Das erste deutsche Grundgesetz

"Goldene Bulle" - Regeln unter Gleichberechtigten

Auf Initiative Karls IV. versammelten sich die Mächtigen des römisch-deutschen Reiches im November 1355 in Nürnberg und schufen das erste deutsche Grundgesetz: die "Goldenen Bulle". Es war länger in Kraft als jedes andere bisher: genau 450 Jahre lang, bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806.

Machtkämpfe um die Königswürde

Goldene Bulle von Nürnberg
Goldene Bulle von Nürnberg

Am 5. April 1355 war Karl IV. in Rom zum Kaiser der Römer gekrönt worden. Damit besaß er alle offiziellen Würden, die ein deutscher Herrscher auf seine Person vereinen konnte. Im Vertrauen auf diese Machtposition nahm er ein ehrgeiziges Projekt in Angriff. Er berief einen Hoftag nach Nürnberg ein, auf dem grundlegende Dinge im Verhältnis zwischen Monarch und Fürsten beraten werden sollten. Denn das Reich befand sich in einer tiefen Strukturkrise.

Das hatten nicht zuletzt die wiederholten Machtkämpfe um die Königswürde gezeigt. Zwar war auch Karl selbst zunächst als Gegenkönig gekrönt worden, doch da seine Herrschaft mittlerweile alle Attribute der Rechtmäßigkeit besaß, wollte er endlich Ordnung schaffen. Vor allem sollten für die Zukunft Doppelwahlen vermieden werden. Das war nur dadurch zu erreichen, dass der Ablauf einer rechtmäßigen Königswahl minutiös festgeschrieben wurde.

Richtlinien für die Königswahl

Auf Initiative Karls versammelten sich die Mächtigen des römisch-deutschen Reiches im November 1355 in Nürnberg. Der König stieg im Wohnhaus einer Patrizierfamilie in der Schildgasse 10 ab. Rund um das kleine Haus wohnten sein Hofstaat und seine Beamtenschaft. Auch die Fürsten waren mit großem Gefolge angereist. Karl verhandelte an den meisten Tagen selbst im kleinen Kreis mit den Kurfürsten. Was Karl ein für alle Mal fixieren wollte, waren eindeutige Richtlinien für die Königswahl. Unstrittig war dabei das Grundsätzliche: Drei geistliche und vier weltliche Fürsten wählten den König mit einfacher Mehrheit. Denn das war bereits seit einiger Zeit Gewohnheitsrecht.

Im Detail gab es aber viele Unstimmigkeiten. Die Legitimität des Königs konnte deshalb leicht angefochten werden. Damit sollte in Zukunft Schluss sein. Mit taktischem Geschick und großer Zähigkeit gelang es dem König, die Kurfürsten auf klare Regeln zu verpflichten.

Zugeständnisse an Fürsten

Karte der Territorien der an der Ausarbeitung der Goldenen Bulle beteilgten Fürsten
Karte der Territorien der beteilgten Fürsten

Dafür musste Karl den Fürsten politische und ökonomische Zugeständnisse machen. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass die Territorien der Kurfürsten nicht geteilt werden durften. Diese Bestimmung kam auch ihm selbst zugute. Denn sie stärkte seine eigene Macht in Böhmen.

Unter den gegebenen Umständen konnte die "Goldene Bulle" kein königliches Diktat werden, sondern lediglich das Ergebnis eines Vertrags unter gleichberechtigten Partnern. Auch wenn das Verfassungswerk nicht wirklich etwas Neues brachte, so hatte die Festschreibung der alten, etablierten Gewohnheiten doch einen Nutzen für die Zukunft.

