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WISO-Tipp   | 14.12.2015  Überstunden - was darf der Chef

Welche Rechte Sie als Arbeitnehmer haben

Überstunden gehören in Deutschland zum Arbeitsalltag und sind an der Tagesordnung. Laut einer Studie der Bundesagentur für Arbeit machen Arbeitnehmer in Deutschland fast neun Überstunden im Monat. Im Jahr sind das rund 108 Überstunden. Aber: Was darf der Chef tatsächlich verlangen? 

Frau und Mann sitzen am Bürotisch vor Rechner und arbeiten

WISO-Tipp: Überstunden

Überstunden müssen abgeleistet werden, wenn sie in einer entsprechenden Klausel im Arbeitsvertrag vereinbart wurden. Was der Chef darf und welche Rechte Arbeitnehmer haben, beantwortet der WISO-Tipp.

(14.12.2015)

von Dilek Üşük

Was als Überstunde zählt, ist klar definiert: die Überschreitung der für den Arbeitnehmer geltenden regelmäßig Arbeitszeit. Das heißt: Überstunden leistet der Arbeitnehmer, wenn er über die für ihn geltende Arbeitszeit hinaus arbeitet. Die Arbeitszeit eines Arbeitnehmers ist in der Regel in einem Tarif- oder Arbeitsvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung festgehalten.

40-Stunden-Woche

In den meisten Arbeitsverträgen ist eine 40-Stunden-Woche festgehalten. Alles, was über acht Stunden Arbeitszeit geht, kann als Überstunde angerechnet werden. Das Arbeitszeit-Gesetz geht von einer maximalen täglichen Arbeitszeit von acht Stunden aus.

Überstunden durch Projekte und Kundenmeetings

Auch Kristina Hamann muss oft viele Überstunden machen. Sie arbeitet als IT-Expertin bei einem Münchener Software-Unternehmen und betreut dort große Firmen. Ein Job, bei dem zwangsläufig Überstunden anfallen, da oft Projekte abgeschlossen werden oder viele Kundenmeetings anstehen. Eigentlich hat Kristina Hamann mit ihrem Arbeitgeber eine vier-Tage-Woche vereinbart, doch häufig kommt sie auch an einem fünften Tag ins Büro, obwohl sie eigentlich frei hätte. Für die Mutter zweier Kinder ist das nicht immer einfach. „Ich muss sehr oft, kurzfristig auch länger bleiben. Ich kann nicht pünktlich den Stift fallen lassen, um die Kinder abholen zu können. Dann muss ich das so organisieren, dass mein Mann das erledigt. Im Notfall müssen auch mal Freunde oder Bekannte aushelfen“, erzählt sie.

In Kristina Hamanns Vertrag ist explizit die Verpflichtung zu Überstunden festgehalten. Doch das ist für sie kein Problem. Kristina Hamann ist ehrgeizig, möchte Projekte erfolgreich abschließen und als Informatikerin beruflich viel erreichen. Die Kundenzufriedenheit liegt ihr besonders am Herzen. Ohne Überstunden ist das nicht möglich.

Wann muss man Überstunden machen?

Grundsätzlich gilt: Überstunden müssen nur dann geleistet werden, wenn diese in einem Arbeits- oder Tarifvertrag oder in einer Betriebsvereinbarung schriftlich vereinbart worden sind. Besteht keine ausdrückliche Vereinbarung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, muss der Arbeitnehmer keine Überstunden leisten, das heißt, er muss nicht länger als die vertraglich vereinbarte Zeit arbeiten. Der Arbeitgeber ist nicht allein aufgrund seines Weisungsrechts berechtigt Überstunden anzuordnen.

Doch es gibt Ausnahmen: In Not- oder Katastrophenfällen, wie beispielsweise Brand, Überschwemmung oder Hochwasser, können Arbeitnehmer zu Überstunden verpflichtet werden. Achtung: Kapazitätsengpässe oder vermehrter Arbeitsanfall gelten nicht als Notfälle und reichen als Begründung nicht aus. Oft enthalten Tarifverträge Regelungen darüber, wann wie viele Überstunden der Arbeitgeber vom Arbeitnehmer verlangen darf. Wichtig: auch in Ihrem Arbeitsvertrag sollte genau festgelegt sein, wie viele Überstunden Ihr Chef höchstens anordnen darf.

