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planet e.  | 26.04.2015  Fetter Ärger - wie Speisefett Kanäle lahm legt

Altfett aus Fritteusen, Bratpfannen und Fonduetöpfen: Oft werden die Fettreste einfach in den Abfluss gekippt. Zum Ärger der städtischen Wasserbetriebe, denn in den Kanälen verursacht das Fett viel Ärger und erhebliche Kosten. Es lagert sich an den Kanalwänden ab und riesige Fettpfropfen können die Kanäle lahm legen. Dabei kann aus Speiseölresten sogar Energie gewonnen werden - wenn es ordnungsgemäß gesammelt wird. 

Achim Hoch von den Hamburger Wasserbetrieben bekommt regelmäßig sein Fett weg. Im Kanalsystem der Stadt sammeln sich jährlich Berge von Speisefett an den Wänden der Rohre oder aber sie schwimmen als Klumpen durch das Abwasser. „Das Fett verkleinert unsere Rohre systematisch, das Wasser kann nicht mehr richtig abfließen. Die Folge sind Verstopfungen.“ Mit übelriechenden Folgeeffekten: Das Wasser staut sich zurück und fängt fürchterlich an zu stinken.

Sendezeit

Sonntag, 26.4.1015 um 14.40 Uhr


Ein Problem, das nicht nur die Stadt Hamburg kennt. Durch die meisten Städte und Gemeinden zieht sich eine unterirdische Fettspur. In London erlebten die Arbeiter des Wasserversorgers im August 2013 eine Riesenüberraschung. Bewohner des Stadtteils Kensington beschwerten sich, dass ihr Wasser aus den Toiletten nicht mehr abfloss. Im Untergrund trauten die Kanalarbeiter ihren Augen kaum: Ein Fettklumpen so groß wie ein Doppeldeckerbus verstopfte das Kanalsystem. So etwas hatten die Arbeiter noch nie gesehen. Sechs Wochen dauerte es, bis der schmierige Koloss und die dadurch verursachten Schäden entfernt waren.

Spezialkamera wird vorbereitet
Das "Kanalfernauge" wird für den Einsatz vorbereitet. (Quelle: ZDF/Birgit Tanner)

Wassersparen schadet dem Kanalnetz

Eine Ursache für das Problem: Viele Privathaushalte kippen oft aus Unwissen ihre Brat- und Frittierfette in den Ausguss. Auf dem Weg in den Untergrund erkalten diese Fette, vermischen sich noch mit Essensresten und Papier und verklumpen. Im Kanal jedoch dümpeln sie oft vor sich hin. Da der Wasserverbrauch in den vergangenen 25 Jahren allerorts massiv gesunken ist, laufen oftmals nur mehr kleine Rinnsale durch Unterwelt.

Die haben nicht mehr die Kraft, das Fett von den Wänden zu putzen. Wo sich einmal Fett abgelagert hat, kommt schnell neues hinzu. Fett wirkt wie Klebstoff. So bauen sich systematisch dicke Fettschichten in Kanalrohren auf.

Fettdetektive im Untergrund

Diese Schichten versuchen die Mitarbeiter von Hamburg Wasser täglich aufzuspüren. Mit einem sogenannten Kanalfernauge – einer Spezialkamera - untersuchen sie das Sielnetz – wie sie in Hamburg das Kanalnetz nennen. Dabei entdecken sie meist in kleinen Rohren immense Fettablagerungen, die im Untergrund auch zur Schwefelsäurebildung beitragen. Das sorgt für Korrosion an Beton und Metall und schädigt Rohre aus diesem Material. Deshalb müssen die Arbeiter das Fett beseitigen – mit Hochdruck und tausenden Litern Wasser fräsen sie Fettablagerungen weg.

Sind die Brocken weggespült, bahnen sie sich ihren Weg in die größte Kläranlage Deutschlands. Dort kommt im Jahr ein regelrechter Fettberg an: 10.000 Tonnen. Das entspricht 40 Millionen Stück Butter. Eine Riesenmenge, wenn man bedenkt, dass eine Fettentsorgung über den Kanal streng verboten ist.

Drehbericht der Autorin

Birgit Tanner,  die  Autorin  der  planet e.-Dokumentation, berichtet über ungewöhnliche Dreharbeiten in Hamburgs Abwasserkanälen:

Reportage aus dem Untergrund

Schwarze Schafe

Es sind nicht nur Haushalte, die ihre Fette über den Ausguss oder die Toilette im Untergrund entsorgen. Unter Gastronomiebetrieben oder Unternehmen, die Fett verarbeiten, gibt es Schwarze Schafe, die sich nicht an die Regeln halten. Jeder Betrieb, dessen Abwasseraufkommen über einen normalen Haushalt hinausgeht, braucht einen so genannten Fettabscheider.

In Hamburg sind rund 4000 solcher Anlagen im Betrieb, die regelmäßig geleert, gewartet und gereinigt werden müssen. Imbisse, die ihr Essen auf Papptellern ausgeben, brauchen hingegen keinen Fettabscheider. Sie sammeln ihr Fett. Und trotzdem landet noch zu viel Fett im Sielnetz.

Christian Callegari
Christian Callegari mit gereinigtem Speisefett. (Quelle: ZDF/Birgit Tanner)

Altfett ist Energie

Dabei hätte eine konsequente Sammlung von Speiseöl-Resten aus Privathaushalten einen positiven Umwelteffekt für alle. Aus Haushaltsfetten kann Bio-Energie gewonnen werden. Pionierarbeit leistete dafür Christian Callegari vom Tiroler Abwasserverband Hall in Fritzens. Er ließ die Privatleute Fett sammeln. Das Ergebnis: kaum mehr Probleme mehr im Kanal, der Reinigungsaufwand sank um zwei Drittel und das Fett wird weiter genutzt: Aus den gesammelten Fettresten wird Strom erzeugt.

So ein Sammelsystem in Privathaushalten hat Hamburg wie die meisten Städte und Gemeinden aber nicht. In manchen Kommunen kann man sein gesammeltes Fett beim Wertstoffhof abgeben. Einige Kommunen in Bayern haben das gleiche Sammelsystem wie der Tiroler Abwasserverband Hall in Fritzens. Auskunft zur sachgerechten Entsorgung von Speisefetten geben die lokalen Abfallbetriebe.

Kleine Handgriffe, große Wirkung

Doch auch ohne ein besonderes Sammelsystem kann jeder mit einfachen Handgriffen dazu beitragen, die Arbeit von Sielmeister Achim Hoch und seinen Kollegen zu erleichtern. Pfannen mit Fettrückständen sollten mit Papier ausgewischt werden, das das Fett aufsaugt. Ideal sind gebrauchte Servietten oder Papiertücher, die ohnehin entsorgt würden. Das Papier kann in den normalen Hausmüll gegeben werden. Wenn es in der Kommune keine besonderen Sammelstellen für Speisefette gibt, können größere Mengen Frittierfett in einen Behälter gefüllt und ebenfalls mit dem Hausmüll entsorgt werden. „Die Masse macht's“, sagt Achim Hoch. Wenn sich jeder daran hält, könnte das Fett im Untergrund erheblich reduziert werden.

Fetter Ärger

Fetter Ärger - wie Speisefett Kanäle lahm legt

Ein Film von Birgit Tanner
Kamera: Andre Götzmann
Schnitt: Marcel Ozan Riedel
Redaktion: Steffen Bayer
Leitung der Sendung: Volker Angres

26.04.2015

planet e. |

Reportage aus dem Untergrund

Ein Bericht der Autorin Birgit Tanner über die Dreharbeiten zur Dokumentation. [mehr]

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