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Terra X: Faszination Erde  | 29.11.2015  Schottland – Der Mythos der Highlands

Natur und Kultur auf Unabhängigkeitskurs

Schroffe Berge, grüne Schluchten und glasklare Lochs: Die Highlands in Schottland sind ein Sehnsuchtsort. Kaum ein anderes Land lebt so sehr von seinem Mythos und seinen Geschichten. Die Freiheitskämpfe der Schotten gegen die Engländer sind legendär, und Schottlands Natur ist ganz auf Freiheit getrimmt. Auch aus geologischer Sicht ist das Land sehr eigenständig. Das Unabhängigkeitsbestreben der Schotten ist buchstäblich in Stein gemeißelt. 

Landschaft mit See und historischer Burg in Schottland

Schottland – Der Mythos der Highlands

Die schottischen Highlands sind ein Sehnsuchtsort. Dirk Steffens erkundet, worauf sich der Mythos gründet, und enthüllt die wahren Geschichten.

(29.11.2015)
Bass Rock aus der Vogelperspektive

Jäger im Sturzflug

Der Bass Rock, eine von zahlreichen Inseln vor Schottlands zerklüfteter Küste, beherbergt die größte Basstölpelkolonie der Erde. Der Felsen ist für die Meeresvögel ein idealer Ausgangspunkt für die Jagd nach Fischen.

(29.11.2015)

Die Berge Schottlands berichten von einer Vergangenheit voller Spannungen. Dass es die Highlands überhaupt gibt, ist der Beweis dafür, dass England und Schottland in der Erdgeschichte viele Millionen Jahre lang völlig unterschiedliche Wege gegangen sind.

Kurclips zur Sendung

Der Schrecken der Moore

Dirk Steffens steckt bis zum Kinn im Moor

In Sagen, Legenden und Gruselfilmen versinken Menschen manchmal im Moor. Ob das wirklich funktioniert, hat Dirk Steffens in Schottland getestet - und ist dabei ganz anderen Schrecken begegnet.

Der Blick des Steinadlers

Dirk Steffens mit Steinadler

Dirk Steffens demonstriert, wie sehr sich die Sehfähigkeiten des Steinadlers von unseren unterscheiden.

Getrennte Kontinente

Entscheidende Hinweise geben versteinerte Überreste von Trilobiten. Diese Urzeitkrebse bevölkerten vor rund 500 Millionen Jahren die Weltmeere und sind in fossiler Form sehr zahlreich in vielen Gebieten der Erde erhalten geblieben. Fossilien bestimmter Trilobiten-Arten fand man allerdings nur im Süden Großbritanniens, andere Arten wiederum nur im Norden der Insel. Weil die „schottischen“ Trilobiten auch auf Grönland und in Nordamerika gefunden wurden und der südenglische Typus auch auf dem europäischen Kontinent, gehen Wissenschaftler davon aus, dass die Arten damals auf unterschiedlichen Kontinenten lebten: Schottland war Teil des Superkontinents Laurentia, England gehörte zu Gondwana. Erst vor rund 410 Millionen Jahren fanden die Länder zueinander. Beim Crash der beiden Urkontinente schoben sich die Highlands nach oben. Einst waren sie so hoch wie der Mount Everest,
Die Felsformation Whin Sill im Panorama
Die Felsen Whin Sill entstand, wo die Kontinente einst aufeinandertrafen. (Quelle: ZDF/Oliver Roetz)
heute ragen die Berge der Highlands nur noch bis zu 1300 Meter auf. Das gigantische Massiv war Jahrmillionen der Erosion ausgesetzt. Wind und Wetter haben das Gestein abgetragen und die Bergflanken allmählich ausgewaschen.

Dort wo einst die Kontinente aufeinanderprallten, findet sich heute noch eine natürliche Grenze: Whin Sill trennt als steinerne Barriere Schottland von England. Den natürlichen Wall haben die Römer 122 bis 128 n. Chr. auf Anordnung Kaiser Hadrians durch einen künstlichen erhöht: den Hadrianswall.

Whin Sill

Entstehung der Felsformation Whin Sill (Grafik)

Die geologische Formation Whin Sill erstreckt sich über eine Länge von 130 Kilometern. Ganz in der Nähe verläuft noch heute die Grenze zwischen England und Schottland. Entstanden ist sie vor ungefähr 300 Millionen Jahren: Als sich die Erdkruste dehnte, stieg etwa tausend Grad heiße Lava entlang des Risses auf und erstarrte dann zu einem unterirdischen Gesteinsbrocken. Im Laufe von Millionen Jahren legte die Erosion Teile davon frei.

