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Top-Thema  | 15.10.2015  Alleinerziehend und arm

Enormer Druck für Ein-Eltern-Familien

In Deutschland leben rund 2,5 Millionen Kinder an der Armutsgrenze. Meist trifft die Armut Kinder aus Hartz-IV-Familien oder solche, die bei nur einem Elternteil aufwachsen – in vielen Fällen trifft beides zu. Gerade in einem wohlhabenden Land ist Armut besonders demütigend: Zu den Entbehrungen kommt oft soziale Ausgrenzung hinzu. 

Antje Beierling im Gespräch mit Andrea Ballschuh

Alleinerziehend und arm

Alleinerziehende sind nicht selten von Armut bedroht. Darunter leiden auch die Kinder. Diplom-Pädagogin Antje Beierling erklärt, welche Möglichkeiten alleinstehende Mütter haben.

(15.10.2015)
Piktogamm Mutter mit Kind auf Geldscheinen

Wer sein Kind alleine großzieht, hat oft mit finanziellen Problemen zu kämpfen.

(Quelle: imago / imagebroker)

Wenn Nachwuchs kommt, ist es meist die Frau, die sich zu Hause um das Kind kümmert und ganz oder teilweise im Job pausiert. Eine Trennung trifft sie daher oft besonders hart: Das Budget wird knapp, die Wohnung zu teuer und schnell muss wieder ein Job her. Oft mangelt es zudem an passenden Betreuungsangeboten für die Kinder. Für viele Alleinerziehende beginnt ein Existenzkampf. Hinzu kommt, dass der Unterhalt das Vaters, der die Alleinerziehende finanziell entlasten soll, oft nur unregelmäßig gezahlt wird.

Unterhaltsvorschuss

Bleibt der Unterhalt aus, können Betroffene einen Vorschuss beantragen. Bei Kindern, die das sechste Lebensjahr noch nicht vollendet haben, beträgt der Unterhaltsvorschuss derzeit 144 Euro und bei Kindern unter 12 Jahren 192 Euro im Monat. Ab Januar 2016 werden diese Beträge um einen bzw. zwei Euro angehoben.

Weitere Informationen: BMFSFJ: Unterhaltsvorschuss

(Das ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Junge vo Graffiti-Wand
Armut bedeutet oft auch Ausgrenzung. (Quelle: imago / Mc Photo)

Arm bleibt arm

Gerade in den Städten sind bezahlbare Wohnungen Mangelware. In der Folge ziehen Alleinerziehende oft in soziale Brennpunkte mit niedrigen Mietpreisen. Oder sie nehmen zusätzliche Nebenjobs an, um die Miete aufzubringen – Zeit, die dann für die Kinder fehlt. Das Geld ist ständig knapp und der Gang zur Tafel für viele Kinder, gerade am Monatsende, schon Gewohnheit. Für Freizeitaktivitäten, Vereine und Bildung steht kaum Geld zur Verfügung. Mit weitreichenden Konsequenzen: „Studien zeigen, dass die Kinder in ihrer Schicht bleiben“, resümiert Antje Beierling vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). Arm bleibt also Arm.

Die Scham über die Lebenssituation ist ohnehin groß: „Armut ist nicht sexy. Der Druck, der auf den Familien lastet, ist enorm. Es soll bloß keiner mitkriegen, dass man zu wenig hat. Mit armen Kindern spielt schließlich niemand gerne“, beschreibt Antje Beierling die Gefühlslage der Betroffenen. Klassenfahrten, Spielzeug oder Markenkleidung – auch Alleinerziehende versuchten alles, damit ihre Kinder mithalten könnten: „Oft sparen sie dann bei sich selbst. Viele Alleinerziehende sind damit dauerhaft überlastet.“

Angebote und Zuschüsse

Zwar gebe es eine Reihe von Freizeitangeboten sozialer Organisationen, aber auch die seien nicht völlig kostenlos, sagt Antje Beierling. Informationen dazu erteilen Vereine und soziale Einrichtungen wie die Caritas oder Diakonie vor Ort. Außerdem gibt es im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepakets die Möglichkeit, Zuschüsse für Schulausflüge, das Schulessen oder zur Lernförderung zu beantragen. Auskünfte dazu erteilen zum Beispiel die Schulen vor Ort oder das Jobcenter.

Weitere Informationen: BMAS: Bildungspaket

(Das ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich)

Schwer vermittelbar

Alleinerziehend zu sein ist vor allem bei der Jobsuche ein Stigma. Viele Frauen trauen sich beim Bewerbungsgespräch nicht zu sagen, dass sie alleinerziehend sind. Arbeitgeber befürchten offenbar, dass Alleinerziehende häufiger fehlen, weil die Kinder krank sind und die Mitarbeiter weniger flexibel sind. Eine Untersuchung des VAMV belegt laut Beierling das Gegenteil: „Alleinerziehende und berufstätige Mütter in Teilzeit leisten oft mehr als andere Arbeitnehmer. Ihnen hängt die Zeit immer im Nacken, sie machen kaum Pausen und arbeiten zu Hause weiter.“

Das größte Problem der berufstätigen Mütter ist die Kinderbetreuung. Wenn zwar die Kita bis 16.30 Uhr geöffnet ist, die Betreuung in der Grundschule dann um 15 Uhr schließt, bekommen die meisten Alleinerziehenden ein Problem. Schichtarbeit ist ohnehin kaum realisierbar: Eine alleinerziehende Krankenschwester etwa wird kaum eine Betreuung finden, die sich mit Früh- und Spätdiensten in Einklang bringen lässt. Gut ausgebaute kostenfreie Betreuungsangebote mit flexiblen Zeiten wären nach Ansicht von Antje Beierling eine der wichtigsten Hilfen für Alleinerziehende: „Ich glaube, das macht auch aus volkswirtschaftlicher Sicht Sinn, wenn sich die Bedingungen für Alleinerziehende verbessern würden. Schließlich haben wir einen großen Mangel an Fachkräften.“

15.10.2015

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