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Terra X  | 20.10.2013  Schatzjagd an der Seidenstraße

Chinesische Mumien mit europäischen Wurzeln?

China – das "Reich der Mitte" gilt in seiner Entwicklung als vom Westen völlig unabhängig. Bis in das vierte vorchristliche Jahrtausend hinein reichen die historischen Aufzeichnungen des Landes zurück und untermauern das Bild vom isolierten China, das sich scheinbar ohne nennenswerte Berührungspunkte zum Westen entwickelt hat. Der Mythos von der Isoliertheit und Unabhängigkeit Chinas ist bis heute weit verbreitet. Erst in jüngster Zeit wird er durch einige überraschende Entdeckungen in Frage gestellt. 

Chinesiche Mumie mit europäischen Genen aus der Taklamakan Wüste

Schatzjagd an der Seidenstraße

In Europa dachte man lange, China hätte eine vom Westen völlig unabhängige Entwicklung genommen: Zu fremdartig erschien das Reich der Mitte. Neue archäologische Funde stellen diese Annahme in Frage.

(20.10.2013)
Mumie in der Taklamakan Wüste

Schatzjagd an der Seidenstrasse

(09.10.2013)

von Georg Graffe

Bereits vor hundert Jahren begannen europäische Archäologen die Wüste Taklamakan im Westen Chinas zu erforschen. Einst führte die berühmte Seidenstraße durch die Wüste und sorgte – wie die Wissenschaftler schnell herausfanden - für einen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen Ost und West seit dem Mittelalter. Doch erst in jüngster Zeit entdecken chinesische Archäologen, dass sich unter den Spuren der mittelalterlichen Seidenstraße Zeugnisse aus noch viel fernerer Vergangenheit finden lassen: Mitten in der Wüste entdecken sie einen riesigen Friedhof mit einzigartig erhaltenen Mumien. Sie gehören einem vergessenen Volk an, das bereits vor 4000 Jahren in der Region siedelte.

Neben dem einmaligen Erhaltungszustand der Mumien ist vor Allem ihr Aussehen überraschend. Denn die Mumien wirken mit ihren kräftigen Gesichtszügen, Bärten und hellbraunen oder sogar blonden Haaren alles andere als chinesisch. Könnten sie zu einem europäischen Volk gehören, das die Menschen in China schon in der Bronzezeit in Kontakt mit dem Westen brachte? Brachten sie sogar wichtige Kulturtechniken wie den Bronzeguss mit nach China? Der renommierte Mumien-Experte Professor Victor Mair will diese Fragen nun mit modernsten Methoden auf den Grund gehen. Eine DNA-Untersuchung soll zeigen, ob die Mumien tatsächlich europäische Wurzeln haben.

Terrakotta Armee nach griechischen Vorbildern?

Teil der Terrakotta Armee
Figuren der Terrakotta Armee (Quelle: ZDF)
Doch nicht nur die Mumien werfen Fragen auf – auch andere im Westen bisher unbekannte Funde rütteln am bekannten Geschichtsbild. So überrascht ein geheimnisvolles Königsgrab in Ostchina mit deutlich westlich geprägten Fundstücken – zu einer Zeit zu der es noch gar keinen Kontakt zum Westen gegeben haben soll. Für den deutschen Kunsthistoriker Dr. Lukas Nickel ist die Ausgrabung ein erstes Indiz, das noch viele weitere Entdeckungen nach sich ziehen könnte.

Dabei gerät auch die weltberühmte Terrakotta-Armee in sein Blickfeld. Sie gehörte zur Grabausstattung des ersten chinesischen Kaisers und damit zum Gründungsmythos Chinas. Ausgerechnet hier will Lukas Nickel seinen Verdacht überprüfen – und erhält Zugang zu Figuren, die bisher noch nie gezeigt werden durften. Ihr Stil ist für die chinesische Kunst der Zeit so ungewöhnlich, dass die Skulpturen für Lukas Nickel nur einen Schluss zulassen: Sie müssen von den chinesischen Künstlern nach dem Vorbild griechischer Statuen gefertigt sein! Spannende Entdeckungen, die ein neues Licht auf die Geschichte der Beziehung zwischen Ost und West werfen.

Der Archäologe Lukas Nickel im Interview

Das Interview führte Susanne Rostosky.

Der deutsche Archäologe und Kunsthistoriker Lukas Nickel forscht für die School of Oriental and African Studies an der University of London. Ein Spezialgebiet ist der frühe kulturelle Austauch zwischen China und dem Westen.

Zurückdatierung des Zeitraums der ersten Begegnung

Um wie viele Jahre muss durch Ihre Forschung der Zeitraum der ersten Begegnung zwischen Ost und West zurückdatiert werden?

