zurück Startseite

Geschichte der Tiere (1/2)  | 02.08.2015  Der Hund

Wie aus einer Kooperation tiefe Freundschaft zwischen Mensch und Tier wurde

Hund und Katze sind die beliebtesten und treuesten Wegbegleiter des Menschen. Die zweiteilige Terra X-Reihe „Die Geschichte der Tiere“ erzählt Wissenswertes dieser Erfolgsstory.  Im Mittelpunkt der ersten Folge steht die Kulturgeschichte des Hundes. Sie beginnt mit dem Lagerwolf. In grauer Vorzeit geht er mit dem Mensch eine Zweckbeziehung ein. Aus anfänglichem Misstrauen entstehen Zuneigung und enge Bindung. 

Mensch und Hund in der Chauvet-Höhle

Die Doku in voller Länge

(02.08.2015)
Laufende Hunde

Trailer: Geschichte der Tiere - der Hund

Kleiner Einblick in die Doku: Der erste Teil der Terra X-Doku erzählt, wie aus einer Kooperation tiefe Freundschaft zwischen Mensch und Tier wurde.

(02.08.2015)

Fakten zu Hund und Katze

Wussten Sie, wie viele Hunde und Katzen in deutschen Haushalten leben? Wie viele Geruchszellen Hunde im Vergleich zum Menschen haben? Oder dass Katzen den Stickstoff- und Schwefelgehalt ihrer Nahrung herausschmecken können? Klicken Sie sich durch unsere Infografiken!

Szenenfoto: Mensch und Hund in der Höhle von Chauvet

Mensch und Hund in der Höhle von Chauvet

Spuren in der Höhle von Chauvet: Mensch und Hund haben schon vor 26.000 Jahren einen gemeinsamen Lebensraum geteilt (Szenenfoto).

(Quelle: ZDF/Jürgen Heck)

„Ein Leben ohne Hund ist möglich, aber sinnlos.“ Eine Erkenntnis, die zuerst der deutsche Schauspieler Heinz Rühmann formuliert hat, bevor Loriot sie später ein wenig präzisierte. Für den deutschen Humoristen war ein Leben ohne Mops unter keinen Umständen vorstellbar. Rund sieben Millionen Hundehalter in Deutschland geben beiden prominenten Künstlern Recht. Der Hund ist nicht nur das erste Haustier, sondern auch der beste Freund des Menschen. 

Keine Liebe auf den ersten Blick

Liebe auf den ersten Blick ist es nicht, als sich Grauwolf und Mensch zum ersten Mal begegnen. „Canis lupus“ ist vom Hunger getrieben und stöbert in der Müllhalde einer Steinzeitsiedlung. Mit der Großen Eiszeit ist das friedlich grasende Großwild abgewandert. Die neuen Beutetiere sind kleiner, schreckhafter und flinker. Die Jagd im Rudel kostet mehr Kraft, erfordert anderes Vorgehen und bringt längst nicht mehr den gewünschten Erfolg.

Die schwierigen Verhältnisse in der Umwelt zwingen Mensch und Wolf zu einer bis dahin nie dagewesenen Kooperation, sagen Forscher. Der Mensch folgt der Fährte der Wölfe, die mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn selbst drei Tage alte Spuren wittern können. Im Gegenzug duldet er, wenn die scheuen Tiere in ihre Siedlungen eindringen und sich über die Essensreste hermachen.

Zitate

  • Heinz Rühmann in ZDF-Matinee: Herr und Hund, 18.04.1982

    "Natürlich kann man ohne Hund leben, es lohnt sich nur nicht."

    Heinz Rühmann

    (deutscher Schauspieler, 1902 - 1994)

  • Friedrich der Große

    "Hunde haben alle guten Eigenschaften des Menschen, ohne gleichzeitig ihre Fehler zu besitzen."

    Friedrich der Große

    (König von Preußen, 1712 - 1786. Friedrich der Große liebte Windhunde.)

  • Otto von Bismarck

    "Ich habe große Achtung vor der Menschenkenntnis meines Hundes, er ist schneller und gründlicher als ich."

    Otto von Bismarck

    (Deutscher Politiker und Staatsmann, 1815 - 1898. Bekannt war Otto von Bismarcks "Reichsdogge“ „Tyras“.)

  • John Steinbeck

    "Ich habe einen Blick aus Hundeaugen gesehen, einen sich rasch verlierenden Ausdruck erstaunter Geringschätzung, und ich bin überzeugt, das Hunde im Grunde denken, Menschen seien verrückt."