Der Hadrianswall, eine ursprünglich sechs Meter hohe und bis zu drei Meter dicke Mauer, bildete in der Blütezeit des Römischen Reiches dessen nördlichste Grenze und markierte für die Römer das Ende der zivilisierten Welt. Auf der anderen Seite lebten in ihrer Vorstellung die Barbaren – Krieger mit ungewöhnlichen Tätowierungen, die sie Pikten, die „Bemalten“, nannten. Römische Geschichtsschreiber verbreiteten wahre Horrorgeschichten über die Pikten. Sie schrieben ihnen grausame Kampfmethoden, seltsame Bräuche und sogar Menschenopfer zu.

Begeistert von Schottland

Über Jahrhunderte prägten der Freiheitskampf der Schotten und die daraus entstandene Feindschaft die Beziehung zwischen England und Schottland. Das änderte sich im 19. Jahrhundert, als der Schriftsteller
Landschaft in Schottland mit idyllischem See und Burg
Walter Scott feierte in seinen Büchern Schottlands idyllische Landschaften. (Quelle: Getty)
Walter Scott in seinen Gedichten und Romanen Schottlands idyllische Landschaften als Gegenbild zum industrialisierten England feierte. Seine Bücher wurden Bestseller, und Schottland wurde zum liebsten Urlaubsziel der Engländer.

Als der englische König Georg IV. 1822 seinen Besuch in Schottland ankündigte, hatte Scott die Idee, sich als Modedesigner zu betätigen: Er ließ verschiedene Karomusterstoffe – Tartans – kreieren, stattete die Oberhäupter der verschiedenen Clans mit jeweils eigenen Tartans aus und ließ sie zu Ehren des Königs aufmarschieren. Dieser war begeistert und hüllte sich selbst in eine schottische Tracht. Die scheinbar so alte Tradition der verschiedenen Clan-Tartans ist somit die Erfindung eines Schriftstellers. So ist vieles, was heute als typisch schottisch gilt, das Resultat von schön geschriebenen Geschichten.

Wildes Leben in den Highlands

König der Lüfte

Steinadler (Nahaufnahme)

Unter den Hunderten Bergen der Highlands erheben sich auch die zehn höchsten Gipfel Großbritanniens. Der König der Lüfte über dem schottischen Hochland ist der Steinadler. Mit einer Flügelspannweite von über zwei Metern kann er die Aufwinde an den Berghängen perfekt zum Gleiten nutzen. Mit seinen sprichwörtlichen Adleraugen erspäht er jede Beute: Adler haben ein Panorama-Blickfeld von 340 Grad, eine vier- bis fünfmal schärfere Sicht als der Mensch, und sie können mehr Farben sehen. Auch die Reflexion ultravioletter Strahlen können die Greifvögel wahrnehmen. Haben sie ein Beutetier erjagt, schlagen sie es mit ihren großen, kräftigen Krallen.

Winterurlaub in Schottland

Nonnengänse im Formationsflug über einem Meeresarm

Nonnengänse zählen zu den Beutetieren des Adlers. Sie sind Zugvögel und fliegen im Herbst von ihren Sommerquartieren in Grönland und Spitzbergen nach Schottland. Weitere Strecken müssen sie nicht bewältigen, denn Schottland profitiert als eine der nördlichsten Regionen vom warmen Meerwasser des Golfstroms. Die Gänse sammeln sich zu Zehntausenden an den Küsten im Südwesten. Das milde Klima bietet ihnen den ganzen Winter über gute Bedingungen und genügend Nahrung.

Tiger in Gefahr

Schottische Wildkatze faucht (Nahaufnahme)

Der scheue und seltene Highland Tiger lebt in den Weiten des Hochlands und wurde schon von den Pikten gleichermaßen verehrt und gefürchtet. Diese Wildkatze ist seit rund 9000 Jahren in Schottland heimisch. Bisher schaffte es niemand, sie zu zähmen. Die Pikten schrieben ihr ungeheure Kräfte zu. Highland Tiger sind größer als Hauskatzen und haben einen besonders buschigen Schwanz. Sie sind extrem bedroht, es gibt nur noch etwa 400 Tiere. Da sich die echten schottischen Wildkatzen mit verwilderten Hauskatzen paaren und fruchtbare Nachkommen erzeugen, fürchten Forscher um den Bestand der Art. Nur in der Einsamkeit der entlegensten Winkel der Highlands gibt es eine Überlebenschance.

Wo sich Lachse und Delfine tummeln

Engstellen in der Bucht Moray Firth (Grafik)

Vor der schottischen Küste gibt es viele Delfine. Am Moray Firth bei Inverness, wo der Fluss Ness in die Nordsee mündet, sammeln sich zu bestimmten Zeiten große Gruppen. Hier gibt es eine Engstelle, die für sie ideal zum Fischefangen ist. Lachse, die zurück in ihre Laichgründe wollen, müssen hier durch. Über das schmale Loch Ness gelangen sie weiter die Flüsse hinauf.

