zurück Startseite

Sendung vom 25.09.2015 [Archiv] Trauma Umerziehung

Heimkinder in der DDR

Knapp eine halbe Million Kinder und Jugendliche in der DDR verbrachten zwischen 1949 und 1989 einen Teil ihrer Kindheit und Jugend in einem der vielen staatlichen "Normalkinderheime", "Spezialkinderheime" oder "Jugendwerkhöfe". Das Erziehungsziel: die "sozialistische Persönlichkeit". Viele ehemalige Heimkinder sind bis heute traumatisiert. Vier von ihnen sind bereit, sich für die Dokumentation zu erinnern und zu erzählen. 

Ein ehemaliger Duschraum im Erziehungsheim Eilenburg

Einblicke in die Doku

(25.09.2014)
Das heute verfallene Erziehungsheim in Rodewisch

Trauma Umerziehung

Von den über 700 Kinder- und Jugendheimen der DDR waren etwa 150 sogenannte Spezial-Kinderheime. Dort herrschten „verschärfte Bedingungen“, wie Freiheitsentzug, Bestrafungen und seelische Grausamkeiten.

(02.10.2014)

„Jugendwerkhof“, das klingt ganz freundlich. Wer aber als Jugendlicher bis 1989 in einen Jugendwerkhof der DDR eingewiesen wurde, hatte nichts zu lachen.

Spezial-Kinderheime mit „verschärften Bedingungen"

Von den über 700 Kinder- und Jugendheimen der DDR waren etwa 150 so genannte Spezial-Kinderheime. Dort herrschten „verschärfte Bedingungen“, wie etwa Freiheitsentzug, Bestrafungen und seelische Grausamkeiten. In der Dokumentation "Trauma Umerziehung" erzählen ehemalige „Heimkinder", was sie im Erziehungsheim erlebt und vor allem erlitten haben.

Dietmar Rummel und Marianne Kastrati waren in den 60er Jahren im Heim, Alex Müller und Corinna Thalheim in den 80er Jahren. Alle Vier haben bis vor kurzem nicht einmal mit ihren engsten Familienangehörigen über diese schlimme Zeit sprechen können. Die ehemaligen „DDR-Heimkinder“ sind schwer traumatisiert.

Das Schweigen endlich brechen

Doch nun wollen sie dieses bedrückende Schweigen endlich brechen. Alex Müller und Dietmar Rummel haben entschieden, als Zeitzeugen von ihren Erlebnissen zu berichten. Corinna Thalheim arbeitet seit drei Jahren in der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, wo sie als 17-Jährige 1985 eingesperrt war und vom Heimleiter missbraucht wurde.

Drehberichte

Von Autorin Angelika Schmidt-Biesalski

„Wenn du nicht spurst, dann kommst du ins Heim!“ Ich kannte den Spruch. Zum Glück nicht von meinen Eltern. Viel später, als Studenten in den 70er Jahren, haben wir uns mit den „Zuchthäusern der Fürsorge“ beschäftigt, „Entwichene“ in der WG aufgenommen. Ulrike Meinhof veröffentlichte damals ihr Fernsehspiel Bambule.

Jetzt, 40 Jahre später, bin ich eher zufällig auf die „Heimkinder“ in der DDR gestoßen – mit anderer Lebenserfahrung, anderen Kenntnissen, anderem Bewusstsein als damals. Die Heimkinder unseres Films sind längst erwachsene Menschen, zwei von ihnen so alt wie ich, aber bis heute sind sie traumatisiert von dem, was ihnen im Heim angetan wurde. Ohne Grund, einfach nur, weil sie oder ihre Eltern nicht angepasst waren, nicht „spurten“. Am schlimmsten war die Scham, ein „Heimkind“ gewesen zu sein. Bis 1989 war das ein verheerender Makel in der DDR. Bis heute haben viele nicht einmal in ihrer Familie darüber gesprochen.

Es gab im Laufe der 40 Jahre DDR rund 700 Kinder- und Jugendheime, jedes fünfte war ein „Spezialheim“ mit verschärften Bedingungen. Etwa 500.000 Kinder und Jugendliche haben einen Teil ihrer Lebenszeit in einem Heim der DDR verbracht.

Dietmar Rummel, ehemaliges Heimkind im Heim Anna Schumann Groß-Deuben

„Ich wurde im Kinderheim so lange erniedrigt, dass ich kein Selbstwertgefühl entwickeln konnte.“

„Du musstest über mehrere Stunden in der Besenkammer verharren. Eine dunkle Besenkammer, da gab es damals kein Licht. Wir saßen Stunden. Entweder auf dem Fußboden oder auf einem Hocker. Man hatte Angst. Angst, vergessen zu werden. (…) Und man wusste, das ist noch die kleinste KAMMER, die Besenkammer. (…) Da gab es noch andere, so genannte VERLIESE, wo man bestraft worden ist.“

„Angst, Angst, Angst. Das war das einzige Wort, das jeder von uns auswendig konnte und zu deuten wusste: Angst!“

„Dieses Gefängnis unterm Dach konnte man nur im Knien oder Liegen aushalten. Im Winter waren dort Minus-Grade. Im Sommer extreme Plus-Grade. Und dort kam eigentlich das größte Angstgefühl auf, aufgrund der Enge dieses Eingesperrt-Seins. Und da das unter dem Dach war, hat man überhaupt keine Menschenseele gehört, außer ab und zu mal einen Vogel. Da war die Angst noch viel größer, vergessen zu werden.“

