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26.04.2015  Wann kommt der Kommunismus?

Über linke Utopien

Richard David Precht diskutiert mit Sahra Wagenknecht von der Partei DIE LINKE, ob der Kommunismus im Zeitalter der digitalen Revolution wieder im Kommen ist. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks vor 25 Jahren schien der Kommunismus für alle Zeiten erledigt zu sein. Und doch findet die kommunistische Utopie einer klassenlosen und selbstbestimmten Gesellschaft heute wieder neue Anhänger. Linke Utopien – sind sie wieder auf dem Vormarsch? 

Richard David Precht mit Sahra Wagenknecht

Über linke Utopien

Richard David Precht diskutiert mit Sahra Wagenknecht von der Partei DIE LINKE, ob der Kommunismus im Zeitalter der digitalen Revolution wieder im Kommen ist.

(26.04.2015)

Spätestens seit der Finanzkrise und ihren Folgen ist Kapitalismuskritik en vogue. Ökonomen, Politologen und Soziologen fordern eine dringende Überprüfung unseres kapitalistischen Gesellschaftssystems. Nicht nur der Glaube an endloses Wachstum scheint erschüttert zu sein, auch die Zuversicht einer sozial und ökonomisch gerechten Gesellschaft schwindet. Die Armen werden immer ärmer, die Reichen immer reicher. Entfesselte Finanzmärkte, Kapitalkonzentration, prekäre Arbeitsverhältnisse, die Krise der sozialen Systeme: Der Staat scheint ohnmächtig zuzusehen, wie wir zunehmend von der Wirtschaft regiert werden.

Quo vadis, Linke?

Ist der Kapitalismus die beste Wirtschaftsform aller Zeiten? Oder gibt es ernst zu nehmende Alternativen? Richard David Precht fragt Sahra Wagenknecht, die wohl profilierteste Linke innerhalb der Partei DIE LINKE, wie sich ihre Politik den Herausforderungen unserer Zeit stellt, den grundlegenden Veränderungen, die die digitale Revolution mit sich bringt. Wäre ein entstaubter Kommunismus, ein Kommunismus 2.0., eine Alternative zur vom Kapitalismus dominierten modernen Netzgesellschaft?

Schließlich, so sieht es der US-Soziologe Jeremy Rifkin, erleichtert das digitale Zeitalter jedem von uns den Zugang zu den Produktionsmitteln. Share Economy, Crowdsourcing und Collaborative Consumption sind die Schlagworte einer neuen Generation. Sie möchte die Bedeutung von Besitz und Arbeit im Leben neu definieren.

Welchen Wert Marx heute hat

Visionen entwickeln allerdings nicht unsere Politiker, sondern viel eher die Big Data-Konzerne aus dem Silicon Valley. Aber sollten wir unseren Fortschritt getrost Google, Facebook oder Apple überlassen, die mit ihren kühnen Zukunftsvisionen immer wieder Tatsachen schaffen, denen die Politik dann hinterher laufen muss? Welche Antwort haben linke Theorien auf die Fragen unserer Zeit? Hat uns Karl Marx noch etwas zu sagen, oder hat linke Politik heute auch nur verstaubte Parolen zu bieten?


Literaturtipps von Richard David Precht

Die deutsche Ideologie

Karl Marx und Friedrich Engels

Die deutsche Ideologie

Zernodot Verlagsgesellschaft, 2011

Das in der Sendung genannte Zitat vom kommunistischen Ziel eines selbstbestimmten Lebens, in dem jeder Hirte, Fischer, Viehzüchter oder Kritiker sein kann, ohne dass er sich auf eines als Lohnarbeits-Beruf festlegen muss, ist eine der berühmtesten Passagen der „Deutschen Ideologie“. Zugleich ist es Marx‘ erste Definition des Kommunismus. In diesem Frühwerk bilanzieren die Autoren den Zeitgeist gegen Mitte des 19. Jahrhunderts anhand der drei Protagonisten Ludwig Feuerbach, Max Stirner und Bruno Bauer. Ein solcher Zeitgeist sei dann „Ideologie“, wenn als Interesse aller verkauft wird, was nur das Interesse der Mächtigen ist: „Die herrschenden Gedanken sind immer die Gedanken der Herrschenden“. Im Hinblick auf den Begriff der Arbeit träumen Marx und Engels in ihrem ersten gemeinsamen Werk von einer Aufhebung der Entfremdung und der industrialisierten Arbeitsteilung. Besonders bemerkenswert ist, dass sie sich mit Arbeitsfeldern wie „Hirte“, „Fischer“ oder „Viehzüchter“ gedanklich noch in einer aristokratischen Agrargesellschaft bewegen und nicht in der Industriegesellschaft, die Friedrich Engels kurz zuvor in Manchester hatte studieren können.


