zurück Startseite

Interview  "Ein hochbelastendes Ereignis"

Interview mit Diplom-Psychologin Dr. Angelika Treibel

Angelika Treibel ist als Diplom-Psychologin seit vielen Jahren wissenschaftlich und praktisch mit der Situation von Kriminalitätsopfern befasst. Sie arbeitet in der psychosozialen Beratung Betroffener und hat gerade eine Studie durchgeführt, in der untersucht wurde, welche Faktoren Einfluss darauf haben, ob nach einem sexuellen Übergriff Anzeige erstattet wird oder nicht. Im Interview spricht sie unter anderem über die Folgen solcher Ereignisse, die Bedeutung für die Betroffenen - und die Frage, wann professionelle Beratung und Unterstützung sinnvoll sind. 

Bild zeigt Polizsiten vor dem Kölner Hauptbahnhof

Nach der Kölner Silvesternacht überbieten sich Politiker mit immer neuen Forderungen: schneller, weiter, härter. Das schürt hohe Erwartungen. Zu hohe Erwartungen?

(17.01.2016)

ZDFonline: Stellen die Vorkommnisse an Silvester in Köln eine neue kriminelle Qualität dar?

Dr. Angelika Treibel
Dr. Angelika Treibel (Quelle: privat)
Dr. Angelika Treibel: Die polizeiliche Aufarbeitung der Ereignisse in Köln ist noch nicht abgeschlossen. In welchem Ausmaß die in den Medien berichtete Kombination von Diebstahlsdelikten mit sexuellen Übergriffen durch Tätergruppen stattgefunden hat und ob die sexuellen Übergriffe tatsächlich von den Diebstählen ablenken sollten, werden erst die Analysen zeigen. Sollte es sich bestätigen, dass das Begehen von Sexualdelikten zur „Ablenkung“ von dem Diebstahl dienen sollte, wäre dies, insbesondere in diesem Ausmaß, ein neues Phänomen. Das Auftreten sexueller Übergriffe ist natürlich kein neues Phänomen.

ZDFonline: Sind sexuelle Übergriffe bei größeren Veranstaltungen ein neues Phänomen?

Dr. Angelika Treibel: Nein – im Gegenteil. Durch die Silvester-Ereignisse in Köln richtet sich die öffentliche Aufmerksamkeit jetzt auf ein Problem, das in unserer Gesellschaft permanent Relevanz hat: Das Oktoberfest in München etwa geht jedes Jahr mit circa 150 berichteten sexuellen Grenzverletzungen unterschiedlicher Schweregrade einher, die Anzahl tatsächlich begangener Übergriffe wird auf ein Vielfaches geschätzt. In der Öffentlichkeit wird vor dem Oktoberfest auf die Problematik hingewiesen, wie zum Beispiel durch die Aktion „Sichere Wiesn“, am Ende wird die Zahl der angezeigten Übergriffe berichtet. Das ganze wird ohne größere Empörung oder mediale Aufmerksamkeit zur Kenntnis genommen. Auch das Phänomen, dass sexuelle Übergriffe und Vergewaltigungen durch Gruppen von Männern gemeinschaftlich begangen werden, ist nicht neu. So wurden beispielsweise 2014 laut polizeilicher Kriminalstatistik des BKA mehr als Hundert Vergewaltigungen durch Gruppen in Deutschland angezeigt, die tatsächlichen Zahlen sind vermutlich sehr viel höher.

Weitere Informationen

Aktion " SichereWiesn.de" (Das ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich.)

ZDFonline: Was bedeuten die sexuellen Übergriffe für die Betroffenen?

Dr. Angelika Treibel: Eine sexuelle Grenzverletzung ist ein Ereignis, das für jeden Menschen ein potenziell hochbelastendes Ereignis ist. Auch relativ „harmlose“ sexuelle Grenzverletzungen stellen einen Einbruch in die persönlichen Grenzen eines Menschen dar, der bei den Betroffenen Gefühle von Hilflosigkeit und Kontrollverlust auslöst, der demütigt und entwürdigt und tiefe Ängste auslösen kann. Das Ausmaß der Belastung, die in Folge eines sexuellen Übergriffs bei den Betroffenen auftritt, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab, beispielsweise davon, wie massiv die Grenzüberschreitung ist und in welchem Ausmaß die betroffene Person Hilflosigkeit und Bedrohung empfunden hat.

ZITAT

Professionelle Hilfe ist immer dann sinnvoll, wenn es die Betroffenen wünschen, und dann sollte sie auch unbedingt in Anspruch genommen werden.”