    John Steinbeck

    (US-amerikanischer Schriftsteller, 1902 - 1968)

  • Franz Kafka

    "Alles Wissen, die Gesamtheit aller Fragen und alle Antworten ist in den Hunden enthalten."

    Franz Kafka

    (deutschsprachiger Schriftsteller, 1883 - 1924)

  • Mark Twain

    "Wenn du einen verhungernden Hund aufliest und machst ihn satt, dann wird er dich nicht beißen. Das ist der Unterschied zwischen Hund und Mensch."

    Mark Twain

    (US-amerikanischer Schriftsteller, 1835 - 1910)

  • Johannes Rau (Archivfoto aus dem Jahr 2003)

    "Mein Hund ist als Hund eine Katastrophe, aber als Mensch unersetzlich."

    Johannes Rau

    (ehemaliger deutscher Bundespräsident, 1931 - 2006)

  • Louis Armstrong

    "Mit einem kurzen Schweifwedeln kann ein Hund mehr Gefühle ausdrücken als ein Mensch mit stundenlangem Gerede."

    Louis Armstrong

    (US-amerikanischer Jazz-Trompeter, 1901 - 1971)

  • Johann Wolfgang Goethe

    "Dem Hunde, wenn er gut erzogen, ist selbst ein weiser Mann gewogen."

    Johann Wolfgang von Goethe

    (deutscher Dichter, 1749 - 1832)

  • Gemälde des heiligen Franz von Assisi

    "Dass mir mein Hund das Liebste sei, sagst du oh Mensch sei Sünde. Mein Hund ist mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde."

    Franz von Assisi

    (Begründer des Ordens der Minderen Brüder (Franziskaner), 1181/82 - 1226)

  • Winston Churchill 1964

    "Hunde sehen zu uns herauf. Katzen sehen auf uns herab. Schweine sehen uns als ebenbürtig an."

    Winston Churchill

    (Ehemaliger britischer Premierminister, 1874 - 1965. Winston Churchill hatte zwei Pudel namens „Rufus“.)

  • Sigmund Freud

    "Hunde lieben ihre Freunde und beißen ihre Feinde.
 Anders der Mensch: Er ist unfähig zu reiner Liebe und muss stets Liebe und Hass unter einen Hut bringen."

    Sigmund Freud

    (Begründer der Psychoanalyse, 1856 - 1939. Sigmund Freud besaß zwei Chow-Chows namens „Lün“ und „Jofi“.)

  • "Wir sind allein, völlig allein auf diesem Planeten. Von all den Lebensformen um uns.herum hat sich außer dem Hund keine auf ein Bündnis mit uns eingelassen."

    Maurice Maeterlinck

    (belgischer Schriftsteller und Dramatiker, 1862 - 1949)

  • Diogenes in der Tonne – Gemälde von Jean-Léon Gérôme (1860)

    "Ich werde Hund genannt, weil ich diejenigen umschwänzele, die mir alles geben, diejenigen verbelle, die es mir verweigern, und meine Zähne in Schurken schlage."

    Diogenes von Sinope

    (griechischer Philosoph, vermutlich 410 - 323 v. Chr.)

  • Arthur Schopenhauer

    "Wer nie einen Hund gehabt hat, weiß nicht, was Lieben und Geliebtwerden heißt."

    Arthur Schopenhauer

    (Deutscher Philosoph, 1788 - 1860. Schopenhauer besaß einen Pudel namens "Putz".)

Lagerwolf  - Vorfahr des Hundes - nähert sich dem Menschen an

Aus gegenseitiger Duldung wird allmählich Zutrauen - die Evolution bringt den Lagerwolf hervor. Er ist dem Wolf zwar genetisch noch näher als dem Hund, aber im Verhalten zeigt er sich bereits deutlich zutraulicher und lebt im losen Verbund mit der Gemeinschaft.

Der Lagerwolf gilt als direkter Vorfahr des Hundes, der seinen Siegeszug als treuer Wegbegleiter des Menschen vermutlich in der Zeit antritt, als aus Jägern und Sammlern Bauern und Viehzüchter werden. Schon damals übernimmt der Hund Aufgaben als Wach- und Hütehund. Und er stellt seine hohe soziale Anpassungsfähigkeit unter Beweis. Eigenschaften, die ihm Jahrtausende später gottgleichen Status bescheren.

