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Die Macht der schönen Konkubine - Chinas Verbotene Stadt (2/2)  | 27.07.2008  Cixi zwischen den Fronten

Reformstau, schwache Kaiser und Bedrohung von Außen

Während sich der Hofstaat in der Verbotenen Stadt durch die Geburt des Thronfolgers der Gunst des Himmels sicher glaubt, droht die Welt jenseits der Mauern aus den Fugen zu geraten. Überschwemmungen zerstören die Ernten, es herrscht Hungersnot. Das Elend führt zu Aufständen, die blutig niedergeschlagen werden. Und: Ausländer, allen voran Briten, bedrängen das Reich von außen.  

Kaiserwitwe Cixi (Spielszene)
Kaiserwitwe Cixi (Spielszene) (Quelle: ZDF)

Offenes Geheimnis

Seit jeher hat sich China dem Einfluss der fremden "Barbaren" verschlossen. Doch nach dem ersten Opiumkrieg 1840 erstritt sich England die Öffnung von Handelshäfen mit Waffengewalt. Jetzt fordern auch andere europäische Staaten eigene Konzessionshäfen - und stellen die Bedingung, auf Augenhöhe mit den Chinesen zu verhandeln.

Der kranke und seines ritualisierten Tagesablaufs überdrüssige Xianfeng ist dieser Situation kaum gewachsen. Bei der Erledigung seiner Amtsgeschäfte lässt er sich vielmehr von seiner Lieblingskonkubine Yehe Nara zur Hand gehen. Ein Sakrileg und ein unglaublicher Bruch des traditionellen Rollenverständnisses. Yehe Nara jedoch erlebt zum ersten Mal das Gefühl imperialer Macht - und findet Gefallen daran. Schon bald wird ihre Einmischung in Regierungsgeschäfte ein offenes Geheimnis sein, das sie mit Kalkül selbst gelüftet hat.

Doch es sind turbulente Zeiten. Im zweiten Opiumkrieg (1856 bis 1860) fordern Engländer und Franzosen die Legalisierung des Opiumhandels und die Einrichtung ausländischer Gesandtschaften in Peking. Die Regenten zeigen jedoch Härte gegenüber den europäischen Eindringlingen. Die 20-köpfige Delegation der Franzosen und Briten wird in Arrest gesetzt und in einem Triumphmarsch nach Peking transportiert. Überall schlägt ihnen blinder Hass entgegen. Nur mit Not gelingt es den "weißenTeufeln" ihre Haut zu retten.

Ausländische Delegierte werden in Käfigen durch Peking transportiert (Spielszene)
Ausländische Delegierte werden in Käfigen durch Peking transportiert (Spielszene) (Quelle: ZDF)

Nie dagewesener Vorgang

Die modern bewaffneten Europäer schießen sich den Weg zur Hauptstadt frei. Der Hofstaat ergreift am 22. September 1860 die Flucht aus der Verbotenen Stadt, ein nie dagewesener Vorgang in der chinesischen Geschichte. "Der Kaiser bricht zur traditionellen Jagd in die Sommerresidenz auf", heißt es daher offiziell. Yehe Nara hat sich der Entscheidung zur Flucht vehement widersetzt. "Es war der erniedrigendste Moment meines Lebens!" schreibt sie später. Dennoch flieht auch sie. Es ist aber nicht nur Mutterliebe, die sie dazu treibt. Denn bliebe sie in Peking, gäbe sie das einzige Faustpfand aus der Hand, das ihre Position bei Hofe sichert. Die Entscheidung mitzugehen, würde sich bald als richtig erweisen.

Die Europäer lassen ihre Wut an den Schätzen des Sommerpalastes aus, wo die Delegation gefangen gehalten worden war. Prunkvolle Gärten, deren Anblick Jahrhunderte lang nur wenigen vorbehalten war, versinken in Schutt und Asche. Die Nachricht raubt Kaiser Xianfeng den letzten Lebenswillen, er liegt weitab von Peking im Sterben. Doch er hat seine Nachfolge noch nicht geregelt. Der Tradition zufolge muss er seinen Sohn selbst ernennen, doch Yehe Naras Feinde am Hof wollen das verhindern. Mit dem letzten Atemzug des Kaisers wird dem Protokoll Genüge getan. "Tongzhi" - heißt die Regierungsdevise des neuen Kaisers: "gemeinsam herrschen".
Zerstörte Gärten der Verbotenen Stadt
Zerstörte Gärten der Verbotenen Stadt (Quelle: ZDF)

Unzeitgemäße Lehren?

Im Jahre 1861 besteigt "Tongzhi" den Drachenthron. Ein sechsjähriges Kind ist Herrscher über ein Weltreich. Faktisch jedoch hält seine Mutter, die sich nun Cixi (die Mütterliche und Glückverheißende) nennt, alle Macht in Händen. Der kaiserliche Hof aber ist auf eine sich verändernde Welt außerhalb der Palastmauern nicht vorbereitet. Die Beamten-Elite Chinas ist basierend auf den Lehren des Konfuzius aus dem 5. Jahrhundert vor Christus ausgebildet. Lehren, die zur Vollendung der Harmonie zwischen Herrschern und Beherrschten führen sollten. Die Vorbereitung auf das Zusammentreffen mit Ausländern, ihren kommerziellen Interessen und dem individuellen Wettbewerbsdenken, steht nicht auf dem Stundenplan. Ein politisches System, das auf uralten Ritualen, der Wiederholung des Immergleichen basiert, scheint nur schwer reformierbar zu sein.