Dr. Angelika Treibel

Der Umgang mit einem solchen Ereignis im Sinne des Bewältigungsprozesses ist individuell verschieden, auch wenn es so etwas wie „typische“ Verläufe der Verarbeitung gibt. Unabhängig davon, wie die individuelle Bewältigung verläuft, ist eine sexuelle Grenzverletzung immer Unrecht und ein Verstoß gegen das Recht auf die Unversehrtheit der eigenen sexuellen, körperlichen und seelischen Grenzen. In Köln gab es – den Medienberichten zufolge – Übergriffe durch Gruppen. Das heißt, betroffene Frauen waren möglicherweise in Situationen gefangen und einer übermächtigen Gruppe von Tätern schutzlos ausgeliefert. Dies stellt eine besonders hohe Belastung dar.

Nicht alle Betroffenen von sexuellen Übergriffen sind im klinischen Sinne „traumatisiert“, das heißt, dass sie eine Posttraumatische Belastungsstörung entwickeln. Man muss sich jedoch klar machen, dass, statistisch betrachtet, eine Vergewaltigung zu den Ereignissen gehört, die die höchsten Traumatisierungsraten aufweisen. Sexuelle Übergriffe bergen für die Betroffenen die Gefahr, langfristige psychische Belastungen oder Störungen davonzutragen. Auch wenn es heute gute psychotherapeutische Methoden gibt, die Posttraumatische Belastungsstörung zu behandeln, handelt es sich bei einem sexuellen Übergriff um einen gravierenden Vorgang mit potenziell schwerwiegenden Folgen.

ZDFonline: Wann ist eine professionelle psychologische Beratung und Unterstützung sinnvoll?

Dr. Angelika Treibel: Professionelle Hilfe ist immer dann sinnvoll, wenn es die Betroffenen wünschen, und dann sollte sie auch unbedingt in Anspruch genommen werden. Für Frauen, die von sexuellen Übergriffen betroffen sind, gibt es spezialisierte Beratungsstellen: hier sind vor allem die Frauennotrufe zu nennen, die es in größeren Städten gibt.

Weitere Informationen

Sexuelle-Gewalt.de

Hilfetelefon.de

(Das ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich.)

In den ersten Stunden und Tagen nach einem solchen Ereignis stehen viele Betroffene erst einmal unter Schock und können gar keinen klaren Gedanken fassen. Dann ist es einfach nur wichtig, sich so weit wie möglich zu versorgen, den eigenen Bedürfnissen Raum zu geben. In der Beratung Betroffener sage ich häufig: „Ihre Bedürfnisse sind jetzt die höchste Instanz“.

Es gibt keine „richtigen“ oder „falschen“ Strategien der Bewältigung – was den einzelnen Betroffenen hilft, ist individuell verschieden. Manche Betroffene brauchen für lange Zeit den Rückzug, andere gehen relativ schnell wieder nach außen und gehen offensiv mit dem Geschehenen um. Das soziale Umfeld ist extrem wichtig - ein unterstützendes soziales Umfeld ist sehr hilfreich bei der Bewältigung. Auch hier gilt, dass die Bedürfnisse der Betroffenen respektiert werden sollten.

ZITAT

Die Anzeigebereitschaft in Bezug auf die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln ist aus mehreren Gründen höher ist als bei anderen Übergriffen.”

Dr. Angelika Treibel

Es kommt vor, dass Personen im sozialen Umfeld, Freunde und Freundinnen, Familienangehörige, Partnerinnen und Partner selbst hoch belastet sind, wenn sie mitbekommen, was passiert ist und erleben, wie stark die Betroffene belastet ist. Diese indirekte Betroffenheit wird häufig nicht sehr ernst genommen, weil Freunde und Familienmitglieder denken, dass es ja nicht so schlimm sein kann, weil ihnen selbst ja nichts zugestoßen ist. Gerade diese indirekte Betroffenheit kann aber sehr großen Stress bedeuten, kann starke Gefühle von Hilflosigkeit oder Wut auslösen und zu hohen Belastungen führen. Manchmal haben Angehörige und Freunde auch genaue Vorstellungen davon, was die Betroffene tun müsste, zum Beispiel sich nicht mehr zurückziehen, was zu Konflikten führen kann. Ich rate auch indirekt Betroffenen, sich professionelle Hilfe zu suchen, wenn sie sich belastet fühlen. Üblicherweise bieten die Fachberatungsstellen auch Beratung für idirekt Betroffene an.

