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Wo andere wegsehen

Ärzte im Einsatz für Obdachlose

Sie helfen Menschen in größter Not, die am Rande unserer Gesellschaft leben - Obdachlosenärzte. Sie handeln aus Überzeugung und mit Respekt, weil sie Menschenfreunde sind.

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Sprachoptionen:
UT
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 09.03.2020

860.000 Menschen waren 2016 in Deutschland wohnungslos. Etwa 52.000 lebten dauerhaft auf der Straße. Um ihre medizinische Versorgung kümmern sich engagierte Ärzte. Die Umstände sind oft schwierig, trotzdem ist die Arbeit sehr erfüllend.

Praxen und Straßenambulanzen für Obdachlose

Sie haben Medizin studiert und fällten ihre Entscheidung, obdachlose Menschen medizinisch zu versorgen, sehr bewusst. Diese Patienten haben in der Gesellschaft kaum Ansehen, sind aus dem sozialen Netz gefallen, viele tun sich schwer, eine Arztpraxis aufzusuchen. Um ihre ärztliche Versorgung zu gewährleisten, gibt es in deutschen Großstädten Praxen speziell für Obdachlose. Zudem versorgen Straßenambulanzen die Menschen vor Ort. Wir begleiten drei Ärzte bei ihrer Arbeit.

 "37°: Wo andere wegsehen - Ärzte im Einsatz für Obdachlose":  Dr. Thomas Beutner betrachtet den Fuß eines alten Mannes, der vor ihm sitzt, in einem Arztzimmer.
Dr. Thomas Beutner in der Praxis im Katholischen Männerfürsorgeheim.
Quelle: ZDF/Micha Bojanowski

München: Zu Dr. Thomas Beutner (52) kommen Menschen, die sonst nie medizinische Hilfe suchen würden. An drei Abenden in der Woche ist er mit der Münchener Straßenambulanz unterwegs. Viele sind krank und vom Leben auf der Straße gezeichnet, der Gang ins Arztmobil ist für sie ein erster Schritt, Vertrauen zu fassen und sich helfen zu lassen.
Oft haben die Patienten schlechte Erfahrungen in Krankenhäusern oder bei niedergelassenen Ärzten gemacht. "Manchmal müssen wir auch fünf oder zehn Mal kommen, und beim elften Mal kommen sie dann mit ins Arztmobil und lassen sich versorgen." Beutner weiß um die Mühen seines Jobs. Aber er will es nicht anders. Er hat viele Jahre in Krankenhäusern gearbeitet und dort erlebt, wie die medizinische Versorgung der Menschen immer stärker ökonomischen Zwängen unterworfen wird. Dabei ist er überzeugt: Der Kern einer jeden Behandlung ist der persönliche Kontakt.

Seinen festen Arbeitsplatz hat Thomas Beutner in der Praxis des Katholischen Männerfürsorgeheims in München. Hierher kommen diejenigen, deren Vertrauen Thomas Beutner gewinnen konnte. Mittels Ultraschallgerät kann der Arzt noch genauere Diagnosen stellen. Doch das Hilfsangebot geht  darüber hinaus: Oft begleitet er seine Patienten noch in den ersten Stock des Hauses. Hier regeln Sozialarbeiter alle weiteren Probleme: Ärger mit den Ämtern, Kommunikation mit dem Jobcenter. "Der Erstkontakt im Mobil, die Möglichkeiten der Praxis und dann die anschließende Betreuung durch die Sozialarbeiter. Ich finde, wir haben hier das optimale System geschaffen", so Beutner.

Essen und medizinische Versorgung

Obdachlosenärztin Levke Sonntag
Zwei Mal im Monat ist Levke Sonntag mit dem "Arztmobil Hamburg" unterwegs.
Quelle: ZDF/Micha Bojanowski

Hamburg: "Klar könnte ich am Wochenende auch auf der Couch liegen und Netflix gucken." Doch Levke Sonntag hat sich anders entschieden: Circa zweimal im Monat fährt die Ärztin ehrenamtlich mit der mobilen Praxis und ihren medizinischen Assistenzpersonal durch Hamburg. Vorher wird das Arztmobil präpariert: Obst, Tee oder eine heiße Suppe haben sie im Gepäck. Damit locken sie ihre Patienten an. "Oft holen die sich erstmal einen Tee, und dann kommt man ins Gespräch". Wenn das Eis gebrochen ist, trauen sich die meisten auch rein in die mobile Praxis.

Die mobile Praxis heißt „Ellen“ und war früher ein Maskenmobil. Es wurde dem Verein „Arztmobil Hamburg“ gespendet und dient seitdem Levke und ihren Kollegen als Arbeitsplatz. "Das ist zwar alles basic hier. Am Anfang haben wir auch in Hauseingängen behandelt, da ist das schon ein Quantensprung", erinnert sich Levke, die "Arztmobil Hamburg" damals mit aufgebaut hat.

Levke ist Mutter einer erwachsenen Tochter, während der Woche ist sie leitende Ärztin im Flüchtlings-Erstaufnahmelager des Landes Schleswig-Holstein in Bostedt. "Das ist bei mir einfach eine Grundsatzentscheidung", sagt die 50-Jährige. "Ich habe nun mal einen Job gelernt, mit dem man Menschen helfen kann. Warum soll ich dieses Können nicht da einsetzen, wo es wirklich gebraucht wird? "

Anpacken - ohne große Worte zu machen

Ursula Schürks
Anpacken und nach Lösungen suchen - das macht Ursula Schürks.
Quelle: ZDF/Micha Bojanowski

Essen: "Wir sind keine Gutmenschen hier." Da ist Ärztin Ursula Schürks resolut. Sie ist angestellt bei der Gesellschaft für Soziale Dienstleistung Essen. "Ich mache hier meinen Job, ich habe das gelernt, und so wahnsinnig spektakulär ist das nun auch nicht." Einfach anpacken und nicht viel drüber reden - das ist ihr Motto. Die ausgebildete Palliativmedizinerin und Anästhesistin fährt erst seit einem guten Jahr mit der rollenden Arztpraxis für Wohnungslose durch Essen. Für sie ist es ein Traumjob: "Wo geht das noch, dass man ganz ohne wirtschaftlichen Druck einfach nur seinem Beruf nachgehen kann?" Es ist ein Arbeiten auf engstem Raum.

Doch Ursula Schürks ist Schlimmeres gewohnt. Neben Medizin hat sie auch humanitäre Hilfe studiert und war im Ausland tätig: in Peru, Tansania und Liberia. "Ich habe doch hier alles, was ich brauche", sagt sie und ist sich nicht zu schade, eigenhändig das komplette Arztmobil zu desinfizieren. Das kommt an bei den Patienten des Arztmobils. "Die kümmert sich, die quatscht nicht nur." Für Ursula Schürks ist das alles eine Selbstverständlichkeit. "Ist doch klar, dass ich da mal eben im Krankenhaus anrufe und die Arztbriefe anfordere." Unkompliziert und unbürokratisch wird hier jedem geholfen, der um Hilfe bittet.

Autorin Anne Kauth über Recherche und Dreharbeiten

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