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Gesundheit  | 22.06.2015  Angst vor dem Leben

Volkskrankheit Depressionen

Depressionen sind der zweithäufigste Grund, warum jemand auf der Arbeit fehlt. Seit dem Jahr 2000 sind die Fehltage wegen Depressionen um fast 70 Prozent gestiegen. Zu diesem Ergebnis kam im Januar 2015 der „Depressionsatlas“ der Techniker Krankenkasse. Demnach hängt das Risiko, eine Depression zu entwickeln, auch mit dem Beruf zusammen: Mitarbeiter von Callcentern, in der Altenpflege oder Erzieher sind besonders häufig betroffen; Frauen im Schnitt häufiger als Männer. Ein großes Problem für viele Betroffene ist es, einen geeigneten Therapieplatz zu finden. 

n Frank Schauder, an Depression erkrankter Filmemacher

Die Krankheit Depression ist immer noch mit einem großen Tabu behaftet. Frank Schauder, selbst erkrankt, hat einen Film über die Suche nach dem Depressionsgen gemacht.

(22.06.2015)
Eine Frau sitzt traurig und zusammen gekauert in der Ecke.

Betroffene (ver)zweifeln an ihrem Leben.

(07.08.2012 Quelle: colourbox)

Gedrückte Stimmung, Lustlosigkeit, Suizidgedanken: Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen. Allein in Deutschland leiden derzeit circa vier Millionen Menschen im Alter zwischen 18 und 65 Jahren an einer behandlungsbedürftigen Depression. Die Wahrscheinlichkeit, im Laufe eines Lebens an einer Depression zu erkranken, beträgt etwa fünf bis 15 Prozent.

Möglichst frühe Diagnose

Es gibt verschiedene Depressionsformen, die in ihrer Art und Ausprägung sehr unterschiedlich sind. Typische Symptome einer Depression sind traurige Verstimmung, Interessenlosigkeit, Angst und Suizidgedanken. Das Leben erscheint ohne Perspektive. Auch rein körperliche Beschwerden können auftreten. Sie sind meist unspezifisch und reichen von Schlaf- und Verdauungsstörungen bis hin zu Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen. „Das Hauptproblem bei der Erkrankung ist, dass der Patient erst sehr spät selbst bemerkt, dass er an einer Depression erkrankt ist – und nicht nur an einer Befindlichkeitsstörung“, erklärt Gesundheitsexperte Dr. Christoph Specht.

„Sich mal traurig oder abgeschlagen zu fühlen, bedeutet nicht direkt, dass man an einer Depression leidet“, gibt der Experte zu bedenken. Erst wenn dieser Zustand über zwei Wochen anhalte, solle man hellhörig werden. Dr. Specht empfiehlt, möglichst früh professionelle Hilfe zu suchen, da die Behandlung dann leichter und erfolgversprechender ist. Eine Depression kann, wenn sie nicht richtig behandelt wird, Monate oder sogar Jahre andauern. Hat man bereits einmal eine Depression durchlebt, so besteht ein erhöhtes Risiko für das erneute Auftreten der Krankheit.

Komplexe Ursachen

Untersuchungen zeigen, dass im Vorfeld von Depressionen gehäuft krisenhafte Ereignisse wie Verlust oder anhaltende Konflikte aufgetreten sind. Diese Faktoren scheinen aber nicht allein eine Depression auszulösen, sondern führen eher zu einer unspezifischen Stressreaktion, woraus sich durch weitere Risikofaktoren eine Depression entwickeln kann. Auch die Vererbung kann eine Rolle spielen. Zudem ist bei Betroffenen häufig das Gleichgewicht bestimmter Botenstoffe im Gehirn gestört. Viele Wissenschaftler vermuten, dass bei einer Depression die Neurotransmitter, also Botenstoffe im Gehirn, eine Rolle spielen. Ist das Verhältnis von Serotonin und Noradrenalin gestört oder sind diese Botenstoffe in zu geringer Konzentration vorhanden, wird die Übertragung zwischen den Nervenzellen behindert. Dies kann eine Depression auslösen.

Ärztliche Hilfe suchen

Für Betroffene ist zunächst der Hausarzt der richtige Ansprechpartner, so Dr. Specht. Dieser könne feststellen, ob eventuell weitere Schritte eingeleitet werden müssen und den Patienten an einen Facharzt überweisen. Wichtige Anlaufstationen für Betroffene sind darüber hinaus Ärzte, die sich mit psychischen Erkrankungen beschäftigen. Dazu zählen Fachärzte für Psychiatrie oder Neurologen.

