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sonntags  | 27.04.2014  Von Heiligenverehrung und Starkult

Alles über Fans, Verehrer und Verehrte

Aus Anlass der Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II und Johannes XXIII am 27.4. in Rom beschäftigt sich „sonntags“ mit dem Thema "Fan-sein": Menschen sind Fans von Fußballvereinen, Musikern, Filmstars, Automarken, Buchfiguren - und vielleicht auch von Päpsten. Fans leben in diesem speziellen Lebensreich Gefühle aus: Sehnsucht nach Orientierung, nach Vorbildern, Hingabe und Treue. Welche psychologischen Mechanismen wirken da, brauchen die Menschen das für ihr psychologisches Wohlbefinden?  Worin liegt der Unterschied zwischen Heiligenverehrung und Starkult? 

Ein Foto von Papst Johannes Paul II. ist im renovierten Museum im Geburtshaus von Karol Wojtyla in Wadowice (Polen) zu sehen.

Zwischen Heiligenverehrung und Starkult

"sonntags" vom 27. April in der Mediathek

(27.04.2014)
Hubertus Wolf

Interview mit Kirchenhistoriker Wolf

Kirchenhistoriker Hubertus Wolf über die Päpste als Kultfigur

(27.04.2014)
Vatikanexperte Marco Politi

Interview mit dem Vatikanexperten Politi

Vatikanexperte Marco Politi über die Päpste als "Leader"-Figur

(27.04.2014)
Tim Fedewa

100 Sekunden Leben: Der Deutschland-Fan

In Worms sucht Reporter Jan Frerichs nach einer zufälligen Begegnung. Auf dem Domplatz trifft er einen Amerikaner, der erstaunlich gut deutsch spricht.

(27.04.2014)

Über diese Themen reden wir in "sonntags":

Fan eines Popstars - Der norwegische Musiker Morten Harket, Ex- a-ha-Sänger, verändert seit über 20 Jahren das Leben von Monika.

Fußball als Religionsersatz? - Volker Rump nennt sich selbst einen Fußballverrückten – verrückt nach Schalke 04. Der Bielefelder Religionspsychologe Constantin Klein ordnet diese Leidenschaft ein.

Wirtschaftsfaktor Fan - Das  Verhältnis zwischen Fan und Verein ist aus Sicht des Marketing-Chef Dag Heydecker von Mainz 05 und des Mannheimer Marketingexperten Alexander Hennig ein besonderes.

Johannes Paul II.
Johannes Paul II gilt als der erste "Medienpapst" (Quelle: dpa)
Johannes Paul II. als erster Medienpapst und die Reaktion der Rom-Pilger - An diesem Sonntag werden der polnische Papst und Papst Johannes XXIII.  auf dem Petersplatz in Rom heiliggesprochen und in einem festlichen Gottesdienst zu Vorbildern im Glauben erklärt.

Päpste als Kultfiguren? -  Katholische Kirchenoberhäupter inszenierten sich immer, Papst Franziskus füllt diese Rolle neuerdings ganz anders aus - dazu der Kirchenhistoriker Hubert Wolf und der Journalist Marco Politi.

Außerdem schalten wir live zu den Reportern Jürgen Erbacher und Michaela Pilters, die in Rom die Heiligsprechungen verfolgen.

Gibt es eine "Fußball-Religion"?

Parallelen zwischen Religion und Fußball

Interview mit dem Religionspsychologen Dr. Constantin Klein von der Uni Bielefeld

sonntags: Wo gibt es Parallelen zwischen der Religion und dem Fußball?

Klein: Wenn man sich die Ausdrucksformen von Religion und von Fußballleidenschaft anschaut, lässt sich durchaus eine Reihe von Ähnlichkeiten feststellen. Der Volksliedforscher Ernst Klusen hat die Parallelen zwischen den Gesängen und Choreographien der Fans in den Stadien und archaischen Kulthandlungen schon in den 60er Jahren bemerkt und darauf hingewiesen, dass dabei dieselben Hilfsmittel, nämlich "Narkotika, Tanz und Maske" genutzt werden. Rauschmittel finden sich im Fußballstadion vor allem in Form von Alkoholkonsum auf den Rängen, die Fangesänge und Anfeuerungsrufe werden oft durch Klatschen oder andere unterstützende Gesten begleitet, und nach einem Tor werden auch schon mal spontane Freudentänze im Fanblock aufgeführt. Und mit welcher Kreativität sich die Fans optisch für den Stadionbesuch herrichten, zeigen ja die diversen Kutten, Trikots, Schals, Mützen und Gesichtsbemalungen. Die Aktivitäten der Fans zur Unterstützung ihres Teams haben oft den Charakter regelrechter Rituale - wenn etwa die Fans auf die Ansage der Spielernamen durch den Stadionsprecher die Nachnamen brüllen, dann erinnert das stark an den Sprecherwechsel zwischen Geistlichem und Gemeinde im Rahmen der gottesdienstlichen Eröffnungsliturgie. Die stärkste Gemeinsamkeit zwischen Fußball und Religion liegt aber vermutlich im Gefühl, kollektiv von etwas ergriffen zu sein.

Zusammenhang der Rituale?

sonntags: In welchem Zusammenhang stehen die Rituale der Fußballfans und die Rituale der Religion?