"Hunde - an Menschen angepasste Wölfe"

Interview mit Prof. Dr. Kurt Kotrschal

Der Biologe Prof. Dr. Kurt Kotrschal mit Wölfen

"Hunde sind die an den Menschen angepasste Version des Wolfes“

Der österreichische Verhaltensforscher Prof. Dr. Kurt Kotrschal ist Leiter und Gründer des Wolfforschungszentrums „Wolf Science Center“ in Ernstbrunn (Österreich). Sein wissenschaftlicher Schwerpunkt liegt in der Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung. In der Forschungsstation zieht er die Wölfe mit der Flasche groß, um sie von klein auf an den Menschen zu gewöhnen. Er erforscht die soziale Bindung, das Stressverhalten und bestimmte Aspekte des kooperativen Verhaltens bei Wölfen.

Warum ist der Hund/der Wolf das älteste Haustier?

Der Grund, warum Wölfe und Menschen und dann in späterer Folge Hunde und Menschen so gut zusammenpassen ist, weil es kein Tier gibt, das uns ähnlicher wäre im Wesen als der Wolf. Menschen und Wölfe sind Kleingruppenwesen, die wunderbar innerhalb ihrer Gruppen, innerhalb ihrer Clans kooperieren. Bei der Jagd, beim Kinderaufziehen, leider auch bei Grenzkriegen, also beim Bekämpfen der bösen anderen. Die Aggression ist also kaum vorhanden innerhalb der Gruppe, aber ziemlich stark ausgeprägt zwischen den Gruppen. Und diese Grundorientierung von Mensch und Wolf mag mit dazu beigetragen haben, dass man sich vor 45.000 Jahren gefunden hat. Ein wichtiger Punkt ist sicher gewesen, dass Wölfe und Menschen auf das gleiche Wild Jagd gemacht haben. Menschen haben zum Teil von der Jagdbeute der Wölfe profitiert und umgekehrt. Und so mag es gekommen sein, dass sich einzelne Rudel einzelnen Menschengruppen angeschlossen haben.

Wie näherten sich Wolf und Mensch an?

Unserer Erfahrung nach kann es nicht ganz ohne Handaufzucht gegangen sein. Denn ein nicht von Menschen aufgezogener Wolf wird nie auch nur ein annäherndes Vertrauen zum Menschen fassen. Bis zu einem gewissen Grad kann man sich vielleicht in der Nähe dieses Wolfes aufhalten oder er bei uns, aber zusammen irgendwelche Aktionen durchführen wie Jagen, das geht mit nicht früh sozialisierten Wölfen sicher nicht. Was wir nicht beurteilen können, ist, wie groß der Einfluss der Spiritualität war. Es ist sehr stark davon auszugehen, dass die Erstbeziehung zwischen Wölfen und Menschen sehr stark spirituell geprägt war. Diese Leute waren Animisten. Das heißt, die haben an die Beseeltheit der Natur geglaubt und waren immer bemüht, auch im Sinne des Jagderfolges, Beziehungen zu den Geistern zu haben, der sie umgebenden Natur und auch der sie umgebenden Tiere. Und wenn ein Mensch oder ein Tier gestorben ist, dann ist seine Seele in die Welt der Geister übergegangen. Dazu dienen tierische Mittler, und Wölfe gehören wahrscheinlich seit jeher zu den mächtigsten dieser Totemtiere. In der menschlichen Fantasie hat er eine überragende Rolle gespielt, bis heute. Daher ist fast davon auszugehen, dass Schamanen versucht haben, über den Wolf die Brücke zum Jenseits zu finden.

Die Stärken Ihrer Wölfe - verglichen mit Hunden?

Dadurch, dass wir die Wölfe aufgezogen haben, haben wir ein tiefes Vertrauensverhältnis zu ihnen und sie mit uns. Das heißt, es existiert eine Bindung. Und das ist nichts anderes als zu einem Hund. Aber aufgrund dieser wechselseitigen Liebe würde ich einen Wolf nicht dazu bringen, das zu tun, was ein mir ergebener Hund vielleicht tun würde. Nicht ein Bällchen hundertmal holen oder solche dummen Dinge. Der Wolf wird nach einem Mal sagen: „Ich hab’s ja schon geholt, was soll denn das?“ Man würde einen Wolf auch kaum dazu bringen, unter Hintenanstellen seines eigenen Wohls den Garten zu verteidigen oder das Auto. Das machen Hunde mehr oder weniger von sich aus. Ein Wolf tut das eher nicht. Die Tapferkeit des Wolfes beschränkt sich auf die Territorialverteidigung, wenn es darum geht, die anderen, die Nachbarn abzuwehren an der Rudelgrenze, aber einfach auf irgendwas aufzupassen, nur weil es dem geliebten Menschen gehört, das würde er sicher nicht tun. Wölfe hinterfragen.

