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Hier ist noch lange nicht Schluss

Der Kampf gegen das Dorfsterben

Doku | 37 Grad - Hier ist noch lange nicht Schluss

Keine Kneipe, kein Geschäft, keine Schule, kein Arzt: Postlow ist eine kleine Gemeinde in Mecklenburg-Vorpommern – mit wenig Zukunftschancen. Was tun die Menschen gegen das Dorfsterben?

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 13.08.2019, 23:54
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2018

Deutschland boomt - in den Metropolen. In Postlow gibt es kaum Arbeitsplätze, für Straßenreparaturen und Sanierungen fehlt oft das Geld. Der Frust ist groß, Häuser verfallen, viele junge Leute ziehen weg. Wie leben die Menschen, die in ihrer Heimat bleiben wollen?

Kaum Leben auf den Straßen

Die Gemeinde Postlow liegt weitab von den Wirtschaftszentren und zu weit entfernt von der Ostsee, um vom Tourismus zu profitieren. Postlow hat in den vergangenen zehn Jahren rund 100 Einwohner verloren. 287 Menschen leben noch hier, viele sind über 50. Die Gründe sind bekannt: Nach der Wende mussten die großen landwirtschaftlichen Genossenschaften schließen, es ging wirtschaftlich immer mehr bergab, investiert wurde kaum.

Der Verfall ist nun vielerorts sichtbar: In der idyllischen Gegend mit weiten Feldern und Alleen stehen verlassene Gutshöfe, leere Häuser und DDR-Bauten in schlechtem Zustand. Nur vereinzelt gibt es noch kleine Gewerbeunternehmen. Manche Häuschen in Postlow sehen zwar gepflegt aus, doch Leben spielt sich auf den Straßen nur wenig ab. Laut aktuellem Zukunftsatlas gehört der Landkreis Greifswald-Vorpommern, in dem Postlow liegt, zu denen mit den schlechtesten Entwicklungschancen. Düstere Zukunftsprognosen.

Die Rente reicht gerade zum Lebensunterhalt

Porträtaufnahme Ulrich Wutzke; er trägt ein kariertes Hemd und schaut in die Kamera.
Ulrich W. hat sich nach der Wende um Arbeit bemüht. Jetzt ist er Rentner. Quelle: ZDF/DAniela Agostini

„Ich kann das verstehen, wenn die Jungen alle abhauen. Ich kann das verstehen. Was ist denn hier los? Nichts“. Ulrich W. (66) arbeitete zu DDR-Zeiten als Schlosser, nach der Wende war er zunächst arbeitslos, wechselte zahlreiche Firmen, pendelte viele Kilometer, nur um Arbeit zu haben. Nach 36 Erwerbsjahren ging er krankheitsbedingt in Frührente. Seine Frau Edith folgte ihm nach 37 Jahren Berufstätigkeit.

Zusammen kommt das Ehepaar nun auf weniger als 1.500 Euro Rente im Monat. Das reicht für den Lebensunterhalt, mehr nicht. Trotzdem hat Ulrich noch Hoffnung: „Schön wäre es, wenn die Konzerne und Betriebe hierherkommen, so dass die Menschen Arbeitsplätze kriegen. Wenn ich das noch erleben könnte, das würde mich noch freuen.“

Wandel durch Eigeninitiative

Fühlen sich deshalb die Bewohner "abgehängt"? Nicht alle wollen sich mit dieser Entwicklung abfinden. In einer Langzeitbeobachtung begleitet "37 Grad" Menschen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise für ihre Heimat einsetzen.

"Jeder ist für sein Leben selbst verantwortlich, da kommt keiner und sagt: Mach Du mal!" Marlis K. (53) ist schon seit 30 Jahren Postlowerin. Zusammen mit ihrem Mann Hartmut hatte sie eine Geschäftsidee. Sie hat auf dem abgelegenen Anwesen ihrer Schwiegereltern eine kleine Oase geschaffen: eine liebevoll eingerichtete kleine Mosterei mit Hofladen, in der Leute aus der Gegend ihr Obst verarbeiten lassen können. Das schafft Arbeit, auch für zusätzliche Kräfte. Doch in diesem Jahr ist die Ernte eine Katastrophe. Werden Marlis und Hartmut ihre Tatkraft behalten, auch wenn ihre Existenz gefährdet ist?

Zusammenhalt existiert noch

Oliver hat eine helle Jacke an. Er steht auf einer Wiese, vor ihm trainieren sechs Kinder in Feuerwehr-Uniform.
Oliver ist schon als Kind bei der Freiwilligen Feuerwehr gewesen, so wie sein Vater. Heute trainiert er begeistert die Kinder, die noch in der Gemeinde leben. Quelle: ZDF/Daniela Agostini

"Hier gibt es nichts, deshalb wollen wir etwas tun. Wir haben noch richtig Elan, und wir wollen auch, dass in unserem Dorf etwas passiert." Oliver H. (28) ist einer der wenigen Jungen, die in Postlow geblieben sind. Oliver hat Arbeit bei der Straßenmeisterei in der nächst gelegenen Stadt Anklam und lebt mit seiner Familie im Haus seiner verstorbenen Großeltern, Tür an Tür mit den Eltern. Oliver hat seine Kindheit hier verbracht und war nie weg - und will es auch gar nicht. Postlow, das ist seine Heimat - was zählt, ist die Familie, sind Freunde und die Freiwillige Feuerwehr. Hier übernimmt er seit Kurzem Verantwortung als Wehrführer. Disko, Kneipe, Nachtleben, das vermisst Oliver nicht. Gemeinsam mit den jungen Leuten der Gemeinde will er seine Energie investieren, um das Dorfleben wieder in Schwung zu bringen.

"Früher gab es noch eine Dorfgemeinschaft, doch nach der Wende hat sich jeder mehr zurückgezogen." Ursula B. (74) kam mit zwei Jahren als Flüchtlingskind mit ihrer Mutter und den beiden Brüdern aus Ostpreußen nach Postlow. Von ihrer alten Schule ist nur mehr eine Ruine geblieben. Doch sie hat auch schöne Erinnerungen an die Vergangenheit. Seit 50 Jahren lebt sie in ihrer Dreiraum-Wohnung im Plattenbau, hier möchte sie bleiben, auch wenn es keinen Laden und keinen Arzt gibt. Zum Glück existiert noch der Zusammenhalt mit den Nachbarinnen, sie helfen sich gegenseitig und leisten sich im Alter Gesellschaft. Doch wird Ursula in ihrer Wohnung bleiben können?

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