Das Multitalent vom Rhein

Hildegard von Bingen schrieb ihr Wissen nieder

Hildegards Tagesablauf als Magistra des Klosters Rupertsberg muss dem einer modernen Managerin entsprochen haben. Denn neben der umfangreichen Korrespondenz musste sie auch die Verwaltung ihres Klosters leiten und selbstverständlich den strengen Rhythmus des achtmaligen täglichen Gebets einhalten. Und dennoch fand sie die Zeit für zwei große Visionsschriften und ein neues Mammutwerk über die Natur, das heute in der Regel in zwei Werken unter den Titeln "Causae et Curae" und "Physica" geführt wird.

Von diesen Schriften, die sich einmal der Heilkunde und im anderen Fall der Flora und Fauna widmeten, sind ausschließlich späte Abschriften erhalten, so dass weder der ursprüngliche Wortlaut der Texte noch die hundertprozentige Urheberschaft Hildegards zweifelsfrei geklärt sind. Dennoch ist sich die Forschung darin einig, dass ein Großteil der Schriften aus Hildegards Feder stammt.

Alte Überlieferungen

Darstellung Hildegard von Bingen (Ausschnitt)
Darstellung Hildegard von Bingen (Ausschnitt) Quelle: wikipedia.de

Im Gegensatz zum "Scivias" widmete sich die Magistra hier ganz irdischen Fragen. Krankheiten und deren Heilung waren in einer Zeit, in der es keine nennenswerte medizinische Versorgung gab, ein zentrales, lebensbestimmendes Thema. Viele ihrer Erkenntnisse kann Hildegard, obschon als Nonne sicherlich in der Kräuterkunde sehr bewandert, nicht selbst gewonnen haben. Sie baute auf älteren Schriften auf, die im Detail allerdings nur noch schwer herauszuarbeiten sind.

Das soll ihre Leistung nicht mindern. Denn eine so umfangreiche Zusammenstellung hatte es bis dahin nicht gegeben. Nichts war aus Hildegards Sicht uninteressant. Sie widmete sich den Fischen des Rheins und der Nahe mit der gleichen Intensität, mit der sie theologischen Fragen nachging. Detailreich beschrieb sie Laichgewohnheiten und Konsistenz des Fleisches, empfahl den einen Fisch als bekömmlich und riet vom anderen ab.

Medizinische Ratschläge

Naturwissenschaftliche Erklärungen, das heißt faktische Herleitungen und logische Schlüsse, wechseln sich ab mit magischen Praktiken und Geisterglauben. So wäre die von Hildegard empfohlene Dosis Opium mit Sicherheit tödlich, und auch die schmerzlindernde Wirkung einer sterbenden Maus zwischen den Schulterblättern darf sicherlich in Zweifel gezogen werden. Andere Erkenntnisse sind wiederum erstaunlich. So empfahl Hildegard bei Magenbeschwerden das heute nahezu unbekannte Alant. Nach modernen Erkenntnissen enthält es Inulin, einen Ballaststoff, der eine sehr günstige Wirkung auf die Darmflora hat und möglicherweise sogar vor Darmkrebs schützen kann.

Hildegards medizinische Ratschläge fußten vielfach auf eigenen Erkenntnissen, aber auch auf den ihr bekannten medizinischen Schriften aus Antike und Mittelalter. Der Umfang, in dem sie das damalige Wissen zusammenstellte, war bis dahin einzigartig, und ihr Werk stellt darin einen Höhepunkt der mittelalterlichen Klostermedizin dar. Hildegard unterschied nicht zwischen empirisch bewiesenen Tatsachen und überkommenen Annahmen.

Sexualität kein Tabu

Seite aus Hildegard von Bingens Werk "Liber Divinorum Operum".
Hildegard von Bingens "Liber Divinorum Operum" Quelle: ZDF

Sie näherte sich allen Themen absolut unvoreingenommen. So auch der menschlichen Sexualität, die sie, die Nonne, in nie dagewesener Offenheit darlegte. "Ist die Frau in Vereinigung mit dem Manne, so kündet die Wärme in ihrem Gehirn, die das Lustgefühl in sich trägt, den Geschmack dieses Lustgefühls bei der Vereinigung vorher an", so schreibt sie: "Fast gleichzeitig damit ziehen sich die Nieren der Frau zusammen, und alle Teile, die während des Monatsflusses zur Öffnung bereit stehen, schließen sich so fest, als wenn ein starker Mann irgendeinen Gegenstand in seiner Hand fest verschließt."

Vielleicht die älteste überlieferte Beschreibung des weiblichen Orgasmus. Woher Hildegard das so genau wusste, ließ Skeptiker einen wenig keuschen Lebenswandel oder eine teuflisch inspirierte Fantasie annehmen. Doch so muss es nicht gewesen sein. Hildegard war ein offener, interessierter Mensch, der sich ohne die zeittypische Verklemmtheit bei den Frauen erkundigte, die Rat suchend in ihr Kloster kamen. Sexualität war für sie nicht weniger eine Gottesgabe als die Nahrung oder die Freuden der Musik.