ZDFonline: Glauben Sie, dass viele Frauen die in Köln Opfer von sexuellen Übergriffen geworden sind, noch Anzeige erstatten werden?

Dr. Angelika Treibel: Ich denke, dass die Anzeigebereitschaft in Bezug auf die Übergriffe in der Silvesternacht in Köln aus mehreren Gründen höher ist als bei anderen Übergriffen. Der Unterschied liegt einmal in der medialen Aufmerksamkeit, die das Ganze erreicht hat, dazu kommt die „Masse“ der Übergriffe, die noch dazu in einem öffentlichen Raum stattfanden. Niemand kann einschätzen, wie viele Anzeigen es gegeben hätte, wären die Übergriffe nicht medial aufgegriffen worden. Ich gehe davon aus, dass es sehr viel weniger gewesen wären.

Außerdem wurden die Übergriffe durch fremde Personen begangen, was grundsätzlich die Wahrscheinlichkeit einer Anzeige erhöht. Die weit überwiegende Mehrzahl von Fällen sexueller Gewalt findet im familiären oder sozialen Nahraum statt, was für die Betroffenen die Anzeige extrem erschwert. Bei den Fällen in Köln kommt hinzu, dass Betroffene wahrscheinlich weniger Angst haben, dass ihre Aussage in Frage gestellt wird.

ZDFonline: Wovon hängt es ab, ob eine Anzeige erstattet wird oder nicht?

Dr. Angelika Treibel: Wir haben am Institut für Kriminologie an der Universität Heidelberg eine Studie durchgeführt, die die Faktoren untersucht, die über die Entscheidung für oder gegen eine Anzeige nach einer sexuellen Grenzverletzung entscheiden. Die Studie wurde vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert. Die Datenanalysen sind noch nicht vollständig abgeschlossen, aber es gibt bereits eindeutige grundlegende Befunde. So ist es entscheidend, ob Betroffene Vertrauen in das Strafverfahren haben.

Wenn dieses Vertrauen gegeben ist, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Anzeige. Auch das soziale Umfeld ist sehr wichtig: wenn Betroffene insgesamt sozial gut eingebunden sind und das soziale Umfeld sie unterstützt, ist eine Anzeige wahrscheinlicher. Wie auch frühere Studien zeigten, ist eine Anzeige wahrscheinlicher, wenn der Täter eine fremde Person ist und wenn die Schwere der Tat hoch ist. Und: Je früher Betroffene sich jemandem mitteilen, desto wahrscheinlicher ist eine Anzeige. Das heißt umgekehrt, je länger es dauert, bis Betroffene sich jemandem anvertrauen, desto unwahrscheinlicher wird die Anzeige.

ZDFonline: Ist es für die Betroffenen immer der richtige Weg, Anzeige zu erstatten?

Dr. Angelika Treibel: Gesamtgesellschaftlich betrachtet ist es natürlich wünschenswert, dass bei allen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung die Strafverfolgung greift. Sexuelle Grenzverletzungen führen zu massiven individuellen und gesamtgesellschaftlichen Schäden, deren Ausmaß meines Erachtens immer noch nicht wirklich begriffen wurde.

ZITAT

Weder die Anzeige noch die Nichtanzeige kann Betroffenen im Hinblick auf die psychische Bewältigung pauschal empfohlen werden.”

Dr. Angelika Treibel

Dessen ungeachtet kann es keine pauschale Empfehlung zur Anzeige geben. Das Strafverfahren mutet den Betroffenen einiges zu, und niemand außer den Betroffenen selbst hat das Recht, darüber zu entscheiden, ob man sich als „Opferzeuge“ diesem Verfahren aussetzt. Diese Entscheidung braucht häufig Zeit. Die Heraufsetzung der Verjährungsfristen trägt dazu bei, diese Zeit zu geben. Schwierig ist das Thema der Spurensicherung, sofern nach einem sexuellen Übergriff körperliche Spuren vorhanden sind - das Zeitfenster ist relativ klein, in dem diese Spuren gesichert werden können. Aus diesem Grund ist es günstig, wenn anonyme Spurensicherung möglich ist, um diese Zeit zu gewährleisten. Dies ist jedoch noch nicht überall möglich.

In unserer Studie haben wir den Zusammenhang von Anzeige und Bewältigung untersucht. Es zeigte sich kein Zusammenhang. Das heißt, weder die Anzeige noch die Nichtanzeige kann Betroffenen im Hinblick auf die psychische Bewältigung pauschal empfohlen werden. Wichtig ist es, herauszufinden, was für die betroffene Person die richtige Entscheidung ist. Hier kann die psychologische Unterstützung durch eine Fachberatungsstelle sehr hilfreich sein.