„Wenn ich mich (nach 1989, d. R.) beworben habe …, dann hieß es: ‚Ach, Sie waren im Kinderheim, warum‘? Ich sagte: ‚Das weiß ich nicht‘. ‚Das gibt’s nicht, es gibt immer einen Grund‘. Wir wussten wirklich nicht, warum wir dort waren. Und das hat natürlich geprägt.“

Corinna Thalheim, ehemaliges Heimkind im Jugendwerkhof Wittenberg

„In meinem Kopf bin ich immer noch in diesem Kellerloch gefangen.“

„ In dieser Gruppe gab es ein sogenanntes Reinigungsritual. Ich wurde von den Gruppen-Ältesten aufgefordert, in den Waschraum zu kommen und musste mich dort ausziehen vor diesen ganzen Mädchen und wurde dann unter die Dusche gestellt, und sie fingen dann an, mich mit Schrubbern von Kopf bis Fuß zu reinigen. (…) Es gab für mich nur einen Gedanken: weg hier.“

„Dort hat man mir den ganzen Tag, 24 Stunden lang, gesagt, dass ich nichts tauge, nichts wert bin und nicht in diese Welt passe und dem sozialistischen Weltbild nicht entspreche (…) Es war schon so eine halbe Aufforderung zum Selbstmord.“

„Der Fuchsbau war ein kleines Loch, in das man rein kriechen musste, in dem man nicht stehen konnte, nicht liegen konnte, es ging eigentlich nur in die Hocke. (…) Ich habe in diesem Fuchsbau wirklich abgeschlossen mit meinem Leben.“

„Das Schlimmste, was man mir in Torgau angetan hat, war der sexuelle Missbrauch durch den Direktor des Hauses. Er hat das auf Anordnung ausüben lassen. (…) Er hat mich kaputt gemacht. Ja, er hat mich zerstört.“

Marianne Kastrati, Heimkind im Mädchenwohnheim Halberstadt und im Jugendwerkhof Eilenburg

„Die Heimeinweisung war für mich eigentlich der Schock fürs Leben.“

„Ich hab‘ nie darüber gesprochen. Es wurde alles vergraben, ich hab’ alles reingefressen, und damit war es gut.“

„Und das Heim wurde ja von der Bevölkerung nur als ‚Nuttenburg‘ hingestellt. Wir waren die Schlechten.“

„2011 wurde ich rehabilitiert, und der Stempel unter diesem Papier war eigentlich die Befreiung. Dass man sagen kann: Ich war zu Unrecht hier drin. Das war für mich wichtig.“

„Mein Ex-Mann hat nie erfahren, dass ich jemals im Heim war, und meine Kinder haben das erst 2006 erfahren, vorher habe ich nie darüber gesprochen.“

Alexander Müller, ehemaliges Heimkind in den Heimen Mildenau und Rodewisch

„Damals, sieben Jahre lang, war ich Opfer. Heute bin ich kein Opfer, heute bin ich jemand, der sich wehrt.“

„Die, die mich damals hinbrachten, mit denen war ich gut drei Stunden unterwegs. Und da öffnete sich für mich eine völlig neue Welt, ein ganz anderes Universum. Ich kann heute sagen, wenn mich jemand fragt, wie weit ein Universum vom anderen entfernt ist: drei Stunden.“

„So habe ich beispielsweise in meiner Akte gelesen, als ich die endlich mal einsehen durfte, dass ich eben mit 13 als konterrevolutionäres Element bezeichnet werde.“

„Und der (Erzieher, d. R.) hat zum Beispiel acht Jugendliche angestiftet, mich zu verprügeln und mir die Bibel abzunehmen. Und er hat dann einfach zu den Jungs gesagt: ‚Ich bin dann jetzt mal für eine Stunde drüben, ihr wisst Bescheid‘. Und kaum war er drüben, haben sie mich dann geschnappt, haben mich mehrere zusammengeprügelt und mir die Bibel abgenommen.“

„Wenn ich die Gelegenheit dazu gehabt hätte, mich umzubringen, ich hätte das getan.“

Ingolf Notzke, Historiker und Projektleiter der Gedenkstätte Jugendwerkhof Torgau

„Kinder und Jugendliche, die als normal erziehbar galten, kamen in die Normalheime, während als ‚schwer erziehbar‘ kategorisierte Kinder und Jugendliche in die Spezialheime eingewiesen wurden. Ziel dieser Erziehungsbemühungen in der DDR war die sogenannte allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit, d.h. eine Persönlichkeit, die sich ganz den Zielen und den Zielvorstellungen der DDR unterordnete.“

„Insbesondere in den Spezialkinderheimen ging es (…) darum, das Individuum zu brechen.“

„Der Dunkelzellen-Arrest hieß: komplette Isolierung – in der Regel zwischen drei und 14 Tagen.“

25.09.2015

ZDFmediathek: ZDFinfo

Versenden

Artikel versenden

Versenden Sie den Beitrag an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
schließen Beitrag versenden

Versenden

Hinweis

Der Beitrag wurde erfolgreich versendet.

schließen

Merkliste

Papierkorb Bild
Merkliste versenden Merkliste schließen

Merkliste

Merkliste versenden

Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.

Datenschutz
Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
Zurück zur Merkliste Absenden Button

Merkliste

Hinweis

Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

Zurück zur Merkliste Merkliste schließen