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Sendung vom 23.01.2016 [Archiv] Leihmutterschaft

Gekauftes Elternglück

Leihmutterschaft ist in Deutschland verboten. Sind Kinder jedoch im Ausland ausgetragen worden, werden sie hier anerkannt. Viele reagieren auf das Thema mit Befremden, für einige jedoch sind Leihmütter der Schlüssel zum Glück - zum Beispiel für das schwule Paar Guy und Harald Selbherr. 

Baby-Zwillinge

Leihmutterschaft - Gekauftes Elternglück

Leihmutterschaft ist zwar in Deutschland verboten, für viele Paare jedoch die letzte Möglichkeit. Was für Möglichkeiten gibt es? Was ist der beste Weg?

(13.11.2015)
Leihmutterschaft

Ungewöhnliches Familienbild

Guy und Harald Selbherr mit ihren Kindern und Leihmutter Francesca

(Quelle: Jennifer Hess)
In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten. In Kalifornien legal - ein Milliardengeschäft.

150.000 Dollar für ein Baby

So viel haben Guy und Harald bezahlt, um in den USA ein Kind von einer Leihmutter zu bekommen - am Ende wurden es Zwillinge. In Deutschland ist Leihmutterschaft verboten.

(06.11.2015)

von Susana Santina

Es ist schon eine ungewöhnliche Familienkonstellation: Aber für Guy und Harald Selbherr, ein schwules Paar aus der Nähe von Stuttgart, ist es die einzige Möglichkeit gewesen, eigene Kinder zu bekommen, eine Familie zu gründen. Seit 28 Jahren sind die beiden ein Paar, seit fünf Jahren verheiratet. Ihr Sohn David ist viereinhalb Jahre alt, er ist der leibliche Sohn von Harald. Ausgetragen wurde der Kleine von einer Leihmutter in den USA, die aber nicht seine genetische Mutter ist. Die Eizellspenderin ist eine Studentin aus San Diego, sie ist damit die biologische Mutter des Jungen.

Kinder von Leihmüttern müssen anerkannt werden

Ein Kind von einer Leihmutter austragen zu lassen, ist in Deutschland nach dem Embryonenschutzgesetz verboten. Auch eine Eizellspende ist hier illegal. Die Selbherrs haben sich trotzdem nicht strafbar gemacht. Denn nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs vom Dezember 2014, müssen Kinder, die durch Leihmutterschaften im Ausland geboren wurden, auch hierzulande anerkannt werden. Und zwar als Kinder von Eltern wie Guy und Harald Selbherr. Der Bundesgerichtshof hob in seiner Entscheidung hervor, dass es dabei vorrangig um den Schutz der Kinder gehe. Leihmutterschaft in Deutschland bleibt verboten.

Für die beiden Väter aus Baden-Württemberg war das Urteil des BGH der absolute Glücksfall, denn sie haben einen neuen Versuch mit der gleichen Leihmutter gestartet. Zwei Embryonen wurden der amerikanischen Leihmutter Francesca Kennedy im November 2014 eingesetzt, und beide haben sich optimal entwickelt, so dass Guy und Harald Selbherr im Juli ein Mädchen und einen Jungen bekommen haben.

Anders als bei dem vierjährigen David wird es diesmal keine Probleme geben, die Zwillinge als Kinder der beiden anerkennen zu lassen. "Das hätte man doch viel früher so regeln können," sagt Harald Selbherr, dann wäre uns viel Ärger und Frust erspart geblieben. Ich musste sogar eine Samenprobe vor Gericht abgeben, um zu beweisen, dass ich der leibliche Vater von David bin." "Wir hatten Angst, dass wir David verlieren könnten," ergänzt sein Mann. Für die beiden ist Deutschland, was die Reproduktionsmedizin betrifft, immer hinten dran. Biologischer Papa ist diesmal Guy Selbherr, biologische Mama wieder Stevie Anderson, die 27-jährige Eizellspenderin aus San Diego, die auch die leibliche Mutter des kleinen David ist.

Die Geschwister sind wirklich Geschwister

Das nämlich war Guy und Harald Selbherr wichtig. Beide Frauen, Leihmutter wie Eizellspenderin, hatten sie persönlich gefragt, ob sie bereit wären, für sie noch einmal ein Kind auszutragen beziehungsweise ihre Eizellen zu spenden. Und beide haben zugesagt.

Francesca Kennedy, die Leihmutter, erzählt, dass sie Guy und Harald Selbherr einfach nochmal helfen wollte. 35.000 Dollar bekommt sie pro Leihmutterschaft, aber die 42-Jährige betont, dass das Geld für sie nicht das Wichtigste sei. Sie genieße es, schwanger zu sein, habe kaum Schwangerschaftsbeschwerden, und sie wolle Paaren helfen, die keine Möglichkeit hätten, Kinder zu bekommen. "Warum sollte ich nicht wieder ein Kind für die beiden austragen?", fragt sie und lächelt.

ennedy wohnt in Murrietta, Kalifornien. Die Amerikanerin hat selbst zwei Töchter, 14 und 18 Jahre alt, und ist seit Kurzem geschieden. Aber für ihren Ex-Mann sei das mit der Leihmutterschaft okay gewesen, auch ihre Töchter unterstützen sie. "Meine Familie steht voll und ganz hinter mir," sagt sie. "Sonst hätte ich das nicht machen können."