Lukas Nickel: Kontakte zwischen China und anderen Teilen Asiens gab es schon früh, was man an der Verbreitung von Nutztieren im späten Neolithikum, der Einführung des Bronzegusses und der Etablierung von Wagengespannen um 1200 v. Chr. sehen kann. Wenig bekannt war bisher, dass es nach den Feldzügen Alexanders des Großen direkten Austausch zwischen der chinesischen und der hellenistischen Welt gab. Hier muss man die traditionelle Auffassung um zumindest einhundert Jahre korrigieren. Nach der schriftlichen Überlieferung erfuhren die Chinesen erstmals 125 v. Chr. von Griechen und anderen Völkern jenseits des Pamir. Sowohl die Verwendung von persischen Motiven auf Silbergefäßen als auch die Rezeption hellenistischer Plastik weisen auf gute Kontakte hin, als der Erste Kaiser 221 v. Chr. das Reich einigte.

Terrakotta-Krieger nach westlichen Vorbildern

Wann und warum kam Ihnen erstmals der Gedanke, dass die Terrakotta-Krieger vielleicht nach dem Vorbild westlicher Statuen geformt sein könnten?

Nickel: Der Verdacht geistert schon seit langem durch die Forschung, er ist aber kaum auf den Punkt gebracht worden. Es ist schon auffällig, dass vor dem 3. Jh. v. Chr. Skulptur in China kein Thema war. Die Tonkrieger kommen förmlich aus dem Nichts.

Als das British Museum 2007 die Tonkrieger ausstellte, verglichen wir auf einem Workshop die Gräber von Tutanchamun, Mausolos, Augustus, Hadrian und dem Ersten Kaiser von China. Mir fiel auf, dass es sichtbare Parallelen zur europäischen Tradition von Herrschergräbern gibt, vor allem bei der Verwendung von Skulptur. Die Tonkrieger und viele andere Aspekte des Grabes passen besser in die eurasische als in die chinesische Kunstgeschichte der Zeit.

Wissenstransfer Statuen

Wo könnten die Chinesen der Zeit hellenistische Statuen gesehen haben? Wie müssten wir uns den "Wissens-Transfer" vorstellen?

Nickel: Das ist bis jetzt am schwersten zu sagen. In den schriftlichen Quellen zumindest gibt es keine Hinweise auf Griechen oder griechische Kunst im damaligen China. Allerdings wissen wir, dass griechische Bildhauer weit reisten, um ihre Kunst Mäzenen anzubieten. Am Grab des Mausolos in Harlinkarnassos in Kleinasien arbeiteten zumindest vier Steinmetze von den griechischen Inseln. Alexander nahm Künstler wie Lysippos mit auf seine Expeditionen nach Zentralasien. Und griechische Bildhauer, die sich in Baktrien, auf dem Gebiet des heutigen Afghanistan, niedergelassen hatten, stellten ihre Kunst auch in die Dienste von benachbarten Machthabern und fremden Religionen, was man in Nordindien und in Takhti Sangin in Tadschikistan sehen kann. Skulptur war ein griechischer Exportschlager. Insofern ist es vorstellbar, dass einige Bildhauer noch weiter nach Osten wanderten und ihre Kunst dort der stärksten Macht anboten, den Qin. Von Baktrien aus gesehen lag China schließlich näher als Athen. Eine andere Möglichkeit ist, dass Vorlagen über Völker wie die Xiongnu und Yuezhi, deren Herrschaftsbereiche an Baktrien und Qin grenzten, nach China gelangten.

"Riesen" aus dem Westen

Sie erwähnten eine Inschrift auf dem Sockel einer Figur in Xian aus der Zeit des ersten Kaisers, die wir aus alten chinesischen Texten kennen und die von "Riesen" aus dem Westen berichtet. Können Sie noch einmal erklären, was es damit auf sich hat?

Nickel: Am Ende der Eroberungskriege ließ der Erste Kaiser die Waffen der feindlichen Heere einschmelzen, um daraus zwölf gewaltige Bronzefiguren zu gießen. Diese zwölf Bronzestatuen gehören zur Gründungslegende des Kaiserreichs. Der Kaiser stellte sie als Zeichen der Befriedung vor seinem Palast auf. Das ist die früheste schriftlich belegte öffentliche Skulptur in China, und es ist das erste Mal, dass wir Kunst mit einer offenen politischen Mission finden. Man fühlt sich geradezu an die sowjetische Plastik “Schwerter zu Pflugscharen” erinnert.

Soweit findet sich die Geschichte in jedem chinesischen Schulbuch. Die zweite Hälfte der Überlieferung fand bisher kaum Beachtung. Dort wird nämlich erklärt, dass die zwölf Bronzen Inschriften trugen, die besagten, dass die Figuren nach Vorbildern gefertigt waren, die man vom Westende des chinesischen Reiches kannte. Die Vorlagen waren von gewaltiger Größe und fremdländisch angezogen. Das ist bisher der deutlichste literarische Hinweis, dass die plötzliche Vorliebe des Kaisers für Skulpturen westliche Wurzeln hatte.