Doch in Hildegard gleich eine sexuelle Aufklärerin zu sehen, ginge entschieden zu weit. Ihr Interesse war ein theologisches und naturkundliches. In den meisten Standpunkten wich sie nicht von den jahrhundertealten Verdikten der Kirchenväter ab. So verurteilte sie beispielsweise Homosexualität aufs Strengste: "Ein Mann, der sich wie eine Frau mit einem anderen Mann vergeht, sündigt schwer gegen Gott und gegen jene Verbindung, mit der Gott Mann und Frau vereinigt hat. Daher erscheinen beide von Gott entehrt, böse und geil, furchterregend ... und des Todes schuldig." Auch das ist Hildegard von Bingen. In späteren Jahren würde sie sich im "Liber vitae meritorum", dem "Buch der Lebensverdienste ", wieder komplexeren theologischen Fragen widmen. Diese große Schrift ist eine ethische Abhandlung, in der Tugenden und Laster einander gegenübergestellt werden. "Liber divinorum operum" schließlich, mit dem Hildegard ihr wuchtiges Werk abschloss, ist eine gewaltige Gesamtinterpretation der Zusammenhänge von Mensch und Kosmos.

Umfangreiches Werk

Hildegard von Bingen beim Schreiben (Spielszene)
Hildegard von Bingen beim Schreiben Quelle: ZDF

Keine Frau des Mittelalters, ja kaum ein Mann dieser Zeit hat ein so umfangreiches Schrifttum hinterlassen. Hinzu kamen noch hunderte Briefe sowie ein schriftliches Dokument der ganz ungewöhnlichen Art. Es findet sich im "Riesencodex", der wertvollsten Besitzung der Hessischen Landesbibliothek Wiesbaden.

Das gewaltige, 15 Kilogramm schwere Buch beinhaltet einen Großteil der wichtigsten Schriften Hildegards. Auf den Seiten, die nach heutiger Paginierung als 641 bis 644 gezählt werden, erscheint die "lingua ignota", die unbekannte Sprache Hildegards. Es ist eine Liste von etwa tausend Wörtern. So heißt der Bart "Viriscal", der Zahn "Malskir", der Großvater erscheint als "Phazur", der Heiland als "Livionz" oder der Teufel als "Diueliz".

Mysteriöse Botschaften?

Liste mit Wörtern der Geheimsprache Hildegard von Bingens
Hildegards Geheimsprache Quelle: ZDF

Diese "Geheimsprache" beschäftigt Forschung und Hildegard-Anhänger schon seit Langem. Während Letztere darin mysteriöse Botschaften vermuteten oder gar eine alles erklärende Weltformel, bleibt die Forschung gelassener. Die Entwicklung von eigenen Sprachen war ein intellektuelles Hobby, das im Mittelalter durchaus auch von anderen geistigen Größen gepflegt wurde. Sprechen konnte man in der "lingua ignota" nicht, denn sie besteht nur aus Substantiven. Ohne Verben und Adjektive war eine Kommunikation in dieser Sprache nicht möglich.

Historiker gehen davon aus, dass die Magistra wohl wie einst Adam im Paradies eine eigene Sprache schaffen wollte. Und auch wenn sich die "lingua" zum wirklichen Sprechen nicht eignete, zeigt sie doch das enorme kreative Potenzial, über das Hildegard verfügte. Denn ihre "Sprache" folgte durchaus festen Regeln und lehnte sich an verschiedene andere Sprachen an. So finden sich neben dem Lateinischen und Mittelhochdeutschen wohl auch Entlehnungen aus dem Hebräischen. Vieles entnahm die Magistra einem Vorgängerglossar, dem so genannten "Glossarium Heinrici", manches erfand sie aber auch selbst.

Eigenes Spezialalphabet

Ebenfalls im Wiesbadener Riesencodex sind die so genannten "litterae ignotae" enthalten, "geheime" Buchstaben und Zeichen mit ihren lateinischen Pendants. Dieses Spezialalphabet hat Hildegard offenbar wirklich angewendet, denn in einem Brief an die Mönche des Klosters Zwiefalten ist der Gruß in "litterae ignotae" geschrieben. Doch so ungewöhnlich diese Erfindungen Hildegards waren, so enthalten sie doch zur Enttäuschung vieler moderner Esoteriker wohl keine geheimnisvolle Botschaft an die Gegenwart.

Alleinige Verfasserin?

Irgendwann zwischen den Visionen, dem Briefeschreiben, dem Abfassen der Schriften, den Besuchen berühmter Größen ihrer Zeit erledigte Hildegard die Alltagsangelegenheiten des Klosters, zu dem sich 1165 auch noch ein Filialkloster - Eibingen - auf der anderen Rheinseite gesellte. Allein Letzteres hätten die meisten Zeitgenossen als Lebensaufgabe angesehen. Und dazu fand sie auch noch die Zeit, ein Singspiel und Musikstücke zu komponieren, von denen viele bis heute erhalten sind. Spätestens hier drängt sich die Frage auf, ob ein Mensch allein, und sei er wirklich ein Genie, tatsächlich ein so imposantes Opus hinterlassen konnte. Die Forschung schließt nicht aus, dass Hildegard bei mancher ihrer Tätigkeiten Hilfe von Mitarbeitern bekam, deren Anteil heute nicht mehr zu ermitteln ist.

Möglicherweise übernahm Mönch Vollmar mehr als bloß die Reinschrift der Texte Hildegards, obwohl sie ihn nach seinem Tod ausdrücklich dafür lobt, dass er sie nur grammatikalisch geglättet, aber nicht stilistisch verändert habe. Ihre Nonnen halfen bei der Schreibarbeit, andere Mitarbeiter wurden instruiert, Teilaufgaben zu übernehmen. Doch mit Sicherheit ist davon auszugehen, dass es Hildegard selbst war, die jeden Vorgang initiierte und sicherlich auch kontrollierte.

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