Verlorene Söhne

IS-Terror in deutschen Familien

Dokumentation | 37 Grad - Verlorene Söhne

IS-Terror in deutschen Familien: Wir erzählen die Geschichte von Dominic S., der Jahre in der extremen Salafistenszene verbrachte. Fabian und Manuel verschwanden 2014 an der syrischen IS-Front.

Beitragslänge:
29 min
Datum:
Verfügbarkeit:
Video verfügbar bis 27.09.2017, 22:15
Produktionsland und -jahr:
Deutschland 2016
Altersbeschränkung:
Freigegeben ab 6 Jahren

Warum schließen sich junge Deutsche radikalen und mörderischen Religionsgemeinschaften an? 37 Grad erzählt die Geschichte von Dominic S., der zum Islam konvertierte und acht Jahre in der extremen Salafistenszene verbrachte. Wir begleiten auch Joachim G., dessen Söhne Fabian und Manuel im Oktober 2014 an der syrischen IS-Front verschwanden.

Joachim G. will seine Söhne wiederhaben. Fabian und Manuel sind im Oktober 2014 an der syrischen IS-Front verschwunden - als überzeugte Anhänger des angeblichen Gottesstaates. Der eine Sohn studierte an einer Schauspielschule, der andere Fotografie, beide in Berlin. Danach kehrten sie zurück nach Kassel und absolvierten im väterlichen Betrieb eine Lehre als Immobilienkaufmann. In dieser Zeit, Anfang 2014, nahm sie ein Freund mit in die Moschee. Das deutsche Ehepaar G. hat sich vor zehn Jahren getrennt. Die Söhne lebten bei der Mutter, sind aber oft beim Vater.

Plötzlich in Syrien

Joachim G.
Joachim G.

Und dann – ohne jede Vorankündigung – sind Fabian und Manuel weg, melden sich erst, als sie die syrische Grenze schon überschritten und sich der IS-Terrortruppe angeschlossen hatten, per SMS beim Vater: "Es tut uns leid, dass wir dich anlügen mussten, aber wir kämpfen jetzt für den einzig wahren Allmächtigen."

Anfangs reist Joachim G. mehrfach ins türkisch-syrische Grenzgebiet und will seine Söhne treffen. Das misslingt in den Wirren des Krieges. Der Vater lässt nicht locker, knüpft Kontakte zu Mittelsmännern, zum Verfassungsschutz, sucht nach Verantwortlichen in der Kasseler Moschee. Die Söhne brechen mit ihm, per Video auf WhatsApp. "Du bist ab jetzt der schlimmste Feind, auch wenn du unser Vater bist, weil du das größte Verbrechen begehst. Du kämpfst gegen Allah."

Scheidungskind, Schulschwänzer, Salafist?

"Der Salafismus nahm mir alles, was mich als Mensch ausgemacht hat", sagt Dominic S. heute, nach acht harten Jahren in der extremen Salafistenszene. Damit meint der 28-Jährige aus Mönchengladbach nicht nur seine geistige, kulturelle und religiöse Freiheit, sondern "wirklich alles". Neben dem Salafismus gab es nichts mehr, er schrieb vor, "wie du zu denken, zu handeln und zu fühlen hast".

Dominic S. konvertiert vom rheinischen Katholizismus zum Islam. Sein Werdegang klingt wie ein Klischee: Scheidungskind – Schulschwänzer – Salafist. Er wird als Dickerchen gehänselt, leidet zusätzlich unter der Trennung seiner Eltern. Er vermisst den Vater, einen Polizisten, unterhält ein schwieriges Verhältnis zur Mutter. Er kifft, hört laute Musik, schaut Videos. Bis ihn eines Tages ein Schulfreund mit in die Moschee nimmt. Dort findet er, wonach er sich insgeheim immer gesehnt hat: "Grenzen, Strenge, Vaterersatz, Liebe." Dort lässt er "mit den Schuhen auch alle Sorgen vor der Tür", wie er sich heute die Anziehungskraft der autoritären Institution erklärt.

"Der Salafismus gibt dir alles!"

Wichtig ist für ihn nur noch das gottgefällige Leben. Er trennt sich von der Freundin, verschenkt seine Hip-Hop-CDs, trägt den Fernseher in den Keller, tauscht die Jeans gegen Pluderhosen und lässt den Bart sprießen. Bald kommt es zur Heirat mit einer bekennenden Salafistin, die er vorher zweimal zehn Minuten lang getroffen hatte. Aus dieser Zwangsehe hat er zwei Kinder, um die er sich liebevoll kümmert. Wenig später pilgert er mit dem Hassprediger Pierre Vogel nach Mekka und kommt vollends berauscht zurück: "Der Salafismus gibt dir alles vor: Disziplin, Struktur, Grenzen – du gibst dich aus der Hand", weiß er heute.

Dominic S. wird radikaler, dreht Propagandavideos, wird so etwas wie ein Kommunikationsmanager des Salafismus. Sein brüderliches Umfeld zieht es in den Gotteskrieg zum IS. Einer seiner besten Freunde geht nach Syrien, schwärmt vom blutigen Kampf und fordert ihn auf, nachzukommen. Dominic ist auf dem Sprung. Aber dann erkennt er plötzlich, wie sehr sein komplettes Handeln, Denken und Fühlen von anderen diktiert wird. Er kehrt sich vom Salafismus ab, bleibt aber Muslim. Mutig beginnt er eine Videokampagne gegen den radikalen Salafismus im Internet. Sein Engagement bringt ihm nicht nur Lob ein, sondern vor allem auch Verfolgung bis hin zu Morddrohungen der alten Weggefährten.

Eine Suche nach dem Warum

Es sind zwei Geschichten aus entgegengesetzten Perspektiven, die zwar nicht vollständig erklären, warum junge Leute sich autoritären und mörderischen Religionsgemeinschaften anschließen – bis hin zum Märtyrertod. Aber die Psychogramme sowohl der Aussteiger als auch der Hinterbliebenen lassen eine Ahnung aufkommen, mit der man diesem todessehnsüchtigen Phänomen einer fundamentalen Sinnkrise innerhalb eines subtilen Generationskonflikts näher kommt.

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