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Ab 18! - Seda baut Autos

Die quirlige Seda sortiert in Schichtarbeit Autoteile für die Roboter bei Audi. Eine Arbeit, die ihr viel gibt: Distanz zu ihrem türkischen Zuhause und die Aussicht auf ein eigenes Auto.

29 min
29 min
26.10.2020
26.10.2020
Video verfügbar bis 25.10.2021

Seda ist ungelernte Leiharbeiterin wie die meisten in ihrer Familie. Als erste und einzige jedoch besitzt sie nun die Möglichkeit auf eine Festanstellung in Ingolstadt. Mit Witz, Geschick und strategischem Gespür macht sie dafür sogar den Gabelstaplerführerschein.

Sedas Leben ist nach dem Dreischichten-System ausgerichtet: eine Woche Früh-, eine Woche Spät-, eine Woche Nachtschicht, wobei ihr die Nachtschicht die liebste ist, da sie am frühen Morgen ungern aufsteht.

Als Leiharbeiterin ist sie das letzte Glied der Autozuliefererkette, die auch schon vor Corona immer wieder auf Kurzarbeit setzen musste. Und eigentlich ein Auslaufmodell, macht doch die zunehmende Automatisierung einen Bestandsschutz ungelernter Arbeitskräfte immer unwahrscheinlicher.

Aber Seda ist lernfähig und hat Ansprüche an das Leben: Eine eigene Wohnung hat sie schon, jetzt fehlt nur noch ein Wagen der Oberklasse zu ihrem Glück.

Mit seinem Langfilm "Automotive" debütierte Jonas Heldt 2020 auf der Berlinale in der Sektion "Perspektive Deutsches Kino". Seda ist auch in diesem Film eine Hauptprotagonistin, auch wenn ihr eine toughe Headhunterin gleichen Alters gegenübergestellt ist und die Veränderungen in den Arbeitsprozessen der Autoindustrie einen größeren Stellenwert einnehmen.

Jonas Heldt wollte in der Grundschule eigentlich Tierfilmer werden und ist in einem kleinen Dorf in Bayern aufgewachsen. Von dort ist er nach Berlin gezogen und hat angefangen, erste Dokumentarfilme zu drehen und als Radioreporter zu arbeiten. Sein Filmstudium in Berlin und München hat er als Nachtportier finanziert. Sein Großvater war Stahlarbeiter in einer Gießerei und konnte von seinem Lohn sieben Kinder ernähren und sich irgendwann einen Audi A3 leisten.

"Selfmade Woman"

Interview mit Jonas Heldt zu seinem Film "Seda baut Autos"

"Ab 18! - Seda baut Autos": Regisseur und Autor Jonas Heldt

Wie sind Sie auf ihre Heldin der Arbeit, Seda, gestoßen?

Ich habe in der Nachtschicht bei Imperial/Audi ein paar Aufnahmen gemacht, als Seda auf mich zukam und gefragt hat, was ich denn da mache. Wir haben uns auf Anhieb verstanden. Sie ist gelassen mit der Kamera umgegangen, und ich habe gemerkt, dass sie ihre Geschichte auch gerne und aufrichtig erzählen kann. Sie hatte auch schon ein bisschen Bühnenerfahrung von Auftritten in der Moscheegemeinde, wo sie auch gerne mal einen Mann gespielt hat.

In ihrem Film schafft Seda den Schritt von der Leiharbeiterin zur Festangestellten. War dieses Happy End zu Drehbeginn absehbar?

Ich habe gleich gemerkt, dass sich aus Sedas Situation etwas entwickeln wird - zum Guten oder zum Schlechten. Das ist für mich wichtige Voraussetzung für einen spannenden Dokumentarfilm. Seda ist kein Mensch, der die Verhältnisse akzeptiert und in der Situation stecken bleibt. Dass sich in der Autoindustrie eine Krise anbahnt, war für mich absehbar. Die Dieselkrise war dann überraschend und gut für den Film. Die Aufmerksamkeit durch den Film hat Seda vielleicht auch ein bisschen geholfen, ihre Chancen verbessert. 

Seda hat einen türkischen Migrationshintergrund. Würden Sie die junge Frau als ein Beispiel gelungener Integration bezeichnen?

Sie ist eine "selfmade woman" und hat bestimmt viel mehr schaffen können als die Gastarbeiter-Generationen vor ihr. Dabei hatte sie nach meinem Eindruck nicht wirklich viel Support, was man ja auch im Film sehen kann - weder in der Schule noch in ihren Arbeitsstrukturen, etwa im Arbeitsamt. Hier sehe ich leider eher das Exemplarische.

Seda fährt jetzt ein "dickes Auto". Was sind ihre nächsten Ziele?

Für mich ist Seda so sympathisch, weil sie entspannt bleibt und sich nicht irgendwelche Ziele diktieren lässt, die sie dann vermeintlich glücklich machen. Sie ist zufrieden mit ihrer Arbeit und kann sich davon ein Leben leisten, dass ihr Freude macht. Das ist ihr gutes Recht.

Bei Drehbeginn gab es die Dieselkrise, zum Ende des Drehs kam schon Corona. Wie erlebten Sie Autobranche in der Innensicht. War es schwierig, an Drehgenehmigungen zu kommen?

Ich habe sowohl Imperial als auch Audi als sehr professionell und kooperativ erlebt. Und im Film sieht man ja auch, dass sich die beiden Unternehmen doch bemühen, sich um ihre Leute zu kümmern. Die Drehgenehmigung hatte ich zum Glück noch vor Beginn der Dieselkrise. Ich habe aber garantieren können, dass jeder zu Wort kommt und ich nicht mit einer vorgefertigten Meinung den Film beginne. Ansonsten habe ich mit einem sehr kleinen Team gearbeitet - größtenteils alleine - und konnte dabei in den Nachtschichten ein wenig unter dem Radar bleiben. Ich hatte nicht nur ein gutes Verhältnis zu den Chefs, sondern auch zu den Pförtnern.

Die grundsätzliche Frage nach der Zukunft der Industriearbeit im Film stellt sich auch in den Unternehmen, und auch Audi war hier für meinen manchmal kritischen Blick offen. Die Autoindustrie hat viele Konzept in unsere Arbeitswelt eingebracht - Fließband, Teamwork, Outsourcing. Und sie hat ein großes politisches Gewicht. Mir ist insgesamt aufgefallen, dass es bei genauem Hinsehen schon immer wieder gravierende Unterschiede zwischen Festangestellten und befristeten oder Leiharbeitern gibt und ich frage mich, wo das hingehen soll. Ein gutes Beispiel ist dafür die Kurzarbeit. Diese ist nicht ungewöhnlich und auch neben Dieselkrise und Corona häufig, beispielsweise bei Auftragsflauten.

(Interview: Nicole Baum)

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