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Thema und Gast  | 27.07.2014  Affenliebe – Wo ist die Grenze zwischen Mensch und Tier?

Precht im Gespräch mit Hans Werner Ingensiep

Menschen und Schimpansen unterscheiden sich nur in ungefähr einem Prozent ihrer genetischen Ausstattung voneinander. Biologisch betrachtet sind sie näher miteinander verwandt als Pferde und Esel. Und doch trennen wir Menschen uns selbst von den Menschenaffen als „Menschen“ und „Tiere“. Ist diese alte Trennung heute noch zeitgemäß, wenn sie biologisch offensichtlich falsch ist? Richard David Precht diskutiert darüber mit dem Philosophen und Biologen Professor Hans Werner Ingensiep, einem der weltweit besten Kenner des schillernden und oft kuriosen Verhältnisses zwischen Menschen und Menschenaffen. 

Hans Werner Ingensiep (re.) im Gespräch über Menschenrechte für Menschenaffen mit Richard David Precht

Hans Werner Ingensiep bei Precht

Genetisch unterscheiden sich Menschenaffen kaum von uns. Stehen unseren nächsten Verwandten daher nicht auch Menschenrechte zu? Darüber spricht der Biologe und Philosoph Ingensiep mit Precht.

(28.07.2014)

Zitate von Ingensiep und Precht

Zentrale Aussagen der Gesprächspartner aus der Sendung vom 17. Juli 2014: "Affenliebe – Wo ist die Grenze zwischen Mensch und Tier?"

(27.07.2014)
Gorilla streckt einer Zoobesucherin die Zunge heraus.

Affe und Mensch: Wo ist die Grenze?

Äußerlich unterscheiden sich Menschen und Affen, aber manchmal haben sie ähnliche Verhaltensweisen - wie die Zunge zeigt.

(Quelle: imago)

von Martin Möller/Werner von Bergen

Menschenaffen teilen mit uns Lachen und Trauer, Brutpflege, Zuneigung und Fürsorge, List, Täuschung und Verrat. Müssen wir daher die Sichtweise unserer nahen Verwandten, den Menschenaffen, nicht revidieren? Verläuft die neue „natürliche“ Grenze, die Menschen von Tieren trennt, jetzt zwischen Orang-Utans und Gibbons, statt zwischen Mensch und Schimpanse?

Menschenrechte für Menschenaffen?

Szene aus dem Film "King Kong und die weiße Frau"
Eine weitere Sichtweise auf den Affen: King Kong als Monster mit Gefühl. (Quelle: imago)
Unsere Beziehung zu unseren nächsten Verwandten, den Affen, ist gekennzeichnet durch viele Widersprüche: Wir finden sie niedlich und drollig, aber auch garstig und abscheulich. Im 19. Jahrhundert fragte sich Darwins Gegenspieler, der Bischof Samuel Wilberforce nach einem Besuch im Londoner Zoo, wie Gott etwas so Widerwärtiges wie die Affen erschaffen konnte. Den Mayas galten Affen als der letzte verpfuschte Versuch Gottes, bis es ihm gelang den Menschen zu erschaffen. Und die Ureinwohner Borneos glaubten, dass Orang-Utans Menschen seien, die nur deshalb schweigen würden, weil sie zu faul zum Arbeiten wären. Seit Charles Darwin wissen wir, dass wir tatsächlich mit den Affen verwandt sind und uns aus gemeinsamen Vorfahren entwickelt haben.

Tierrechtler wie der australische Philosoph Peter Singer fordern seit 20 Jahren sogar „Menschenrechte“ für die Großen Menschenaffen Schimpanse, Bonobo, Gorilla und Orang-Utan. Gemeint sind das Recht auf Leben, der Schutz der individuellen Freiheit und das Verbot der Folter. Doch was bedeutet es konkret, Menschenaffen „Rechte“ einzuräumen? Dürfen wir sie dann noch in Zoos halten? Fallen sie damit nicht mehr unter die Bestimmungen des Artenschutzes, sondern unter die Menschrechts-Deklaration der UNO? Neben solchen praktischen Erwägungen berührt der Gedanke, Menschenrechte für Menschenaffen einzuräumen, die Grundfesten unseres Selbstverständnisses in der Welt. Wie und als was sehen wir uns im Verhältnis zu unseren nicht-menschlichen oder doch sehr menschlichen Verwandten?

Gast der Sendung

Hans Werner Ingensiep
Hans Werner Ingensiep (Quelle: ZDF/Juliane Eirich)
Hans Werner Ingensiep, geboren 1953, ist Professor für Philosophie und Wissenschaftsgeschichte an der Uni Duisburg-Essen. Er studiert in den 1970er Jahren zunächst mit den Schwerpunkten Geschichte und Physik, dann ab 1973 wechselt er zur Philosophie und zur Biologie. Er promoviert 1983 in Biologie und habilitiert 1995 im Fachbereich Philosophie der Universität GHS Essen mit dem Thema „Pflanzenseele, Tierseele und Naturverständnis“. Sein thematischer Schwerpunkt liegt auch in den folgenden Jahren in der kulturgeschichtlichen Bewertung unseres Verständnisses von Natur im Allgemeinen und den Menschenaffen im Besonderen.

Es folgen Gastprofessuren in Frankfurt und Lübeck sowie Forschungsaufenthalte im Hastings Center Bioethik in New York und an der Georgetown University in Washington. 2008 veröffentlicht Ingensiep zusammen mit der Theologin Heike Baranzke „Das Tier“, eine historische Aufarbeitung zur Frage der Gleichheit zwischen Mensch und Tier, in der die bisherigen Debatten übersichtlich zusammengetragen werden. Es folgt die Herausgabe mehrerer Anthologien etwa zum Thema Ernährungsethik, zu Charles Darwin und anderen Aspekten der Kulturgeschichte der Natur.

