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Am falschen Ort zur falschen Zeit

Straßenkreuze und die Schicksale dahinter

Doku | 37 Grad - Am falschen Ort zur falschen Zeit

Wir fahren jeden Tag an ihnen vorbei. An Kreuzen am Straßenrand, die oft mit Blumen geschmückt an ein Unfallopfer erinnern. Was ist hier geschehen? Wer legt die Blumen dorthin oder stellt immer wieder neue Kerzen auf?

Beitragslänge:
28 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 04.11.2019, 23:59

Es passiert vor fünf Jahren auf der Autobahn Hamburg-Lübeck. Ein betrunkener Autofahrer rast über die Mittelleitplanke auf die Gegenfahrbahn in das Auto der 22-jährigen Kira aus Norderstedt. Kira hatte eine Freundin besucht und war auf dem Weg nach Hause. Der alkoholisierte Fahrer überlebt, die junge Frau stirbt Stunden später im Krankenhaus. An der Unfallstelle erinnert ein Kreuz an das tragische Unglück, aufgestellt vom fassungslosen Ehemann, ihren Eltern und den drei Geschwistern.

Die Familie steht unter Schock. Kiras jüngere Brüder sind traumatisiert, ihre Mutter Claudia ist über Jahre nicht mehr in der Lage, ihren Beruf als Schauspielerin auszuüben. Wie lebt man mit dieser Trauer? Kiras Vater Swen versucht weiter als Rechtsanwalt zu funktionieren, er trauert allein. Die Geschwister können ihre Fassungslosigkeit nicht artikulieren und werden immer stiller. Sie erleben, dass viele Freunde und Bekannte irgendwann kaum noch Anteilnahme zeigen, manche sich fast belästigt fühlen. Schmerz und Trauer machen einsam, eine bittere Erkenntnis. Es folgen Familientherapien, Beratungen in Trauergruppen. Kiras Mutter hängt in Polizeistationen und Fahrschulen Plakate mit der Überschrift "Getötet" und dem Foto der Verunglückten auf. Auf diese Weise versucht sie ihre Wut auf den alkoholisierten Unfallfahrer zu kanalisieren. Sie lässt sich als Trauerrednerin bei Beerdigungen ausbilden und will jetzt langsam wieder in ihren Beruf einsteigen. Sie tut das auch für ihre Tochter, die ebenfalls von einer Karriere auf der Bühne träumte. Kiras Ehemann Chico konnte all die Erinnerungen nicht ertragen, schon gar nicht den gemeinsamen Wohn- und Arbeitsort in einem Ostseehotel. Er findet Arbeit in Frankfurt. Jedes Jahr an ihrem Geburtstag versammelt sich die ganze Familie an der Unfallstelle am Kreuz. Es ist für sie ein Trauerort, an dem sie sich mit Kira in Verbindung fühlen.

"Das Leben muss weiter gehen"

Den gut gemeinten Satz "Das Leben muss weiter gehen" kann das Ehepaar Renate und Jürgen K. aus dem Münsterland nur schwer ertragen. Ihr glückliches Familienleben war beendet, als ihr Sohn Alexander (22) bei der Heimfahrt von einem Blitzeiseinfall überrascht wird und mit seinem Auto gegen einen Baum prallt. "Einen Tag vor Weihnachten hatten wir den Beerdigungsunternehmer im Wohnzimmer stehen", erinnert sich Renate. Noch heute fährt Alex' Mutter oft zur Unfallstelle, um mit bloßen Händen die Rinde vom Unglücks-Baum abzureißen. Sie versteht nicht, warum der ausgerechnet an dieser Stelle stehen muss. Da sie in ihrer ländlichen Umgebung keine professionelle Unterstützung fanden, reisen die Eltern Hunderte Kilometer bis nach Hamburg, wo sie beim Verein "Verwaiste Eltern und Geschwister" auf andere Betroffene treffen. "Mit wem sollen wir denn trauern", sagt Vater Jürgen, "viele Kontakte zu Bekannten brechen ab nach so einem Schicksalsschlag". Alex war neben seinem Studium begeisterter Fußballschiedsrichter und hatte dadurch viele Kontakte. Heute feiern die Eltern mit ihrem anderen Sohn alljährlich Alexanders Geburtstag, backen seinen Lieblingskuchen und gehen danach gemeinsam zum Unfallkreuz, das an Alex erinnert. "Es gibt nur wenige Stunden, wo ich mal nicht an den Jungen denke", sagt die Mutter.

37 Grad erzählt die Geschichten hinter den beiden Straßenkreuzen und von dem schwierigen Versuch der Hinterbliebenen, ein von einer Sekunde auf die nächste komplett verändertes Leben zu meistern.

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