Überstunden in Eigenregie

Wer glaubt in Eigenregie, also von sich aus, Überstunden machen und dafür noch mehr Freizeit bekommen zu können - der täuscht sich. Denn nur für angeordnete oder vom Chef geduldete Überstunden besteht ein Anspruch auf Ausgleich. Und das muss der Arbeitnehmer belegen können, zum Beispiel schriftlich durch Emails, in denen der Arbeitnehmer den Chef rechtzeitig über die bevorstehenden Überstunden informiert wird. Es ist wichtig, dass der Chef rechtzeitig informiert wird, damit er noch Zeit hat, um reagieren zu können.

Gibt es eine Höchstgrenze für Überstunden?

Zeitliche Grenzen für Überstunden ergeben sich aus dem Arbeitszeitgesetz. Dort sind Höchstgrenzen für die Arbeitszeit festgelegt. Demnach darf die Arbeitszeit eines Arbeitnehmers auf bis zu zehn Stunden (in Ausnahmefällen sogar auf zwölf Stunden) verlängert werden, wenn innerhalb von sechs Monaten im Durchschnitt acht Stunden täglich nicht überschritten werden, das heißt, wenn der Arbeitnehmer innerhalb der nächsten sechs Monate einen Freizeitausgleich bekommt und auch mal früher gehen kann. Im Durchschnitt dürfen acht Stunden Arbeitszeit nicht überschritten werden.

Arbeitnehmer können Überstunden ablehnen, wenn sie mehr als zehn Stunden am Tag arbeiten sollen, dafür aber innerhalb der folgenden sechs Monate nach Rücksprache mit dem Vorgesetzten keinen Ausgleich erhalten können. In einigen Tarifverträgen kann die Arbeitszeit auch über zehn Stunden hinaus verlängert werden, wenn zum Beispiel ein Teil der Arbeit sogenannte Arbeitsbereitschaft ist. Das betrifft vor allem diejenigen, die eine Rufbereitschaft haben, wie beispielsweise Ärzte.

Kristina Hamann möchte Karriere machen, gleichzeitig möchte sie viel Zeit für Ihre Familie haben. Ein Balance-Akt, der auch mal sehr kompliziert werden kann und nicht immer gelingt. Doch eine wichtige Voraussetzung dafür hat Kristina Hamann bereits in ihrem Arbeitsvertrag geschaffen: Sie hat schriftlich mit ihrem Chef vereinbart, für die geleisteten Überstunden Freizeitausgleich zu bekommen.

Wie kann man Überstunden abbauen?

Überstundenausgleich

Um Überstunden abzubauen, gibt es für Arbeitnehmer verschiedene Möglichkeiten. In welcher Form das geschieht, hängt von der vertraglichen Vereinbarung ab, denn im Normalfall regelt der Arbeits- oder Tarifvertrag wie der Überstundenausgleich erfolgen soll.

Vergütung von Überstunden

Das kann zum Beispiel die Vergütung von Überstunden sein. Wenn Überstunden ausgezahlt werden, wird der Betrag wie das monatliche Gehalt auch versteuert. Das Gesetz regelt nicht ausdrücklich, ob und in welcher Höhe Überstunden allgemein zu vergüten sind. Häufig werden für die Leistung von Überstunden Zuschläge gezahlt, ein gesetzlicher Anspruch darauf besteht jedoch in der Regel nicht.

Die Ausnahme: wenn der Arbeitnehmer während der Nachtarbeit Überstunden leistet. Bei tarifgebundenen Arbeitsverhältnissen enthalten die Tarifverträge in der Regel Bestimmungen über die Bezahlung von Überstunden. Neben dem monatlichen Gehalt wird oft ein besonderer Zuschlag gezahlt, der häufig nach der Zahl der geleisteten Überstunden gestaffelt wird.

Freizeitausgleich

Überstunden können nicht  nur finanziell, sie können auch mit Freizeit ausgeglichen werden. Auch das muss vorher vertraglich festgehalten sein. Bei Unternehmen, die mit einer elektronischen Zeiterfassung arbeiten, ist Freizeitausgleich für Überstunden meist üblich. Freizeitausgleich für Überstunden könnten für Arbeitnehmer mit Familien interessant sein, wenn sie beispielsweise als Gegenleistung für geleistete Überstunden mehr Freizeit in Form von Urlaub bekommen. Familien mit schulpflichtigen Kindern könnten so die Betreuung in den Ferien sicherstellen.