Was heißt das fürs Zusammenleben mit einem Wolf?

Für einen Wolf ist eine Kühlschranktür kein Problem, und dass wir nicht wollen, dass der Wolf die Kühlschranktür öffnet, wird ihn wahrscheinlich nicht sehr tangieren. Einen Hund kann ich zurechtweisen. Hunde schlucken unseren sozialen Druck zum Großteil und arbeiten dann trotzdem noch mit uns. Wenn ich das bei einem Wolf versuchen würde, mit Zwang etwas zu erreichen, würde sofort Widerstand kommen, und der Wolf würde relativ rasch die Kooperation langfristig einstellen.

Rückschlüsse von Hunderassen auf die Gesellschaft?

Jede Kultur hat die Hunde, die sie verdient. Also, es ist kein Zufall, dass wir heute in einer „retrieverisierten“ Gesellschaft leben. Der Golden Retriever ist der Haupthund geworden. In den letzten Jahrzehnten gab es den Übergang vom Deutschen Schäferhund als Haupthund zum Golden Retriever. Das lässt seit jeher gesellschaftliche Rückschlüsse zu. Das Auftauchen der großen Mammutjäger vor etwa 35.000 Jahren hing damit zusammen, dass diese Leute plötzlich Wolfs- oder schon Hundekontakt hatten und dass diese Tiere ihnen schlicht und einfach halfen, diese großen Tiere zu stoppen. Das war für diese Leute, die damals in sehr geringen Dichten lebten, ein riesiger ökologischer Vorteil gegeben gegenüber Neandertalern, mit denen sie parallel lebten und die diese Kultur nicht entwickelt haben.

"Der Mensch - ohne Hund nicht vollständig." Warum?

Eigentlich müsste man sagen, „ohne Tiere nicht vollständig“ – das spielt darauf an, dass wir sehr stark biophil sind und dass Hunde oder Wölfe in Form der Hunde seit 35.000 Jahren unsere engsten Begleiter sind. Und zwar unsere engsten Begleiter in all unseren Kulturen, die wir ausgebildet haben. Aufgrund dieser Tatsache und aufgrund des Bedürfnisses vieler Leute, mit anderen Tieren sozial zu leben, können wir annehmen, dass sie damit ein Bedürfnis definieren. Wir wissen, dass es vor allem wichtig ist für Kinder, mit Tieren aufzuwachsen. Und ein Aufwachsen mit einem Hund bringt eine höhere soziale Kompetenz, bringt eine bessere körperliche Entwicklung, emotionale Entwicklung, kognitive Entwicklung.

Wie /wieso haben Menschen Hunderassen gezüchtet?

Die längste Zeit der Mensch-Hund-Beziehung war während der „Jäger und Sammler“-Phase, eine Beziehung mit einem ziemlich wolfähnlichen Hund, den man sich vielleicht so vorstellen kann wie die heutigen Dingos in Australien. Und dann passierte diese sogenannte neolithische Revolution: Menschen wurden sesshaft. Und plötzlich braucht man andere Hunde. Ich glaube nicht, dass das eine bestimme Selektion in Richtung kleiner, größer, dicker, dünner war, sondern, dass es vor allem eine Selektion in Richtung „noch-zahmere-Hunde“ war. Das heißt, zugetane, zahme Hunde, die keinen Schaden verursachen, die von sich aus auf uns aufmerksam werden und nett sind im Umgang mit uns. Und diese Selektion auf Zahmheit, das wissen wir aus Experimenten des russischen Genetikers Beljajew mit Silberfüchsen, diese Selektion reicht, damit das Genom insofern auseinander fällt, dass plötzlich scheckige Hunde da sind, Hunde mit Schlappohren, mit Ringelschwänzchen. Und dann stellen sie sich die Menschen vor, die plötzlich diese Vielfalt vor Augen haben. Wir verpaaren bestimmte Hunde, die eine bestimmte Eigenschaft haben, damit wir sie auf der Jagd besser einsetzen können, beim Bewachen besser einsetzen können, vielleicht im Krieg und bei den vielfältigsten Funktionen besser einsetzen können. Oder einfach, weil sie uns gefallen haben.