Anti-Descartes

Mit seinem 2013 erschienenen Buch „Der kultivierte Affe. Philosophie, Geschichte und Gegenwart“ arbeitet Ingensiep das Bild des Menschenaffen, wie es sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat, sehr aufschlussreich und vor allem sehr unterhaltsam auf. Denn egal ob als zähnefletschende Bestie, edler Wilder, menschliche Parodie oder mehr oder weniger angenommener Artgenosse des Menschen – das Verhältnis des Menschen zum Affen, zerrissen zwischen Vergleich und Unterscheidung, erzählt am Ende mehr über den Menschen selbst als über seinen haarigen Verwandten.

Aktuell beschäftigt sich Hans Werner Ingensiep mit der Frage nach der menschlichen Identität ganz allgemein. Dabei stellt er Descartes‘ „Ich denke, also bin ich“ in Frage. „Das Ich ist ein evolutionäres Selbstkonzept. Nicht mehr und nicht weniger“, meint Ingensiep.

27.07.2014

Weitere Links zum Thema

Literaturtipps von Precht zum Thema

Hans Werner Ingensiep: Der kultivierte Affe

Montage mit Buchcover Ingensiep: Der kultivierte Affe

Hans Werner Ingensiep
Der kultivierte Affe
Philosophie, Geschichte und Gegenwart
Gebundene Ausgabe, 317 Seiten
Hirzel Verlag, 2013
ISBN 978-3-7776-2149-4
24,90 Euro

Mein Gesprächspartner, der Biologe und Philosoph Hans Werner Ingensiep, Professor an der Universität Duisburg-Essen schildert in seinem einzigartigen Buch das prekäre Verhältnis von Mensch und Menschenaffe von der Antike bis in die Gegenwart. Menschenaffen wurden als Bestien und Monstren dämonisiert, sie wurden gefürchtet, verabscheut, bemitleidet und geliebt. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau sah in ihnen sogar die besseren Menschen, sein Kollege Offray de La Mettrie wollte sie kultivieren. Ingensiep analysiert, wie sich der Mensch in seinem Bild vom Menschenaffen selbst charakterisiert in Form einer „negativen Anthropologie“. Auch in der Gegenwart mit ihren Sprachexperimenten und Freilandbeobachtungen lernen wir noch immer weniger über das wahre Wesen und Seelenleben unserer haarigen Verwandten als vielmehr über uns selbst.

Menschenrechte für die Großen Menschenaffen

Montage Buchcover Paola Cavalieri, Peter Singer Menschrechte für Menschenaffen

Paola Cavalieri, Peter Singer (Hg.)
Menschenrechte für die Großen Menschenaffen
„Das Great Ape Projekt“
Goldmann Verlag, 1994

Vergriffen und nur noch antiquarisch zu erhalten

In dem von der australischen Tierrechtlerin Paola Cavalieri und dem australischen Philosophen Peter Singer herausgegebenen Sammelband diskutieren namhafte Primatenforscher, Psychologen und Philosophen die These, den Großen Menschenaffen Schimpanse, Bonobo, Gorilla und Orang-Utan elementare Menschenrechte zuzusprechen: Das Recht auf Leben, den Schutz der individuellen Freiheit und das Verbot der Folter. Das Buch markierte den Anfang des „Great Ape Projects“, einer Initiative, die sich in verschiedenen Ländern für die drei Menschenrechte für Menschenaffen einsetzt und Missstände und Missbräuche im Umgang mit Menschenaffen anzeigt.

Frans de Waal: Primaten und Philosophen

Precht: Montage Buchcover Frans de Waal Primaten und Philosophen

Frans de Waal
Primaten und Philosophen
Wie die Evolution die Moral hervorbrachte
Aus dem Englischen von Hartmut Schickert, Birgit Brandau, Klaus Fritz
Gebundene Ausgabe, 224 Seiten
Hanser Verlag, 2008
ISBN 978-3-446-23083-5
19,90 Euro

Der renommierte niederländische Primatenforscher Frans de Waal von der Emory University in Atlanta diskutiert in diesem Buch die Ergebnisse seiner langjährigen Forschungen über die Natur der Moral. Dabei erkennt er bei Affen, insbesondere bei Menschenaffen, nahezu alle Voraussetzungen für jenes Handeln, das wir beim Menschen „moralisch“ nennen: emotionale Sensibilität, Empathievermögen, strategisches Handeln bis hin zu List und Betrug. Ein bedeutendes Buch über nichtmenschliche Erkenntnisfähigkeit, bereichert durch die Anmerkungen und Einwände von Philosophen, mit denen de Waal seine Ansichten diskutiert.

Jutta Hof, Volker Sommer: Menschenaffen wie wir

Precht: Montage Buchcover Jutta Hof, Volker Sommer Menschenaffen wie wir

Jutta Hof, Volker Sommer
Menschenaffen wie wir
Porträts einer Verwandtschaft
Gebundene Ausgabe, Leinen, 192 Seiten
Edition Panorama, 2010
ISBN 978-3898234351
58,00 Euro

Der eindringliche Bildband der Fotografin Jutta Hof zeigt in intensiven Aufnahmen das Ausdrucks- und Sozialverhalten unserer nächsten Verwandten. Bilder, die auf Grund ihrer Sensibilität und Emotionalität berühren. Der Anthropologe und Primatenforscher Volker Sommer vom University College London, der über viele Jahre das Freilandverhalten von Menschenaffen studierte, beschreibt dazu in einem Essay den heutigen evolutionsbiologischen Forschungsstand über unsere haarigen Vettern, hinter den wir auch in unserem moralischen Verhalten gegenüber Menschenaffen nicht mehr zurückkönnen.

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