Klein: Rituale haben vielfältige Funktionen. In traditionellen Religionen dienten und dienen sie unter anderem dazu, die Gottheit gnädig zu stimmen, um ein erwünschtes Ziel - zum Beispiel Erfolg bei der Jagd oder genug Regen für die Ernte - zu erwirken. Es wird also von einer Wechselbeziehung zwischen Mensch und Gottheit ausgegangen; wird von Seiten der Menschen das Ritual zu Ehren der Gottheit richtig ausgeführt, so dürfen sie auf die göttliche Gunst hoffen. Solche Rituale zielen damit im Kern darauf ab, in Situationen, die durch den Menschen nicht kontrollierbar sind, dennoch ein Gefühl der Kontrolle entstehen zu lassen, das sich dann bei der Jagd oder beim Ackerbau motivierend auswirkt. Auch im Fußball ist Vieles durch ein hohes Maß an Unkontrollierbarkeit gekennzeichnet: Ist die Mannschaft erst einmal auf dem Platz, kann ein Trainer nur noch bedingt auf sie einwirken - also trägt er beispielsweise solange denselben blauen Pullover, bis die Mannschaft doch wieder einmal verliert. Einem Spieler gibt das ritualisierte Zuschnüren der Fußballschuhe oder das Bekreuzigen beim Betreten des Platzes möglicherweise das entscheidende Quäntchen Sicherheit beim Elfmeter. Und ein Fan, der regelmäßig vorm Spiel in seinem Schrebergarten die frisch gewaschene Vereinsfahne hisst, kann sich sicher sein, das in seiner Macht stehende für den Erfolg seines Teams getan zu haben.

Fußball und Religion überbieten sich gegenseitig

sonntags: Was leistet der Fußball, was die Religion nicht leistet?

Klein: Im Fußball geht es, genauso wie in anderen Sportarten, um den Wettkampf, ums Siegen oder Verlieren - mit offenem Ausgang. Dieses kämpferische Moment steht in den religiösen Zeremonien der heutigen Weltreligionen nicht oder nicht mehr im Zentrum. Das Verfolgen eines Fußballspiels bietet deswegen eine Spannung, die sich in dieser Form im religiösen Bereich zumeist nicht finden lässt, und das bringt dem Fußball Zuschauerzahlen ein, wie sie allenfalls bei religiösen Großveranstaltungen wie Kirchen- oder Weltjugendtagen erreicht werden.

Dagegen liegt die Kernkompetenz von Religion eher darin, Antworten auf existenzielle Fragen, gerade auch an den Grenzen des Lebens, zu vermitteln. Auch wenn manche Fußballvereine mittlerweile eigene Friedhofsflächen für treue Fans anbieten, dürfte der Fußball der Religion in puncto existenzieller Orientierung unterlegen sein.

Die Götter Beckham und Maradona

sonntags: Wo wird der Zusammenhang zwischen Fußball und Religion am deutlichsten?

Klein: Außerhalb von Europa wird die Grenze zwischen Heiligem und Profanem, Religion und Säkularität, die für uns seit Reformation und Aufklärung selbstverständlich geworden ist, sehr viel weniger deutlich vollzogen. Vor einigen Jahren erfuhr ein buddhistischer Schrein in Bangkok einige Aufmerksamkeit, weil dort ein Mönch eine kleine Goldstatuette von David Beckham aufgestellt hatte. Er begründete das mit der Begeisterung und Inspiration, die Beckam erzeuge.

Noch schillernder ist das Beispiel der "Iglesia Maradoniana", der "Kirche Maradonas". Dabei handelt es sich um eine Gemeinschaft, die sich die Verehrung Diego Maradonas zur Aufgabe gemacht hat. Zunächst eher als Parodie von drei argentinischen Sportjournalisten gegründet, hat die Iglesia Maradoniana heute weltweit über 40.000 Mitglieder und veranstaltet Gottesdienste und Trauungen, Weihnachtsfest ist der Geburtstag Maradonas. Dabei sieht sich die Iglesia Maradoniana nicht in Konkurrenz zur christlichen Kirche: Laut Alejandro Verón, einem der Mitbegründer, ist der christliche Gott als Gott des Verstandes aufzufassen, während Maradona für die Iglesia Maradoniana der Gott der Herzen ist.

Idole sind auch nur Menschen

sonntags: Warum brauchen die Menschen Idole?

Kein: Es zeichnet den Menschen aus, dass er zur Symbolisierung, zum Denken in Symbolen, fähig ist. Das zeigt sich in den Hochreligionen beispielsweise, wenn "Gott" den Grund allen Seins oder das absolut Gute symbolisiert. Dass solch abstrakte Symbole jedoch besser fassbar werden, wenn man sich - religiösen Bilderverboten zum Trotz - auch eine anschauliche Vorstellung von ihnen machen kann, wird besonders deutlich im Falle des Christentums, wo neben dem abstrakten Schöpfergott und dem Heiligen Geist auch der menschgestaltige Gottessohn Jesus Teil des dreieinigen Gottes ist.

Im Falle der Iglesia Maradoniana, in deren Gottesdiensten Maradonas beste Tore auf Videoleinwand gezeigt werden, können seine Anhänger gewissermaßen die Wunder ihres "Gottes" wieder und wieder mit eigenen Augen sehen. Idole sind also, so lässt sich festhalten, anschauliche, menschgestaltige Symbolisierungen bestimmter Werte und Prinzipien. Im Fußball schlägt sich das in unterschiedlicher Form wieder; sei es der unbezwingbare Titan Kahn im Tor, der redlich ackernde Fußballgott vom Typ Jürgen Kohler oder Thomas Linke in der Innenverteidigung, oder eben Maradona, dessen Göttlichkeit sich in der Kunstfertigkeit seiner Haken und Dribblings in der Offensive offenbart - und in einem irregulären, von der "Hand Gottes" erzielten Tor.

Allerdings ist davon auszugehen, dass der Idolcharakter von Fußballspielern auch wieder vergänglich ist, erweisen sich die Fußballgötter doch außerhalb des Platzes oft nur als allzu menschlich.

27.04.2014

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