den bestehenden Grundwasserreservoirs viel zu hoch sind. In anderen Fällen wird mit Nitrat belastetes Wasser mit unbelastetem Wasser gemischt, um Trinkwasser herzustellen, bei dem die Nitratkonzentration den Grenzwert nicht überschreitet.

Wo kann man sich über die Trinkwasserqualität informieren?

Informationen rund um die Trinkwasserqualität sowie den Nitratwert geben die Wasserversorger der Region sowie die zuständigen Gesundheitsämter. Viele Wasserversorgungsunternehmen stellen die aktuellen Analysedaten und weitere Informationen zum Trinkwasser auch im Internet zur Verfügung.

Im Internet werden zwar kleine Fertigtests zur eigenen Ermittlung des Nitratgehalts angeboten, doch sie sind laut Experteneinschätzung zu ungenau. Verlässliche Analysedaten bieten zertifizierte Wasserlabors.

Zeitbombe im Trinkwasser

Ein Film von Michael Nieberg
Kamera: Lars Böhnke, Peter Klein, Dennis Mätzig
Schnitt: Tobias Adams
Redaktion: Martin Ordolff
Leitung der Sendung: Volker Angres

19.07.2015, Quelle: ZDF, BfG, WasserBLIcK, BfR, DGE

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