ZDFonline: Was bedeutet die Situation auf dem Polizeirevier für die Betroffenen wenn sie Anzeige erstatten?

Dr. Angelika Treibel: Ich habe im Rahmen meiner langjährigen Tätigkeit Berichte von Betroffenen aus dem gesamten Bundesgebiet gehört, wie es ihnen mit der Anzeigeerstattung bei der Polizei erging. Diese Berichte umfassten die ganze Bandbreite an Erfahrungen: von rücksichtsloser und unsachlicher Vorgehensweise seitens der Polizei bis eben zu Berichten über sehr „opferfreundliche“ Vorgehensweisen. Leider hängt es nach meinem Eindruck immer noch an den einzelnen Personen, welche Erfahrung Betroffene machen, auch wenn sich die Vernehmungssituation für die Betroffenen in den letzten 30 Jahren durch die Sensibilisierung der Polizei für diese Thematik sicher sehr verbessert hat.

Auch die Verfügbarkeit weiblicher Beamtinnen für weibliche Betroffene ist leider nicht immer garantiert. Betroffene sind durchaus in der Lage, die Aufgaben der Polizei zu verstehen, auch die genaue und kritische Prüfung des Sachverhalts. Oft geht es ja nur um Kleinigkeiten: Was für Betroffene bei der Vernehmungssituation hilfreich ist, ist unter anderem ein freundlicher und respektvoller Umgangston, eine ungestörte Vernehmungssituation und Transparenz in der Vorgehensweise der Polizei.

22.01.2016

THEMA |

Auf der Flucht vor Not, Krieg und Terror

Weltweit sind mehr als 50 Millionen Menschen auf der Flucht - vor Hunger, Krieg und Terror in ihrer Heimat. [mehr]

Weitere Themen aus "Volle Kanne"

  • Einfach lecker

    Wels in Meerrettichsauce mit Speckbohnen

    Armin Roßmeier serviert Wels in einer pikanten Meerrettichsauce. Dazu gibts junge Bohnen mit Speck ... ARTIKEL

  • Genuss

    Bier-Grissini mit Dip

    Grissini sind ein toller Snack für Grillabende oder EM-Partys. Cynthia Barcomi serviert sie mit ... ARTIKEL

  • Top-Thema

    Trotz Erhöhung: Rente wird nicht reichen

    Zum 1. Juli steigen die Renten. Dennoch wird für viele Menschen das Geld im Alter knapp. Nach wie ... ARTIKEL

  • Euro 2016

    Dem Ball hinterher

    "Volle Kanne" begleitet fünf Freunde, die bei der Fußballeuropameisterschaft in Frankreich mit einem ... ARTIKEL

  • Einfach lecker

    Kalbskotelett mit Kräuterbutter und

    Lecker gebratenes Kalbskotelett mit gestoßenem Pfeffer und frischen Kräutern, dazu ein erntefrisches ... ARTIKEL

  • Reise

    Insider-Tipps für Berlin

    Andreas Korn wohnt seit fast 20 Jahren in der Hauptstadt und kennt sie wie seine Westentasche. Für ... ARTIKEL

  • Service

    Viel Flüssigkeit und leichte Kost

    Der Körper hat mit sommerlichen Temperaturen zu kämpfen. Doch nicht alles, was Erfrischung ... ARTIKEL

  • Studiogäste der Woche

    Die Moderatoren Andrea Ballschuh, Nadine Krüger und Ingo Nommsen begrüßen jeden Tag prominente ... ARTIKEL

  • Wohnen & Design

    Micks Heimwerker 1x1

    Handwerksprofi Mick Wewers verrät in seinem Tutorial "Heimwerker 1x1", wie einfach man in den ... ARTIKEL

  • Im Test

    Im Test: Elektrobikes

    Immer häufiger sieht man sie im Straßenverkehr: E-Bikes. Bei Stiftung Warentest standen  Pedelecs ... ARTIKEL

Versenden

Artikel versenden

Versenden Sie den Beitrag an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
schließen Beitrag versenden

Versenden

Hinweis

Der Beitrag wurde erfolgreich versendet.

schließen

Merkliste

Papierkorb Bild
Merkliste versenden Merkliste schließen

Merkliste

Merkliste versenden

Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
Zurück zur Merkliste Absenden Button

Merkliste

Hinweis

Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

Zurück zur Merkliste Merkliste schließen