Wieso meint man, Hunde könnten unsere Mimik lesen?

Wölfe haben ein abgestuftes Repertoire von Sprache und Mimik, so dass der andere immer genau weiß, wie der Partner, der Rudelchef und die anderen drauf sind. Und dieses „Lesen können“ der Ausdrücke der Emotionen der anderen beruht auf einem gemeinsamen Prinzip. Genau dasselbe können wir auch. Seit einigen Monaten gibt es den Nachweis dafür. Unsere Hunde können das. Die können sehen, wie ihre Menschen so drauf sind. Richten sich dann auch danach. Und umgekehrt können Kinder etwa, die mit Hunden aufwachsen, dasselbe lernen. Sehr oft hat man den Eindruck, dass bestimmte Hundehalter ihre Hunde nicht so gut lesen können. Aber das ist selten der Fall, wenn sie mit Hunden aufwachsen. Sie kriegen intuitiv mit, wie das zu interpretieren ist. Hund und Mensch lesen und interpretieren einander dann nahezu genauso gut wie Hund-Hund oder Wolf-Wolf und Mensch-Mensch. Und das Interpretieren, das Lesen des Ausdruckes der Emotionen – das wechselseitige Lesen – ist ein Grunderfordernis für die Entwicklung von Einfühlung, von Empathie.

Was lernt der Mensch aus Wolf-Hund-Beobachtungen?

Wir haben uns die Beziehung zwischen 120 Hunden und ihren Besitzern angeschaut und herausgefunden, dass die Hunde neben dem Grundtemperament, das sie natürlich mitbringen, die Ausprägung ihres Verhaltens sehr stark von ihren Haltern abhängt. Es macht einen Unterschied, ob zum Beispiel ein Rüde in der Hand eines Mannes ist oder in der Hand einer Frau. Es macht auch einen Unterschied, welche Persönlichkeitsstrukturen diese Menschen haben. Hunde spiegeln sie sehr stark. Es geht so weit, dass wir heute glauben zu wissen, dass man durch Beobachtung des Beziehungsverhaltens zwischen Mensch und Hund relativ gut Bescheid wissen kann über das Wesen eines Menschen. Menschen sind im Umgang mit Tieren, vor allem im Umgang mit ihren Hunden äußerst authentisch, was man im Umgang mit anderen Menschen nicht immer behaupten kann. Wir dürfen nicht vergessen: Wir leben nicht irgendwie sozial zusammen. Hunde und andere Säugetiere teilen bis ins Detail jenes soziale Gehirn, auf dem unser eigenes Verhalten beruht. Sie haben dieselben Grundemotionen. Das heißt, Hunde und Menschen schauen zwar ziemlich unterschiedlich aus, aber das soziale Modell, das soziale Gehirn als Kommandozentrale für dieses innerartliche und zwischenartliche Sozialverhalten, ist zwischen Hund und Mensch oder auch zwischen Wolf und Mensch erstaunlich ähnlich.

Wer ist schlauer? Hund oder Wolf?

Das kommt ganz drauf an, welchen Kontext man sich anschaut. Was die Problemlösungsfähigkeit betrifft, scheint es so zu sein, als ob die Wölfe ein bisschen die Nase vorn haben. Wölfe verstehen viel besser, wie Dinge funktionieren, indem sie nur zuschauen. Ob das jetzt ums Seilziehen geht oder ob es ums Öffnen einer Kiste geht. Wenn Wölfe zugeschaut haben, wie das geht, dann gehen sie hin und machen es richtig. Wenn Hunde zugeschaut haben, dann gehen sie vielleicht hin, und dann tun sie irgendwas, weil sie offenbar mitbekommen haben, wenn ich da irgendwas tue, passiert irgendwas. Es gibt viele gute Gründe, jetzt nicht auf den Hund herunterzuschauen und zu sagen: „Du bist die dümmere Version des Wolfes!“ Sondern ich würde sagen, Hunde sind die an den Menschen angepasste Version des Wolfes.

Das Interview führte Kirsten Hoehne.

Der Hund zur Zeit der Griechen und Römer

Dass der Hund eines Thrones wert ist, haben viele Hochkulturen gewusst. Die Ägypter ernennen den schakalköpfigen Anubis sogar zum obersten Richter ihres Totenreichs. Die Griechen suchen eher nach rationalen Erklärungen für das außergewöhnliche Wesen des Hundes.

