Das Bild eines Kaisers

Legenden verdecken das historische Bild

Karl kennt man heute unter vielen Bezeichnungen, vor allem als Kaiser und Heiligen. Der "Vater Europas" soll er gewesen sein, aber auch ein brutaler Sachsenschlächter. Doch die Legenden verdecken das historische Bild.

Karlsbüste im Domschatz des Aachener Doms
Karlsbüste im Domschatz des Aachener Doms

Der einzige Zeitgenosse, der umfangreich über ihn geschrieben hat, ist der fränkische Chronist Einhard. In seiner "Vita Karoli Magni", die im 9. Jahrhundert entstanden ist, finden wir ein sehr detailliertes Bild von Karl. Einhards literarisches Vorbild sind die Kaiserbiografien des antiken Geschichtsschreibers Sueton. Dies bedeutet, dass vieles in seinem Bericht genau hinterfragt werden muss. Denn seine Biografie dient nicht nur dem wahrheitsgemäßen Bericht, sondern an vielen Stellen auch der posthumen Verklärung des Kaisers.

Ungewöhnlich groß

Gemäldeausschnitt Karl der Große
Gemäldeausschnitt Karl der Große

Wie müssen wir uns das Äußere Karls des Großen vorstellen? Ein zeitgenössisches Bild des Frankenkaisers ist leider nicht überliefert. Da Einhard hier jedoch recht schonungslos vorgeht, können wir seiner Beschreibung Glauben schenken. Seinen Beinamen "der Große" muss man zunächst wohl wörtlich nehmen. Karl war für seine Zeit wirklich sehr groß, ganze sieben Fußlängen, wie Einhard schreibt. Untersuchungen an seinem Skelett haben diese Angaben bestätigt. Wissenschaftler vom Zürcher Institut für Anatomie ermittelten 2009 für Karl eine Größe von etwa 1,84 Metern. In einer Zeit, in welcher der Durchschnittsmann knapp 1,70 Meter groß wurde, muss Karl aufgefallen sein wie heute ein Zweimetermann.

Karl hatte einen rundlichen Kopf, der auf einem kräftigen Nacken saß, ein heiteres Gesicht, große Augen, einen hervorstehenden Bauch und eine ungewöhnlich prominente Nase. Bis ins hohe Alter erfreute er sich vollen Haares. Außerdem trug er einen mächtigen Schnurrbart nach der damals üblichen fränkischen Mode. Bemerkenswert war seine hohe Fistelstimme, von der Einhard schreibt, sie habe in eigenartigem Gegensatz zu der sonst so imposanten Erscheinung des Franken gestanden.

Entscheidungsfreudig

Über den Charakter Karls weiß Einhard von seiner "constantia mentis", seinem "festen Sinn", zu berichten und meint damit seinen langen Atem und seine politische Durchsetzungsfähigkeit. Diese Eigenschaft zieht sich durch Karls politisches Leben wie ein roter Faden. Der Franke war entscheidungsfreudig, dachte im Voraus und besaß die Kraft, auch langfristige Vorhaben umzusetzen. Dies bedeutete aber auch, dass Karl gegenüber seinen Feinden oft unnachgiebig und grausam auftrat. Eine harte Behandlung hatte jeder zu erwarten, der sich Karl widersetzte.

Karl hatte aber auch eine sehr lebensfrohe Seite. Von Alkohol hielt der fränkische Herrscher zwar wenig, doch er aß von Herzen gern. Ärztliche Klagen sind überliefert, Karl weigere sich, den fetten Braten gegen gesottenes Fleisch einzutauschen. Das Einhalten der christlichen Fastenzeit gelang ihm nie, was im Alter zu Korpulenz führte. In späteren Jahren verlegte Karl seinen Hauptsitz nach Aachen. Das hatte nicht nur mit der Politik zu tun. Karl liebte das Baden und war ein guter Schwimmer. In den heißen Quellen Aachens fühlte er sich wohl und hielt gleichsam von der Wanne aus Hof, wenn er mit großem Gepränge und vielen Freunden und Verwandten dort ins Wasser stieg.

Geradezu "geschwätzig"

Dazu passt, was man über Karls Geselligkeit überliefert hat. Einhard beschreibt den Kaiser als einen Mann, der gerne und viel redete. Der Chronist berichtet sogar, Karl sei manchmal geradezu "geschwätzig erschienen". Das überrascht bei einem Herrscher von seinem Rang, doch es passt ins Bild. Kein nach innen gekehrter Menschenfeind regierte vom Thron der Franken, sondern ein Mann der Emotion, der aussprach, was ihn bewegte, und sich gerne mit Menschen umgab. Vielleicht war es gerade jenes Talent für Verbindungen und Freundschaften, welches dem Kaiser zu solcher Größe verhalf.

Ob Karl ein Mann tieferer Bildung war, ist schwer zu beurteilen. Zwar sprach Karl nicht nur Fränkisch und Romanisch, sondern wohl auch flüssig Latein und ein passables Griechisch. Sein Chronist Einhard zeichnet das Bild eines wissbegierigen Herrschers, der an Kunst, Kultur und Wissenschaft sehr interessiert war. Ganz besonders begeisterte er sich für die Astronomie und den Lauf der Gestirne. Doch lesen konnte er nur leidlich, und erst im hohen Alter versuchte er sich - unter Mühen und des Nachts - im Schreiben. Ob Karl es darin je zu großer Meisterschaft brachte, bleibt dahingestellt. Vielleicht fehlte dem Franken zum Philosophenkaiser ein gutes Stück Bildung, doch Wissenschaft schätzte und förderte er. Gerade in späteren Jahren avancierte sein Hof zu einem Zentrum des Wissens, an dem er Dichter und Denker aus allen Ecken der damals bekannten Welt versammelte.

Den Frauen sehr zugetan

Karl der Große
Karl der Große Künste (Spielszene)

In das Bild eines lebensfrohen, offenen Mannes passt auch, was wir über das Privatleben Karls wissen. Frauen war er sehr zugetan, bis ins hohe Alter. Fünfmal war der Frankenkaiser verheiratet. Und zu seinen Ehefrauen kam noch ein ganzer Schwarm an Geliebten und Konkubinen. Insgesamt zeugte er 18 Kinder. Der Klerus war ob dieses unsittlichen Verhaltens brüskiert. Freilich wagte es niemand, dem Kaiser offen einen Vorwurf zu machen. Und so fantasierten die besonders puritanischen Visionäre vorsichtshalber erst nach dem Tode Karls von den Qualen des Kaisers im Fegefeuer.

Trotz aller Libertinage liebte der Kaiser die Seinen sehr. Überliefert ist, dass der Tod von Familienmitgliedern oder Freunden den Gefühlsmenschen tief traf und er ihren Verlust, so Einhard, "mit weitaus weniger Fassung ertrug, als man bei der bewundernswerten Größe seines Geistes erwartet hätte". Auch die Hochzeit seiner Töchter zögerte er lange hinaus, da er sie angeblich nicht aus dem Haus geben wollte. Den Chronisten zufolge geschah dies aus Vaterliebe. Dieses Verhalten enthüllt aber auch erneut die kluge und vorausschauende Politik, die Karl zu jeder Stunde auszeichnete: Entsprang die verzögerte Hochzeit nicht eher dem Kalkül, nicht zu früh Konkurrenten für seine eigene Herrschaft um sich zu haben?

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