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planet e  Sardiniens tödliches Geheimnis

Missbildungen und Todesfälle auf der Trauminsel

Auf der Insel im Mittelmeer treten ungewöhnlich viele Krebserkrankungen bei Menschen und Missbildungen bei Tieren auf. Ein Zusammenhang mit den militärischen Übungen wird untersucht. 

Sardinien gilt als Bilderbuchinsel mit traumhaften Sandstränden und kristallklarem Wasser. Was aber kaum jemand weiß: Auf der Mittelmeerinsel liegt der größte Truppenübungsplatz der NATO in Europa: "Poligono Sperimentale Interforze del Salto di Quirra". Das circa 130 Quadratkilometer große Sperrgebiet erstreckt sich im Osten Sardiniens bis weit in das Meer hinein.

Sendezeit

Sonntag, 26.8.2012 um 13.30 Uhr

Hier trainieren die Truppen der NATO-Mitglieder und anderer Staaten für den Ernstfall. Und sie nutzen das Gelände zur Erprobung neuer Raketen und Munition. Waffen, deren Zusammensetzung und Bau in der Regel nur sie kennen. Was dabei in die Luft, den Boden oder das Wasser gelangt, weiß niemand so genau.

Die Suche nach den Ursachen

Seit Jahren beklagen die Hirten der Region Missbildungen bei neugeborenen Schafen und Kühen. Ungewöhnlich viele Zivilisten und Soldaten erkranken an Lymphomen und Leukämie. War es abgereichertes Uran in so genannter DU-Munition, das hier zum Einsatz kam? Vieles spricht dafür. Denn abgereichertes Uran ist extrem giftig und es ist radioaktiv. Eine andere Quelle von Radioaktivität könnte Thorium sein, ein ebenfalls radioaktives Gift.

Hintergrund: Uranmunition

  • Uranmunition oder DU-Munition (engl.: depleted uranium), sind panzer- und bunkerbrechende Projektile, die durch abgereichertes Uran den benötigten Härtegrad erhalten. Uran hat eine hohe Dichte von um die 19 g/cm².  Daher können Geschosse aus diesem Material Stahl besonders gut durchdringen. Zum Vergleich: Die Dichte von Eisen beträgt 7,9 g/cm², die von Blei 11,35 g/cm².

  • Der längliche Urankern ist mit einem dünnen Metallmantel umschlossen. Beim Aufschlag kommt es zu einer Verformung, die zur Selbstschärfung der Geschossspitze führt. Dabei verteilt sich der Uranstaub sehr fein und entzündet sich bei Luftkontakt spontan. Als Folge detonieren auch die im Geschoss mitgeführte Munition und der Treibstoff, es kommt zur so genannten Sekundärexplosion.

  • Die Verwendung von abgereichertem Uran ist wirtschaftlich interessant, weil es in großen Mengen als Abfallprodukt bei der Urananreicherung entsteht. Angereichertes Uran wiederum ist das Ausgangsmaterial zur Herstellung von Brennstäben für Atomkraftwerke oder zur Bestückung von Atombomben.

  • Beim Aufschlag von DU-Munition werden eine Reihe von radioaktiven und chemischen Substanzen teils als Nanopartikel frei, die Nieren und Atemwege schädigen. Zwar ist abgereichertes Uran nur schwach radioaktiv, doch kann eine dauerhafte Belastung das Erbgut schädigen und Krebs erzeugen. Die gesundheitsschädlichen Stoffe sind zudem wasserlöslich und können so in den Boden und damit in die Nahrungskette gelangen.

    Verantwortliche des Militärs ziehen Zusammenhänge zwischen dem Einsatz von DU-Munition und Krankheitsfällen regelmäßig in Zweifel.

  • Eingesetzt wurde DU-Munition unter anderem im Bosnien-Krieg (1992) und im Kosovo-Krieg (1999) sowie im indisch-pakistanischen Grenzkrieg (2002) und im Irak-Krieg (2003). Die panzerbrechenden Projektile gehören auch zur Ausrüstung der NATO-Truppen im Afghanistan-Einsatz.

Der Sarde Pitzente Bianco lebt in Berlin und setzt sich seit langem dafür ein, dass die Missbildungen und Erkrankungen in der Umgebung von Salto di Quirra bekannt werden. Während seiner Reise nach Sardinien hat "planet e." ihn bei seinen Recherchen begleitet. Bianco geht der Frage nach, was die Menschen und Tiere so krank gemacht hat beziehungsweise noch immer krank macht.

Gefährlicher "Kriegsstaub"
Bianco trifft den Staatsanwalt Dr. Domenico Fiordalisi, der seit Januar 2011 wegen Umweltverschmutzung und fahrlässiger Tötung ermittelt. Fiordalisi setzte die umfangreichste Untersuchung, die es je auf einem militärischen Gelände gab in Gang. Er fördert zu Tage, dass auf einem bestimmten Sektor des Militärgebiets alte, unbrauchbare Waffen per Explosion entsorgt worden sind. Selbst Napalmbomben sollen dort vernichtet worden sein.

Jede weitere Explosion in der Umgebung wirbelte mit Giften und Schwermetallen belasteten Staub auf, den der Wind in die umliegenden Dörfer trug. Diesen sogenannten "Kriegsstaub" untersucht die Wissenschaftlerin Antonietta Gatti. Er enthält gesundheitsschädliche Partikel, die gefährlich klein sind. Diese Nanopartikel können eingeatmet werden und ins Blut gelangen. Mit dem Blutkreislauf können sie an alle Stellen des Körpers transportiert werden, sogar ins Gehirn.

Thorium im Körper
Neben der Analyse des Geländes ordnete Fiordalisi die Exhumierung von 20 verstorbenen Hirten an. Er ließ ihre Knochen auf abgereichertes Uran und Thorium hin untersuchen. Abgereichertes Uran wird dort nicht gefunden. Doch die Wissenschaftler entdecken erhöhte Werte von Thorium.

Thorium hat eine Halbwertszeit von 14,05 Milliarden Jahren. Nach etwa 25 bis 30 Jahren hat es seine maximale Gefährlichkeit erreicht, weil es nach Ablauf dieser Zeit Radionuklide bildet, die noch gefährlicher sind als es selbst. "Wir erleben jetzt die Konsequenzen der Waffen, die in den 80er Jahren hergestellt worden sind", bemerkt der Staatsanwalt in seinem Gespräch mit Pitzente Bianco.

Deutsch-Französische Raketen
Nach Angaben des Staatsanwaltes ist der Thoriumgehalt auf dem Sperrgebiet dort erhöht, wo MILAN-Raketen der Baureihe vor 1999 zum Einsatz kamen. Bis 1999 enthielten diese Lenkflugkörper aus deutsch-französischer Entwicklung Thorium. In Salto di Quirra wurden sie in großer Zahl getestet.

Sardiniens tödliches Geheimnis

Ein Film von Birgit Hermes

Kamera: Michele Parente

Schnitt: Katja Giorgetti

Redaktion: Martin Ordolff

Leitung der Sendung: Volker Angres

26.08.2012

ZDFmediathek: planet e

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