Der Philosoph Xenophon liefert die erste wissenschaftliche Abhandlung über Erziehung, Fährtenarbeit und Verhalten. Die Römer gehen noch einen Schritt weiter: Sie züchten unterschiedliche Jagdhund-Rassen, führen aus dem Ausland Luxushündchen ein, schicken Kampfhunde in die Arena und halten Hunde, die vor allem in der Landwirtschaft eingesetzt werden.

Kynegetikos

Kynergetikos - Abhandlung über Erziehung von Jagdhunden von Xenophon

Die erste schriftliche Abhandlung über die Erziehung von Jagdhunden stammt von dem griechischen Politikern und Feldherrn Xenophon. Sein Werk Kynegetikos - was so viel heißt wie Hundeführer - verfasste er um 400 v.Chr. Darin teilt er Jaghunde hinsichtlich ihrer Eignung für unterschiedliche Beutetiere ein und empfiehlt, Befehle und Namen knapp zu halten.

Xenophon schlägt Namen vor wie Thymos (Eifer), Porpax (Greifer) und Kainon (Töter), die Rückschlüsse auf die Erwartung an die Tiere zulassen. Aber auch Phylax (Wächter), Psyche (Seele) und Chara (Frohsinn), die auf einen andere Funktion der Hunde schließen lassen. Entgegen Xenophons eigener Empfehlung, war der Name seines Hundes alles andere als kurz; er nannte ihn "Hippocentaurus".

Änderung des Wertes

Mit der Christianisierung ändert sich die gesellschaftliche Wertschätzung der Vierbeiner. Die Kirche entdeckt ihre vermeintlich dunkle Seite als Begleiter von Hexen und Dämonen. Als die Bestiarien im 10. Jahrhundert aufkommen, hat sich die Lage schon wieder etwas entspannt. Der Hund wird zur Symbolfigur menschlicher Tugenden wie Treue, Wachsamkeit und Mut. Kaiser, Könige und Adlige präsentieren sich stolz mit ihren Lieblingen. Der Hund avanciert zum Prestigeobjekt.

Welche Rasse zu wem passt, ist über Jahrhunderte aber nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks, sondern vor allem der eigenen gesellschaftlichen Stellung. Daran hat sich womöglich bis heute nicht viel geändert, aber inzwischen hat der Hund vor allem das Herz des Menschen erobert. Er ist sein bester Freund, sein Kind- oder Partnerersatz. Er versteht auch ohne Worte, er liebt bedingungslos. Die Moderne verhilft ihm vielleicht zur größten Wertschätzung in der Jahrtausende alten Geschichte zwischen Mensch und Hund.

Sendungsinformationen

ZDF-Erstausstrahlung:
Teil 1 "Der Hund" am Sonntag, 02. August 2015, 19:30 Uhr
Teil 2 "Die Katze" am Sonntag, 09. August 2015, 19:30 Uhr

Filme von Kirsten Hoehne und Nanje De Jong-Teuscher
TV-Redaktion: Claudia Moroni
Online-Redaktion: Sonja Roy

02.08.2015

THEMA |

Tiere bei Terra X

Alle Tier-Dokumentationen von Terra X auf einen Blick! [mehr]

Geschichte der Tiere (2/2) |

Die Katze

An der Seite des Menschen wurde die Samtpfote vergöttert - und verteufelt. [mehr]

Interview mit Dr. Ádám Miklósi

Wie stark ist der Hund mit dem Menschen verbunden?

Dr. Ádám Miklósi ist Leiter des Lehrstuhls für Ethologie an der Eötvös Loránd-Universität in Budapest. Er erforscht das Verhalten und die Verständnisfähigkeit von Hunden, wobei die Mensch-Hund-Beziehung im Mittelpunkt seiner Arbeit steht. Für „Terra X: Geschichte der Tiere“ wählte der Wissenschaftler ein Experiment aus der Kinderpsychologie und führte dies mit Hunden und ihren Besitzern durch, um Rückschlüsse über das Zusammenleben von Mensch und Hund ziehen zu können.

Was ist die Idee dieses Experiments?

