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Lebend begraben - Ein Deutscher und die US-Justiz

Jens Söring hat mehr als die Hälfte seines Lebens im Gefängnis Brunswick Correctional Center in Virginia verbracht.

29 min
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21.12.2007
21.12.2007
UT
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Video verfügbar bis 20.12.2020

Selbst die ehemalige Stell-vertretende Generalstaatsanwältin des Staates Virginia, Gail Marshall, glaubt an die Unschuld dieses Mannes. "Geständnisse sind manchmal falsch und Geschworene machen manchmal Fehler", sagte sie dem Parole Board, der Jens Sörings Begnadigungsantrag trotzdem nicht entsprach.

Keine Augenzeugen, keine Fingerabdrücke, keine DNA - nur Fußspuren, die viel zu klein sind für Jens Söring, den Deutschen, dem man vor über 20 Jahren den Prozess gemacht hat. 1966 wird Jens Söring als Diplomatensohn in Thailand geboren, als er elf war, zog die Familie in die USA. 1984 schrieb er sich an der Universität von Virginia ein und lernte seine Freundin Elizabeth kennen.

Eine schwierige Beziehung, in der Elizabeth ihm mit Fotos dokumentierte, wie ihre Eltern sie als Kind missbraucht hatten. 1985 fand die Polizei Elizabeths Eltern ermordet in ihrem Haus. Als die Befragung zu heikel wurde, flohen Jens und Elizabeth. In London wurden sie verhaftet, gestanden erst beide, um sich danach gegenseitig zu beschuldigen. Er hat sie seither nie wieder gesprochen, sie wurde zu 90 Jahren Gefängnis verurteilt.

Jens versucht, nicht allzu oft über die Vergangenheit nachzudenken. Über diese verfluchten Zufälle, dass er diese Frau traf, dass er den Mord deckte, weil er seine Freundin vor der Hinrichtung retten wollte und dachte, ihm als Diplomatensohn könnte nichts passiere. Dass es nicht in Deutschland geschah, wo der Staatsanwalt höchstens acht Jahre beantragt hätte, Jugendstrafrecht. Dass es ein Fall ohne DNA ist, ein Fall ohne Beweis.

Er erinnert sich nur zu gut, wie es am Anfang war, die ersten Jahre als er noch in England einsaß und sich bis zum Europäischen Gerichtshof hoch klagte, um seine Auslieferung nach Amerika und damit die Todesstrafe zu verhindern. Das war die Zeit, als seine Großmutter ihn noch im Gefängnis besuchte und ihm sagte, ein Gentleman würde sich jetzt umbringen, um seiner Familie die Schande zu ersparen. Auch sein Vater besuchte ihn damals noch, seine Mutter verzweifelte an seinem Schicksal.

1992 war das Wendejahr: Der Supreme Court Virginias schmetterte sein Berufungsverfahren endgültig ab, Jens Söring überwarf sich mit seinem Vater, er fing an Bücher zu schreiben. Söring sagt, die Bücher waren die Alternative zum Selbstmord. Jens Söring hat keine Hoffnung, aus dem Gefängnis herauszukommen, da müsste schon etwas ganz Außergewöhnliches geschehen.

Der deutsche Botschafter bemüht sich, den Gefangenen nach Deutschland zu überstellen. Ein Anwaltsteam in Deutschland versuchte das bislang vergeblich. Aber auch die Diplomatie stößt an ihre Grenzen in einem Land, das auch straft, um Rache zu nehmen, selbst wenn es womöglich einen Unschuldigen trifft.

Major Ricky Gardner, der Chefermittler damals, ist noch immer fest von Sörings Schuld überzeugt, auch ohne jeglichen Beweis. Alleine das damalige Auftreten dieses jungen, leicht arroganten, hochintelligenten Deutschen hat das Täterbild für alle Ewigkeit verfestigt: Er muss es gewesen sein, sagen die Bewohner von Bedford, dem Ort des Prozesses, noch heute. Er und nicht Elizabeth, Tochter aus einer der angesehensten Familien des Staates.

37° erzählt Jens Sörings Geschichte, sucht Freunde aus der Vergangenheit, Unterstützer und Widersacher auf. Ein Film, der auf Spurensuche geht und viel mehr erzählt als nur von einem Leben im Gefängnis.

Im Dezember 2019 kam Jens Söring frei und wurde nach Deutschland abgeschoben.

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