Loch Ness und Great Glen

Loch Ness aus der Vogelperspektive

Loch Ness ist mehr als ein großer See: Er ist über 200 Meter tief, fast 40 Kilometer lang und Teil eines größeren Systems, das aus dem Fluss Ness und zwei anderen langgestreckten Seen besteht. Das Wasser fließt in einem engen Talgrund, dem Great Glen, der sich wie ein großer Riss quer durch Schottland zieht, vom Moray Firth bis zum Loch Linnhe. Es handelt sich um eine tektonische Verwerfung, die in einer Zeit entstand, als aktive Vulkane die Region beherrschten. Vor etwa 40 Millionen Jahren lag der südlichere Teil Schottlands noch viel weiter im Südwesten. Erst im Lauf der Zeit ist er an seine heutige Position gerutscht. Bis heute ist der Great Glen seismisch aktiv, alle paar Jahrzehnte kommt es zu Erdbeben mittlerer Stärke.

Archäologische Sensation

Auf den Orkneyinseln hoch im Norden haben Archäologen Entdeckungen gemacht, die die Bedeutung Schottlands für ganz Großbritannien neu definieren. Der Ring of Brodgar, ein Steinkreis von etwa 100 Meter Durchmesser, umgeben von Erdwällen, stammt aus der Jungsteinzeit.
Ring of Brodgar aus der Vogelperspektive
Der Ring of Brodgar, einer der schönsten Steinkreise der Jungsteinzeit (Quelle: BBC)
Von den ursprünglich 60 großen Monolithen, den Menhirs, sind 27 erhalten. Der Ring of Brodgar ist Teil einer viel größeren, wohl durchdachten Anlage. In der Nähe gibt es die Stones of Stenness, und genau zwischen diesen beiden Steinkreisen, auf einer Landbrücke, sind Archäologen auf einen großen Tempel gestoßen. Das Team der Archäologen um Nick Card steht bei den Ausgrabungen noch ganz am Anfang, erst ein Zehntel der Struktur wurde freigelegt. Einige Fakten stehen jedoch schon fest: Die Anlage ist rund 5200 Jahre alt und somit älter als Stonehenge in Südengland. Und sie ist größer und komplexer als alle anderen Anlagen in Nordeuropa. Auf dem Gelände gab es Dutzende massive Gebäude, die von einer hohen und mächtigen Mauer umgeben waren.
Ausgrabungen der Anlage Ness of Brodgar (Luftaufnahme)
Ness of Brodgar: Erst ein Zehntel der Kultstätte wurde bisher freigelegt. (Quelle: BBC)

Wozu die Anlage diente, ist nicht einfach zu rekonstruieren. Aus zeitlich datierbaren Abfällen schließen die Archäologen, dass die Anlage nicht dauerhaft bewohnt war, sondern vermutlich für rituelle Feste genutzt wurde. Die These der Forscher: Der Tempel versinnbildlicht das Portal zwischen Leben und Tod. Die Menschen sind in einer Prozession vom Land der Lebenden, den Stones of Stenness, durch den Tempel zum Land der Toten, dem Ring of Brodgar, geschritten. Dieser Ort scheint eine kulturelle Strahlkraft gehabt zu haben, die weit über die Region hinaus wirkte. Bei den Ausgrabungen wurden Keramikscherben entdeckt, die älter sind als vergleichbare Fundstücke aus England. Das bedeutet: Die auf den Orkneyinseln entwickelte Keramik eroberte nach und nach den Süden. Standen die Menschen auf Orkney einmal am Anfang einer kulturellen Bewegung? Die bisherigen Vorstellungen vom zivilisierten Süden und barbarischen Norden würde das ziemlich auf den Kopf stellen. Forscher glauben, dass selbst die Idee, derart komplexe Steinkreise zu bauen, auf schottischem Gebiet entstanden sein könnte. Der Stolz der Schotten auf ihr Land ist also gut begründet.

Sendungsinformationen

Erstausstrahlung ZDF: 29. November 2015, 19.30 Uhr

Buch und Realisation: Nora Bergenthal
Kamera: Oliver Roetz, Thorsten Czart u. a.
Schnitt: Maria Zimmermann
Musik und Vertonung: Andreas Linse
Sprecher:  Detlef Bierstedt

Redaktion TV: Christiane Götz-Sobel
Redaktion Online: Katja Treu

29.11.2015

Sendungsinformationen

Sonntag 29.11.2015, 19:30 - 20:15 Uhr

VPS 29.11.2015, 19:30 Uhr


Länge: 45 min.

Deutschland , 2015

Wiederholung 

29.11.2015, 02:35 Uhr Nachtprogramm 

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