Die eigentliche Idee des Experiments kommt aus der Säuglings-Forschung, in der Wissenschaftler die Bindung zwischen Mutter und Kind untersucht haben. Wir dachten, dieses Experiment könnte sich dafür eignen, die Beziehung zwischen Hund und seinem Besitzer zu erforschen. Denn die Beziehung zwischen Hund und Besitzer ist aus funktioneller Sichtweise ähnlich wie die Beziehung zwischen Mutter und Kind. Also haben wir dieses Experiment einfach mit Hunden und ihrem Besitzer wiederholt. Wir wollten herausfinden, wie stark der Hund mit dem Menschen verbunden ist.

Ein Hund verhält sich so wie ein Kind?

Eigentlich war es für uns keine große Überraschung zu sehen, dass es auffallende Ähnlichkeiten zwischen dem Verhalten des Hundes und dem von ein- oder zweijährigen Kindern gibt. Ich denke, die Erklärung liegt darin, dass die soziale Rolle des Hundes in vielen Familien vergleichbar mit der eines Kindes ist. Es ist nicht dasselbe, jedoch kann man Ähnlichkeiten feststellen. Der Hund baut eine enge soziale Bindung zum Menschen auf, und es wichtig für den Hund, dem Menschen nahe zu sein. Somit fühlt sich der Hund erst wohl, wenn er zumindest zeitweise visuellen oder sozialen Kontakt mit dem Besitzer hat.

Warum ist gerade der Hund Begleiter des Menschen?

Als die Menschen anfingen, Hunde zu halten und diese zu domestizieren, gab es entscheidende Veränderungen bei dem Verhalten der Hunde. In ihnen steckt das genetische Potenzial zu einem sozialen Verhalten mit dem Menschen. Sie betrachten den Menschen tatsächlich als sozialen Partner, vielleicht sogar als den wichtigsten sozialen Partner. Und da sie dieses genetische Potenzial besitzen, sind sie ebenso offen für andere soziale Wesen. Das macht den Hund zu einem besonderen Begleiter und grenzt ihn von anderen Tieren ab.

Welche Rolle spielt die Erziehung für die Bindung?

In der Theorie gibt es eine optimale Bindung, wenn der Hund versteht, dass der Besitzer Sicherheit bietet. Der Hund kann den sicheren Standort nutzen, die Anwesenheit des Besitzers, um die Umwelt zu erkunden und Kontakte mit anderen Hunden herzustellen. Allerdings gibt es ein Problem, wenn der Hund keine Angst vor nichts hat und den Besitzer nicht als sicheren Unterschlupf braucht. Solche Hunde rennen einfach davon, da sie nichts fürchten. In der Stadt kann dies zu großen Problemen führen. Wichtig ist, dass der Besitzer dem Welpen früh genug das Zusammensein und das Getrenntsein lernt. Im besten Fall kann daraus eine optimale Bindung entstehen.

Hat der Wolf ein ähnliches Bindungsverhalten?

Wir denken, dass die Bindung aus einer genetischen Veränderung stammt. Wir haben mit Wölfen, die auf ähnliche Weise wie Hundewelpen aufgewachsen sind, einige Experimente gemacht. Diese haben gezeigt, dass der Wolf in manchen Situationen wie der Hund Angst hatte und den Kontakt mit Fremden vermieden hat. Aber die Wölfe haben den Menschen nicht als sicheren Standort genutzt. Sie haben also versucht, ihre Probleme selbst zu lösen.

Kam dem Hund schon früh eine Sonderstellung zu?

Ich denke, ein Beweis für die frühe und enge Beziehung zwischen Mensch und Hund könnte das frühe Begräbnis von Hunden sein. Menschen haben schon vor 11.000 bis 12.000 Jahren angefangen, Hunde zu begraben. Diese besondere Behandlung bekam kein anderes Tier. Und ich glaube, dass der Hund in den letzten 15.000 Jahren zu einem engen Begleiter des Menschen wurde.

Können Hunde Gedanken lesen?

Ich denke schon, dass man sagen kann, dass Hunde Gedanken lesen können – im übertragenen Sinne natürlich. Aber verhaltensbiologisch betrachtet, liest der Hund unser Verhalten. Wenn du also das Gefühl hast, der Hund weiß schon vorher, was gleich passieren wird, so liest er nicht deine Gedanken, sondern nimmt die kleinsten Veränderungen deines Verhaltens wahr. Ob es ein Gesichtsausdruck, ein Augenschlag oder eine Veränderung in der Bewegung ist. Der Hund hat gelernt, diese Veränderungen des Verhaltens zu lesen und weiß: Okay, jetzt gehen wir spazieren, oder jetzt gibt es Essen.