Maschinenwinter

Dietmar Dath

Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift

edition unseld, Suhrkamp Verlag 2008

Bereits vor sieben Jahren machte sich der Autor und Journalist Dietmar Dath (*1970) Gedanken über die politischen Folgen der Technik im digitalen Zeitalter. Als Marxist bezeugt er zunächst die Verschlechterung der Arbeitsverhältnisse. Aus festen Beschäftigungsverhältnissen werden prekäre Arbeitsbedingungen. Massenarbeitslosigkeit gehört ebenso zu den Symptomen der Zeit wie die kalte Entfremdung von Menschen im Gesundheitswesen durch Roboter und Computer.

Was in den westlichen Industrieländern vorerst noch nicht geht, verlagern wir in die Dritte Welt und beuten dort die Menschen unter schändlichsten Bedingungen aus. Dabei liegt das Menschheitsversprechen der Maschinen doch eigentlich darin, die Arbeitswelt zu verbessern, mithin den Menschen von der entfremdeten Arbeit zu befreien. Das Buch, das Dath den Feuilleton-Namen eines "Lenin 2.0." eingebracht hat, endet mit der offenen Frage, wie die Menschen die Maschinen selbst in den Besitz nehmen könnten, statt sich weiterhin im Maschinenzeitalter ausbeuten zu lassen.

Klassenkampf im Dunkeln

Dietmar Dath

Klassenkampf im Dunkeln. Zehn zeitgemäße sozialistische Übungen

Konkret Texte, 2014

In diesem, wie schon in mehreren anderen Büchern des Autors, wird die Frage ausgelotet, wie man sich eine Alternative zum Kapitalismus vorstellen könnte. Wie in Maschinenwinter geht Dath davon aus, dass die Digitalisierung die Marxsche These von der Verelendung der Arbeiter und Angestellten erfüllen wird.

Die Frage ist nur, ob man so lange stillschweigend zugucken sollte und hoffen, dass auf dem Höhepunkt der Verelendung die klassenlose Gesellschaft revolutionär verwirklicht wird. Oder ob man politisch organisiert den digitalen Kapitalismus bekämpfen und durch eine gerechtere Gesellschaftsordnung ersetzen soll. Doch auch hier fragt sich – im Grenzgebiet von Ironie, Vernunft und Übervernunft – wie eine alternative Gesellschaft im Digitalzeitalter aussehen könnte.

Philosophie und die Idee des Kommunismus

Peter Engelmann (Hrsg.)

Philosophie und die Idee des Kommunismus

Passagen Verlag, 2014

Der Band gibt ein Gespräch zwischen dem Verleger Peter Engelmann (*1947) und dem französischen Philosophen Alain Badiou (*1937) wieder. Als der bekannteste intellektuelle Verfechter des Kommunismus in Frankreich analysiert Badiou die gegenwärtigen Krisen in der Welt als Krisen des kapitalistischen Systems.

Für Badiou ist der Kapitalismus ein pathologisches Phänomen, das den Menschen seiner inneren Authentizität beraubt und zu Konformismus und Konsumismus verführt. Dagegen setzt er die Idee des Kommunismus als humanistische Gegenutopie, die allerdings nur unter den Bedingungen eines schwachen Staates gedeihen kann, um im positiven Sinne demokratisch zu sein.

26.04.2015

Sendungsinformationen

Sonntag 26.04.2015, 00:00 - 00:45 Uhr Nachtprogramm

VPS 27.04.2015, 00:00 Uhr


Länge: 45 min.

Gesprächsreihe, Deutschland, 2015

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