37°: Mein täglich Brot!

Der Kampf der Bäcker und Bauern Film von Annette Schreier

37 Grad

Dokumentation | 37 Grad - 37°: Mein täglich Brot!

Zwei Familien, zwei Traditionsbetriebe: Eine Bäckerei in Frankfurt, ein Bauernhof im Badischen. Die einen kämpfen gegen Konkurrenz und Nachwuchsmangel, die anderen für einen fairen Milchpreis.

Datum:
Sendungsinformationen:
Im TV und hier im Livestream: ZDF, 13.12.2016, 22:15 - 22:45
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Verena Gangel führt die älteste Backstube Frankfurts weiter, seit 1860 in Familienhand. Andreas Schleicher hat den alten Hof seiner Eltern übernommen. Lange, anstrengende Arbeitstage, ein Ringen um Existenz, Werte, Tradition und Qualität von Grundnahrungsmitteln.

In jeweils sechster Generation führen sie das, was ihre Familien erarbeitet haben, weiter: Verena Gangel und Andreas Schleicher.

Die Bäckerei Gangel gibt es seit 1860. Sie ist damit die älteste Backstube in der Mainmetropole Frankfurt. Der Längental-Bauernhof der Schleichers im Badischen ist ebenfalls seit über 150 Jahren in Familienhand.

Bäcker und Bauern: Sie ernähren uns seit Jahrhunderten. Doch wie lange wird es sie in dieser Art noch geben? Die "37°-Dokumentation handelt von Generationenbetrieben im Wandel der Zeit, von Werten und Werteverlust und den heutigen Herausforderungen im massiven Preiskampf um Grundnahrungsmittel.

Verena Gangel (37) hat als Kind ganz selbstverständlich mitbekommen, wie es nach frischem Teig roch, wie Öfen qualmten, wie Tag für Tag Brote und Brötchen hergestellt, Kuchen und Torten gebacken wurden, zubereitet nach überlieferten Familienrezepten. Heute sieht sie sich in einem anderen Zeitalter wieder. Supermärkte, Discounter, Selbstbedienungsbackshops und Bäckereiketten sind zur harten Konkurrenz geworden. "Backen im Akkord", heißt dort die Devise. Das können kleinere Bäckereien nicht leisten. Doch die Gangels versuchen, dem etwas entgegenzusetzen, in Form von Service und Qualität. Die Verwendung von Fertig-Teiglingen kommt für sie nicht in Frage. Nach wie vor bereiten sie ihre Backwaren täglich per Hand frisch zu, mit Zutaten aus der Region.

Auch Andreas Schleicher (43) betreibt den Längentalhof in Dauchingen regional und nachhaltig. Er hat 70 Milchkühe. Wenn Kälbchen geboren werden, sind seine Frau Nicole und die Kinder Theresa (8), Julius (6) und Lydia (2) häufig auch mit im Stall. Der Bauernalltag hat in der Regel 15 Stunden - sieben Tage die Woche. Das macht Andreas nichts aus. Doch die Sorgen drücken ihn immer mehr: Milchquote, Milchkrise. Landwirte kämpfen ums Überleben. Immer wieder neu muss er überlegen, wie er den Hof halten kann. Seine Frau, die Kinder, Eltern und Geschwister unterstützen ihn, wo sie nur können. Auf dem Bauernhof leben sie alle gemeinsam.

Überzeugung und Leidenschaft für das, was man tut, müssen schon vorhanden sein, wenn man wie Verena Gangel und Andreas Schleicher den speziellen Rhythmus und strammen Tagesablauf durchhalten will.

Obwohl Verena überlegt hatte, Innenarchitektin zu werden, beschloss sie dann doch, die Familienbäckerei zu übernehmen. Mittlerweile leitet sie den Betrieb seit acht Jahren, zusammen mit ihrem Lebensgefährten Miguel Szczes. Er ist Quereinsteiger. Verena stellte ihn vor die Wahl: "Entweder bekommst du mich und die Bäckerei oder keines von beiden." Er entschied sich für beides. So stehen sie nun Nacht für Nacht gemeinsam in der Frankfurter Backstube. Eine Stunde nach Mitternacht ist Arbeitsbeginn. Wenn die meisten Menschen aufstehen, sind Verena und Miguel bereits stundenlang auf den Beinen.

Auf seinem Bauernhof in Dauchingen hat Andreas auch so gut wie keine Pausen, im Grunde nur während der Mahlzeiten mit der Familie, die gleichzeitig als Lagebesprechungen genutzt werden. Er ist mit Leib und Seele Landwirt und immer dann zufrieden, wenn es seine Tiere auch sind, denn dann geben sie auf natürliche Weise gute Milch, die so ist, wie sie sein sollte - entstanden durch grüne Weiden und gutes Futter und auf jeden Fall gentechnikfrei.

Die Gangels müssen sehr gut planen und viel genauer kalkulieren als die Großbäckereien, die viel Masse für wenig Geld anbieten. Trotzdem wollen Verena und Miguel an ihrem Qualitätsanspruch festhalten und durchhalten. Ob ihre Kinder Max (10) und Maja (7) irgendwann in den Betrieb mit einsteigen (dann in siebter Generation), ist noch offen, auch, wenn sie hier und da gerne in der Backstube mithelfen. Die Existenz des Bäckerberufs ist insgesamt gefährdet. Es fehlt immer mehr an Nachwuchs. Wer will schon noch jede Nacht aufstehen und über Stunden in einer heißen Backstube arbeiten, bei einem überschaubaren Verdienst?

Die Schleichers sind inzwischen jeden Monat mit 4000 Euro Verlust konfrontiert. Sie versuchen, sich durch Querfinanzierungen, wie mit Kartoffeln und Eiern, über Wasser zu halten und suchen nach immer neuen Wegen aus der Krise. Andreas fühlt sich, wie so viele Milchbauern, von der Politik im Stich gelassen. Er hat viel investiert, ließ noch einen sogenannten Wohlfühlstall für seine Kühe bauen. Doch von dem niedrigen Milchpreis kann er auf Dauer nicht existieren oder den Hof in der Form halten. Wie geht es also weiter mit seiner artgerechten Haltung - zum Wohle von Mensch und Tier?

Wie selbstverständlich ist es für Verbraucher heute noch, frisch gebackenes Brot und natürlich frische Milch aus der Region zu bekommen? Wie sehr ist echte "Handwerkskunst" in Gefahr? Gehören die Gangels und die Schleichers zu den letzten ihrer Zunft?

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