Akzeptanz der Forschungsergebnisse

Wie wird Ihre Forschung in China rezipiert?

Nickel: Die Reaktionen vieler meiner chinesischen und westlichen Kollegen sind da vergleichbar. Viele sind noch nicht bereit, diese Verbindung zu sehen. Es wird noch einige Zeit dauern, bis man die Tonkrieger als das erkennen wird, was sie sind: Teil der Kunstgeschichte Chinas, aber auch Eurasiens. Wir sind noch weit entfernt von einer integrierten Kunstgeschichte, die nicht von modernen politischen Grenzen eingeschränkt wird.

Offene Fragen zur Terrakotta-Armee

Welche Fragen bezüglich der Terrakotta-Armee sind noch offen? Was würden Sie gerne noch untersuchen?

Nickel: Da gibt es noch zahlreiche Punkte, die ich nicht verstehe. Zum einen die Funktion: Warum steht die Armee nur östlich des Grabes? Wenn sie – wie oft angenommen – den Kaiser verteidigen sollte, sollte man Krieger auch im Norden, Westen und Süden finden. Ebenso die Herstellungstechnik. Die würde ich gern mit der Herstellungsweise von Plastik in der hellenistischen Welt vergleichen. Das gilt sowohl für die Terrakottafiguren als auch für Bronzeplastik, denn beides findet sich sowohl in China als auch im zeitgenössischen Zentral- und Westasien.

Der Sinologe Victor Mair im Interview

Das Interview führte Susanne Rostosky.

Der amerikanische Sinologe Victor Mair stieß durch Zufall auf die Mumien in der Taklamakan und wurde duch sie im Westen zum bekanntesten Experten für chinesische Mumien.

Bedeutung der Mumien

Warum sind Ihnen und Ihren Kollegen die Mumien aus der Taklamakan Wüste so wichtig?

Victor Mair: Sie helfen uns, die Entwicklung der eurasischen Bevölkerung in der Bronzezeit und in der frühen Eisenzeit zu verstehen. Dies beinhaltet das Wanderungsprofil in der damaligen Zeit, die Verbreitung der damaligen Techniken und die Verbreitung von Sprachen.

Taklamakan zur Bronzezeit

Wie sah die Taklamakan Wüste in der Bronze- und Eisenzeit aus? Wie schafften die Menschen es dort zu leben?

Mair: Das Gebiet war bereits in der Bronze- und in der frühen Eisenzeit eine Wüste. Die Menschen überlebten dort, indem sie an naheliegenden Wasserwegen lebten und in kleinem Umfang ihr Gebiet bewässerten. Natürlich wurden dann in neueren Zeiten aufwändigere Bewässerungstechniken eingesetzt, so dass die Bevölkerung wachsen konnte und weitere Gebiete eingenommen werden konnten.

Anerkennung in China

Warum ist es für chinesische Wissenschaftler so schwierig anzuerkennen, dass das Mumienvolk europäischen Ursprungs sein könnte?

Mair: Erstens, weil es nicht ihrem Verständnis der Entwicklungsgeschichte in Ostasien und Zentralasien entspricht. Zweitens, weil die daraus resultierenden politischen Auswirkungen der chinesischen Regierung Probleme bereiten könnten. Jedoch erkennen die meisten guten Wissenschaftler, zum Beispiel der  Anthropologe Han Kangxin das Beweismaterial an, das bestätigt, dass viele der Mumien westlichen Ursprungs sind.

Wissens-Transfer Bronzeguss

Glauben Sie, dass das Mumienvolk die Kunst in Bronze zu gießen nach China gebracht haben könnten?

Mair: Nicht das Mumienvolk selbst, aber ihre Verwandten in den nördlich angrenzenden Steppen.

Mumien-Geheimnisse

Welche Mumien-Geheimnisse müssen noch gelüftet werden?

Mair: Es müssen zusätzliche genetische Tests an noch weiteren Mumien durchgeführt werden. Wir benötigen noch mehr C14-Tests (Methode zur archäologischen Altersbestimmung) und eingehende wissenschaftliche Untersuchungen der zu den Mumien gehörenden Objekte, vor allem der Textilien. All dies erfordert eine auf internationaler Ebene ausgedehnte Zusammenarbeit, die hoffentlich demnächst stattfinden wird.

Zukünftige Projekte

Welche zukünftigen Projekte haben Sie?

Mair: Ich versuche die neuesten Entdeckungen der Mumien und die dazugehörigen Erkenntnisse über sie und ihre Artefakte in eine umfassende Erforschung der Sprachen, der Wanderungsprofile und der Kulturen der Völker des Tarimbeckens und der umliegenden Regionen einfließen zu lassen.

Sendungsinformation

Erstausstrahlung ZDF: Sonntag, 20. Oktober 2013, 19:30 Uhr

Film von Susanne Rostosky
Redaktion TV: Georg Graffe, Günter Myrell
Redaktion Online: Michael Büsselberg, Dany Stief

20.10.2013

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