"Das Kapital"

Meisterwerk erschien nur auf Druck von Verlegern und Freunden

Die Frucht von 15 quälerischen Schaffensjahren erschien 1867 nur nach massiven Druck von Verlegern und Freunden. Es handelte sich lediglich um den ersten Band einer auf mindestens sieben Bände angelegten Abhandlung zur Wirtschaftslehre, der sich zunächst mit dem Geldwesen auseinandersetzte und daher den Titel "Das Kapital" trug. Nur ein Band erschien zu Lebzeiten von Karl Marx, zwei weitere Bände wurden von Engels bearbeitet und erst posthum veröffentlicht.

"Das Kapital" von Karl Marx
"Das Kapital" von Karl Marx Quelle: ZDF

Zudem platzierte der treue Mitstreiter Engels eigens unter Pseudonym Verrisse in deutschen Zeitungen, um Augenmerk auf das Buch des Freundes zu lenken. Dennoch fanden die ersten 1000 Exemplare zunächst wenig Beachtung und kaum Leser.

Visionäres Meisterwerk

Dabei war dem Autor mit dem "Kapital" ein bisweilen schwer lesbares, aber über weite Passagen geradezu visionäres Meisterwerk gelungen. Bei seiner Analyse geht Marx vom notwendigen Niedergang des Kapitalismus aus. Den aus der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft geschaffenen Mehrwert eignet sich der Kapitalist einseitig an, der Mehrwert für Marx der Kern des Kapitalismus - ermöglicht dem Unternehmen immer höhere Profite.

Die Aussicht auf Profit führt zur ständigen Erhöhung der Warenproduktion. Wer am meisten profitiert, hat die Handhabe, den Wettbewerb für sich zu entscheiden. Dadurch kommt es zur Konzentration und zur Zentralisierung des Kapitals in wenigen Händen. Infolge dessen polarisiert sich die Gesellschaft. Immer mehr kleinere und mittlere Unternehmen gehen bankrott oder in den Besitz größerer Konzerne über.

Misere der Ausgebeuteten

Maschinenhalle
Maschinenhalle Quelle: ZDF

Das hat die Proletarisierung der mittleren Schichten und die Verelendung der Arbeiterklasse zur Folge - mit gravierenden ökonomischen und politischen Auswirkungen: Denn irgendwann kommt der Moment, da Unternehmen ihre Waren nicht mehr verkaufen können, weil zahlungsfähige Käufer fehlen. So führt die innere Logik dieser Wirtschaftsweise irgendwann zu fundamentalen Absatzkrisen.

Hinzu kommt die immer unerträglichere Misere der Ausgebeuteten: "Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten", konstatiert Marx, "wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt."

Unklare Vision des Postkapitalismus

Handschriftliche Notizen von Marx
Handschriftliche Notizen von Marx zu "Das Kapital" Quelle: ZDF

Wie seine Utopie der postkapitalistischen Gesellschaft aussehen soll, lässt der Autor des "Kapitals" in seinen Schriften fatalerweise offen. Die sozialen Unterschiede sind aufgehoben, die Produktionsmittel befinden sich nicht mehr in Privatbesitz. Von staatlicher Planwirtschaft nach späterem Sowjetmuster ist in dem Buch allerdings nirgendwo die Rede. Anders als vielfach kolportiert, verlangte es Marx keinesfalls nach despotischer Macht. Seine Sympathien galten durchaus den Regierungssystemen im England und Amerika seiner Zeit und deren Garantien für die bürgerlichen Freiheitsrechte.

Offenbar dachte Marx im Hinblick auf die Zukunft an eine Art von Kollektivwirtschaft, an eine "genossenschaftliche, auf Gemeingut an den Produktionsmitteln gegründete Gesellschaft". Daran geknüpft ist die Erwartung eines Idealzustands, in dem die Entfremdung des Menschen von der Verwertung seiner Arbeitsleistung aufgehoben ist - entsprechend der Losung "Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen".