Allerdings: Wurde ein Freizeitausgleich für Überstunden zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber vereinbart, so ermöglicht das dem Arbeitgeber „nach billigem Ermessen“ den Zeitpunkt zu bestimmen, das bedeutet, dass Ihr Chef den Zeitpunkt für den Freizeitausgleich bestimmen kann. Aber: Dabei muss er auch Ihre Belange berücksichtigen.

Arbeitszeitkonto

Julia Kästner liebt es zu fotografieren.

Eine weitere Möglichkeit: Sie sammeln auf einem extra eingerichteten Arbeitszeitkonto Ihre Überstunden an. So können Sie sich beispielsweise eine bezahlte Auszeit vom Job gönnen oder früher in Rente gehen. Diese Variante ist allerdings nur dann möglich, wenn Sie vertraglich ein Anrecht auf ein Arbeitszeitkonto haben. Gibt es im Arbeitsvertrag keine Regelung zum Überstundenausgleich, muss der Arbeitgeber Überstunden trotzdem abgelten. Laut Gesetz durch Freizeitausgleich oder Vergütung.

Klauseln für Grundgehalt und Pauschalvertrag

Vertragliche Klauseln, wonach Überstunden mit dem monatlichen Grundgehalt oder einem bestimmten Pauschalbetrag abgegolten sind, sind nicht immer wirksam. Laut IHK sind sie nur dann wirksam, wenn sie transparent und verständlich formuliert seien.

Zum Beispiel müsse aus der Klausel deutlich werden, wie viele Überstunden mit dem Grundgehalt abgedeckt sind. Liegt Ihr Gehalt über der Beitragsbemessungsgrenze ist eine Bezahlung von Überstunden oft ausgeschlossen.

Gemeinsam mit Chef Lösung finden

Kristina Hamann hat ein gutes Verhältnis zu ihrem Chef. Wenn beispielsweise Überstunden anstehen, sie aber keinen Babysitter findet oder die Überstunden Überhand nehmen, sucht sie das Gespräch mit ihm. Gemeinsam finden sie meist eine Lösung. In solchen Fällen springt dann entweder ein Kollege ein oder der Kundentermin wird abgesagt. Ein Glücksfall, denn nicht immer haben Vorgesetzte Verständnis für die Mitarbeiter und nicht immer gibt es genaue Regelungen zu Überstunden.

Überstunden genau protokollieren

Grundsätzlich ist es daher ratsam, dass Arbeitnehmer ganz genau protokollieren, wann und wie viele Überstunden sie geleistet haben und welche Arbeit verrichtet wurde. Das sollten Arbeitnehmer dann von ihren Vorgesetzten abzeichnen lassen. Denn im Streitfall trägt der Arbeitnehmer die Beweislast. Er muss belegen, dass der Arbeitgeber die Überstunden angeordnet oder sie geduldet hat. Kann der Arbeitnehmer das nicht, könnte er vor Gericht scheitern.

Arbeitnehmer sollten daher, bevor sie Überstunden machen, ihren Chef über die folgenden Überstunden informieren und auch anschließend. Dazu reicht eine E-Mail aus. Werden Überstunden zu einem dauerhaften Zustand oder erhalten Sie keinen Ausgleich, suchen Sie das Gespräch mit Ihrem Chef. Sollte der Konflikt nicht zu lösen sein, wenden Sie sich an Ihren Betriebsrat oder einen Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Philip Groth, Fachanwalt f. Arbeitsrecht

Wann genau müssen Überstunden von Arbeitnehmern geleistet werden?

Philip Groth

Wenn es im Arbeitsvertrag keine Überstunden-Klausel gibt, muss man dann trotzdem Überstunden leisten?

Philip Groth

Welche Höchstgrenze für Arbeitszeit gibt es?

Philip Groth

Welche Formen des Überstunden-Ausgleichs gibt es?

Philip Groth

Können Überstunden pauschal mit dem Gehalt abgegolten werden?

Philip Groth

Was können Arbeitnehmer tun, wenn sie unzufrieden mit der Überstunden-Regelung sind?

Philip Groth

Was kann man in Bezug auf Überstunden-Ausgleich einklagen?

Philip Groth

Worauf sollten Arbeitnehmer bei anfallenden Überstunden achten?

Philip Groth

Wann kann man Überstunden ablehnen?

Philip Groth

Welche Verfall- oder Ausschlussfristen gibt es?

Philip Groth

14.12.2015

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