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Top-Thema  | 22.09.2015  Gesundheitskarte für Flüchtlinge

Bremen und Hamburg mit guten Erfahrungen

Die Flüchtlinge, die dieser Tage in Deutschland ankommen, haben einen langen Weg hinter sich, sind ausgezehrt und traumatisiert. Viele Unterkünfte sind überfüllt, die hygienischen Bedingungen schlecht. Für die gesundheitliche Erstversorgung, die die Asylbewerber direkt bei der Ankunft erhalten sollen, sind häufig nicht genug Ärzte da. 

Flüchtling wird in Arztpraxis versorgt

Was macht eigentlich ein Flüchtling, wenn er in Deutschland krank wird? Bislang ist dies nicht bundesweit geregelt. Im Studio erklärt Prof. Gerhard Trabert, was eine Gesundheitskarte bringen könnte.

(22.09.2015)
Gesundheitskarten

Damit Flüchtlinge in Deutschland umfassende medizinische Hilfe bekommen, sollen sie mit Gesundheitskarten ausgestattet werden.

(Quelle: imago)

Sobald ein Flüchtling als Asylbewerber anerkannt ist, bekommt er im Bundesland Hamburg eine Gesundheitskarte, mit der er die Leistungen der gesetzlichen Krankenkassen in Anspruch nehmen kann, wenn auch nur in reduzierter Form. In Hamburg gibt es sie seit zwei, in Bremen gar seit neun Jahren. In den Stadtstaaten hat man gute Erfahrungen mit dieser Praxis gemacht. Denn der Flüchtling muss nicht – wie in anderen Bundesländern - den Arztbesuch beim Sozialamt erst beantragen. Allein in Hamburg wurden dadurch zwei Millionen Euro in der Verwaltung eingespart.

Gesundheitskarte für alle

Auch in Nordrhein-Westfalen, wo der Andrang in den Ambulanzen ebenfalls groß ist, soll die Gesundheitskarte Anfang 2016 eingeführt werden. Mit einigen Krankenkassen hat das Land jetzt einen Rahmenvertrag abgeschlossen. Die Umsetzung in einem solchen Flächenland ist allerdings weitaus schwieriger, denn zuständig sind die einzelnen Landkreise und Kommunen. Gesundheitsministerin Barbara Steffens sieht darin einen wichtigen Schritt bei der Versorgung der Flüchtlinge, jedoch würde sie eine bundesweite Regelung bevorzugen, nachdem sich einzelne Bundesländer (unter anderem Bayern) dagegen gesperrt hatten. „Eigentlich hätte der Bund eine solche Karte schon längst auf dem Weg bringen müssen“, so Steffens. Kritiker befürchten, die Gesundheitskarte könne einen zusätzlichen Anreiz für Flüchtlinge darstellen. Andere sorgen sich, dass die Kassenbeiträge für alle Versicherten dadurch steigen könnten.

Professor Gerhard Trabert ist erster Vorsitzender des Vereins Armut und Gesundheit in Deutschland, außerdem Arzt für Allgemein- und Notfallmedizin und Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie. Er erklärt, warum eine Kostenexplosion, wie manche fürchten, nicht zu erwarten ist. „Die Gesundheitskarte beinhaltet nur eine Basisversorgung bei akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen. Die Krankenkassen bekommen eine geringe Verwaltungsgebühr – und es spart Millionen an Verwaltungsgeldern.“ Ein weiterer Vorteil laut Trabert: Die Gesundheitsversorgung könne so früher einsetzen, wodurch auch Geld gespart werde.

Nur Schmerz behandeln?

Professor Trabert beschreibt die aktuelle Situation für kranke Asylsuchende: „Derzeit haben Asylsuchende nur bei Notfällen und akuten Schmerzen ein Recht auf Behandlung. Dann müssen sie sich auf dem Sozialamt einen Krankenschein abholen. Doch das macht keiner, der sich hier nicht auskennt, der der Sprache nicht mächtig ist. Zudem sind viele Hausärzte überfordert, da die Kommunikation ohne Dolmetscher schwierig bis unmöglich ist.“

Aber würde eine Gesundheitskarte für Asylsuchende das ändern? Diese Frage bejaht Professor Trabert. Menschen könnten immerhin ohne den Umweg über das Amt sofort zum Arzt. Es bleibt aber die Problematik, dass Präventionsmedizin und die Behandlung von chronischen Erkrankungen zu kurz kommen. Dies sei aber das, was den Menschen helfe und auch nachweislich die Kosten im Gesundheitswesen senke, weil viele teure Folgebehandlungen ausblieben – so Trabert. Neben der Einführung einer Krankenkassenkarte fordert er daher auch die Einschränkung des Leistungsspektrums auf die Behandlung von akuten Erkrankungen und Schmerzzuständen aufzuheben.

Comeback für Tuberkulose und Co.?

Angesichts der schwierigen Erstversorgungsmöglichkeiten fürchten sich viele Menschen davor, dass mit Masern, Polio oder Tuberkulose Krankheiten eine „Wiederauferstehung“ feiern, die man hier schon erfolgreich bekämpft hatte.

Doch diese Angst ist nach Ansicht von Professor Trabert unbegründet: „Es gibt Einzelfälle, die müssen behandelt werden. Aber das wird kein großes Problem außerhalb der Lager sein, innerhalb der Lager aber schon. Wir müssen uns nicht vor den Krankheiten der Flüchtlinge schützen, sondern die Flüchtlinge selbst.“ Dies sei aber angesichts der Unterbringungen und Bedingungen extrem schwierig. Zumal Trabert angesichts des kommenden Winters mit Grippe und Lungenentzündungen weitere Gesundheitsprobleme auf die Flüchtlinge zukommen sieht.

Lösungsansätze

Professor Trabert fordert, zu den Menschen zu gehen und dort zu arbeiten. „Wir, der Verein Armut und Gesundheit in Deutschland, arbeiten schon lange mit nicht krankenversicherten Menschen, Obdachlosen zum Beispiel, und unsere Erfahrung hat gezeigt, dass Hilfe nur vor Ort wirklich funktioniert.“ Deswegen rät Trabert, Netzwerke aufzubauen, Dolmetscher mit einzubeziehen, Informationen in der Muttersprache der Flüchtlinge anbieten und sogenannte Zeigewörterbücher zu nutzen. Sein Verein baut diese Netzwerke bereits auf.

Wichtig sei nach Meinung des Experten auch, die Kooperation zwischen medizinischen Fachkräften auf der einen, und Sozialarbeitern und Psychologen auf der anderen Seite zu verstärken. Schließlich fordert Trabert, keinen Unterschied zwischen „guten“ und „schlechten“ Flüchtlingen zu machen, zwischen Kriegsflüchtlingen und Armutsflüchtlingen. „Die Menschen kommen zu uns, weil in ihrer Heimat die Hölle los ist – und nicht, weil bei uns das Paradies ist.“

22.09.2015

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