Ende der päpstlichen Mitbestimmung

Da die Kriterien für die Rechtmäßigkeit einer Königswahl erstmals eindeutig fixiert wurden, kam es in der weiteren deutschen Geschichte zu keiner einzigen Doppelwahl mehr. Und der als "Pfaffenkönig" verunglimpfte Karl IV., der selbst mit Unterstützung des Papstes an die Macht gekommen war, erteilte den potentiellen Nachfolgern Petri, wenn auch nicht expressis verbis, so doch implizit eine Absage hinsichtlich ihrer Mitwirkung bei der Königswahl.

Inszenierung der Macht

Die Nürnberger Vereinbarungen wurden schriftlich fixiert und den Kurfürsten ausgehändigt. Als "Goldene Bulle" - nach dem goldenen Siegel, lateinisch "bulla" - ging das Dokument in die Geschichte ein. Es ist das erste deutsche Grundgesetz. Es war länger in Kraft als jedes andere bisher: genau 450 Jahre lang, bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806. Am 10. Januar 1356 wurde das Grundgesetz des Reiches öffentlich in Nürnberg verkündet. Die Proklamation fand auf dem Hauptmarkt statt. An der Stelle der einstigen Synagoge erhebt sich dort heute die Frauenkirche mit ihrer berühmten mechanischen Uhr. Jeweils zur vollen Stunde beginnt das "Männleinlaufen". Die sieben blechernen Kurfürsten ziehen feierlich im Kreis am König vorbei und verbeugen sich artig - eine Erinnerung an den Reichstag von 1356 und eine der dramatischsten Epochen der deutschen Geschichte.

Männleinlaufen Frauenkirche Nürnberg
Männleinlaufen Frauenkirche Nürnberg

Viele Bestimmungen der "Goldenen Bulle" betreffen Protokollfragen. Bei öffentlichen Auftritten sollten nämlich König und Fürsten in ihrem Rang für die Zuschauer unmittelbar erkennbar sein. Deshalb wurde bis ins kleinste Detail festgelegt, wo wer stehen durfte, an welcher Stelle er in einer Prozession zu gehen hatte oder welche Tischordnung eingehalten werden musste. Darüber hinaus legte die "Goldene Bulle" komplexe Rituale fest, in denen die Stellung von König und Fürsten symbolisch zum Ausdruck kam. Dafür griff man auf die so genannten Hofämter zurück.

Bewährte Traditionen

Die herausragende Stellung bestimmter Adelsfamilien war im Verlauf des frühen Mittelalters aus ganz handfesten Dienstleistungen im Haushalt des Königs hervorgegangen. So war etwa der Marschall für die Pferde zuständig, der Truchsess für die Tafel, der Kämmerer für die Wohnräume und der Mundschenk für den königlichen Weinkeller.

Diese Tradition griff die "Goldene Bulle" auf und legte fest, dass der Herzog von Sachsen das Marschallsamt auszuüben hatte. Der Pfalzgraf bei Rhein wurde zum Erztruchsess ernannt. Der Markgraf von Brandenburg erhielt den Titel "Erzkämmerer", und der König von Böhmen wurde zum Erzmundschenk bestimmt. Bei Hoftagen mussten die Kurfürsten in die ursprüngliche Rolle schlüpfen, die mit diesen Ehrentiteln verbunden war.

Minutiöse Zeremonie

Ausschnitt aus Goldene Bulle
Ausschnitt aus Goldene Bulle

Tatsächlich streute der Herzog von Sachsen Hafer für das königliche Pferd aus, die anderen Kurfürsten deckten die Tafel, servierten Speisen und Getränke. Wie eine Theaterinszenierung wurde das umfangreiche Zeremoniell nach minutiös vorgezeichnetem Ablauf vor den Augen der Öffentlichkeit durchgespielt.

Der Sinn der Aufführung lag in der symbolischen Demonstration der Zusammenarbeit von König und Kurfürsten. Man wollte zum Ausdruck bringen, dass Monarch und Hochadel - und somit das Reich selbst - eine Art Organismus darstellen, in dem jeder Einzelne eine wichtige Funktion zum Gedeihen des Ganzen ausübte.

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