Neue bürgerliche Ordnung

Demo mit Stalin-Banner
Demo mit Stalin-Banner Quelle: ZDF

Doch davon waren die tatsächlichen Verhältnisse in Europa noch weit entfernt. Stand doch erst einmal im Vordergrund, eine neue bürgerliche Ordnung an die Stelle der überholten Adelsgesellschaft zu setzen. Gerade auf deutschem Boden herrschte gegenüber den demokratisch orientierten Ländern wie den USA, England oder Frankreich noch einiger Nachholbedarf. So war die Theorie den realen Verhältnissen ihrer Entstehungszeit in mancher Hinsicht deutlich voraus und trug vielerlei utopische Züge.

Das hinderte den Autor des "Kapitals" nicht daran, ökonomische Erkenntnisse praktisch zum eigenen Nutzen einzusetzen - selbst im Tempel des Kapitalismus. Einmal gewann Marx über 400 Pfund aus der Spekulation mit amerikanischen und britischen Wertpapieren und belehrte stolz seinen Freund: "Man kann schon etwas riskieren, um seinen Feinden das Geld abzunehmen."

Bürgerlicher Lebensstandards

Zerschnittener Geldschein (Spielszene)
Zerschnittener Geldschein (Spielszene) Quelle: ZDF

Allerdings erlaubten weniger Börsengewinne als Erbschaften und vor allem eine regelmäßige Leibrente, die Mäzen Engels aus dem Verkauf seiner Firmenanteile finanzierte, der Familie Marx, mittels einer geräumigen Reihenhauswohnung, Reit- und Tanzstunden für Töchter und großzügiger Einladungen endlich einen gediegen bürgerlichen Lebensstandard zu pflegen.

Der Hausherr verbrachte sein Dasein weiterhin in dichtem Tabaksqualm am Schreibtisch. Unermüdlich las er, verfasste kleinere Schriften und kommentierte das politische Geschehen, wie etwa den Aufstand der Pariser Kommune 1871 (ein Aufsatz, der ihn sofort weithin berühmt beziehungsweise berüchtigt machte) oder die Entstehung der Sozialdemokratie in Deutschland, die sich mitunter auch auf seine Schriften berief.

Geringer politischer Einfluss

Das Urteil des Vordenkers fand Gehör, aber sein Einfluss auf die politische Entwicklung war gering. Von Krankheiten als der Folge seines aufreibenden Lebenswandels gepeinigt, starb Karl Marx am 14. März 1883 auf dem Sessel in seiner Studierstube, nachdem ihm zu seinem Schmerz bereits Frau und Tochter Jenny in den Tod vorausgegangen waren. In einem seiner letzten Interviews hatte er einem Reporter aus New York sein Lebensmotiv verraten: "Kampf".

Prozess der Entfremdung

Zur Beerdigung auf dem Londoner Highgate-Friedhof erschienen gerade einmal elf Trauergäste. "Sein Name wird durch die Jahrhunderte fortleben", rief Engels ihm in seiner kurzen Ansprache unverdrossen nach, "und so auch sein Werk!" Damit sollte er recht behalten, in einem niemals zu erwartenden Ausmaß.
Nach Marx erfolgt sich die Selbstverwirklichung des Menschen ursprünglich durch die menschliche Arbeit. Nach dieser Idealvorstellung verfügt der Mensch über die eigene Arbeitskraft und setzt die von ihm geschaffenen Güter für seinen Lebensunterhalt ein - gleichsam wie die anderen in einer Art "werktätigem Gattungsleben".

Mit der modernen Industriegesellschaft kam es zum Prozess der Entfremdung. Da die Unternehmer über das Eigentum an den Produktionsmitteln verfügen, müssen die Industriearbeiter ihre Arbeitskraft an sie verkaufen; sie produzieren Waren, die ihnen nicht gehören. Aus der Entfremdung vom Produkt resultiert auchdie Entfremdung von der Arbeit, die nunmehr selbst zur Ware wird. Anstatt Erfüllung zu finden, muss der Mensch nun arbeiten, um Bedürfnisse, die außerhalb der Arbeit liegen, zu befriedigen. Der arbeitende Mensch fühle sich daher "erst außerhalb der Arbeit bei sich und in der Arbeit außer sich".

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