Im Bannkreis der Erwählten

Sektenaussteiger und ihre Erfahrungen

Dokumentation | 37 Grad - Im Bannkreis der Erwählten

Zehntausende Menschen leben in Deutschland in Sekten. Viele unterwerfen sich strengen Ritualen, sind total abhängig. 37 Grad hat zwei Sektenaussteiger begleitet und erzählt von ihren Erfahrungen.

Beitragslänge:
29 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 29.06.2017, 00:00
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2015
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Zehntausende Menschen leben in Deutschland in Sekten. Viele unterwerfen sich strengen Ritualen, sind total abhängig von ihren Gurus und selbst ernannten Auserwählten. 37 Grad hat zwei Sektenaussteiger begleitet, erzählt von ihrer Vergangenheit und ihren vorsichtigen Versuchen, sich außerhalb der Sekte zurechtzufinden.

Sascha ist als Sohn eines ehemaligen Pastors vor über 30 Jahren im "totalitären System" einer Sekte im Rhein-Main-Gebiet hineingeboren worden. Die Dogmen und Gewalt, mit der die Herrschaft der "Prophetin" und ihres Ehemannes durchgesetzt werden, basieren auf der Einbildung, "dass die Prophetin angeblich Gottes Wort hört", berichtet Sascha. Was der Herr durch sie verkündet ist Gesetz. Circa 30 Menschen unterwerfen sich ihr und ihrem Mann, auch ein ehemaliger Pastor.

Viele von ihnen arbeiten im Medienunternehmen der Gurus meist nur für Kost und Logis und zu absoluten Dumpinglöhnen. Kinder werden mit gnadenloser Härte von der ganzen Gemeinschaft erzogen und bestraft, wenn sie nicht bedingungslos folgen. Sascha hat all das nicht mehr ertragen. "Ich bin nachts weg und es war mir in dem Moment auch klar, dass ich den Kontakt zu meiner Familie verliere, zu meinen Eltern, zu meinem kompletten Umfeld. Dass ich meinen Arbeitsplatz verliere, meine Wohnung, dass das alles auf einen Schlag weg ist." Allein, ohne Erfahrung mit dem richtigen Leben, versucht er sich nun "draußen" eine neue Existenz aufzubauen.

Leben in totaler Abhängigkeit

Yasmina ist froh, dass sie der Sekte entkommen ist und wieder mit ihrem Partner zusammengefunden hat.
Jasmina und ihr Partner sind froh, dass sie der Sekte entkommen ist. Quelle: ZDF/Marc Nordbruch

Ganz anders ist der Fall von Jasmina. Sie hat sich im Zusammenhang mit einer Ehekrise einem Paartherapeuten anvertraut und wurde von diesem langsam und fast unmerklich immer tiefer in eine Sekte mit fernöstlichen Glaubensregeln hineingezogen. Der Therapeut herrscht über eine Gruppe von 20 Menschen, vorwiegend Akademikern, diktiert deren Leben bis in den privatesten Winkel ihres Lebens, trennt Paare, bestimmt neue Beziehungen und bringt sie in die totale psychische und materielle Abhängigkeit.

"Alles auf freiwilliger Basis", sagt Jasmina, weshalb er juristisch kaum zu greifen ist. "Am meisten gelitten habe ich unter dieser dauerpsychischen Belastung, unter diesem Dauerstress, der fast täglich stattgefunden hat. Der einem eingepflanzt wurde und man hat es zuhause weitergemacht. Das ständige Beobachten, Kritisieren, Hinterfragen, alles reflektieren, was man tut und denkt und fühlt." Wie das mit intelligenten Erwachsenen geschehen kann, ist ihr zwei Jahre nach ihrem Ausstieg selbst nicht mehr so klar, aber "letztlich sind es alles Menschen, die emotionale oder psychische Krisen durchmachen und dann anfällig sind für die Heilsversprechen".

Oft sind Akademiker betroffen

"Wir beobachten, dass immer mehr Akademiker solche Angebote wahrnehmen", bestätigt auch Sektenexperte Dieter Rohmann: "Der hat doch studiert, dem haben die Eltern doch mindestens das Abitur finanziert, warum läuft der denn so einem Guru nach, der komische Sachen erzählt von UFOS, von Weltuntergang und Verschwörung. Die Antwort ist ganz einfach: Niemand geht mit dem Kopf in so eine Sekte. Man geht mit dem Bauch hinein. Das heißt, der Bereich, der bei vielen Akademikern etwas unterbelichtet ist, nämlich das Emotionale, ist genau der Bereich, an dem jetzt angedockt wird. Worauf sich ein Akademiker oder ein intelligenter Mensch immer verlassen konnte, das war seine Erfahrung im rationalen Bereich, sein scharfer Verstand, Dinge entscheiden zu können. Kulte setzen allerdings am sogenannten Bauch an. Und da sind viele Akademiker ziemlich blank."

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