Eine Depression kann heute meist erfolgreich behandelt werden. Bei leichten Formen reicht häufig schon eine Psychotherapie aus. In schweren Fällen dagegen müssen zusätzlich Medikamente eingesetzt werden. Die Behandlung einer Depression wird immer individuell auf den Patienten abgestimmt. In manchen Fällen kann auch ein stationärer Aufenthalt notwendig werden.

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Den passenden Therapeuten finden

Eine geeignete Therapie zu finden, die auch zeitnah nach der Diagnose begonnen werden kann, ist meist schwierig. Schließlich ist hier nicht nur der Terminkalender des Arztes wichtig. Es kommt vor allem darauf an, dass die Chemie zwischen Arzt und Patient stimmt. „In der Stadt sind die Chancen besser als auf dem Land“, sagt Dr. Christoph Specht. Oftmals müssen Kassenpatienten auf Ärzte ausweichen, die nur privat abrechnen – dann haben sie aber keinen Anspruch darauf, dass die Kosten von der Krankenkasse übernommen werden. „Ausnahme ist allerdings, wenn man nachweisen kann, dass trotz mehrerer Nachfragen kein Termin bei einem kassenärztlichen Therapeuten verfügbar war. Zudem muss eine Bescheinigung vom Haus- oder Facharzt vorliegen, dass eine psychotherapeutische Behandlung notwendig ist“, sagt Dr. Specht. Wichtig: Die Kasse muss vor der Behandlung über diesen Schritt informiert werden, nicht währenddessen.

Um den passenden Therapeuten zu finden, braucht man im Zweifelsfall mehrere Anläufe. „Hilfreich sind Empfehlungen von Bekannten, denen man vertraut – oder aber man fragt den Hausarzt. Aber auch solch eine Empfehlung kann schiefgehen“, so Dr. Christoph Specht. Internet-Foren sind problematischer als persönliche Empfehlungen, da jeder Mensch anders ist. In akuten Fällen (zum Beispiel bei bipolaren Störungen mit Suizidgefahr) sollte man sich an sogenannte Kriseninterventionszentren wenden, im Notfall auch an die Ambulanz einer psychiatrischen Klinik. Im Vorfeld einer Therapie oder auch therapiebegleitend kann man Unterstützung in einer Selbsthilfegruppe suchen. Aber: Wenn noch keine richtige Diagnose vorliegt, kann die Selbsthilfegruppe sogar kontraproduktiv sein, da sie im schlimmsten Fall an den Therapiebedürfnissen des Patienten vorbeigeht.

Kinotipp: Das dunkle Gen

Volkskrankheit Depression. Immer wieder kommt es in die Medien, verschwindet dann aber auch schnell wieder aus dem öffentlichen Interesse. Die Krankheit ist bis heute – und trotz vieler prominenter Fälle - mit einem großen Tabu behaftet. Frank Schauder ist Arzt und war in der Vergangenheit schon mehrfach kurz davor, seinem Leben ein Ende zu setzen. „Nach der Trennung von meiner ersten Frau 2002 - und dann nochmal nach der Trennung von meiner zweiten Frau 2008“, berichtet er.

Seine Familie ist mit Depressionen vorbelastet, deshalb spricht er auch viel mit seinem Sohn Leonard. Spielerisch versucht der Vater dem 18-Jährigen die Depression zu erklären. Er möchte, dass der Junge Anzeichen einer Erkrankung früh erkennt und ernst nimmt. Denn er hat Angst, dass auch dieser Depressionen bekommen könnte. Um das Thema wieder mehr in den Fokus zu rücken, hat Schauder nun einen Film über die Suche nach dem Depressionsgen gemacht. „Von Natur aus waren genetische Mutationen gewollt, um zu überleben. Heute machen sie den Menschen erst einzigartig“, so Schauder. Diese Reise zur Erforschung seiner Depression hat Schauder mit der Kamera begleitet. Besiegt hat er sie nicht, dafür aber viele Antworten auf quälende Fragen gefunden.

Der Film „Das dunkle Gen“ ist seit 11. Juni in ausgewählten Kinos in Deutschland und der Schweiz zu sehen.

Frank Schauder ist am Montag, 22.6., zu Gast bei Volle Kanne.

22.06.2015

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