Als der volljährige Tongzhi am 23. Februar 1873 formal die Herrschaft übernimmt, garantiert seine Mutter den Erhalt des Status quo. Die Edikte erlässt zwar der Kaiser, die Entscheidung aber fällt die allmächtige Kaiserinwitwe, die hinter einem Vorhang die Audienzen verfolgt. Schon Zeitgenossen nannten diese Praxis "Herrschaft hinter dem Vorhang". Cixi ist nicht willens, ihre Macht und ihre Privilegien abzugeben - ein in der chinesischen Geschichte einmaliger Vorgang. Sie überschreitet damit die Grenzen der Tradition, deren Bewahrung sie durchsetzen will. Der Himmelssohn wird zum Statisten.

Tongzhi raucht Opium (Spielszene)
Tongzhi raucht Opium (Spielszene) (Quelle: ZDF)

Leben in der Scheinwelt

Tongzhi, hinter den Mauern der Verbotenen Stadt aufgewachsen und sein Leben lang von Eunuchen umgeben, sucht Zuflucht in weltlichen Vergnügungen. Inkognito unternimmt er immer häufiger Ausflüge in das Nachtleben Pekings. Der Kaiser, der über einen Harem von Konkubinen verfügt, verkehrt mit gewöhnlichen Prostituierten. Er flüchtet von einer Scheinwelt in eine andere: Er raucht Opium, obwohl der Konsum des von den Briten ins Land geschafften Rauschmittels laut kaiserlichem Befehl mit dem Tode bestraft wird. Seine Gesundheit hält diesem Lebenswandel nicht lange stand. Am 12. Januar 1875 stirbt er - nicht einmal zwanzigjährig.

Glaubt man den Annalen des Hofes, soll Cixi vor Kummer geklagt haben: "Ich dachte, ich könnte mit meinem Sohn als Kaiser glücklich sein. Als er starb, war ich eine andere Frau, denn all mein Glück war vorüber". Dennoch bleibt ihr - wenn Cixi sie tatsächlich empfand - keine Zeit zur Trauer. Denn die Frau des Verstorbenen ist schwanger. Das ungeborene Kind bedroht nach dem Tod des Kaisers Cixis Stellung in der Hierarchie der Verbotenen Stadt. Brächte Alute einen Sohn zur Welt, gäbe es einen Thronfolger - und die junge Witwe nähme Cixis Rang ein. Cixis Lösung des Problems kommt einem Staatsstreich gleich. Gegen den Willen der höchsten Beamten ernennt sie ihren erst dreijährigen Neffen zum Thronfolger und lässt ihn umgehend in die Verbotene Stadt bringen. Den neuen Kindkaiser Guangxu sollte das gleiche Schicksal erwarten wie seinen Vorgänger.

Weibliche Sträflinge
Weibliche Sträflinge (Quelle: ZDF)

Heraufziehendes Unheil

Die Zeit im Reich der Mitte steht still. Eisern hält Cixi die Verbotene Stadt im Griff. Sie sieht sich auserwählt, die große Tradition des chinesischen Kaisertums zu bewahren. Doch gefangen in ihrer eigenen Welt übersieht sie die Zeichen des heraufziehenden Unheils, das vor den Mauern der Verbotenen Stadt nicht Halt machen wird. Die chinesische Gesellschaft steckt an der Schwelle zum 20. Jahrhundert noch immer in mittelalteralterlichen Strukturen. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen sind katastrophal, das Rechtssystem barbarisch. Die Ausländer hatten zwar die Eisenbahn ins Reich gebracht. Doch der "liegende Drache" wird als Teufelswerk angesehen, denn das Transportmittel bedroht die Lebensgrundlage hunderttausender Sänften- und Lastenträger im Reich.

Auch Cixi hat für die Technik der "westlichen Teufel" nichts übrig. Dennoch schwört sie auf ein Haarfärbemittel aus Paris, das die Haare, nicht aber die Kopfhaut färbt. Mit zunehmendem Alter wird die Eitelkeit des "Alten Buddha", wie sie sich gern von Vertrauten nennen lässt, zur Manie. Einer Anekdote zufolge verlangte sie, dass ihr herausgerissene Haare wieder an den Kopf geklebt wurden. Die Eitelkeit beschränkt sich aber nicht nur auf ihre eigene Erscheinung. Sie lässt einen neuen Sommerpalast errichten - mit Geldern, die zur dringend nötigen Modernisierung der chinesischen Flotte vorgesehen waren. Das Boot aus Marmor, das ihrer Unterhaltung diente, sollte das einzige Schiff bleiben, das je von den "Flottengeldern" gebaut wurde.

Mitglieder der Sekte der Boxer (Spielszene)
Mitglieder der Sekte der Boxer (Spielszene) (Quelle: ZDF)

Ratlose Regenten

Im Jahre 1900 entlädt sich die aufgestaute Wut des Volkes. Nicht jedoch gegen Cixi und die herrschenden Qing, sondern gegen die "westlichen Teufel". Die Sekte der Boxer behauptet, der Einfluss der Fremden sei der Grund für den Niedergang Chinas. In der Verbotenen Stadt ist man ratlos, wie man auf die Volksbewegung reagieren soll. Würde man die Geister wieder los, wenn man sie erst einmal rief? Oder sollte man die Rebellion wie jede andere auch einfach niederschlagen lassen?

27.07.2008

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