Leihmutter: Ich will nur helfen

Die Kritik, die auch in Deutschland an Leihmutterschaft immer wieder laut wird, kann Francesca Kennedy nicht verstehen. Schon gar nicht, wenn es um ihre angebliche Ausbeutung geht. Es sei ihre freie Entscheidung gewesen, ohne Druck. Zudem brauche sie das Geld nicht unbedingt, das Wichtigste sei für sie, zu helfen. Aber sie sagt auch, das Geld helfe ihr, sich vielleicht irgendwann wieder ein eigenes Haus zu kaufen. Gemeinsam mit ihrem jetzigen Ex-Mann besaß sie ein eigenes Haus, nach der Trennung zog sie aus und mietete sich eins, lebt seither dort mit ihren Töchtern. Man könnte sagen, sie gehört zur guten amerikanischen Mittelschicht.

Die Schwangerschaft mit den Zwillingen für die Selbherrs war ihre dritte als Leihmutter. Vor drei Jahren hat Francesca Kennedy schon für ein anderes Paar ein Kind ausgetragen. Einen Jungen für Ana und Oliver Canjé, die vor elf Jahren aus beruflichen Gründen in die Nähe von Barcelona zogen.

Eine Option für Schwerkranke?

Wegen einer schweren Krankheit, über die Ana Canjé nicht sprechen will, rieten ihr die Ärzte von einer Schwangerschaft ab, hielten sie auch für unwahrscheinlich.Ein harter Schlag, denn das deutsch-spanische Paar hatte sich Kinder sehr gewünscht. Und eine Adoption war in weite Ferne gerückt. Denn wenn die Wunschmutter eine potentiell lebensverkürzende Krankheit hat, dazu gehört zum Beispiel auch Krebs, ist nicht nur in Spanien, sondern auch in Deutschland gesetzlich eine Adoption ausgeschlossen. 100.000 Dollar haben die Canjés insgesamt für die Leihmutterschaft in Kalifornien gezahlt und das Ganze mit einem Kredit finanziert. "Wir hätten das Geld auch in eine eigene Wohnung investieren können“ sagt Ana, aber der Wunsch, ein Kind zu haben, war für uns beide viel größer."

Den Kontakt zu Leihmutter Francesca Kennedy halten sie bis heute. Vor allem über Skype. Dass der kleine Joan nicht von Ana Canjés ausgetragen wurde, wollen sie dem Dreijährigen sobald wie möglich sagen. Mit speziellen Kinderbüchern, die sie in den USA gekauft haben, führen sie ihn schon jetzt an das Thema heran. Ana und Oliver Canjé gehen offen mit dem Thema Leihmutterschaft um. Ihre Familie und Freunde stehen hinter ihnen, aber sie mussten sich auch so manches Mal rechtfertigen. Nicht wenige hätten ethische Bedenken, erzählen sie. "Manche Leute wechseln schnell das Thema, wenn wir ihnen von der Leihmutterschaft erzählen."

Kritik bleibt nicht aus

Mit Kritik werden in Deutschland auch Guy und Harald Selbherr immer wieder konfrontiert. Als schwules Paar, das ohne Frau Kinder aufzieht, sind sie sogar noch größeren Bedenken ausgesetzt. Aber die beiden ficht das nicht an. Ihre Zwillinge, Lynn und Philipp, sind mittlerweile fast vier Monate alt. Für sie ist ihr Familienglück - dank der Hilfe der Amerikanerinnen - perfekt.

Das Embryonenschutzgesetz

Zur Leihmutterschaft

Justitia

Im Embryonenschutzgesetzt von 1990 heißt es unter anderem: Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder Geldstrafe wird bestraft, wer … "es unternimmt, eine Eizelle zu einem anderen Zweck künstlich zu befruchten, als eine Schwangerschaft der Frau herbeizuführen, von der die Eizelle stammt." Damit ist nicht nur Leihmutterschaft in Deutschland illegal, sondern auch eine Eizellspende.

Hier drohen Freiheits- oder Geldstrafen

I. Mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer

1. auf eine Frau eine fremde unbefruchtete Eizelle überträgt

2. es unternimmt, eine Eizelle zu einem anderen Zweck künstlich zu befruchten, als eine Schwangerschaft der Frau herbeizuführen, von der die Eizelle stammt,

3. es unternimmt, innerhalb eines Zyklus mehr als drei Embryonen auf eine Frau zu übertragen

4. es unternimmt, durch intratubaren Gametentransfer innerhalb eines Zyklus mehr als drei Eizellen zu befruchten,

5. es unternimmt, mehr Eizellen einer Frau zu befruchten, als ihr innerhalb eines Zyklus übertragen werden sollen,

6. einer Frau einen Embryo vor Abschluss seiner Einnistung in der Gebärmutter entnimmt, um diesen auf eine andere Frau zu übertragen oder ihn für einen nicht seiner Erhaltung dienenden Zweck zu verwenden, oder

7. es unternimmt, bei einer Frau, welche bereit ist, ihr Kind nach der Geburt Dritten auf Dauer zu überlassen (Ersatzmutter), eine künstliche Befruchtung durchzuführen oder auf sie einen menschlichen Embryo zu übertragen.

Bestraft wird auch ...

II. Ebenso wird bestraft, wer

1. künstlich bewirkt, dass eine menschliche Samenzelle in eine menschliche Eizelle eindringt, oder

2. eine menschliche Samenzelle in eine menschliche Eizelle künstlich verbringt,

3. ohne eine Schwangerschaft der Frau herbeiführen zu wollen, von der die Eizelle stammt.

Straffreiheit

  • in den Fällen des Absatzes I Nr. 1, 2 und 6 die Frau, von der die Eizelle oder der Embryo stammt, sowie die Frau, auf die die Eizelle übertragen wird oder der Embryo übertragen werden soll, und
  • in den Fällen des Absatzes I Nr. 7 die Ersatzmutter sowie die Person, die das Kind auf Dauer bei sich aufnehmen will.

23.01.2016

ZDFmediathek: ZDFinfo

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