Hat der Hund Verhalten vom Menschen übernommen?

Ich denke ja. Hunde haben sich während der Domestizierung sehr verändert. Viele dieser Veränderungen können als Potenzial betrachtet werden. Das bedeutet, wenn der Hund bei Menschen aufgewachsen ist, wenn er sozialisiert wurde, dann kann er sich dem menschlichen Leben wunderbar anpassen. Das heißt auch, dass er die Fähigkeit besitzt, unser Verhalten genau zu beobachten und davon schnell zu lernen. Hunde verstehen zum Beispiel relativ schnell Gesten. Also, wenn ich mit der Hand in eine Richtung deute, verstehen sie schnell, was ich meine – obwohl die menschliche Bewegung nicht hundetypisch ist. Für den Mensch würde ein Hund mit dem Kopf in eine Richtung schauen – entweder nach links oder rechts. Hunde untereinander aber würden sich nie so verhalten. Sie haben untereinander andere Zeichen. Hunde können sich also sehr gut auf menschliches Verhalten einstellen.

Will der Hund auch mit dem Menschen kommunizieren?

Da der Mensch dem Hund ein sozialer Partner ist und der Hund ein Rudel braucht, ist es für den Hund sehr wichtig, zu kommunizieren. Ein guter Hundetrainer bildet den Hund nicht nur in seinen Fähigkeiten aus, einzelne Kommandos auszuführen, sondern auch, mit dem Menschen zu kooperieren und zu kommunizieren.

Warum lieben wir den Hund?

Ich denke, in der heutigen Zeit streben wir alle nach irgendwelchen sozialen Kontakten – nach Möglichkeiten, einer Gruppe anzugehören. Man könnte sagen, mit einem Hund erleben wir alle positiven Aspekte einer Beziehung. Denn Hunde geben in der Regel kein negatives Feedback. Sie geben einem immer das Gefühl von Liebe und das Gefühl, für sie etwas Besonderes zu sein. Und sie geben uns die Möglichkeit, dass wir uns um jemanden kümmern können, was wiederum in der Natur des Menschen liegt. Das alles sind sehr gute Gründe für die Liebe des Menschen zum Hund.

Haben Sie auch Hunde?

Nein. Ich bin einer der wenigen Hundeforscher, die keinen eigenen Hund haben. Denn durch meine ganze Forschung über den Hund ist mir bewusst geworden, wieviel Zeit und Hingabe man für einen Hund braucht. Diese beiden Kriterien kann ich beide leider nicht erfüllen. Also muss ich wohl ohne Hund auskommen.

Das Interview führte Nanje De Jong-Teuscher.

ZDFmediathek: Terra X

  • Terra X | 29.05.2016, 19:30

    Geheimnisse der Tiefsee - Korallenriffe

    Ein weiteres Mal taucht "Terra X" in das dunkle Reich der Tiefsee ab, in die Kellergeschosse ... VIDEO

  • Terra X | 22.05.2016, 19:30

    Australien-Saga (Teil 2)

    Von Menschen und Meer: Der Historiker Christopher Clark blickt auf die grandiose Natur des fünften ... VIDEO

  • Terra X | 15.05.2016, 19:30

    Australien-Saga (Teil 1)

    Auf den Spuren der Entdecker: Der in Sydney geborene Historiker Christopher Clark begibt sich auf ... VIDEO

Virtuelle Realität |

Terra X-VR-Projekt ist nominiert

"Vulkane in 3D & 360-Grad" ist für den Webvideopreis 2016 nominiert [mehr]

Kontakt und Wiederholungen

  • Terra X

    Zuschauerservice

    Haben Sie Fragen zur Sendung oder zum Online-Auftritt von Terra X? Hier können Sie die Redaktion ... ARTIKEL

  • THEMA

    Terra X-Archiv

    Die Sendungen im Überblick - Videos und Informationen der vergangenen Terra X-Folgen, sowie eine ... THEMA

Terra X

Versenden

Artikel versenden

Versenden Sie den Beitrag an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
schließen Beitrag versenden

Versenden

Hinweis

Der Beitrag wurde erfolgreich versendet.

schließen

Merkliste

Papierkorb Bild
Merkliste versenden Merkliste schließen

Merkliste

Merkliste versenden

Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
Zurück zur Merkliste Absenden Button

Merkliste

Hinweis

Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

Zurück zur Merkliste Merkliste schließen